"Passion Christi" von Mel Gibson

Die Meinungen über den neuen Film von Mel Gibson, „Passion Christi“, gehen stark auseinander. Die einen brandmarken ihn als antisemitisch, gewaltverherrlichend und als Verkürzung der Botschaft Jesu, die anderen sehen in ihm eine grandiose Chance zur Neu-Evangelisierung. Gewiss ist die Wirkung eines Films nicht für alle gleich, so dass sich wohl jeder sein eigenes Urteil bilden muss. Doch einige Eckpunkte lassen sich ausmachen.

Es ist schon erstaunlich, dass Millionen Menschen bereit sind, in einen untertitelten Film zu gehen, in dem nur aramäisch und Straßen-Latein gesprochen wird. Dadurch wirkt der Film, der uns in die Zeit Jesu zurückversetzt, sehr authentisch. Doch mehr als durch Worte beeindruckt dieser Film durch seine Bilder. Der zerschundene Jesus Christus, dargestellt von Jim Caviezel, der immer wieder einzelnen Personen im Film mit seinen schmerzdurchdrungenen Augen trifft: Petrus, der ihn dreimal verleugnet, Simon von Cyrene, der ihm hilft, das Kreuz zu tragen, Veronika, die ihm das Schweißtuch reicht.

Antisemitismus?

Der Hauptvorwurf gegen den Film Mel Gibsons lautet: Antisemitismus – ein Totschlagargument. Doch was ist antisemitisch an einem Film, bei dem der Zuschauer mit dem jüdischen Hauptprotagonisten leidet, der von römischen Soldaten zu Tode gefoltert wird? Die Juden, die von Pilatus als Pöbel verspottet werden, sind höchstens die Verführten, wenn man an die eilig zusammengerottete Volksmenge denkt, die den Tod Jesu fordern soll.

Wenn jemand durch diesen Film antisemitisch beeinflusst würde, müsste er entweder ein Unmensch sein, weil er Lust dabei empfindet, wie der Leib Jesu durch unzählige Geißelhiebe zerfetzt wird. Oder er hätte nicht verstanden, dass die Schuld für den Tod Jesu aus theologischer Sicht nicht dem jüdischen Volk zuzuschreiben ist, sondern seinen eigenen Sünden und denen der ganzen Menschheit.

Am moralischen Pranger stehen in diesem Film nicht die Juden, sondern vielmehr eine religiöse Kaste, die vergessen hat, nach dem Willen Gottes zu fragen. Am Pranger steht auch die Feigheit der Regierenden in Person des Pontius Pilatus, der aus Angst vor Machtverlust einen Unschuldigen dem Tode ausliefert. Am Pranger stehen nicht Juden, sondern Römer. Wer könnte sich mit der Horde besoffener römischer Soldaten identifizieren, die Gewalt ausüben bis zur eigenen physischen Erschöpfung? Am Pranger stehen wir, die Sünder, wie man seit dem 17. Jahrhundert in unseren Kirchen singt: „Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldest“ (Gotteslob 180).

Gewaltverherrlichung?

Sicher – man kann fragen: Muss soviel Gewalt gezeigt werden? Gegenfrage: Warum nicht? Singen wir nicht gemeinsam mit den Protestanten das von Paul Gerhardt nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert gedichtete „O Haupt voll Blut und Wunden“ (Gotteslob 179): „Du edles Angesichte, … wie bist Du so entstellt. Wie bist du so erbleichet, wer hat dein Augenlicht, dem sonst ein Licht nicht glei-chet, so schändlich zugericht’t?“ Ist es nicht legitim, mit den heutigen technischen Möglichkeiten den leidenden Gottesknecht darzustellen, wie er schon im Alten Testament angekündigt ist (vgl. Jes 53)?

Der Film ist in Deutschland aus gutem Grund erst ab 16 Jahren freigegeben. Folterungsszenen sind nichts für schwache Gemüter. Aber Gewalt wird auch in anderen Filmen gezeigt, und zwar noch viel brutaler. Im Gegensatz zu Horrorfilmen wird hier aber keine Gewalt präsentiert, an der man sich ergötzen soll. Es wird kein „böses Monster“ geschlachtet, sondern das Lamm Gottes geopfert. Wenn die Soldaten mit schier unerträglicher Ausdauer den Leib Jesu solange malträtieren, bis der Körper blutüberströmt und von Fleischwunden überzogen ist, wenn sie ihm die Dornenkrone auf’s Haupt drücken und ihn als König der Juden verspotten, oder wenn sie mit den Nägeln seine Hände und Füße durchbohren, dass das Blut nur so spritzt – da entfaltet sich visuell, wessen der Christ Sonntag für Sonntag nur einige Augenblicke gedenkt bei den Worten: „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“. Wer diesen Film gesehen hat, bei dem werden beim „schmerzhaften Rosenkranz“ die Bilder im Kopf wieder lebendig: „der für uns Blut geschwitzt hat“, „der für uns gegeißelt worden ist“, „der für uns mit Dornen gekrönt worden ist“, „der für uns das schwere Kreuz getragen hat“, „der für uns gekreuzigt worden ist“. Ist dieser Film nicht eine Art „biblia pauperum“, eine Bibel für die modernen Armen, die nicht mehr die Bibel lesen?

Der Zuschauer fühlt mit der Mutter Jesu, die mit einem Entsetzen in den feuchten Augen dem Geschehen stumm folgt und bei der Kreuzigungsszene ihre Hände in den Kiesboden krallt. Bei all dem ist Jesus nicht auf ein Gewaltopfer zu reduzieren: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13), so spricht auch der Film-Jesus. Liebe, die bis in den Tod geht, das zeigt der Film, der missionarisch sein will. Freilich scheint derartige Verkündigung der political correctness zu widersprechen – doch das ist kein Problem für Gibson.

Verkürzung?

Wird das Leben Jesu auf seine letzten Stunden verkürzt? Diesen Vorwurf könnte man gleicherweise gegen den Karfreitagsgottesdienst erheben, bei dem die Passion Christi vorgelesen wird – und nicht das Weihnachtsevangelium oder eine Wunderheilung. Das Thema des Films lautet nicht „Das Leben Jesu“ oder „Die Botschaft Jesu“, sondern „Die Passion Christi“ – und diesem Thema wird der Film gerecht. Doch er präsentiert nicht bloße Folterszenen, sondern mithilfe mehrerer Retrospektiven immer wieder auch Szenen aus dem irdischen Leben Jesu: seine Bergpredigt, die versuchte Steinigung der Ehebrecherin, das Abendmahl. Gerade durch die enge Verquickung zwischen den Abendmahls- und den Kreuzigungsszenen hat Gibson die Identität des Messopfers mit dem Kreuzesopfer treffend zum Ausdruck gebracht: „Mein Blut, das für Euch vergossen wird“ – der Trank im Kelch beim Abendmahl und das Blut vor der Geißelsäule, das die beiden Marias mit ihren Tüchern aufnehmen, sind substantiell identisch. Der Regisseur, Co-Autor und Produzent Gibson machte in einem Interview deutlich, dass es ihm bei dem Film um das Verständnis der Eucharistiefeier gegangen sei. Mit der Rückblende von der Kreuzigungsszene zum Abendmahl habe er das Opfer am Kreuz dem Opfer des Altares gegenüberstellen wollen. „Es ist ja ein und dasselbe“, so Gibson.

Frauen und Männer

Äußerst positiv werden im übrigen sämtliche Frauengestalten im Film porträtiert: Maria, Maria von Magdala, Veronika: allesamt mitleidend in zärtlicher Hingabe an Jesus. Oder Claudia Prokula, die Frau des Pilatus, die nichts unversucht lässt, um das Leben Jesu zu retten. An erster Stelle aber die Gottesmutter Maria, die den Kreuzweg ihres Sohnes als Schmerzensmutter begleitet.
Männer kommen insgesamt schlecht weg: als Verräter wie Judas, als Verbrecher wie der Hohepriester, als besoffene Soldaten, als Feiglinge wie Pilatus oder Petrus. Fast solitär bleibt Simon von Cyrene, der den Soldaten Einhalt gebietet, als sie den unter dem Kreuz zusammengebrochenen Herrn auspeitschen.

Schwächen

Gewiss hat der Film auch Schwächen. Manch unbiblische Szenen hätte man sich sparen können: eher schmunzelnd kann man noch die Szene betrachten, bei der der Zimmermann Jesus von Nazareth einen hüfthohen Esstisch konstruiert und Maria meint, dieses Modell sei viel zu hoch und würde sich „nie durchsetzen“. Und weit hergeholt ist wohl die Szene mit dem Raben, der dem bösen Schächer das Auge aushackt und dann mit blutigem Schnabel davonfliegt: ein Gottesurteil? Man kann auch fragen, warum eine Schar spielender Kinder zu kleinen Monstern mutiert, um dann Judas Iskarioth vor die Tore Jerusalems zu treiben, wo er sich mit dem Strick eines Eselkadavers erhängt. Hollywood lässt mit Monsterfratzen grüßen.

Aber selbst viele biblische Szenen kann man vielleicht nur verstehen, wenn man einen soliden religiösen Hintergrund hat. Die Kenntnis des Evangeliums wird oft vorausgesetzt. Und dass das alte Kind auf des Teufels Arm den alten Adam darstellen soll – darauf muss man erst einmal kommen. Dass der Nagel aus historischer Sicht tatsächlich nicht durch die Hand Jesu, sondern durch den Handwurzelknochen geschlagen wurde, hätte man beim Drehbuch berücksichtigen können, auch wenn sich das in der Ikonographie noch nicht durchgesetzt hat. Manche Figuren bleiben eher blass: so der Lieblingsjünger Johannes, der nur eine Statistenrolle einnimmt. Und die Auferstehungsszene, bei dem das schöne Antlitz Jesu von der Seite portraitiert wird und beim Aufstehen Jesu das Licht durch die durchbohrte Hand fällt, wirkt fast kitschig, weil es so aussieht, als ob Jesus in sein irdisches Leben zurückkehren würde.

Versucher

Der androgyne Teufel hingegen ist durchaus im Rahmen des Sujets, wenn auch die Versuchung Jesu durch den Teufel der Bibel zufolge bereits vor dem öffentlichen Wirken Jesu erfolgte und nicht – wie im Film – im Garten Gethsemani vor dem Verrat. Aber gut – lassen wir dem Regisseur seine künstlerische Freiheit. Dass der Teufel mit hinterhältigem Blick in vielen Szenen auftaucht, macht Sinn, auch wenn er im Passionsbericht der Evangelien selbst nicht unmittelbar auftritt. Er wird als der große Drahtzieher im Hintergrund deutlich (vgl. 1 Joh 3,8). Dass Jesus dem Versucher widersteht und der Schlange, die in der Ölbergszene gleich zu Beginn des Films aus dem Gewand des Teufels kriecht, den Kopf zertritt (vgl. Gen 3,15), ist die Ouvertüre zu einem Kampf, den Jesus gegen den Teufel aufnimmt, um die Menschen durch gelebten Gehorsam gegenüber seinem Vater und aus Liebe zu erlösen. Wenn nach dem Kreuzesopfer Christi in der Hölle Satan einsam und verzweifelt schreit, wird offenbar, dass Christus Sünde, Tod und Teufel besiegt hat (vgl. Röm 5; Eph 6,12).

Entscheidung

Dieser Film ist ergreifend; er trifft ins Herz und geht an die Nieren. Und das ist gut so. Denn er führt das Jesusbild der Zuschauer weg von dem Klischee des soften Jesus, der alle lieb hat, und des JesusChrist Superstar, der über die Bühne schwebt. Dieser Jesus ist der Schmerzensmann, dass Gotteslamm, das hinwegnimmt die Sünde der Welt. Im Kino steht nach dem Film niemand „cool“ auf – alle sind innerlich betroffen. Denn verantwortlich für den Tod Jesu sind letztlich weder Römer noch Juden, sondern vielmehr jeder einzelne, der den Willen des Vaters nicht tut. Dafür liefert das Schriftzitat zu Beginn des Films den Verständnisschlüssel: „Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserm Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53, 5; vgl. 1 Petr 2,24). Die Sünden der Menschen werden vom Opfer Christi ausgelöscht und jeder, der an Jesus glaubt, erlöst – das ist die Botschaft dieses Films. Er will zum Nachdenken anregen und zur Entscheidung drängen. Viel ist schon dadurch gewonnen, dass Millionen Kinozuschauer sich nun mit dem Leiden Christi auseinandersetzen. Wie diese Saat aufgeht, wird sich zeigen.

Augsburg, den 13.04.2004

Bischöfliches Ordinariat Augsburg
Referat für Glaubenslehre und Hochschulen
i. A. Dr. Peter C. Düren
Theologischer Referent