Das Litauer Kreuz des Stadtteils Hochfeld

An der Kreuzung von Schertlinstraße und Altem Postweg steht ein hohes und reichverziertes Holzkreuz. Das dunkelbraune Kreuz ist mit einem niedrigen Zaun umgeben, es könnte so auch in Litauen stehen.

Was ist an dem Kreuz zu sehen?

An den vier Seiten des Kreuzesstammes befinden sich Figuren, die für das litauische Volk von großer Bedeutung sind. Es sind zu erkennen: S. Casimirus [Hl. Kasimir] (1458-1484), König von Polen und Litauen, Patron Litauens; Motiejus [Matthias] Valančius (1801-1875), Historiker, Schriftsteller und Bischof von Žemaitėjė; die Schmerzhafte Muttergottes mit Sternenkranz und Merkelis Giedraitis (1576-1609), Erzbischof von Kaunas. Unter dem Heiligen Kasimir ist eine Madonna ohne Kind mit folgender Inschrift eingeschnitten: in aušros vartai vilna patrona lithuaniae redde libertatem patriae nostrae. Wenn man diese Mariendarstellung in die Übersetzung des Textes mit einbezieht, heißt es dort: Mutter Gottes im aušros vartai [Tor der Morgenröte] von Vilnius, Schutzfrau Litauens, gib unserem Vaterland die Freiheit zurück. Das Kreuz besitzt einen Korpus, der von einem Baldachin mit beweglichen, geschnitzten Quasten überspannt ist. Auf der Rückseite befindet sich im Kreuzungspunkt eine Darstellung der Heiligen Eucharistie. Im unteren Bereich ist eine Inschrift in Litauisch, Englisch, Französisch und Deutsch eingeritzt. Sie lautet: Gottes Segen herabbefehlend, ihren Wohltätern dankend und der Gefallenen gedenkend, errichteten die durch den Krieg nach Augsburg verschlagenen litauischen Flüchtlinge dieses litauische Kreuz, das davon zeugen soll, dass sie sich nach ihrem Vaterlande sehnten und dessen Freiheit erwünschten. Das Kreuz mit dem Strahlenkranz ist auf den 28. Oktober 1945 datiert.

Warum steht dieses Kreuz hier in Augsburg?

Lassen Sie mich einwenig ausholen. Während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) wurden in Deutschland mehrere Millionen Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und ausländische Zivilpersonen, die aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten, wie z. B. Lettland, Litauen, Estland, Polen, Ukraine und Rumänien, ins Deutsche Reich verschleppt worden waren, zur Arbeit gezwungen. Sie mussten die deutschen Arbeiter, die an der Front waren, ersetzen und die Produktion während des Krieges aufrechterhalten. Die Zwangsarbeiter wurden in der Landwirtschaft und der so genannten Kriegswichtigen Industrie eingesetzt. In Augsburg arbeiteten sie unter anderem bei der MAN und der Messerschmitt AG. Aber auch öffentliche Einrichtungen, die Kirchen und Privatpersonen forderten solche Arbeitskräfte an. Diese wurden häufig gedemütigt, schlecht ernährt und erhielten oft gar keinen Lohn. Die Unterbringung erfolgte in Barackenlagern, die mit Stacheldraht eingezäunt waren. Die sanitären und hygienischen Bedingungen in diesen Behausungen waren äußerst schlecht, wie auch die Bekleidung. Die überwiegende Zahl der Litauer war vor der zweiten Besetzung ihrer Heimat durch die im Jahre 1944 nach Westen vorstoßende sowjetische Armee nach Deutschland geflohen. Unter anderem gingen die meist jungen Frauen und Männer in ihrer Heimat überwiegend qualifizierten Berufen nach: Arzt, Beamter, Mechaniker, Schneiderin, medizinische Schwester usw.

Bei den Luftangriffen auf die Fuggerstadt im Februar 1944, die den Messerschmidt-Werken, dem Hauptbahnhof und dem Bahnbetriebsgelände galten, wurde auch die Pfarrkirche St. Canisius und zahlreiche Häuser beschädigt.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Augsburg von amerikanischen Streitkräften besetzt. Die Zwangsarbeiter kamen frei. Sie hatten aber weder Geld noch Wohnung. Sie konnten auch nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren, da die Verkehrswege dorthin unterbrochen waren. Erschwerend kam noch hinzu, dass die drei kleinen baltischen Staaten der Sowjetunion einverleibt wurden und dort eine Gesellschaftsordnung nach sowjetischem Modell aufgebaut wurde.

Von nun an bezeichnete man diese entwurzelten Menschen als Displaced Persons (DPs). Allein in der amerikanischen Besatzungszone lebten 530.000 von ihnen.

Im Mai 1945 beschlagnahmte die amerikanische Militärregierung in Augsburg Wohnungen für die DPs. Im Rahmen dieser Aktion mussten etwa 800 deutsche Familien ihre Wohnungen im Hochfeld verlassen und irgendwo anders eine Bleibe suchen. Dabei mussten sie ihr Mobiliar zurücklassen. In diese Wohnungen zogen DPs ein. Da in der Nachkriegszeit auf Grund der Folgen der Flächenbombardierungen und des anhaltenden Flüchtlingsstromes und der organisierten Vertreibungen aus dem Sudetenland intakter Wohnraum äußerst knapp war, stieß dieses Vorgehen der Besatzungsmacht bei den einheimischen Augsburgern auf sehr große Ablehnung. In den Wohnanlagen um die Firnhaberstraße (von Hausnummer 27 aufwärts) (1) und Von-Richthofen-Straße (2) wohnten in den sechs darauf folgenden Jahren jeweils 2.000 bis 2.500 DPs. Die amerikanische Armee wurde in der Prinz-Karl-Kaserne stationiert. In der Von-der-Tann-Straße, Schertlinstraße, Haunstetterstraße, am Alten Postweg und in der unteren Firnhaberstraße (bis ca. Hausnummer 15) konnten die Hochfelder bleiben. (3) Da die Privilegien der Balten Neid und Missgunst erzeugt hatten, wurde das Arial eingezäunt und bekam den Namen Camp Baltic Hochfeld. Erschwerend kam hinzu, dass der beengte Wohnraum wegen noch nicht behobener Kriegsschäden nicht komplett beheizt werden konnte. Die Bewohner, meist estnischer, lettischer und litauischer Herkunft, hofften zunächst auf die Wiederherstellung eines von der UdSSR unabhängigen Staates, – freilich vergeblich.

Um diese Menschen kümmerte sich bis 1946 die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA / United Nations Relief and Rehabilitation Administration), die der örtlichen Militäradministration direkt unterstellt war. Sie hatte die Aufgabe, allen Flüchtlingen und verschleppten Personen materiell zu helfen und diese in ihr Heimatland zurückzuführen. Da die Bewohner des Camp Baltic Hochfeld nicht freiwillig dorthin zurückkehren wollten, begann die UNRRA mit Schikanen. Zum Beispiel wurden die Personen von einem Lager in ein anderes gebracht, die Druckerzeugnisse in den Lagern wurden strenger zensiert und ein screening zum Überprüfen des DP-Status wurde durchgeführt. Nachdem das Ziel der Repatriierung aller DPs bis 1946 nicht erreicht werden konnte, wurde die UNRRA aufgelöst.

So nahm im Hochfeld ihre Nachfolgeorganisation, die IRO (International Refugee Organization), ihren Dienst auf. Sie hatte die Aufgabe die DPs, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren konnten oder wollten, weil sie dort Verfolgung durch die sowjetische Besatzungsmacht zu befürchten hatten, in westliche Länder, wie z. B. USA, Kanada, Südamerika, Großbritannien und Belgien auszusiedeln. Um das Leben im Lager nicht zu angenehm werden zu lassen, wurden wiederholt die Überprüfung der Betreuungswürdigkeit und unregelmäßige Verlegungen in andere Lager durchgeführt. So wuchs die Gruppe der Letten in Augsburg-Hochfeld zeitweise bis auf geschätzte 6.000 Personen an.

Im Camp Baltic Hochfeld gab es zahlreiche kulturelle Aktivitäten. Die lettische Volksgruppe organisierte Pfadfindergruppen, Fußballspiele, Folkloregruppen, Volksmusikveranstaltungen, um einige zu nennen. Die lettische Volkshochschule bot 23 Abendkurse an. Bei den Litauern und Esten hatte es Ähnliches gegeben. Eine litauische Zeitung in Augsburg trug den Namen Žiburiai [Leuchte]. Für ihre Gottesdienste benutzten die katholischen Litauer (4) und Ukrainer (5) die Hochfelder Pfarrkirche St. Canisius mit.

Anna wurde am 17. Oktober 1945 als Tochter des lettischen Landwirtsehepaars Stefans und Albina im DP-Lager Hochfeld geboren und am Stephanstag desselben Jahres getauft. Der Taufspender war Prälat Eduard Stukels. Die kleine Anna war das erste von 49 in den Taufunterlagen von St. Canisius erfassten Kindern. In den Jahren 1950/51 konnte als Taufspender für die Litauer-Gemeinde der Priester Petras Babinskas ausgemacht werden.

Ende November 1951 wurde das Lager schließlich aufgelöst. Aber die vertriebenen deutschen Bewohner konnten nicht sofort einziehen, da erst ihre Wohnungen und Häuser repariert, gestrichen und neu eingerichtet werden mussten. Aus Anlass des Wiedereinzuges der Hochfelder in ihre Wohnungen setzte der Geistliche Rat Karl Mayer, der damalige Stadtpfarrer von St. Canisius, für den 23. März 1952 einen Pontifikalgottesdienst mit seiner Exzellenz Bischof Dr. Joseph Freundorfer in seiner Pfarrkirche an. Monsignore Dr. Ulrich Müller feierte die Hl. Messe mit. Der Diözesanbischof wies in seiner Predigt daraufhin, dass die Menschen ihre Heimat verlieren, wenn ihr Herz nicht bei Gott ist. Nun hatten die Familien wieder ihre altangestammte Lebensräume und dankten dafür.

Die über 1000 Blatt starken Dokumente der beiden DP-Lager auf dem Hochfeld und in Haunstetten wurden 1950 nach Chicago gebracht. In unserem Pfarrarchiv befindet sich eine lose Blattsammlung von Geburts- und Taufbescheinigungen von den Kindern aus dem Lager.

Als Bischof Josef Stimpfle 1984 das restaurierte Litauer Kreuz neu eingeweiht hatte, gab es wieder einen besonders festlichen Gottesdienst.

Im Übrigen: In der Pfarrkirche St. Canisius ist eine Erinnerungstafel angebracht, die an das Leben der Litauer auf dem Hochfeld von 1945 bis 1949 erinnert. Darauf ist eine Schmerzhafte Mutter Gottes mit sieben Schwertern, den sieben Schmerzen Mariens, dargestellt. Zwischen den Jahreszahlen ist die Heilige Eucharistie in Form von einem Kelch und einer Hostie erkennbar. Außerdem ist folgender Text zu lesen: In memoriam perennem magni doloris Lituanorum, qui, illorum caram patriam relinquere, coacti et ubique dispersi, hanc duram sortem exsilii patienti et forti animo amplexi sunt. Lituani e Campo Augsburg-Hochfeld. Auf Deutsch: [In Gedenken an das lange schwere Leid der Litauer, die ihr liebes Vaterland zurücklassen mussten, zusammengetrieben und überall hin vertrieben wurden, dieses harte Los der Verbannung überlebten und dieses soll dazu dienen, um das Gedächtnis ins Herz zu schließen. Litauer aus dem Lager Augsburg-Hochfeld.] Außerdem ist der Beginn der vierten Strophe der Litauischen Nationalhymne in die Steinplatte eingemeißelt. Tegul meilė Lietuvos Dega mūsų širdyse. [Möge die Liebe zu dir, heiß uns im Herzen brennen. (6)]

Wenn Sie das nächste Mal am Litauer Kreuz vorbeifahren oder an der Gedenktafel im südlichen Seitenschiff unserer Kirche St. Canisius vorbei gehen, bleiben Sie stehen, schauen Sie sich die Darstellungen an und denken Sie an die vielen anderen Menschen, die damals im Hochfeld wohnten und eine ungewisse Zukunft vor sich hatten und dann versucht hatten, nach dem Krieg irgendwo neu anzufangen. Das weitere Schicksal von Anna ist mir unbekannt. Aber sie dürfte mit ihren 64 Jahren vielleicht noch leben.

Norbert Bobritz, Pfarrhelfer
(Stand: 2009)

Bilder der lettischen Bewohner:

Bild 1 (DP-Lager) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 2 (Pfarrkirche St. Canisius) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 3 (DP-Lager (Firnhaber Str.)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 4 (DP-Lager (Eingang)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 5 (DP-Lager) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 6 (DP-Lager (Hochfeldstr.)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 7 (DP-Lager (Hochfeldstr.)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 8 (DP-Lager (Römerhof)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 9 (DP-Lager (Essensausgabe)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Bild 10 (DP-Lager (Lehrer des Lettischen Gymnasiums)) Achtung: Sie verlassen diese Homepage.

Vermerke:

(1) Nach Auswertung der Taufscheine 1932-1947 aus dem Pfarrarchiv St. Canisius;
(2) Nach Auswertung der Taufscheine 1932-1947 aus dem Pfarrarchiv St. Canisius;
(3) Nach Auswertung der Taufscheine 1932-1947 aus dem Pfarrarchiv St. Canisius;
(4) Verkündbuch, 1940 bis Pfingsten 1951: z. B. Christkönigsfest 1945 (28.10.) und Ostern 1946 (21.4.);
(5) Verkündbuch, Pfingsten 1951 bis 21. Sonntag nach Pfingsten 1957:
 z. B. 14. Sonntag nach Pfingsten 1951 (19.8.) und 27. Sonntag nach Pfingsten 1951 (18.11.);
(6) wapedia.mobi/de/Tauti%C5%A1ka_Giesm%C4%97

Quellen:
  • Pfarrarchiv St. Canisius;
  • Stadtarchiv Augsburg, Bestand 50, Nr. 1146;
  • E-Mail von Vincas Bartusevičius; 06.08.2009;
  • Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge; Johannes Bähr; 2008; Manager-magazin.de;
  • Außenlager KZ Dachau - Zivilarbeitslager in Augsburg; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes; www.vvn-augsburg.de/4_stadtrundgang/aussenlager_dachau/index.htm;
  • Zwangsarbeit-Übersicht-Herkunft; www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/dps/ueberblick/ herkunft.htm
  • DP albums; Latviešu dzive bēglu nometnēs Vācijā 1945-1950; www.dpalbums.lv;
  • Litauische Flüchtlinge in Deutschland 1944-1951; Vincas Bartusevičius; Litauische Gemeinschaft in Deutschland e. V.; www.bendruomene.de;
  • Tautiška Giesmė; Vincas Kudirka; wapedia.mobi/de/Tauti%C5%A1ka_Giesm%C4%97;