Doppeljubiläum

Ein Geschichtsbuch, aber kein Schreiberling - 60 Jahre Priester, 25 Jahre Bischof: Randnotizen zu einer nicht alltäglichen Feier

06.08.2020 09:48

Weihbischof Grünwald saß bei der Feier seines Doppeljubiläums im Dom, blickte vor sich auf den Boden und verzog keine Miene, während Bischof Bertram die Festpredigt hielt. Auch nicht, als der Prediger mit seinen Worten „einen wunden Punkt“ traf, wie der Weihbischof im Gespräch mit „WIR im Bistum“ erzählt. Denn der Bischof bezeichnete den Jubilar als „Geschichtsbuch“ und versuchte ihn davon zu überzeugen, die vielen rund um den Dom erlebten Anekdoten doch noch aus dem Gedächtnis niederzuschreiben. 

Dankbar für ein erfülltes Priester- und Bischofsleben: Weihbischof Josef Grünwald. (Foto: Nicolas Schnall / pba)

Große Hoffnungen macht der Weihbischof ihm allerdings nicht. „Ich bin eben kein Schreiberling“, gesteht er. Das sei schon immer so gewesen. Es war Mitte der 1960er-Jahre. Bei einer Fortbildung sei der damalige Generalvikar Martin Achter auf den jungen Priester zugekommen und habe ihm mitgeteilt, dass er zum Domvikar ernannt und Sekretär im Ordinariat werden solle. Eine seiner Hauptaufgaben: das Erstellen des Amtsblatts. Für Josef Grünwald war dies zunächst ein schrecklicher Gedanke. „Ein Grund für schlaflose Nächte, weil ich die Sorge hatte, dass ich sämtliche Artikel selber schreiben müsste“, erinnert sich der Doppel-Jubilar Jahrzehnte später. 

Auch sein Vater sei damals nicht gerade begeistert gewesen, als es für den Sohn nach dessen Kaplanszeit in die Bistumsverwaltung ging. „Er hoffte, dass ich eine Pfarrei auf dem Land bekomme, in der er mich dann in seinem Ruhestand besuchen und ein wenig garteln könne“, entlarvt der Weihbischof den nicht ganz uneigennützigen Gedanken seines Vaters. Schon früher habe er ihm als ehrenamtlicher Kirchenschweizer das Leben im Dom schwergemacht, berichtet er mit einem Lächeln auf den Lippen. Zu den damaligen Aufgaben seines Vaters gehörte es nämlich, den Domprediger zur Kanzel zu führen. Als nun sein Sohn als Diakon einmal sonntags von Domprediger Johann Oberstaller darum gebeten wurde, die Predigt für ihn zu übernehmen, entgegnete er ihm: „Dich führ ich aber nicht dahin.“

Aus dem Wunsch des Vaters mit dem Garteln wurde nichts. Das Bischöfliche Ordinariat und der ihm seit Kindesbeinen vertraute Augsburger Dom blieben seine Hauptwirkungsstätte - vom Domkaplan bis zum Diözesanadministrator. Seine Verbundenheit zu Heimat und Dom fand ihren Ausgleich und Gegenpol zeitlebens in Grünwalds Pilgerleidenschaft. Seit 1975 begleitet und unterstützt er den Augsburger Wallfahrerverein nun schon als dessen Präses.

Für den Weihbischof mussten es nicht immer die großen Pilgerreisen nach Rom, Lourdes und ins Heilige Land sein. Ungezählte Male fuhr Josef Grünwald nach Altötting oder brachte seine Anliegen zu Fuß vor die Knotenlöserin nach St. Peter am Perlach. Beides ist wegen Corona für ihn aktuell nicht möglich. Der Wallfahrerverein hat seine traditionelle Fahrt nach Altötting abgesagt und auch die Tür zur Knotenlöserin ist immer noch verschlossen, was er in den vergangenen Monaten bei seinen täglichen Spaziergängen schmerzlich feststellt.

Dabei hätte der 83-Jährige momentan so einiges, was er der Knotenmadonna persönlich und direkt vor Ort anvertrauen möchte, auch wenn das mit der Feier seines priesterlichen und bischöflichen Doppeljubiläums – mit zeitlicher Verzögerung – nochmal gut gegangen ist. Der Weihbischof wünscht sich, dass sich das kirchliche Leben mit dem Empfang der Sakramente wieder stabilisiere, sich die Kirchenchöre und kirchlichen Gruppen wieder regelmäßig treffen können und dass Priester und Laien trotz oft unterschiedlicher Meinungen zueinanderfinden. „Denn eine zerstrittene Kirche ist nicht glaubwürdig.“ Eine Glaubwürdigkeit, für die sich Josef Grünwald in allen seinen Ämtern stets einsetzte – im und rund um den Dom. Demnach werden die meisten Anekdoten von ihm wohl auch in Zukunft nur mündlich weitererzählt.                      

Nicolas Schnall