Adventliches

Bethlehem ist überall … nicht nur an Weihnachten

19.12.2018 10:29

Der Geburtsort Jesu fasziniert und inspiriert. Orte in Amerika, der Schweiz, in Südafrika und Neuseeland tragen diesen Namen. Und auch ein kleiner Ortsteil im Allgäu mit 20 Häusern und bald 68 Bewohnern darf ihn seit 2001 offiziell führen. Eine adventliche Geschichte mit erfolgreicher Herbergssuche in Bethlehem.

Die schwangere Julia Knestel ist froh, in Bethlehem eine „Herberge“ gefunden zu haben. Hier steht sie neben der handgedrechselten Krippe von Schreinermeister Martin Adomat. (Fotos: Nicolas Schnall / pba)

Es geschah in jenen Tagen, dass die Gemeinde Lengenwang im Landkreis Ostallgäu neue Bauplätze im Ortsteil namens Bethlehem erschloss. So rief Julia Knestel bei Bürgermeister Josef Keller an und bekundete ihr Interesse. Die aus Seeg stammende Bürokauffrau wollte mit ihrem Verlobten Florian, Schreiner aus Marktoberdorf, in den sechs Kilometer entfernten Nachbarort ziehen. Sie kauften sich das Grundstück, bauten ihre eigene „Herberge“, heirateten und zogen Ende Oktober in das Haus. Ein Jahr später bekamen sie eine Tochter, der sie den Namen Maria gaben. Das war vor vier Jahren.

Im Advent 2018. Der Himmel im Ostallgäu ist wolkenverhangen. Das Thermometer zeigt sechs Grad, es regnet in Strömen. Adventliche Stimmung mag da nicht so recht aufkommen. Daran ändern auch das Lengenwanger Ortsschild mit der Aufschrift „Ortsteil Bethlehem“ und die 200 Meter weiter stehende Krippe mit den lebensgroßen Figuren vor dem Haus des ortsansässigen Drechslermeisters Martin Adomat nichts. Er hat das Ensemble vor mehr als zehn Jahren aus Fichtenholz handgedrechselt, zusammengeleimt und bemalt. Für ihn war damals klar: „Ich wollte der Gemeinde und mir etwas Besonderes schenken. Zu Bethlehem gehört eben eine schöne Krippe“, sagt Adomat – sichtlich stolz und dankbar, an diesem Ort leben und arbeiten zu dürfen.

Dieses Selbstbewusstsein mussten sich die Bewohner des kleinen Ortsteils einst erst hart erkämpfen. Sprachen die Lengenwanger Bauern laut der Gemeindechronik früher doch eher abschätzig von den dortigen Bewohnern in ihren einfachen Privathäusern als den „Bettelheimern“. Dagegen wehrten diese sich. Und so entstand dann im Laufe der Zeit der heutige Name. Von der Bibel möglicherweise inspiriert und doch eigentlich völlig unbiblisch.

Und trotzdem: Vom ersten Adventswochenende bis zum Dreikönigstag heißen Maria, Josef und das Jesuskind unter dem Stall als inoffizielle Ortsteil-Botschafter die Gäste nun willkommen. Auch die Waldweihnacht der Kolpingsfamilie macht hier nach den Feiertagen Station. Dann werden wohl auch die hochschwangere Julia mit ihrem Mann und ihrer 4-jährigen Tochter Maria dabei sein. Die Familie erwartet im Januar erneut Nachwuchs, wenn die Christbäume und Krippen vielerorts wieder abgebaut sein werden.

Längst haben sich Knestels gut in der Gemeinde eingelebt. „Hier läuft alles ziemlich familiär ab und wir wurden gut aufgenommen“, blickt die heute 35-jährige Pfarrsekretärin auf die vergangenen Jahre zurück. Ihre kirchlichen Ehrenämter als Lektorin, Aushilfsmesnerin und Schriftführerin bei Kolping hätten dabei sehr geholfen.

Ob es denn diesmal ein Josef wird? „Wenn es ein Junge würde und wir ihm diesen Namen gäben, wären unsere Kinder wohl fürs Leben abgestempelt“, antwortet sie. Aus dem Geschlecht und dem Namen macht die Mutter jedenfalls noch ein Geheimnis. Außer ihrem Mann und ihr wüsste das niemand. Eines jedoch steht jetzt schon fest: Für Julia Knestel geht die Adventszeit heuer wohl in die Verlängerung.

Nicolas Schnall