Die Geschichte der Pfarrgemeinde und ihrer Kirche

Ein neuer Stadtteil entsteht

Das Hochfeld in seiner geografischen Ausbreitung wird im Norden - zur Innenstadt hin - durch die 1882-84 errichtete Prinz-Karl-Kaserne und den Evangelischen Friedhof begrenzt. Während im Osten der Siebentischwald das Hochfeld abschließt, war Anfang des 20. Jahrhunderts nach Süden hin nur freies, unbebautes Feld, das höchstens von Infanteristen und Chevaulegers (leichte Reiterei) für Geländeübungen genutzt wurde. Mitten durch das Hochfeld verläuft in Nord-Süd-Richtung die nach Osten abfallende Hangkante zwischen der Augsburger Hochterrasse und der Haunstetter Niederterrasse. Die 1847 eröffnete Bahnlinie Augsburg - Lindau dient als westliche Grenze zu Antonsviertel und Göggingen.

Anlass der Besiedlung des Hochfelds war die Errichtung des Bahnbetriebswerks in den Jahren 1902-06 östlich der Bahnlinie. Bereits 1911 ließ die Königlich Bayerische Staatsbahn für ihre Beamten und Arbeiter an der Firnhaberstraße fünf Wohnhäuser errichten. Im selben Jahr wurden von der Baugenossenschaft des Verkehrspersonals Augsburg-Süd (heute: Wohnungsgenossenschaft der Eisenbahner Schwaben) zwei Häuser mit insgesamt 89 Wohnungen fertig gestellt. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs verhinderte jedoch ein weiteres Wachsen des Viertels.

Nach Ende des Krieges ließ die Stadt auf Grund der eklatanten Wohnungsnot in Augsburg durch Stadtbaurat Otto Holzer bis 1923 Kleinwohnungsbauten - teilweise in Holz - und den Römerhof errichten, die auf Grund der schlechten Bausubstanz 1964 bzw. 1995 abgerissen und durch Neubauten ersetzt wurden. Erst die Überwindung der Inflation und ein gewisser wirtschaftlicher Aufschwung machten es möglich, bis 1 928 weitere, nun besser ausgestattete Wohnhöfe zu bauen, wie den Zeppelinhof - dem ersten Projekt der städtischen Wohnungsbaugesellschaft - und die Kriegergedächtnissiedlung von Otto Holzer oder den Wohnhof der freien Gewerkschaften von Gottfried Bösch.

Ende 1929 schrieb die Stadt einen Wettbewerb zur Aufstellung eines Bebauungsplanes für das Hochfeld aus. Von diesen Plänen wurden 1936/37 nur die Wohnbauten in Reihenbauweise zwischen Firnhaber- und Von-Richthofen-Straße für die Arbeiter der nahe gelegenen Bayerischen Flugzeugwerke realisiert. Der Bau der 474 Wohnungen wurde als »soziale Großtat der Gemeinde« gepriesen. Hinweis auf den herrschenden Zeitgeist geben hier Türreliefs mit propagandistischem Bildprogramm.

Eine Kirche für das Hochfeld

Bis zum Jahr 1928 lebten rund 2000 Katholiken im Hochfeld, das zum Sprengel der Pfarrei St. Ulrich und Afra gehörte. Bereits am 15. September 1926 hatte Monsignore Dr. Franz Xaver Hartmann, Stadtpfarrer von St. Ulrich und Afra, die Katholische Kirchenstiftung St. Canisius ins Leben gerufen. Der Wunsch der Hochfelder Bevölkerung nach einer eigenen Kirche manifestierte sich in der Gründung des Katholischen Kirchenbauvereins St. Canisius am 29. April 1928. Der gewählte Bauplatz lag zwischen Römerhof im Westen und der Kriegergedächtnissiedlung im Osten. Im Tausch mit anderen Grundstücken erwarb die Gesamtkirchenverwaltung die zwei Tagwerk (6820 qm) große Wiese von der Stadt Augsburg.

Am 1. Mai 1932 wurde die Expositur St. Canisius errichtet; Expositus wurde Karl Friedrich Mayer, der zuvor Dompfarrkaplan war. An der Süd West-Ecke des Grundstücks wurde eine in Holz ausgeführte Notkirche erbaut, die am 17. Juli 1932 geweiht wurde. Die Notkirche war mit 196 Sitzplätze für die wachsende Gemeinde viel zu klein, doch die ersten Planungen für die Canisius- Kirche hatten bereits begonnen: Ebenfalls im Juli 1932 würde das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs »zur Erlangung von Entwurfsskizzen« bekannt gegeben. Den ersten und dritten Preis erhielten die Architekten Thomas Wechs und Michael Kurz mit zwei gemeinsam eingebrachten Vorschlägen. Der zweite Preis ging an Ludwig Niederhofer.

Fritz Kempf, der bereits die Notkirche gezeichnet hatte, belegte zwar nur den vierten Platz, sein Vorschlag »Pro Deo« wurde aber von der Kirchenverwaltung St. Ulrich und Afra für die Ausführung ausgewählt. Der Baukunstausschuss des Bayerischen Kultusministeriums war mit dieser Entscheidung allerdings überhaupt nicht einverstanden: Nach dessen Meinung erschien der Charakter einer Vorstadtkirche nicht getroffen und es mangle an sakralem Charakter. Der Ausschuss schreibt im September 1932 in einem Brief an den Architekten: »... die Verwendung der Räume im Untergeschoss zu profanen Zwecken ist kaum erträglich«. Außerdem kursierten Gerüchte, der Wettbewerb sei eine »Komödie« gewesen, weil Kempf den Auftrag von Monsignore Hartmann schon vorher zugesagt bekommen hätte. Das Bischöfliche Ordinariat reagierte und verteidigte Kirchenverwaltung und Architekt. Es schrieb an das Kultusministerium, dass eben diese »Ausnützung der für einen solchen Zweck besonders günstigen abschüssigen Lage des Kirchplatzes nach Osten« und die Tatsache, dass dieser Entwurf die billigste Arbeit sei, die Kirchenverwaltung zu ihrer Entscheidung geführt hätten.

Die Wogen konnten geglättet werden. Kempf legte im März 1933 einen überarbeiteten Entwurf in historisierendem Rundbogenstil vor, der den Baukunstausschuss mit wenigen Änderungen passierte. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 190.000 Reichsmark; die Gesamtkirchenverwaltung stellte einen Zuschuss von 173.000 Reichsmark zur Verfügung. Dennoch mussten der Bau des Pfarrhofs und der Ausbau der Unterkirche zurückgestellt werden. Auch bei der Innenausstattung der Kirche musste gespart werden.

Bereits im Mai wurde mit den Bauarbeiten begonnen und am 8. Oktober 1933 erfolgte die Grundsteinlegung durch Bischof Joseph Kumpfmüller, der die fertig gestellte Kirche am 16. September 1934 konsekrierte. Am 1. Januar 1938 wurde St. Canisius zur Stadtpfarrei erhoben.

Von den verheerenden Fliegerangriffen vom 25. und 26. Februar 1944 war auch das Hochfeld betroffen. So wurden an der Kirche die meisten Fenster zerstört und die Apsis beschädigt. Größere Schäden durch ausbrechendes Feuer konnten durch das schnelle und beherzte Eingreifen von Pfarrer Mayer und zweier Jugendlicher verhindert werden. Anfang 1945 waren Kirche und umliegende Wohnhäuser wiederholt Ziele von Tieffliegerangriffen.

Das Hochfeld stößt an seine Grenzen

Das Kriegsende brachte für das Hochfeld die Zwangsräumung von rund 650 Wohnungen durch die amerikanische Besatzungsmacht. Im »Camp Baltic Hochfeld« wurden bis November 1951 bis zu 2500 Displaced Persons aus den baltischen Staaten einquartiert. An diese Zeit der Not erinnern heute noch das Holzkreuz an der Kreuzung Haunstetter Straße und Schertlinstraße und eine Gedenktafel im rechten Seitenschiff der Kirche.

Zwischen 1952 und 1957 war das Hochfeld durch weitere Bebauung, wie den Wohnblöcken für Jungfamilien von Wilhelm Wichtendahl oder der Kriegsopfersiedlung von Walther Schmidt, das am schnellsten wachsende Stadtviertel Augsburgs. Die Einwohnerzahl stieg in dieser Zeit von 6700 auf 12200 an. 1954 würde die Kerschensteiner- Schule errichtet. Sogar ein Kino gab es jetzt im Hochfeld. Die evangelische Paul-Gerhardt-Kirche mit Kindergarten wurde 1962-64 erbaut. In den 1960er Jahren siedelten sich an der östlichen Peripherie die Berufsschule und das Siemenswerk an. Weiter südlich davon entstand ab 1975 die Universität, die Keimzelle eines neuen Stadtviertels war, das auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes wuchs. Im Dezember 1975 wurde im Universitätsviertel eine Kuratie eingerichtet, die 1979 zur Stadtpfarrei erhoben wurde. Bischof Josef Stimpfle weihte die Kirche Zum Guten Hirten am 23. November 1986.

Das Hochfeld hatte mit dem Bau der Reischleschen Wirtschaftsschule und der Fachoberschule bis 1978 auch im Süden seine geografische Grenze erreicht; die Entwicklung des Viertels ging aber weiter: Am 4. Mai 1987 weihte Papst Johannes Paul II. Im Rahmen seines Deutschlandbesuchs das Priesterseminar St. Hieronymus, das nach Plänen des Architekten Alexander von Branca am Lochbach errichtet wurde.

Die Prinz-Karl-Kaserne wirkte für das Hochfeld immer als Barriere zur Augsburger Innenstadt. Erst die Freigabe einer großen Fläche für den Wohnungsbau und die Umnutzung des südlichen Kasernengebäudes zum Prinz-Karl-Palais nach Plänen von Dieter Rehberger führten ab 1998 eine Öffnung herbei. Das Prinz-Karl-Viertel wurde am 1. Januar 2001 in die Pfarrei St. Canisius aufgenommen. Neben dem Gemeindezentrum der Landeskirchlichen Gemeinschaft — einem Bau von Georg Sahner — befinden sich hier auch ein Studentenwohnheim und ein Zentrum für betreutes Wohnen.

Ende 1998 verlor das Hochfeld, das als Eisenbahnerviertel bekannt war, einen seiner wichtigsten Arbeitgeber. Das Bahnbetriebswerk Augsburg 1, in dem bis zu 1100 Mitarbeiter beschäftigt waren, wurde aufgelöst. In einem städtebaulichen Wettbewerb, der 2002 ausgeschrieben wurde, sollten Möglichkeiten einer künftigen Nutzung des Areals erarbeitet werden. Es bleibt zu hoffen, dass einige der bahntechnischen Bauten vom Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten bleiben und für museale Zwecke genutzt werden können.

Neben diesen positiv stimmenden Aussichten fallen jedoch auch leer stehende Wohnblöcke auf, die — obwohl zum Verkauf angeboten — dem Verfall preisgegeben erscheinen. Dem entsprechend ging in den letzten Jahren auch die Bevölkerungszahl im Hochfeld stetig zurück. Am 1. Januar 2004 hatten noch 7516 Einwohner ihren Hauptwohnsitz in diesem Stadtviertel.

Martin Herdegen

Quellen und Literatur:
  • Pfarrarchiv St. Canisius, Augsburg
  • Architekturmuseum Schwaben, Augsburg
  • Stadt Augsburg, Amt für Stadtentwicklung und Statistik
  • Bernt von Hagen: Denkmäler in Bayern (VII.83: Stadt Augsburg); München 1994
  • Barbara Wolf: Wohnarchitektur in Augsburg - Kommunale Wohnbauten der Weimarer Republik; Augsburg 2000
  • Günter Grünsteudel (Hrsg.): Augsburger Stadtlexikon; Augsburg 1998
  • Ulrich Heiß, Schwäbischer Architekten- und Ingenieursverein (Hrsg.): Architektur in Augsburg 1900-2000; Augsburg 2000
  • Ernst Erhart: Eisenbahnknoten Augsburg - Drehscheibe des Eisenbahnverkehrs; München 2000
An der Kreuzung von Schertlinstraße und Altem Postweg steht ein hohes und reichverziertes Holzkreuz. Das dunkelbraune Kreuz ist mit einem niedrigen Zaun umgeben, es könnte so auch in Litauen stehen. Was ist an dem Kreuz zu sehen?An den vier Seiten des Kreuzesstammes befinden sich Figuren, die für das litauische Volk von großer Bedeutung sind. Es sind zu erkennen: S. Casimirus [Hl. Kasimir] (1458-1484), König von Polen und Litauen, Patron Litauens; Motiejus [Matthias] Valančius (1801-1875), Historiker, Schriftsteller und Bischof von Žemaitėjė; die Schmerzhafte Muttergottes mit Sternenkranz und Merkelis Giedraitis (1576-1609), Erzbischof von Kaunas. Unter dem Heiligen Kasimir ist eine Madonna ohne Kind mit folgender Inschrift eingeschnitten: in aušros vartai vilna patrona lithuaniae redde libertatem patriae nostrae. Wenn man diese Mariendarstellung in die Übersetzung des Textes mit einbezieht, heißt es dort: Mutter Gottes im aušros vartai [Tor der Morgenröte] von Vilnius, Schutzfrau Litauens, gib unserem Vaterland die Freiheit zurück. Das Kreuz besitzt einen Korpus, der von einem Baldachin mit beweglichen, geschnitzten Quasten überspannt ist. Auf der Rückseite befindet sich im Kreuzungspunkt eine Darstellung der Heiligen Eucharistie. Im unteren Bereich ist eine Inschrift in Litauisch, Englisch, Französisch und Deutsch eingeritzt. Sie lautet: Gottes Segen herabbefehlend, ihren Wohltätern dankend und der Gefallenen gedenkend, errichteten die durch den Krieg nach Augsburg verschlagenen litauischen Flüchtlinge dieses litauische Kreuz, das davon zeugen soll, dass sie sich nach ihrem Vaterlande sehnten und dessen Freiheit erwünschten. Das Kreuz mit dem Strahlenkranz ist auf den 28. Oktober 1945 datiert. Warum steht dieses Kreuz hier in Augsburg?Lassen Sie mich einwenig ausholen. Während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) wurden in Deutschland mehrere Millionen Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und ausländische Zivilpersonen, die aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten, wie z. B. Lettland, Litauen, Estland, Polen, Ukraine und Rumänien, ins Deutsche Reich verschleppt worden waren, zur Arbeit gezwungen. Sie mussten die deutschen Arbeiter, die an der Front waren, ersetzen und die Produktion während des Krieges aufrechterhalten. Die Zwangsarbeiter wurden in der Landwirtschaft und der so genannten Kriegswichtigen Industrie eingesetzt. In Augsburg arbeiteten sie unter anderem bei der MAN und der Messerschmitt AG. Aber auch öffentliche Einrichtungen, die Kirchen und Privatpersonen forderten solche Arbeitskräfte an. Diese wurden häufig gedemütigt, schlecht ernährt und erhielten oft gar keinen Lohn. Die Unterbringung erfolgte in Barackenlagern, die mit Stacheldraht eingezäunt waren. Die sanitären und hygienischen Bedingungen in diesen Behausungen waren äußerst schlecht, wie auch die Bekleidung. Die überwiegende Zahl der Litauer war vor der zweiten Besetzung ihrer Heimat durch die im Jahre 1944 nach Westen vorstoßende sowjetische Armee nach Deutschland geflohen. Unter anderem gingen die meist jungen Frauen und Männer in ihrer Heimat überwiegend qualifizierten Berufen nach: Arzt, Beamter, Mechaniker, Schneiderin, medizinische Schwester usw. Bei den Luftangriffen auf die Fuggerstadt im Februar 1944, die den Messerschmidt-Werken, dem Hauptbahnhof und dem Bahnbetriebsgelände galten, wurde auch die Pfarrkirche St. Canisius und zahlreiche Häuser beschädigt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Augsburg von amerikanischen Streitkräften besetzt. Die Zwangsarbeiter kamen frei. Sie hatten aber weder Geld noch Wohnung. Sie konnten auch nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren, da die Verkehrswege dorthin unterbrochen waren. Erschwerend kam noch hinzu, dass die drei kleinen baltischen Staaten der Sowjetunion einverleibt wurden und dort eine Gesellschaftsordnung nach sowjetischem Modell aufgebaut wurde. Von nun an bezeichnete man diese entwurzelten Menschen als Displaced Persons (DPs). Allein in der amerikanischen Besatzungszone lebten 530.000 von ihnen. Im Mai 1945 beschlagnahmte die amerikanische Militärregierung in Augsburg Wohnungen für die DPs. Im Rahmen dieser Aktion mussten etwa 800 deutsche Familien ihre Wohnungen im Hochfeld verlassen und irgendwo anders eine Bleibe suchen. Dabei mussten sie ihr Mobiliar zurücklassen. In diese Wohnungen zogen DPs ein. Da in der Nachkriegszeit auf Grund der Folgen der Flächenbombardierungen und des anhaltenden Flüchtlingsstromes und der organisierten Vertreibungen aus dem Sudetenland intakter Wohnraum äußerst knapp war, stieß dieses Vorgehen der Besatzungsmacht bei den einheimischen Augsburgern auf sehr große Ablehnung. In den Wohnanlagen um die Firnhaberstraße (von Hausnummer 27 aufwärts) (1) und Von-Richthofen-Straße (2) wohnten in den sechs darauf folgenden Jahren jeweils 2.000 bis 2.500 DPs. Die amerikanische Armee wurde in der Prinz-Karl-Kaserne stationiert. In der Von-der-Tann-Straße, Schertlinstraße, Haunstetterstraße, am Alten Postweg und in der unteren Firnhaberstraße (bis ca. Hausnummer 15) konnten die Hochfelder bleiben. (3) Da die Privilegien der Balten Neid und Missgunst erzeugt hatten, wurde das Arial eingezäunt und bekam den Namen Camp Baltic Hochfeld. Erschwerend kam hinzu, dass der beengte Wohnraum wegen noch nicht behobener Kriegsschäden nicht komplett beheizt werden konnte. Die Bewohner, meist estnischer, lettischer und litauischer Herkunft, hofften zunächst auf die Wiederherstellung eines von der UdSSR unabhängigen Staates, – freilich vergeblich. Um diese Menschen kümmerte sich bis 1946 die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA / United Nations Relief and Rehabilitation Administration), die der örtlichen Militäradministration direkt unterstellt war. Sie hatte die Aufgabe, allen Flüchtlingen und verschleppten Personen materiell zu helfen und diese in ihr Heimatland zurückzuführen. Da die Bewohner des Camp Baltic Hochfeld nicht freiwillig dorthin zurückkehren wollten, begann die UNRRA mit Schikanen. Zum Beispiel wurden die Personen von einem Lager in ein anderes gebracht, die Druckerzeugnisse in den Lagern wurden strenger zensiert und ein screening zum Überprüfen des DP-Status wurde durchgeführt. Nachdem das Ziel der Repatriierung aller DPs bis 1946 nicht erreicht werden konnte, wurde die UNRRA aufgelöst. So nahm im Hochfeld ihre Nachfolgeorganisation, die IRO (International Refugee Organization), ihren Dienst auf. Sie hatte die Aufgabe die DPs, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren konnten oder wollten, weil sie dort Verfolgung durch die sowjetische Besatzungsmacht zu befürchten hatten, in westliche Länder, wie z. B. USA, Kanada, Südamerika, Großbritannien und Belgien auszusiedeln. Um das Leben im Lager nicht zu angenehm werden zu lassen, wurden wiederholt die Überprüfung der Betreuungswürdigkeit und unregelmäßige Verlegungen in andere Lager durchgeführt. So wuchs die Gruppe der Letten in Augsburg-Hochfeld zeitweise bis auf geschätzte 6.000 Personen an. Im Camp Baltic Hochfeld gab es zahlreiche kulturelle Aktivitäten. Die lettische Volksgruppe organisierte Pfadfindergruppen, Fußballspiele, Folkloregruppen, Volksmusikveranstaltungen, um einige zu nennen. Die lettische Volkshochschule bot 23 Abendkurse an. Bei den Litauern und Esten hatte es Ähnliches gegeben. Eine litauische Zeitung in Augsburg trug den Namen Žiburiai [Leuchte]. Für ihre Gottesdienste benutzten die katholischen Litauer (4) und Ukrainer (5) die Hochfelder Pfarrkirche St. Canisius mit. Anna wurde am 17. Oktober 1945 als Tochter des lettischen Landwirtsehepaars Stefans und Albina im DP-Lager Hochfeld geboren und am Stephanstag desselben Jahres getauft. Der Taufspender war Prälat Eduard Stukels. Die kleine Anna war das erste von 49 in den Taufunterlagen von St. Canisius erfassten Kindern. In den Jahren 1950/51 konnte als Taufspender für die Litauer-Gemeinde der Priester Petras Babinskas ausgemacht werden. Ende November 1951 wurde das Lager schließlich aufgelöst. Aber die vertriebenen deutschen Bewohner konnten nicht sofort einziehen, da erst ihre Wohnungen und Häuser repariert, gestrichen und neu eingerichtet werden mussten. Aus Anlass des Wiedereinzuges der Hochfelder in ihre Wohnungen setzte der Geistliche Rat Karl Mayer, der damalige Stadtpfarrer von St. Canisius, für den 23. März 1952 einen Pontifikalgottesdienst mit seiner Exzellenz Bischof Dr. Joseph Freundorfer in seiner Pfarrkirche an. Monsignore Dr. Ulrich Müller feierte die Hl. Messe mit. Der Diözesanbischof wies in seiner Predigt daraufhin, dass die Menschen ihre Heimat verlieren, wenn ihr Herz nicht bei Gott ist. Nun hatten die Familien wieder ihre altangestammte Lebensräume und dankten dafür. Die über 1000 Blatt starken Dokumente der beiden DP-Lager auf dem Hochfeld und in Haunstetten wurden 1950 nach Chicago gebracht. In unserem Pfarrarchiv befindet sich eine lose Blattsammlung von Geburts- und Taufbescheinigungen von den Kindern aus dem Lager. Als Bischof Josef Stimpfle 1984 das restaurierte Litauer Kreuz neu eingeweiht hatte, gab es wieder einen besonders festlichen Gottesdienst. Im Übrigen: In der Pfarrkirche St. Canisius ist eine Erinnerungstafel angebracht, die an das Leben der Litauer auf dem Hochfeld von 1945 bis 1949 erinnert. Darauf ist eine Schmerzhafte Mutter Gottes mit sieben Schwertern, den sieben Schmerzen Mariens, dargestellt. Zwischen den Jahreszahlen ist die Heilige Eucharistie in Form von einem Kelch und einer Hostie erkennbar. Außerdem ist folgender Text zu lesen: In memoriam perennem magni doloris Lituanorum, qui, illorum caram patriam relinquere, coacti et ubique dispersi, hanc duram sortem exsilii patienti et forti animo amplexi sunt. Lituani e Campo Augsburg-Hochfeld. Auf Deutsch: [In Gedenken an das lange schwere Leid der Litauer, die ihr liebes Vaterland zurücklassen mussten, zusammengetrieben und überall hin vertrieben wurden, dieses harte Los der Verbannung überlebten und dieses soll dazu dienen, um das Gedächtnis ins Herz zu schließen. Litauer aus dem Lager Augsburg-Hochfeld.] Außerdem ist der Beginn der vierten Strophe der Litauischen Nationalhymne in die Steinplatte eingemeißelt. Tegul meilė Lietuvos Dega mūsų širdyse. [Möge die Liebe zu dir, heiß uns im Herzen brennen. (6)] Wenn Sie das nächste Mal am Litauer Kreuz vorbeifahren oder an der Gedenktafel im südlichen Seitenschiff unserer Kirche St. Canisius vorbei gehen, bleiben Sie stehen, schauen Sie sich die Darstellungen an und denken Sie an die vielen anderen Menschen, die damals im Hochfeld wohnten und eine ungewisse Zukunft vor sich hatten und dann versucht hatten, nach dem Krieg irgendwo neu anzufangen. Das weitere Schicksal von Anna ist mir unbekannt. Aber sie dürfte mit ihren 64 Jahren vielleicht noch leben. Norbert Bobritz, Pfarrhelfer
(Stand: 2009) Bilder der lettischen Bewohner:Bild 1 (DP-Lager) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 2 (Pfarrkirche St. Canisius) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 3 (DP-Lager (Firnhaber Str.)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 4 (DP-Lager (Eingang)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 5 (DP-Lager) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 6 (DP-Lager (Hochfeldstr.)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 7 (DP-Lager (Hochfeldstr.)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 8 (DP-Lager (Römerhof)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 9 (DP-Lager (Essensausgabe)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Bild 10 (DP-Lager (Lehrer des Lettischen Gymnasiums)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage. Vermerke:(1) Nach Auswertung der Taufscheine 1932-1947 aus dem Pfarrarchiv St. Canisius;
(2) Nach Auswertung der Taufscheine 1932-1947 aus dem Pfarrarchiv St. Canisius;
(3) Nach Auswertung der Taufscheine 1932-1947 aus dem Pfarrarchiv St. Canisius;
(4) Verkündbuch, 1940 bis Pfingsten 1951: z. B. Christkönigsfest 1945 (28.10.) und Ostern 1946 (21.4.);
(5) Verkündbuch, Pfingsten 1951 bis 21. Sonntag nach Pfingsten 1957:
 z. B. 14. Sonntag nach Pfingsten 1951 (19.8.) und 27. Sonntag nach Pfingsten 1951 (18.11.);
(6) wapedia.mobi/de/Tauti%C5%A1ka_Giesm%C4%97 Quellen: Pfarrarchiv St. Canisius; Stadtarchiv Augsburg, Bestand 50, Nr. 1146; E-Mail von Vincas Bartusevičius; 06.08.2009; Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge; Johannes Bähr; 2008; Manager-magazin.de; Außenlager KZ Dachau - Zivilarbeitslager in Augsburg; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes; www.vvn-augsburg.de/4_stadtrundgang/aussenlager_dachau/index.htm; Zwangsarbeit-Übersicht-Herkunft; www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/dps/ueberblick/ herkunft.htm DP albums; Latviešu dzive bēglu nometnēs Vācijā 1945-1950; www.dpalbums.lv; Litauische Flüchtlinge in Deutschland 1944-1951; Vincas Bartusevičius; Litauische Gemeinschaft in Deutschland e. V.; www.bendruomene.de; Tautiška Giesmė; Vincas Kudirka; wapedia.mobi/de/Tauti%C5%A1ka_Giesm%C4%97;