Gedanken zum Osterfreitag von Pfarrer Czech

19.04.2020 20:26

Was ist das Leben? Verschiedene Begebenheiten des heutigen Tages haben mich immer wieder auf diese Frage gestoßen.

Was ist das Leben? – Und: Was ist meine Antwort auf diese Frage, die Antwort, die meinen Umgang mit dem und meinen Blick auf das Leben lenkt?
Man spricht von der „Lebenserwartung“. Diese ist seit 2015 um 0,1 Jahr gestiegen, und liegt in Deutschland für neugeborene Mädchen bei 83,3 für Jungen bei 78,5 Jahren.
Was sagt das? Leben ist ein biologischer Vorgang, bei dem es darauf ankommt, ihn möglichst lange zu erhalten.
Ist es so?

Jesus sagt: Ich bin das Leben. (Joh 14, 6) Also Leben = Christus. Und demzufolge ist Lebenserwartung etwas gänzlich anderes: Lebenserwartung = Christuserwartung.

Das soll den Wert des biologischen, irdischen Lebens nicht schmälern. Die Kirche und unser christlicher Glaube sind schon immer vom unendlichen Wert jedes menschlichen Lebens überzeugt.
Aber so erst erhält das irdische Leben seinen Platz: im Ganzen des von Gott gewollten Zustandes, der Leben heißt.
Christus ist das Leben. Damit hat jeder Lebende schon Anteil am Göttlichen in Jesus.
Das sagt uns auch die Schöpfungsgeschichte: Gott haucht Leben ein, gibt seinen Lebensatem an den Menschen, den er geschaffen hat. Damit wird der Mensch lebendig.
Lebendig wird er also erst durch seine Teilhabe an etwas, das allein in Gott ist: dem Leben.
Und in der griechischen Philosophie gab es eine ganz ähnliche Denkrichtung: Alles Seiende kann es nur geben, weil es Anteil am Sein hat. Das eine große Sein gibt einen Anteil an seinem Sein weiter, und so erst erhält das einzelne kleine Seiende sein Dasein.

Gott schenkt also etwas von sich, damit wir leben können.

Und in Jesu Tod und Auferstehung wird deutlich: er schenkt nicht nur etwas, er schenkt sich. Damit wir nicht nur ein bisschen leben können, sondern ewig und in Fülle.

Der Tod  wird auf seinen Platz verwiesen: als Teil des Lebens. Als Übergang vom Leben zum Leben.

Wie gesagt: das soll die Bedeutung des irdischen Lebens keineswegs schmälern. Im Gegenteil: weil das irdische ins ewige Leben einmündet, ist es von daher unendlich, und unendlich wertvoll.

Diese Sicht kann uns entlasten, wenn sie unsere Sicht auf das Leben ist, oder wird: Wir sind zwar für unser irdisches Leben verantwortlich, und auch für das von manch anderen, zumindest zeitweise. Aber wir müssen es nicht tragen, nicht in der Hand halten. Denn es ist schon getragen und gehalten: von der Lebenskraft Gottes, die niemals endet!

Im Gabengebet (nach der Gabenbereitung, vor der Wandlung) des heutigen Osterfreitags habe ich eben gebetet:

Herr, unser Gott,
in diesen österlichen Tagen
bringen wir unsere Gaben dar.
Heilige sie und schenke sie uns wieder
als Sakrament des Lebens,
damit wir nicht am Irdischen haften,
sondern nach dem verlangen, was droben ist.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Amen.