20:47:53
20:47:53
22:37:07

Jahresempfang des Bischofs

Staatsrechtler Di Fabio: „Wir können nicht jede Grenze überschreiten“

14.11.2017

Augsburg (pba). Der Bonner Staatsrechtler Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio hat gestern Abend beim Jahresempfang des Bischofs von Augsburg davon gesprochen, dass sich unsere Gesellschaft in einer „Zeit des sanften Umbruchs“ befinde. „Wir dürfen unsere Gesellschaft nur so entwickeln, dass der einzelne Mensch sich weiterhin als Subjekt und nicht als Objekt wahrnimmt“, betonte Di Fabio unter anderem mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in der Biotechnologie und bei ethischen Fragestellungen wie dem automatisierten Fahren. Das Thema seines Vortrags lautete: „Gesellschaftliche Umbrüche und Menschenbild der Verfassung“. 

Bischof Dr. Konrad Zdarsa freute sich, rund 300 Gäste aus Wirtschaft und Politik, Kultur und Kirche im Haus Sankt Ulrich begrüßen zu dürfen und wertete das zahlreiche Erscheinen als Zeichen für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft. Der Bischof dankte allen Anwesenden für deren Wirken und Dienst an Gott und den Menschen. Musikalisch umrahmte das A-Capella-Ensemble Chorfeo unter Leitung des Friedberger Kirchenmusikers Moritz Hopmann den Festabend.

Der Abend brachte durch die Worte von Professor Di Fabio viel Nachdenkliches über die Gesellschaft, deren Menschenbild und Weltdeutung zu Tage. Er lenkte die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf die heutige Gesellschaft, die gleichermaßen durch die Auswirkungen von Globalisierung, Individualisierung und Digitalisierung geprägt und beeinflusst sei. Familie verblasse als alltagsrelevante Größe, die innere Bindung zu den Kirchen schwinde und eine rücksichtslose Selbstverwirklichung, die zu Lasten der Gemeinschaft gehe, hätten allesamt eine Veränderung der Weltwahrnehmung zur Folge, so der Staatsrechtler.

Er rief den Zuhörern die existenziellen Fragen unseres Zusammenlebens in Erinnerung: Was heißt es eigentlich, Mensch zu sein? Was verstehen wir unter der Menschenwürde? Und welches Menschenbild wird durch unser Handeln aufs Spiel gesetzt? In jedem Fall ist es für Di Fabio eines, dass „tiefe religiöse Wurzeln“ habe und „in dem der Mensch sich selbstverantwortlich entwirft“. Gott habe den Menschen frei geschaffen und ihn zum Schöpfer gemacht, der sich in der Welt immer wieder neu erschaffe und so zum „Bildhauer des eigenen Abbilds“ werde. Auch aus dieser Erkenntnis heraus hätten die Väter der Verfassung die Gottebenbildlichkeit des Menschen zur Grundlage für Artikel 1 über die Würde des Menschen gemacht, so Di Fabio, der in seinen Ausführungen immer wieder auf den Renaissance-Philosophen Giovanni Pico della Mirandola verwies.

Deshalb warnte der frühere Bundesverfassungsrichter auch davor, das in der Verfassung grundgelegte Recht auf individuelle Entfaltung gegen das gemeinschaftliche Entscheiden innerhalb der Demokratie auszuspielen. Denn das eine sei nicht ohne das andere zu haben: „Wir können nicht jede Grenze überschreiten.“ Es sei notwendig diese Ambivalenz stets zu reflektieren und in Balance zu halten. Zudem gelte es auch immer darum, menschliche Hybris zu verhindern, die Beschränktheit menschlicher Vernunft anzuerkennen und die Würde des Menschen als normatives Fundament unserer Verfassung in Erinnerung zu rufen, betonte Di Fabio mit Blick auf das Menschenbild der Verfassung. Wir seien alle dazu aufgerufen, immer wieder unser Bild vom Menschen abzugleichen, das nicht mit Gott identisch, aber eben doch gottebenbildlich sei. Schließlich habe jeder Mensch den gleichen Wert und die gleiche Verantwortung vor Gott.

Professor Di Fabio ist 1954 in Duisburg-Walsum als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Er startete seine berufliche Laufbahn im mittleren Verwaltungsdienst. Auf dem zweiten Bildungsweg erwarb Di Fabio die Hochschulreife und studierte Rechtswissenschaften und Sozialwissenschaften. Er wurde in beiden Fächern  promoviert. Nach seiner Habilitation lehrte er als Professor an mehreren Fakultäten, unter anderem in München und Bonn. Von 1999 bis 2011 war er Richter am Bundesverfassungsgericht. Immer wieder beschäftigen ihn Grundfragen von Rechtsstaat und Gemeinwesen sowie das Verhältnis von Christentum und Rechtskultur.