Katholische Schwangerenberatung

Kirche als verlässlicher Partner - Starker Anstieg bei Schwangerenberatung – Auch Flüchtlinge vertrauen ihr

20.10.2016 12:55

Immer mehr Frauen, darunter auch immer mehr Flüchtlinge, kommen zur katholischen Schwangerenberatung. Das zeigen die deutschlandweiten Zahlen von 2015, die die Caritas vor kurzem veröffentlicht hat (wir berichteten). Über die Entwicklung im Bistum spricht unsere Zeitung mit Maria-Anna Immerz, der Beauftragten des Bistums Augsburg für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und den Fachbereich Schwangerenberatung.

Maria-Anna Immerz, Beauf-tragte des Bistums Augsburg für den SkF und den Fach-bereich Schwange-renberatung. Foto: Nicolas Schnall/pba

Frau Immerz, bundesweit ist die Nachfrage bei den Schwangerenberatungsstellen gestiegen, meldet die Caritas: 2015 wandten sich über 113 000 Frauen an Caritas und SkF. Im Vergleich zu 2013 stellt das einen Zuwachs von zehn Prozent dar. Lässt sich eine solche Entwicklung auch im Bistum Augsburg feststellen?

Ja, die Nachfrage war bei uns sogar noch höher: Im Jahr 2013 haben sich 3021 Personen Rat und Unterstützung an unseren Katholischen Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen geholt, 2015 waren es 3698 Personen. Eine Steigerung von 22,4 Prozent! „Die Kirche“ und ihr Fachverband SkF, dem bei uns die Schwangerenberatung anvertraut ist, werden als kompetente und verlässliche Partner an der Seite des Lebens geschätzt – vor und nach der Geburt eines Kindes. Dankenswerterweise hat unsere Bistumsleitung auf die große Zahl der Flüchtlingsfrauen reagiert und bis 2017 Stundenaufstockungen ermöglicht. Der erhöhte Bedarf muss ja auch bewältigt werden; und die Beraterinnen sollen den Fragen und Nöten aller Klientinnen weiterhin gerecht werden. Viele großzügige Spender sowie das Bistum haben ermöglicht, dass auch mehr Geld da ist, das wir über unseren Hilfsfonds Pro Vita vergeben können.

Wer kommt zu den Beratungsstellen an 15 Orten im Bistum Augsburg? Welche Probleme bewegen die Ratsuchenden besonders?

Ratsuchende kommen mit Sachfragen, zum Beispiel zu Mutterschutz, Elternzeit, Elterngeld oder medizinischen Themen, und genauso mit praktischen Nöten; die heißen oft Wohnungsnot, finanzielle Engpässe oder noch nicht abgeschlossene Ausbildung. Viele brauchen da erst mal Klärung, bevor Platz für die tieferliegenden Fragen ist – Lebensplanung mit einem unerwarteten (weiteren) Kind, Beziehungsprobleme mit dem Partner oder der eigenen Herkunftsfamilie, Entscheidungsfragen rund um vorgeburtliche Untersuchungen und ihre Ergebnisse. Gerade die vielen pränataldiagnostischen Möglichkeiten, auch der neue Bluttest, machen unsicher und bringen in Gewissensnot; die Gesellschaft und die eigene Umgebung setzen zusätzlich unter Druck. Jede Schwangerschaft mischt die „Karten des Lebens“, vor allem natürlich der Mutter, ganz neu – die Themen, die sich auftun, sind so vielfältig wie das Leben selbst; also auch quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Gute Beratung hilft, in der neuen Situation die Chancen zu entdecken, durch alle Probleme hindurch.

Gibt es dabei regionale Unterschiede?

 Die Grundfragen sind überall gleich. Freilich ist für Familien und erst recht für Alleinerziehende in den Städten die Suche nach bezahlbarem Wohnraum besonders drängend. In Allgäuer Tourismusregionen melden sich zum Beispiel Frauen, deren Saisonarbeitsplätze das Leben mit Kindern erschweren. Und im ländlichen Raum ist manchmal die „Mitsprache“ von Familie und Nachbarschaft in Fragen der Lebensplanung intensiver. Wenn die Beratung gut begleitet, kann daraus aber auch ein starkes Netz der Hilfe werden.

 Welche besonderen Bedürfnisse haben Flüchtlingsfrauen, die zur Beratung kommen?

Sie wollen – wie jede Ratsuchende – verstanden werden. Darum sprechen unsere Mitarbeiterinnen wenigstens Englisch oder organisieren Dolmetscher, zuallererst zur Bewältigung des Dschungels von Anträgen und Strukturen hier. „Verstanden werden“ verlangt aber vor allem, dass die Beraterin Kenntnis und feines Gespür für verschiedenste kulturelle Hintergründe hat und sich Zeit nimmt. Dann öffnen sich Flüchtlingsfrauen manchmal mit ihren oft traumatischen Fluchtge-schichten, zu denen etwa auch se-xueller Missbrauch durch Schlepper gehören kann. Sie haben zugleich die Sehnsucht, für ihre Kinder hier in der Fremde ein erstes „Nest“ und ein bisschen „Heimat“ zu schaffen. Da sind die kleinen finanziellen Hilfen, die sie an unseren Stellen bekommen, oft ein erster Schritt: ein eigenes Bettchen, ein selbst ausgesuchtes Spielzeug. Und die Mutter kann ohne Scheu „von Frau zu Frau“ auch die praktischen Fragen klären, die mit einer Geburt im Krankenhaus, Nachsorge und Kinderpflege – oft so anders als in ihrem Herkunftsland – zusammenhängen. Verständnis, Rat und konkrete Hilfen stärken so im Asyl die Hoffnung: Es gibt hier doch Lebensperspektiven für mein Kind und meine Familie – und für mich dann auch.

 Haben die muslimischen Flüchtlinge Scheu, eine katholische Beratungsstelle aufzusuchen?

Das hohe Vertrauen gerade dieser Frauen in unsere kirchliche Beratung erstaunt viele. Jahrelange Erfahrung, Offenheit und Sensibilität im SkF für Frauen und Kinder, unabhängig von Herkunft, Nationalität und Religion, wertschätzender Umgang und viele praktische Hilfen sind gewiss ein Grund für dieses Vertrauen. Mehr aber noch die Tatsache, dass muslimische Frauen eine Beratung finden, der ein verbindlicher Wertekodex zugrunde liegt, welcher Leben bejaht und schätzt und schützt; und vor dem man sich als religiöse Frau nicht eigens zu erklären braucht. Manche Muslimin ist übrigens tief berührt, dass die kleinen Geldgaben vom Bischöflichen Hilfsfonds Pro Vita aus Spenden und Kirchensteuern von Christinnen und Christen kommen.

Auf der Homepage der Schwangerenberatung im Bistum Augsburg weisen Sie auch auf die Online-Beratung von Caritas und SkF hin, die im vergangenen Jahr 3500 Menschen genutzt haben. Seit wann gibt es dieses Angebot und welche Vorteile bietet es?

Dieses bundesweite Angebot wurde 2006 ins Leben gerufen. Auch Beraterinnen aus unserem Bistum wirken seitdem mit. Es spricht gerade jüngere Frauen an. Für sie ist das Internet eine selbstverständliche Informationsquelle und ein Weg schneller Kommunikation. Unbefangen äußern sich die Nutzerinnen per E-Mail oder in der Chatberatung auch zu sehr persönlichen und existentiellen Fragen, auch im Konflikt, ob sie ihr Baby zur Welt bringen sollen. Viele gehen aus diesen anonymen Kontakten im Internet dann zur persönlichen Beratung an der nächstgelegenen Beratungsstelle über – diese „face-to-face-Kontakte“ sind natürlich noch verbindlicher und vermitteln auch ganz konkrete Hilfen in der Region, in der die Schwangere oder Mutter lebt.

 Interview: Nathalie Zapf

Kontakt

Weitere Informationen zu den Beratungsmöglichkeiten mit den 15 Beratungsstellen und Außenstel-len gibt es beim Sozialverband katholischen Frauen Augsburg un-ter www.skf-augsburg.de, Telefon: 0821/65 04 25 10.