Freiwilligendienste

Wer eine Reise tut…

06.08.2020 10:12

… der kann was erleben, weiß der Volksmund. Eine „Reise“ im üblichen Sinn ist es freilich nicht, was die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des „Reverse“-Programms im Weltfreiwilligendienst machen, sondern so viel mehr.

Bilden eine Wohngemeinschaft (von links): Joshua Chipana, Benjamín Carvajal, Paulina Candia und Fidel Donoso. (Foto: Julian Schmidt / pba)

Benjamín Carvajal strahlt über das ganze Gesicht, als er am anderen Ende des Ursberger Klosterbiergartens „seine“ Gruppe erblickt. Auf sein fröhliches „Servus!“ tönt ein vielstimmiges Lachen und lautes Hallo zurück. Es ist klar: Benjamín versteht sich gut mit den Bewohnern des Dominikus-Ringeisen-Werks (DRW), die er betreut, und sie sich mit ihm. Für Sonja Treffler ist das eine große Bestätigung: Die gelernte Sozialpädagogin und Fachfrau für interkulturelle Trainings begleitet seit 2017 im Bistum Augsburg junge Menschen aus Chile und Peru, die für ein Jahr im DRW in Ursberg Menschen mit Behinderung pflegen und betreuen.

„Reverse“ – oder, wie es im Amtsdeutsch des zuständigen Bundesfamilienministeriums korrekt heißt, „die Süd-Nord-Komponente im Freiwilligendienstprogramm weltwärts“, wird im Bistum Augsburg seit 2018 durchgeführt: Neun junge Erwachsene aus Chile und Peru haben bereits in Ursberg gearbeitet, gelernt und vielfältige Erfahrungen gemacht.

Da ist zum Beispiel Joshua Chipana. Der 27-jährige Peruaner arbeitete eigentlich als Sonderpädagoge an einer integrativen Grundschule. Nach Deutschland lockten ihn die deutsche Sprache („Die ist sehr schön!“) und Kultur. In Ursberg hat er nun Gelegenheit, für seinen großen Traum Erfahrungen zu sammeln: Joshua möchte in Peru ein Hilfszentrum für Kinder mit Behinderungen gründen, denn Einrichtungen wie das DRW sind leider bislang Mangelware in dem Andenstaat. Auch seine Kollegen aus dem Freiwilligenjahr sind begeistert: „Jeden Tag lerne ich neue Dinge“, sagt Fidel aus Chile, und auch Benjamín ist glücklich: „Hier fühle ich mich wie zuhause“. Die beiden hoffen, in Deutschland bleiben und hier eine Ausbildung machen zu können. Die 27-jährige Paulina Candia aus dem chilenischen Los Ángeles – nicht zu verwechseln mit der 9.000 Kilometer weiter nördlich gelegenen Hollywood-Metropole – ist sogar schon seit Januar 2019 hier. Die gelernte Buchhalterin hatte das Reverse-Programm über Deutsche kennengelernt, die ihren Weltfreiwilligendienst in Chile absolviert hatten. Paulina wird sich nun ab 2021 in Deutschland zur Pflegehelferin ausbilden lassen.

Die Corona-Pandemie haben die vier bislang gut überstanden, auch wenn sowohl der Sicherheitsaufwand im DRW als auch die Sorgen um die Familie zuhause groß waren. Im Gegensatz zu den deutschen Freiwilligen im Ausland konnten sie in ihrem Einsatzland bleiben. Und gab es sonst Schwierigkeiten in ihrer Zeit hier? Nur das Ursberger Schwäbisch, da sind sich die vier einig. Doch mittlerweile ist auch diese Hürde gemeistert, und so wissen sie auch beim Anstoßen im Biergarten, auf was es zu achten gilt: „Ins Aug‘ luaga!“  

Julian Schmidt