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Religiöses Buch des Monats Juni 2018

30.05.2018

Valerie Schönian: Halleluja. Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen. PIPER Verlag 2018, ISBN 978-3492060998.

Anfangs bekam Valerie Schönian „Tabernakel-Monstranz-Kopfschmerzen“, als sie in die Lebensrealität von Franziskus von Boeselager, Priester in Münster, eintauchte. So viel Neues, Fremdes strömte auf sie ein. Valerie (Etiketten: feministisch, links, kirchenfern) begleitete Franziskus (konservativ, aufgeschlossen) ein Jahr lang durch seinen Alltag: Taufen, Messen, Beerdigungen, Krankenkommunionen, Jugendgruppe, Weltjugendtag ... Über ihre Erlebnisse und ihre Diskussionen über Gott und die Welt, Glauben, Kirche, Frauen, Homosexuelle u.v.m. schrieb sie bereits im Blog „Valerie und der Priester“. Mehrere 100.000 Leser/innen im Monat verfolgten gespannt das Projekt des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz im Internet, kommentierten, stellten Fragen. Würde Valerie den Priester Franziskus verstehen können? Und: Würde sie am Ende – der Gipfel der Hoffnung – bekehrt werden?

 

Viele Fragen, neue Einsichten und die ganz andere Perspektive

Valerie ist es gelungen, diese Spannung auch im Buch zu erzeugen, vielleicht sogar, sie zu verstärken. Sie hat die Texte des Blogs überarbeitet und chronologisch angeordnet. Und sie hat ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Glauben viel stärker eingebracht. Damit ergeben sich auch für diejenigen, die den Blog bereits im Netz verfolgt haben, neue Einsichten. Auf diese Weise wird deutlicher sichtbar, welche Entwicklung Valerie und Franziskus genommen haben, wie viel Unverständnis am Anfang da war, dass es einen Punkt gab, an dem sich alle Diskussionen nur noch im Kreis drehten und Valerie innerlich schon aufgegeben hatte. Eine Bemerkung von Franziskus änderte die Situation. Valerie entschied sich daraufhin, verstehen zu wollen. Von diesem Punkt an hörte sie ihm anders zu. „Meine Fragen waren keine Argumente mehr, sondern Versuche. Es ging nicht mehr um meine Perspektive, sondern um seine. Darum, die Welt durch Franziskus Augen zu sehen. Die Welt so zu sehen, wie sie ist, wenn es Gott gibt.“ Die Passagen, in denen Valerie über glauben und nicht-glauben-können reflektiert, sind mit die stärksten im Buch. Wobei, da gibt es noch viele mehr: der „heilige Rausch“ beim Weltjugendtag in Polen, zum Beispiel. Ihr Weihnachtserlebnis ... Abgesehen davon, dass sie sehr elegant mit Worten umzugehen und eine Geschichte packend zu erzählen weiß, führt die Lektüre von „Halleluja“ unweigerlich dazu, sich selbst zu fragen: Was glaube ich eigentlich?

„Deine Welt haben wir zu wenig auf dem Schirm." (Papst Franziskus)  
    

 

   

Religiöse     Bücher: Bücher zum Leben. Bücher zum Glauben.

Das Buch erzählt außerdem viel darüber, warum sich die katholische Kirche so schwer damit tut, Menschen zu erreichen, die nicht zu ihrem Stammpublikum gehören. Zu fremd sind inzwischen Sprache und Riten geworden. Die bittere Erkenntnis: Die Welt außerhalb des katholischen Kokons wartet schon lange nicht mehr darauf, dass die Katholiken sich für sie interessieren. In den Worten von Franziskus: „Deine Welt haben wir zu wenig auf dem Schirm. Wir denken, Glaube und Gott würden alle interessieren. Mit so einer Einstellung drohen wir uns von der Realität zu entfernen. Wir müssen aber an ihr andocken.“ Selbstbezüglichkeit nannte das ein gewisser Kardinal Bergoglio vor dem Konklave 2013. Valerie Schönian und Franziskus von Boeselager (und mit ihnen die Initiatoren) haben mit dem Projekt gezeigt, dass es möglich ist, die Selbstbezüglichkeit zu überwinden. Und dass man dabei gewinnt. Bei der Lektüre dieses Buches auch. (Borromäusverein)