Seelsorge für Katholiken anderer Muttersprachen

Ein bisschen Orient im Bistum - Zu Besuch in der Gemeinde chaldäischer Christen in Augsburg-Oberhausen

08.12.2015 10:45

Auch so läuft Integration. Weitgehend im Stillen, getragen von Ehrenamtlichen, die sich in zwei völlig verschiedenen Welten auskennen. Eine kleine Erfolgsgeschichte. Sie spielt irgendwo zwischen dem Irak und Bayerisch-Schwaben - und doch mitten in Augsburg. Jeden Sonntag kommt sie zusammen: die inzwischen auf mindestens 600 Menschen angewachsene Gemeinde chaldäischer Christen aus dem Irak.

Sie helfen mit, dass Integration gelingt: Miryana Abbo (links) und Mariam Esho. (Foto: Karl-Georg Michel)

„Wahrscheinlich sind wir inzwischen aber viel mehr geworden. Die Zahl ist noch vom vergangenen Jahr“, sagt Miryana Abbo. Mit vier Jahren ist sie mit ihren Eltern und ihren drei größeren Geschwistern aus Bagdad geflohen; damals, während des Golfkriegs, der für viele Christen den Exodus aus ihrer angestammten Heimat brachte. Inzwischen ist sie zwanzig Jahre alt, spricht fließend Deutsch – neben Chaldäisch und Arabisch, den Sprachen ihrer Heimat. Längst hat sie die deutsche Staatsangehörigkeit.

Ihre Sonntage verbringt Miryana in St. Josef in Oberhausen. Alle zwei Wochen trifft sich dort die chaldäische Gemeinde zum Gottesdienst, und jeden Sonntag nachmittags zur Katechese. Die Kinder und Jugendlichen werden gleichzeitig in drei Gruppen von Ehrenamtlichen wie Miryana betreut. Sie spielen gemeinsam, singen im Jugendchor. Gerade bereitet Miryana eine Gruppe für die Erstkommunion vor. Untereinander sprechen die Kinder fließend Deutsch – ohne irgendeinen hörbaren schwäbischen Akzent. „Manche unserer Jugendlichen sind nur fünf Jahre hier und machen schon ihr Abitur“, ist Miryana stolz. „Aber hier halten wir den Unterricht auf Chaldäisch. Wir wollen unbedingt, dass die Kinder auch unsere Sprache lernen.“

Nebenan im Pfarrsaal hält Mariam Esho gerade die wöchentliche Katechese für die Erwachsenen. Aktueller könnte ihr Thema nicht sein. Sie spricht von Krieg, Terror und von der Wut, die viele Flüchtlinge aus ihrer Heimat mitgebracht haben. An die Tafel malt sie ein zerbrochenes Herz. Daneben ein paar arabische Schriftzeichen. Und dann ein richtiges, ein intaktes Herz. Ihre Botschaft ist einfach: „In Christus können wir eine Liebe finden, die auch zerbrochene Herzen heilt“.

Mariam Esho hat in Bagdad und in Louvain (Belgien) Theologie und Philosophie studiert. Seit Oktober ist die 40-Jährige im Auftrag der Diözese Augsburg wöchentlich mit sechs Stunden für die chaldäische Gemeinde tätig. Unterstützt wird sie dabei von Stadtpfarrer Karl Mair, die Gottesdienste hält alle zwei Wochen Pfarrer Alrais Sami Danka von der Chaldäischen Katholischen Mission in München. „100 Gläubige kommen dazu regelmäßig“, schätzt Frau Esho. „An Festen wie Weihnachten weichen wir auf die große Kirche der Stadtpfarrei St. Peter und Paul aus, die uns dann aber fast schon zu klein ist“, sagt sie.

Aufgebaut hat die Gemeinde in den vergangenen 15 Jahren Diakon Amer Hanna aus Memmingen. „Er ist auch unser Pfarrgemeinderatsvorsitzender“, ergänzen die beiden Frauen. Einer Gemeinde, die auf ein großes Gebiet verstreut ist. Zu ihr gehören Orte wie Augsburg ebenso wie München und Nürnberg. „Ohne die Arbeit von Diakon Hanna würde es die chaldäische Gemeinde so nicht geben“, betont Frau Esho.

Und diese Gemeinde trifft sich nicht nur zu Gottesdiensten und Katechesen. Sie ist auch sozial sehr engagiert. „Wenn neue Flüchtlinge ankommen, erfahren wir das über unser Netzwerk oder über die Caritas“, erklärt Miryana. „Wir gehen auf sie zu, helfen bei der Suche nach Wohnungen und Arbeit.“ Mariam Esho hat dabei einen wichtigen Vorteil. Sie spricht neben Arabisch und Chaldäisch auch Jesidisch und Kurdisch. Das ermöglicht ihr, vielen Frauen ehrenamtlich bei Arztbesuchen und Behördengängen zu helfen.

Überhaupt die Bürokratie. „Sie ist unser größtes Problem“, meint Frau Esho ohne langes Überlegen. „So viele Formulare in einer fremden Sprache. Das braucht viel Zeit, von der Arbeitssuche bis zum Erwerb eines Aufenthaltstitels. Manchmal brauchen wir auch eine Bestätigung der Polizei.“ Auch die Suche nach Wohnungen sei schwer, aber doch erheblich leichter als in München.

Und wie sieht es mit Arbeit aus? Auf diese Frage fällt beiden Frauen ein sehr großer Versandhändler im Süden Augsburgs ein, bei dem viele Iraker Arbeit gefunden haben. „Jetzt vor Weihnachten ist ja viel los“. Und wer nicht dort Arbeit findet, ist als Reinigungskraft tätig, wissen die Beiden. „Drei Monate dauert es im Schnitt, um nach dem Erhalt einer Aufenthaltsgenehmigung eine erste Arbeitsstelle zu bekommen“, schätzt Miryana. Sie selber geht noch zur Schule. Ihr größter Wunsch ist es, wie Frau Esho einmal Theologie zu studieren.

Karl-Georg Michel