Gedanken zum Osterdonnerstag von Pfarrer Czech

19.04.2020 20:21

Zur Non, dem Stundengebet am Nachmittag, bietet die Kirche heute die folgende Kurzlesung an:

Dank für die Erlösung: Kol 1,12–14

„Dankt dem Vater mit Freude!
Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.
Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes.
Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.“

Das ist zunächst mal eine Aufforderung, und zwar eine besonders schöne: Dankt, und das mit Freude! Und zwar Gott Eurem Vater.

Denn er, nicht Eure eigene Leistung, befähigt Euch, mit den Heiligen ins Licht zu gehen. Denn in Jesus Sterben und Auferstehen hat er uns schon jetzt der Macht des Bösen entrissen, und uns schon jetzt aufgenommen in sein Reich, also in seinen Herrschaftsbereich. Auch wenn er noch seine Herrschaft nicht mit allen Mitteln durchsetzt, sondern erst mal zu werben und zu überzeugen versucht, und zuerst seine Liebe schenkt – dennoch sollte sich niemand täuschen: Am Ende wird er seine Herrschaft durchsetzen: die Erlösung, die Vergebung der Sünden, und das ewige Leben im selben Licht wie die Heiligen, für alle, die zu ihm gehören wollen. Jeder, der das von ihm erhofft, wird es auch erhalten:

„Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie er heilig ist.“ (1 Joh 3, 3f.)

Worauf hoffe ich? –diese Frage ist viel wichtiger, als wir manchmal meinen.
Hoffe ich nur auf irgendeine praktische Lösung von verschiedenen, einander ablösenden irdischen Problemen? Oder ist meine Hoffnung viel mehr?
Ist sie meine innerste Sehnsucht nach der Verwirklichung des Willens Gottes für mich, meine Lieben, und die Welt?
Eines Willens, in dessen Liebe und Weisheit ich mehr Vertrauen setze als in meine eigene Liebe und Weisheit?

„Im Schauen auf dein Antlitz, da werden wir verwandelt in dein Bild.“ – so heißt es in einem sehr bedenkenswerten Gesang. Worauf ich intensiv schaue, wonach ich mich intensiv sehne, das macht etwas mit mir. Das übt einen Einfluss auf mich und mein Sein aus. Ist es Gott, dem ich das gestatte? Worauf setze ich mein Vertrauen, meine Hoffnung sonst so? Vielleicht manchmal zu leichtfertig?

Unten hänge ich zwei (Lebens-) Geschichten an. Und schon vorher die Frage: Traue ich mir und Gott zu, dass er mich als Adler geschaffen hat und will?

Erste Version einer (Lebens-) Geschichte:

„Ein Bauer fand einmal ein Adler-Ei und legte es einer seiner Hennen im Hühnerhof ins Nest. Der Adler wurde zusammen mit den Küken ausgebrütet und wuchs mit ihnen auf. Da er sich für ein Huhn hielt, gackerte er. Er schlug mit den Flügeln und flatterte immer nur höchstens einen oder anderthalb Meter in die Höhe. Wie ein anständiges Huhn. Und er scharrte in der Erde nach Würmern und Insekten.

So verging Jahr um Jahr und der Adler wurde alt. Eines Tages sah er einen prächtigen Vogel, der hoch oben am Himmel majestätisch seine Kreise zog.

Bewundernd blickte der alte Adler nach oben.

“Wer ist das?” fragte er ein Huhn, das gerade neben ihm stand.
“Das ist der Adler, der König der Vögel”, antwortete das Huhn.
“Wäre es nicht herrlich, wenn wir auch so hoch am Himmel kreisen könnten?”
“Vergiss es”, sagte das Huhn. “Wir sind Hühner.”

Also vergaß der Adler es wieder. Und er lebte genauso weiter und starb in dem Glauben, ein Huhn gewesen zu sein.“

 

Zweite Version einer (Lebens-) Geschichte: Geschichte vom Adler

Ein Mann ging in einen Wald, um nach einem Vogel zu suchen, den er mit nach Hause nehmen könnte. Er fing einen jungen Adler, brachte ihn heim und steckte ihn in den Hühnerhof zu den Hennen, Enten und Truthühnern. Und er gab im Hühnerfutter zu fressen, obwohl er ein Adler war, der König der Vögel.
Nach fünf Jahren erhielt der Mann den Besuch eines naturkundlichen Mannes. Und als sie miteinander durch den Garten gingen, sagte der: “Der Vogel dort ist kein Huhn, er ist ein Adler!” “Ja”, sagte der Mann, “das stimmt. Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn, auch wenn seine Flügel drei Meter breit sind.” “Nein”, sagte der andere. “Er ist noch immer ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers. Und das wird ihn hoch hinauffliegen lassen in die Lüfte.” “Nein, nein”, sagte der Mann, “er ist jetzt ein richtiges Huhn und wird niemals wie ein Adler fliegen.”

Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen. Der naturkundliche Mann nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte beschwörend: “Vogel, der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht dieser Erde – breite deine Schwingen aus und fliege!” Der Adler saß auf der hochgestreckten Faust und blickte um sich. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken, und er sprang zu ihnen hinunter. Der Mann sagte: “Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn.” “Nein”, sagte der andere, “er ist ein Adler. Ich versuche es morgen noch einmal.”

Am anderen Tag stieg er mit dem Adler auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte: “Adler, der du ein Adler bist, breite deine Schwingen aus und fliege!” Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hofe erblickte, sprang er abermals zu ihnen hinunter und scharrte mit ihnen. Da sagte der Mann wieder: “Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn.” “Nein”, sagte der andere, “er ist ein Adler und hat noch immer das Herz eines Adlers. Lass es uns noch ein einziges Mal versuchen; morgen werde ich ihn fliegen lassen.”

Am nächsten Morgen erhob er sich früh, nahm den Adler und brachte ihn hinaus aus der Stadt, weit weg von den Häusern an den Fuß eines hohen Berges. Die Sonne stieg gerade auf, sie vergoldete den Gipfel des Berges, jede Zinne erstrahlte in der Freude eines wundervollen Morgens. Er hob den Adler hoch und sagte zu ihm: “Adler, du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel und nicht dieser Erde. Breite deine Schwingen aus und fliege!” Der Adler blickte umher, zitterte, als erfüllte ihn neues Leben – aber er flog nicht. Da ließ ihn der naturkundliche Mann direkt in die Sonne schauen. Und plötzlich breitete er seine gewaltigen Flügel aus, erhob sich mit dem Schrei eines Adlers, flog höher und höher und kehrte nie wieder zurück.

 

Mein Fazit: Christen sind Adler. Hühner sind diejenigen, die Gott nicht zutrauen, dass er sie für den Himmel geschaffen hat!