Weltkirche

„Mit Freude wieder die Einfachheit entdecken“

06.08.2020 09:29

Anton Stegmair ist seit 1. Mai Bischöflicher Beauftragter für weltkirchliche Aufgaben – ein Themenfeld, für das er sich beruflich und privat seit über 25 Jahren engagiert. Karl-Georg Michel sprach mit ihm über die Folgen von Corona.

Anton Stegmair, Bischöflicher Beauftragter für weltkirchliche Aufgaben. (Foto Nicolas Schnall / pba)

Welche Lehren ziehen Sie aus Corona?
Stegmair: Das Wort „Leben“ hat für mich eine völlig neue Bedeutung gewonnen. Wir leben in einem reichen Land, haben uns angewöhnt, rundum versichert zu sein. Jetzt durch die Pandemie sehe ich, wie zerbrechlich das Leben ist. Ich denke da an Bilder aus Brasilien, Indien oder Südafrika. Wie sehr kann ein kleiner Virus alles durcheinanderbringen!

Was kann, was muss sich ändern?
Wir beschäftigen uns massiv und mit riesigen Geldsummen mit den Auswirkungen, aber wir gehen die Ursachen nicht an. Mensch und Tier sind sich zu nah gekommen. Wir holzen aber weiter die Regenwälder ab. Wir nehmen den Tieren, die solche Viren in sich tragen, den Lebensraum. Auch hier bei uns wird weiter fleißig zugepflastert. Wir nehmen uns viel mehr, als uns in der Schöpfung als Menschen eigentlich zusteht.
 
Und die Natur schlägt mit so einem ganz primitiven Virus zurück?
Ja, in gewisser Weise versucht die Natur zu regeln, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Anscheinend will uns die Natur sagen: Wir nehmen uns da zu viel raus.
 
Vor fünf Jahren ist die Enzyklika „Laudato si“ erschienen. Was können wir, mit Blick auf Corona, von Papst Franziskus lernen?
Das durchschlagendste Wort der Enzyklika heißt für mich: „Alles hängt mit allem zusammen“. Das sagt man so schnell dahin. Aber die Pandemie führt uns das jetzt sehr deutlich vor Augen. Ähnlich ist das, wenn Papst Franziskus vom „gemeinsamen Haus“ spricht. Wir müssen wieder zusammenbringen, was in unserer Welt, die so sehr auf Effizienz und Kapital allein setzt, auseinanderdividiert wurde.
 
Was bedeutet das für die kirchliche Projektarbeit?
Konkret hat das die Auswirkung, dass wir noch genauer auf die Frage der Nachhaltigkeit achten. Nehmen wir als Beispiel Solaranlagen, die für viele unserer Partner Luxusartikel sind, die sie sich nicht leisten können. Wir fördern sie, weil es ihnen hilft, von fossilen Brennstoffen wegzukommen und sie dann ihre Wälder nicht weiter abholzen müssen. „Laudato si“ ist auch eine Sozialenzyklika. Wir achten deshalb sehr auf soziale Aspekte der Projekte. Insgesamt ist die Resonanz sehr gut. Unsere Partner schlagen uns vermehrt Projekte vor, die den Anliegen von „Laudato si“ entsprechen.
 
Welchen Beitrag könnten hierzu Pfarreien und auch die Verbände leisten?
Da läuft ja schon einiges. Wir müssen es schaffen, auch hier bei uns die Blaupause „Laudato si“ in die Köpfe zu bekommen. Das fängt beim Druckerpapier an und hört beim Pfarrfest auf. Wenn schon Schweinsbraten,  dann bitte bio und regional! Bieten wir fair gehandelten Kaffee an? Unterscheiden wir uns vom Volksfest nebenan? Ich weiß, das ist nicht leicht und da kann es schon auch mal Proteste geben. Aber darum muss es gehen, auch hier bei uns.
 
Wird die Welt nach Corona besser sein?
Eine spannende Frage! Viele sagen das. Aber wenn ich mir die vielen Kondensstreifen am Himmel anschaue oder die Kreuzfahrten, die wieder anlaufen, dann habe ich den Eindruck: Es geht wieder hin zum Alten. Nichts gegen Kreuzfahrten und Tourismus. Aber auch hier ist mir das Thema Nachhaltigkeit wichtig und ich will auch nicht, dass uns Corona nochmal alles lahm legt …
 
Wenn Sie für unsere Zeit einen Wunsch frei hätten. Was wäre das?
Stegmair (überlegt): Ganz am Ende von „Laudato si“ heißt es: „Gehen wir singend voran“. Das ist typisch Franziskus. Auch wenn es um wichtige Themen geht, wir müssen sie mit Freude machen. Vielleicht lernen wir dann auch die Einfachheit neu. Dass wir uns nicht über das Luxuriöse, Teure, Komplizierte freuen, sondern über die einfachen Dinge des Lebens. Die schöne Natur, den Wald gleich bei mir zu Hause. Dass ich dafür nicht hunderte Kilometer fahren muss. Ja, das wäre mein Wunsch: Dass wir mit Freude wieder die Einfachheit entdecken.