Texte von Pfarrer Fetsch, zum Nachlesen für Sie, hier und im Kreisboten

Notre-Dame

 

Vor nicht langer Zeit erregte der Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris großes Aufsehen. Menschen in aller Welt waren schockiert angesichts des drohenden Verlustes dieses Wahrzeichens der Stadt an der Seine. Nicht gering war dann aber auch bei manchen die Empörung darüber, dass in kürzester Zeit Milliarden von Euro als Spendengelder für den Wiederaufbau zusammenkamen. „Könnte man das Geld angesichts mancher Not nicht besser verwenden?“, war ein Einwand der Kritiker. Ungeachtet dessen gibt es bereits Pläne, wie die Sanierung vonstatten gehen soll. Ganz neu soll es werden, das zerstörte Dach samt Dachstuhl. Der eingestürzte Spitzturm wird wiedererstehen. Der Unterschied zu früher soll erkennbar sein. Architekten träumen von einer Konstruktion aus Glas und Stahl. Es ist schon erstaunlich, was menschlicher Einfallsreichtum möglich macht. 

Genau dieses Staunen erfasst mich, wenn ich an eine andere Kirche mit dem Namen Notre-Dame denke. Es ist das Liebfrauenmünster in Straßburg. Dieses Bauwerk ist für mich eines der schönsten Zeugnisse des Kathedralbaus der Gotik überhaupt. Auch diese Kirche hat einen Bezug zu heute. Am 25. Mai jährt sich der Beginn des Baus der imposanten Westfassade durch den mittelalterlichen Baumeister und Steinmetz Erwin von Steinbach zum 742. Mal. Sie ist ein Wunderwerk der Baukunst. „Steinerne Harfe“ wird sie genannt, die Fassade mit ihren filigranen Säulen-Elementen. Es besticht auch das große Rosettenfenster, durch das, erzeugt durch zahllose farbige Glasscheiben, buntes Licht in den Kirchenraum fällt. Einzigartig ist auch die rosafarbene Tönung des Vogesen-Sandsteins, aus dem die Kathederale errichtet ist. Ganz zu schweigen von dem spitzen Nordturm, der beeindruckend in die Höhe ragt.

Das Beispiel der beiden Kathedralen zeigt, dass in der Schöpfung immer etwas zugrunde geht, aber auch wieder Neues entsteht. So ist es im Leben auch. Es ist ein Werden und Vergehen bis einmal alles bei Gott vollendet ist. Daran erinnert mich Notre-Dame.

Saint Tropez

 

Mit einem Lächeln im Gesicht erinnere ich mich an den „Gendarmen von Saint Tropez“, den der unvergessene französische Schauspieler Louis de Funès mit Bravour verkörpert hat. Der Komiker spielte den cholerisch-hektischen Polizeiwachtmeister Cruchot, der in der genannten Hafenstadt in mehreren Spielfilmen als penibler Ordnungshüter in Aktion war. Nicht selten ist in diesen Streifen auch das mediterrane Flair der Stadt und der sie umgebenden Landschaft zu erahnen. Sommersonne, blaues Meer, weiße Segel gehören dazu, ebenso wie eine gewisse Spur von Luxus des Urlaubsortes der Reichen und Schönen an der Cote d‘ Azur. 

Nur allzu leicht wird da übersehen, dass die Stadt einen christlichen Ursprung und Namenspatron hat, der zwar bei uns nicht sehr bekannt ist, aber eine durchaus interessante und bedenkenswerte Geschichte hat. Es handelt sich um den heiligen Torpes, der Saint Tropez seinen Namen gab. Ursprünglich stammt er aus der toskanischen Stadt Pisa. Hier soll er in der Regierungszeit des für seine Grausamkeit und Christenfeindlichkeit bekannten römischen Kaisers Nero als hoher Staatsbeamter tätig gewesen sein. Er war wohl als solcher auch einmal mit der Bewachung des damals in Rom gefangengehaltenen Apostels Paulus betraut, der ihn so stark beeindruckte, dass er den christlichen Glauben annahm. Das geschah natürlich sehr zum Leidwesen seiner Vorgesetzten. So wurde er verhaftet und getötet. Der Legende nach wurde der Leichnam des Märtyrers in ein Boot gelegt, das an der Arno-Mündung ausgesetzt wurde. Die Strömung spülte es genau an der Stelle der Mittelmeerküste an Land, wo sich heute die besagte Stadt Saint Tropez befindet. Gleich drei Tage lang, nämlich vom 16. bis 18. Mai, wird hier jedes Jahr ein großes Fest zu Ehren des heiligen Torpes gefeiert. 

Mal ehrlich! Ist es nicht erstaunlich, dass, wenn man den Dingen ein wenig auf den Grund geht, selbst in den Erinnerungen an den Filmschauplatz Saint Tropez ein Bezug zum christlichen Glauben zum Vorschein kommt?  

Magnifikat

 

Im Marienmonat Mai fällt in der katholischen Kirche der Blick in besonderer Weise auf das Glaubensvorbild von Maria. Dabei spielt die Verkündigungsszene im Lukasevangelium eine herausragende Rolle (Lk 1,26-38). Der Engel Gabriel wird zu Maria gesandt. Er überbringt ihr eine überaus wichtige Botschaft. Maria ist von Gott ausersehen, seinen Sohn zur Welt zu bringen. Sein Name soll Jesus sein. Er soll die Welt retten. Er soll die Liebe Gottes unter den Menschen bekannt machen. Er hat die Vollmacht, den Bund, den Gott mit seinem Volk schon vor Ur-Zeiten geschlossen hat, zu erneuern. Wen würde so ein ungeheurer Auftrag nicht von vornherein überfordern? Trotzdem nimmt Maria ihn an. „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“, lautet ihre Antwort an den Engel. 

Eine Zeit später, aber noch unter dem Eindruck von diesem Ereignis, macht sich Maria auf den Weg zu ihrer Base Elisabet. Dort stimmt sie das Magnifikat an, den großen Lobgesang, mit dem sie Gott für ihre Erwählung dankt (Lk 1,46-55). Vielen klingen die Anfangsworte im Ohr: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. …“ Die Übersetzung des lateinischen Wortes „Magnifikat“ bedeutet, was diese Worte aussagen: „Groß macht meine Seele den Herrn.“ – Da stellt sich mir die Frage: Wo lasse ich Gott groß sein? Wie danke ich ihm für das, was er in meinem Leben Gutes gewirkt hat? Oft ahnen wir bei schwierigen Erlebnissen erst später, dass sie eine Entwicklung im Leben angestoßen haben, zum Positiven hin. In so mancher Krise steckt nicht selten auch wieder eine neue Chance, sagen manche. So darf ich gespannt sein, was in meinem Leben durch die Gnade Gottes noch alles wachsen kann. Selbst wenn alles Irdische zurückbleiben muss, hat Gott noch Neues für mich parat! Das sagt mir mein persönlicher Glaube! Magnifikat – groß macht meine Seele den Herrn!

Jesusbegegnung

 

Es hat eine besondere Wirkung, das Bild „Der ungläubige Thomas“ des italienischen Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610). Dabei schockiert und fasziniert es gleichermaßen. Das Gemälde zeigt eine Szene aus dem Evangelium, das wir am kommenden Sonntag im Gottesdienst hören (Joh 20,19-31). Der Auferstandene erscheint Thomas, der nicht anwesend war, als die anderen Jünger eine Begegnung mit dem todgeglaubten Jesus haben durften: „Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ – Schockierend ist die Szene deswegen, weil Thomas die Wunde nicht nur berühren darf, sondern er, ähnlich wie in der Bibelstelle geschildert, seine Hand, bzw. den Zeigefinger seiner Hand direkt hineinlegt. Gestik und Mimik Jesu zeigen, dass er Thomas, und damit auch den anderen Jüngern, die dahinter stehen und zusehen, seine Nähe schenken möchte. Der Auferstandene bleibt nicht für sich. Er geht auf Menschen zu, die durch ihn Hoffnung für ihr Leben schöpfen. Genau das ist die Botschaft von Ostern. Das Ereignis bezeugt den Sieg des Lebens über den Tod. 

Wo begegnet Jesus mir? Und noch dazu auf so nahe und entgegenkommende Weise, wie es in der Heiligen Schrift und in dem Gemälde von Caravaggio ausgedrückt wird? Er begegnet mir in der Feier der Eucharistie, da kann ich ihn sogar in mich aufnehmen. In einem intensiven und guten Glaubensgespräch mit einem lieben Menschen kann ich Jesu Nähe spüren. Es gibt auch Wege der Meditation, deren Methode es ist, sich beim Betrachten einer Bibelszene, in diese hineinzuversetzen und so, auf dem Wege der Kontemplation, an den Jesusbegegnungen der biblischen Gestalten in ihr Anteil zu erhalten. Ihn so sehen wie er ist, werde ich Jesus wohl erst im Zustand der Vollendung. Dann kommt er mir so entgegen, wie Thomas es erfahren hat.      

Wahrhaft auferstanden

 

Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu. Es ist der Höhepunkt im Kirchenjahr. Trotzdem kennen viele Menschen den eigentlichen Sinn von Ostern nicht. Viele tun sich auch schwer, an die Auferstehung zu glauben. Doch es gibt wirklich handfeste Argumente, die dafür sprechen, dass Jesus wahrhaft auferstanden ist.

Die Evangelien erzählen, dass Frauen aus dem Umkreis Jesu am frühen Morgen des dritten Tages nach der Kreuzigung zum Grab kommen. Der Stein, der vor dem Eingang lag, ist weggewälzt. Aus dem Inneren strahlt helles Licht. Engel verkünden, dass Jesus auferstanden ist. Sie sagen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“. Die Frauen erschrecken. Trotz strenger Bewachung durch die römischen Soldaten war das Grab leer. Hätten diese nicht alles daran gesetzt, unter allen Umständen zu verhindern, dass die Anhänger von Jesus den Leichnam hätten stehlen können, um dann zu sagen Jesus sei auferstanden? Und wenn doch die Jünger den Leichnam gestohlen hätten, wäre das nicht sofort von den Römern allen bekannt gemacht worden? Die Apostel sind später alle als Märtyrer gestorben. Hätten sie für eine Sache freiwillig ihr Leben riskiert, von der sie wussten, dass alles nur ein Schwindel ist? Auch Paulus ist ein Apostel, obwohl er Jesus nicht persönlich kannte. Das resultiert aus seiner Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Damaskus. Aus dem brutalen Verfolger der christlichen Lehre wird einer ihrer engagiertesten Anhänger. Ist da nicht Gott im Spiel, wenn so eine Veränderung geschieht? Paulus berichtet im 1. Korintherbrief (1 Kor 15,6) auch noch von 500 anderen Menschen, denen der Auferstandene erschien. Viele von ihnen lebten zur Zeit der Abfassung dieses pastoralen Schreibens noch. Hätten da nicht wenigstens einige protestiert, wenn Paulus‘ Zeugnis nicht gestimmt hätte?

Das sind ganz schön viele Fragen und mir fällt doch nur eine Antwort ein: Jesus ist wahrhaft auferstanden! Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Alltagskreuze

 

Bei einem Jugendeinkehrtag in der Fastenzeit war es die Aufgabe, bei einer Wanderung Alltagskreuze zu fotografieren und die Bilder am Abend in einer Andacht zu präsentieren. Was sind Alltagskreuze? Damit man diese entdeckt braucht es Aufmerksamkeit und die Gabe, einen Blick für Details in Landschaft und Architektur zu haben. Alltagskreuze sind Kreuze, die sich im Lebensumfeld finden lassen. Dazu gehören zum Beispiel Fugen in einem Bodenpflaster, die bei genauem Hinsehen ein Kreuz bilden. Ebenso könnte man einen Fensterrahmen fotografieren, der mit den Quersprossen ein Kreuz formiert. Dann gibt es auch das Andreaskreuz an einem Bahnübergang, und, und, und …

Natürlich kann man auch Kreuze, die direkt mit dem Glauben zu tun haben als Alltagskreuze sehen. Mir fallen Feldkreuze, Turmkreuze, Grabkreuze, Straßenkreuze ein. Und dann sind da noch die Kreuze in den Wohnungen, im Herrgottswinkel oder im Kinderzimmer als Andenken an die Erstkommunion. Ganz zu schweigen von den Kreuzen, die Menschen bei sich tragen, sei es als trendigen Modeschmuck oder Zeichen, dass sie als Christen zum gekreuzigten Jesus gehören. Bei noch intensiverem Nachdenken würden mir bestimmt noch mehr Beispiele für Alltagskreuze einfallen. Doch damit soll es erst mal genug sein. 

Was damit gesagt werden soll, ist, dass das Kreuz allgegenwärtig ist. Das trifft zu, wenn es als konkreter Gegenstand gesehen wird, aber auch im übertragenen Sinn. Das Kreuz hat mit Leid und Tod zu tun. Es ist ein Marter- und Hinrichtungswerkzeug. Das hat Jesus am eigenen Leib erfahren. Damit ist es auch ein Zeichen für die Leidsituationen von uns Menschen. Solche Kreuze gibt es sehr viele: Krankheiten, Verzweiflung, Enttäuschung, Schmerzen, Versagen, Tod und Trauer gehören dazu. Auch das sind Alltagskreuze. Am Palmsonntag beginnt die Karwoche. Leiden und Tod Jesu münden in seiner Auferstehung. Das heißt, dass es auch mir möglich ist, die Kreuze des Lebens zu überwinden, so alltäglich und unabänderlich sie auch sein mögen. 

 

 

Barmherzig wie der Vater

 

Eine der bekanntesten Bibelgeschichten ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten erzählt (Lk 15,11-32). Es wird auch Gleichnis vom barmherzigen Vater genannt. Diese zweifache Bezeichnung deutet an, dass es gut ist, zwei Größen im Menschenleben zu verbinden: Verlorenheit und Barmherzigkeit. Das Zweite ist eine mögliche Antwort auf das Erste. Verlorenheit ist ein Zustand, der durch die Barmherzigkeit gemildert, ja sogar aufgehoben werden kann.

Das zeigt sich, wenn man auf den Inhalt der Parabel sieht: Ein reicher Mann hat zwei Söhne. Der jüngere fordert von seinem Vater das Erbteil. Er will in der weiten Welt viel erleben. Er sucht das Vergnügen und die Zerstreuung. Dabei gerät er an die Falschen. Vermeintliche Freunde nutzen ihn aus. Sie lassen sich von ihm freihalten, bis das ganze Geld verbraucht ist. Der Junge Mann weiß sich nicht anders zu helfen, als durch Schweinehüten seine Existenz zu sichern. Das klappt nicht. Er verarmt völlig. Noch weiter kann er gar nicht sinken. Vielleicht ist das sein Glück. In genau solchen Situationen fängt man an zu denken. Dann kommt die Erkenntnis: Bevor ich ganz zugrunde gehe, kehre ich zurück zum Vater. Die Verlorenheit wendet sich. Doch wird der verlorene Sohn sie ganz überwinden können? Das ist erst sicher, als er auf der Zielgeraden ist und den Vater schon von weitem entgegenkommen sieht. Der nimmt ihn unter Tränen und voll Erleichterung wieder an. Barmherzigkeit macht’s möglich. Kommt, wir feiern ein Fest, denn der Verlorene ist wiedergefunden! – So lautet die Aufforderung an die Hausgemeinschaft, und selbst für den älteren Sohn, der über solche Vergebungsbereitschaft nur murren kann, findet der Vater Argumente.

Uns soll die Geschichte sagen, dass Barmherzigkeit an der richtigen Stelle im Leben Wunder wirken kann. Die Verlorenheit verliert ihre Macht. Zerbrochene Beziehungen werden wieder heil. Und das Gleichnis zeigt auch, wie Gott zu uns ist: barmherzig wie der Vater.

 

Passionsblume

 

Im letzten Sommerurlaub machte ich bei einem Spaziergang eine schöne Entdeckung, die gut in die Fastenzeit passt. In einer französischen Kleinstadt sah ich ein Haus, das ganz in dem reizvollen, rustikalen Stil erbaut war, der auch sonst die Altstadt prägte. An seiner Front war es berankt mit dem satten Grün einer Kletterpflanze. Das war nicht etwa Efeu, wie man es bei uns so oft sieht, sondern etwas ganz anderes. Zahlreiche gelb-rote, eiförmige Früchte hingen an dem Strauch und bei näherem Hinsehen erblickte ich das eigentlich Bemerkenswerte: eine Passionsblume.  

Irgendwie beeindruckt mich dieses kleine Wunder der Natur schon seit langem. Das liegt zunächst an seinem Aussehen: Da ist ein Kranz von zehn Blütenblättern. Innen ist nochmals eine kreisförmige Anordnung von spitzen Blättchen, die nach außen ragen. Dann kommt der Stempel, dessen fünf tellerförmige Enden Insekten zum Bestäuben einladen. Darüber sind derer nochmals drei, die wie Nägel aussehen, deren Spitzen sich berühren. Umgeben ist die Blüte von den gekräuselten Haltearmen, die das Spalier und alles Halt Gebende umwinden. Die Blume zeigt sich in den Farben Hellgrün, Blau, Violett, Schwarz und Weiß – sie ist wirklich eine Schönheit.

Interessant ist auch die theologische Deutung der Pflanze. In umgekehrter Reihenfolge, beginnend bei den drei Nägeln, mit denen Jesus gekreuzigt wurde, kommen wir zu seinen fünf Wunden. Dann wird die Dornenkrone sichtbar. Die zehn Blütenblätter stehen für die Apostel, die nicht bei der Kreuzigung anwesend waren. Auf der Rückseite finden sich noch drei Deckblätter, die für die Dreifaltigkeit stehen. Dazu wirken die korkenzieherförmigen Halteranken wie die Geißeln mit denen Jesus geschlagen wurde.

Die Schönheit der Blume und die Hässlichkeit des Leidens könnten nicht gegensätzlicher sein und doch sind sie hier vereint. Das ist wie bei Jesus. Er starb am Kreuz und ist dann aber auferstanden. Damit erwarb er uns das ewige Leben. Das zeigt mir: Die Schönheit der Passionsblume überwiegt!

 

 

 

 

Strahlendes Licht

 

Es ist ein richtiger Genuss, nach langer Herbst- und Winterzeit mit vielen trüben und nebligen Tagen wieder Stunden zu erleben, die erfüllt sind von strahlendem Licht, dem Licht der Sonne, die wieder mehr scheint und die Natur zu neuem Leben erweckt. Da sitze ich während einem Spaziergang auf einer Bank und lasse mir bei geschlossenen Augen ins Gesicht scheinen. Das Licht spüre ich und es hat Kraft. Es scheint auch so manches Dunkle der Seele vertreiben zu können, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Traurigkeit und Betrübnis. Im übertragenen Sinn soll auch der Glauben „Licht“ ins Leben bringen. Das ist kein Licht, das auf optische Weise wahrnehmbar ist, vielmehr geschieht das intuitiv, als Licht, welches man mit dem Herzen „sehen“ kann.

Zu dieser Kategorie gehört das Licht, das im kommenden Sonntagsevangelium (Lk 9,28b-36) eine Rolle spielt. Das erzählt von Jesus, der mit drei seiner Jünger auf einen Berg steigt, auf dem etwas Sonderbares geschieht. Plötzlich erscheinen die Propheten Mose und Elija und Jesus ist eingehüllt in strahlendes Licht. Die Apostel Petrus, Johannes und Jakobus erschrecken. Doch sie sind auch fasziniert. Petrus will den Moment sogar festhalten. Er möchte drei Hütten bauen und hier bleiben. Er möchte das unglaubliche Geschehen festhalten. Er möchte, dass Jesu Licht nicht wieder erlischt. Doch bald ist die Erscheinung vorbei. Es folgt der Abstieg. Die Realität hat sie bald wieder. Zu dieser gehören auch Spott, Hohn, Gewalt, Kreuzweg, Kreuz und Tod.   

Leid gehört auch zu unserer Realität. Es wird oft umschrieben mit dem Begriff „Dunkelheit“. Dagegen steht das Licht. Es steht für Wohlergehen, Frieden, Liebe und Leben. Wenn in der Bibelstelle die Jünger von Gott her über Jesus die Worte hören: „Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“, dann gelten die auch uns. Jesus soll auch Licht in unser Leben bringen, strahlendes Licht, das alle Dunkelheit vertreibt und Hoffnung auf nie erlöschendes Licht in Gottes Ewigkeit schenkt. 

 

Der verlorene Groschen

 

„Die Wut über den verlorenen Groschen“ wird ein Klavierstück von Ludwig van Beethoven (1770-1827) auf volkstümliche Weise genannt. Es macht Spaß, dieses Werk zu hören. Die Töne fliegen nur so dahin und man kann sich richtig lebendig einen Menschen vorstellen, der auf fieberhafte Weise nach einem verlorenen Geldstück sucht. Immer und immer wieder versucht er es zu erspähen – ohne Erfolg. Man kann förmlich erahnen, wie der Suchende alle nur möglichen Dinge umräumt und hochhebt, in der Hoffnung, dass darunter die Münze liegt. Doch die ist nicht aufzutreiben. Die Erfolglosigkeit des Ansinnens unterstreichen die Töne am Schluss, die anzeigen, dass der Suchende letztendlich resigniert und die Jagd enttäuscht aufgibt.

Irgendwie erinnert mich das Musikstück an eine bekannte Stelle in der Bibel. Im Lukasevangelium steht das „Gleichnis von der verlorenen Drachme“, oder, wie es in der Übersetzung von Martin Luther heißt, das „Gleichnis vom verlorenen Groschen“ (Lk 15,8-10). Diese Parabel handelt von einer Frau, die zehn Silbergroschen besitzt und einen davon verliert. Sie zündet eine Lampe an und sucht akribisch nach dem Geld, bis sie es wiedergefunden hat. Die Freude ist dann so groß, dass die Frau ihre Nachbarinnen einlädt und mit ihnen zusammen ein Fest feiert. 

Jesus möchte mit diesem Gleichnis den Pharisäern und Schriftgelehrten zu erkennen geben, wie Gott ist: Er ist wie diese Frau, die unermüdlich nach der Drachme sucht. So geht Gott den Menschen nach. Er liebt sie und will sie in ihrem Leben reich beschenken. Er gibt dieses Vorhaben niemals auf, es sei denn, der Mensch wehrt sich vehement gegen den Anruf Gottes oder ist total gleichgültig dafür.

In der beginnenden Fastenzeit ist es gut, sich solche Vergleiche von Jesus für seinen Vater neu zu verinnerlichen. Es tut der Seele gut, zu wissen, dass ich wertvoll bin vor Gott und dass es gut ist, dass ich da bin. Gott ist an mir gelegen und er gibt nicht auf, mich zu suchen! Lasse ich mich von ihm finden?

 

 

 

Das Leben heilt sich selbst

 

Ein Seelsorger sagte zu mir einmal diese tröstlichen Worte: „Das Leben heilt sich selbst!“. Ich war damals in einer Situation, in der es mir alles andere als gut ging. So konnte ich die Worte nicht in ihrer vollen Tragweite erfassen. Doch nun, da einige Jahre vergangen sind, möchte ich versuchen, zu ergründen, was es dazu braucht, den o.g. Satz mit Überzeugung sagen zu können.

Im Leben hat es oft den Anschein, dass alles andere als Heilung geschieht. Jeder kennt die Beispiele, die meist angeführt werden, aus lokalem und globalem Leben. Doch könnte beim näheren Hinschauen nicht doch etwas spürbar sein von einem heilsamen Moment in der Schöpfung? – Ich denke schon!

Wir Menschen befinden uns in einem Zyklus von Werden und Vergehen. Alles hat einmal ein Ende: eine Beziehung, ein Arbeitsverhältnis, eine gesunde Phase im Leben, das menschliche Leben überhaupt. In jedem Abschluss ist ein neuer Anfang verborgen. Bei den meisten Lebenswenden ist der mit den Sinnen wahrnehmbar. Nach Beendigung einer Beziehung muss das Alleinsein gemeistert werden oder es entsteht eine neue Partnerschaft. Nach dem Verlust der Arbeitsstelle folgt die Suche nach einer neuen Beschäftigung. In jedem Leben kann einmal eine Krankheit kommen, die herausfordernd ist. In dieser kann wieder die Genesung neue Perspektiven eröffnen. Das ist alles einleuchtend. Doch wie ist das mit dem Ende des Lebens? Gibt es da auch wieder einen Neuanfang?

Der Glaube an Christus kann solche Möglichkeiten aufzeigen. Jesus sagt im Sonntags-Evangelium: „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen […] euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ (Lk 6,20b.21.23a) Dann folgen dazu noch die Weh-Rufe, als Warnung vor der falschen Sicherheit (vgl. Lk 6,24-26). Verantwortungsbewusstes Leben und die Entschiedenheit, an Jesus festzuhalten, helfen also dabei, zu erfahren: „Das Leben heilt sich selbst!“

Gott rettet

 

Der 16. Februar 1923 war ein denkwürdiger Tag für die Archäologie. An diesem Datum öffneten zwei Briten, der Ägyptologe Howard Carter und der Aristokrat Lord Carnarvon, gemeinsam die Grabkammer des altägyptischen Königs Tutanchamun im Tal der Könige, der sagenumwobenen Begräbnisstätte in der Nähe von West-Theben in Ägypten. Sagenhafte Schätze kamen in diesem nahezu unversehrten Grab zum Vorschein. Sie beeindrucken und bezaubern die Weltöffentlichkeit bis heute. 

Als Jugendlicher bekam ich einmal einen Bildband mit den wichtigsten Fundstücken geschenkt. Ich verschlang das Buch regelrecht und erfreute mich an den zahlreichen farbigen Abbildungen, welche die erstaunlichsten Artefakte zeigten. Ich erinnere mich an die verschiedensten Gefäße, die beim altägyptischen Bestattungsritual Verwendung fanden. Eine Art Thronstuhl aus Zedernholz gehörte zu den Kunstwerken. Ganz zu schweigen von den Höhepunkten der Sammlung: die ineinander verschachtelten Sarkophage des Königs, die Goldmaske, und schließlich die Mumie mit den sterblichen Überresten selbst. Ich erinnere mich auch an einen kunstvoll verzierten Streitwagen, den wohl einmal feurige Rosse zogen, wenn der junge König mit seinem Gefolge durch die nubische Wüste jagte.

In meiner Phantasie habe ich die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten vor Augen. Der Pharao lässt das Volk Israel ziehen, nachdem es in der Gefangenschaft schwere Fronarbeit leisten musste. Der von Gott berufene Mose erwirkte diese Befreiung. Das Rote Meer teilte sich und die Israeliten zogen trockenen Fußes hindurch. Die Verfolger waren besiegt. Diese Geschichte möchte sagen: Gott rettet. Diese Worte gelten heute noch immer. Die kunstvoll ausgeschmückten Grabkammern der alten Ägypter sind Zeugnisse einer tiefen Religiosität und des Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Wie sollte da nicht in besonderer Weise ein persönlicher, barmherziger und liebender Gott, zu dem wir nach der Weisung Jesu Vater sagen dürfen, der Garant unserer Rettung sein?

 

 

 

 

Fischerjungs

 

Ich lese gerade den Roman „Fischerjungs“ des britischen Autors und Dichters Rudyard Kipling (1865-1936). Rauhe See, Männlichkeit, wilde Natur spielen hier eine Rolle. Die Überfahrt von „Neuyork“ nach Europa geht alles andere als glatt. Die Hauptperson gerät von Bord, wird jedoch gerettet und muss unter grobschlächtigen Fischern zurechtkommen.

Szenenwechsel: Ich denke zurück an meine eigene Jugend. Das Fischen hat auch mich einmal fasziniert. Da reizte zunächst das Beschäftigen mit Fisch-, Gewässer- und Gerätekunde. Dann war da der Nervenkitzel, die Fischerprüfung zu bestehen. Schließlich war es spannend, an Fluss oder See Zeit zu verbringen, die Ruten auszuwerfen und einen mehr oder weniger reichen Fang heimzubringen, den dann die Mutter mehr oder weniger erfreut zubereitete. Zum Fischen braucht es sehr viel Zeit und Muße. Beides fehlte später wegen Berufstätigkeit und Studium, sodass ich das Hobby nicht mehr ausüben konnte. Das Gesagte zeigt: In meiner Erfahrung hat das Fischen immer mit Übergangssituationen, ja Brüchen im Leben zu tun.

Sicher ist das viel mehr noch der Fall bei den Fischern, von denen das Sonntagsevangelium berichtet. Einer von ihnen, Simon, war am See. Er kam eben vom erfolglosen Fischfang zurück und wusch die Netze aus. Da geht Jesus auf ihn zu und sagt: „Fahrt nochmal hinaus und legt eure Netze erneut zum Fang aus!“ Gesagt, getan – und das Wunder geschieht. Das Netz droht wegen der vielen Fische fast zu zerreißen. Petrus kann nur noch unter Tränen zu Jesus sagen: „Geh weg von mir, ich bin eine Sünder.“ Das hätte er nicht gedacht. Das beschäftigt und beschämt ihn. Da ist einer, von dem eine ganz besondere Kraft ausgeht. Aus nichts kann plötzlich etwas werden. Wo die Hoffnung verloren gegangen ist, entsteht neue Zuversicht. Tod verwandelt sich in Leben, Gefühlskälte in reine Liebe. 

In unserer Zeit gibt es so viele Brüche und Veränderungen. Schnelllebigkeit macht mir Angst. Lieblosigkeit lässt mich besorgt sein. In allem ist Jesus da – das tröstet!

 

 

Sehnsucht

 

Heute sah ich beim Blick aus meinem Fenster am tiefblauen Himmel neben einigen Wolken den blendend weißen Kondensstreifen eines Verkehrsflugzeuges. Die Maschine selbst war mit bloßem Auge fast gar nicht zu sehen, aber der Strang an der kalten Luft gefrierenden Wasserdampfes, einem Abgas der Triebwerke, erreichte eine so imposante Länge, dass die Linie den ganzen Himmel zu teilen schien. So ein Anblick erfüllt mich mit Sehnsucht. Wie gerne würde ich jetzt selbst Passagier dieses Flugzeuges sein. Ich sehe alle möglichen Reiseziele vor meinem geistigen Auge: Der sonnige Süden; Amerika, jenseits des Atlantik; die Weiten Ostasiens – alles wäre gleichermaßen interessant. Doch da fällt mir auf, dass ja schon solche Gedanken an sich ein großer Reichtum sind. Ich kann drinnen in mir eine Reise antreten. Dazu verhilft mir allein meine Phantasie. Im Umkehrschluss heißt das: Dort, wo ich nicht die Möglichkeit habe, jemals körperlich hinzukommen, führen mich meine Gedanken hin. Das kann zu der Erfüllung von Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen beitragen und mein Herz still werden lassen.

Wenn sich nun diese Gedanken auf Jesus richten, nennt man das Kontemplation. In der Stille der Meditation und im Gebet komme ich ihm auf die Spur. Ich fühle mich zutiefst bejaht und angenommen. Ich muss nichts leisten. Ich darf der sein, der ich bin. Es ist recht so wie es ist. Da verlieren die alltäglichen Sorgen und Probleme, aber auch Bedürfnisse und Begehrlichkeiten ganz ihre Bedeutung. Da zählt nur noch der Augenblick. Da treffen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da ist ER da in meinem Leben. 

Jesus spricht: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18f.) Glücklich ist, dessen Sehnsucht durch Jesus gestillt wird.

 

 

Sebastian

 

Ich habe in meinem Geldbeutel einen kleinen Pfeil aus Zinn. Er ist ein Andenken aus der Pfarrkirche in Ebersberg. Darauf ist ein Herz zu sehen, das auf einer Seite die Jesus-Initialen IHS trägt. Diese Buchstaben können verschieden gedeutet werden. Am schönsten finde ich die Interpretation des Jesuitenordens. Da bedeutet IHS „Iesum Habemus Socium“, das heißt „Wir haben Jesus als Gefährten“. Auf der anderen Seite ist ein Mann zu sehen, der mit Pfeilen durchbohrt ist. Dabei stehen Buchstaben, deren Aussage leicht herauszufinden ist: „Sankt Sebastian, bitte für uns.“

Der heilige Sebastian (Gedenktag 20. Januar) war ein Soldatenheiliger in der frühen Kirche. Er hat die Prätorianer-Garde, die Leibgarde des römischen Kaisers, angeführt und ist wegen seinem christlichen Glauben in Ungnade gefallen. Wie es damals für einen Soldaten üblich war, wurde er zum Tod durch Erschießen verurteilt. Darum sehen wir in vielen Kirchen die grausame Darstellung des jungen Mannes, der an einen Baumstamm gebunden und mit Pfeilen durchbohrt ist.

Trotz des Schreckens, der hier bildlich festgehalten ist, genoss der heilige Sebastian immer schon eine große Verehrung und das besonders in Perioden, in denen es den Menschen am schlechtesten ging. Dazu gehörten Zeiten der Pest. So ist Sebastian auch der Schutzheilige gegen diese Krankheit. Im Mittelalter gab es die Vorstellung, dass ein Pestengel seine Pfeile verschoss. Das galt als Grund, dass Menschen an der Seuche erkrankten und starben. Dagegen sollte der heilige Sebastian durch seine Fürsprache Schutz bieten. Er hatte ja selbst Erfahrung mit Pfeilen gemacht, die ihn letztlich nicht töten konnten, sondern ihn zum neuen Leben bei Gott führten.

Pfeile gibt es auch heute noch genug: spitze Bemerkungen, die verletzen; der stechende Schmerz von Ausgrenzung und Diskriminierung; der „Stich im Herzen“ bei der Erkenntnis eigener Schuld. In all dem will Jesus helfen. Der Märtyrer Sebastian, an den mich mein kleiner Pfeil erinnert, hat es so erfahren.     

Erfüllte Zeit

 

Mit dem Fest Taufe des Herrn, also kommenden Sonntag, endet die Weihnachtszeit. Nach alter Tradition gehört jedoch auch das Fest Darstellung des Herrn noch zum Weihnachtsfestkreis. Es wird auch „Mariä Lichtmess“ genannt und am 2. Februar gefeiert. Das Licht von Weihnachten leuchtet hier nochmal auf. So bleiben vielerorts in Kirchen und Häusern bis zu diesem Termin Christbäume und Krippen stehen. Am Ende der Weihnachtszeit kann man sich fragen: Was ist für mich die wichtigste Botschaft von Weihnachten?

Ich denke da an zwei Bibelverse, die am Neujahrstag, dem Hochfest der Gottesmutter Maria, im Gottesdienst in der zweiten Lesung vorkamen. Es heißt im Galaterbrief: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.“ (Gal 4,4f.) 

Mit anderen Worten heißt das: Gott wird in Jesus einer von uns. Er nimmt das menschliche Schicksal auf sich, das „Gesetz“, also das wie gesetzmäßig zum Leben Dazugehörende, sprich Verlorenheit, Leid und Tod, das uns Menschen auferlegt ist. So wird Gott einer von uns, aber gleichzeitig werden auch wir Menschen Kinder von ihm. „Sohnschaft“ bedeutet Kindschaft. Die Menschen werden Töchter und Söhne Gottes. Das hebt uns gleichsam zu Gott empor und schenkt uns Hoffnung auf unverlierbare Zukunft, ewiges Leben.

„Erfüllte Zeit“ meint, dass ich mich in allen Lebenslagen von Gott gehalten wissen darf. Ganz eindrucksvoll zeigen mir die Bedeutung dieser Vorstellung Begegnungen mit Menschen in der Seelsorge. Da ist für jemanden die Begleitung eines sterbenden Angehörigen im Hospiz eine erfüllte Zeit. Für einen anderen ist die Zeit einer Krankheit eine erfüllte Zeit, weil er da wieder neu erkannt hat, wie wertvoll das Leben ist. Für den nächsten kann eine Krise eine erfüllte Zeit sein, weil sich in ihr neue Perspektiven zeigten. Das sind für mich Zeichen für das Potenzial, das Glaube beinhalten kann.  

 

Brillantfeuerwerk

 

Feuerwerke sind nicht ganz unumstritten und es gibt in der Tat ein Für und Wieder für das Spektakel, das uns an Silvester erwartet. Vor nicht allzu langer Zeit war in den Medien die Rede von aus dem Ausland illegal eingeführten Knallkörpern, die eine Gefahr für die Menschen darstellen, die sie zünden. Es gibt auch die Diskussion über den wirtschaftlichen Sinn und Unsinn des Silvesterfeuerwerks mit dem Hinweis darauf, dass Millionen Euro in den Himmel geschossen werden, die in sozialen Projekten viel sinnvoller angelegt gewesen wären. 

Das ist sicher alles wahr und richtig. Und doch üben daneben professionell hergestellte und gezündete Feuerwerke eine gewisse Faszination aus. So kann sich nur schlecht jemand, etwa bei einem Volksfest, der Schönheit so einer pyrotechnischen Darbietung entziehen. Gesteigert wird dieses Erlebnis noch beim Seefest, bei dem sich die am nächtlichen Himmel sichtbaren Licht-, Funken- und Feuerfontänen auf der Wasseroberfläche spiegeln und so der Leucht-Effekt verstärkt wird. 

In seiner Vielfalt ist ein Feuerwerk auch ein Vergleich für Phänomene, die uns in unserer Lebenswelt begegnen. Ein besonders ideenreicher Mensch, kann regelrecht wie ein Feuerwerk sprühen von guten und kreativen Einfällen. Große Künstler legen etwa solche Eigenschaften an den Tag, die an ihren Werken sichtbar werden. Ein besonders guter Wein oder eine delikate Speise kann auf den Geschmacksnerven ein Feuerwerk verursachen. Das würden manche Weinkenner oder Feinschmecker sagen. 

Mit einem Brillantfeuerwerk, also einem Licht-Ereignis, das sich durch eine besondere Vielfalt, Farbenpracht und Brillanz auszeichnet, würde ich die ganze Schöpfung Gottes vergleichen. Oft wird das erst bei genauerem Hinsehen und unter dem Eindruck einer gewissen Achtsamkeit deutlich, die in vielen Lebensbereichen abhanden gekommen ist. Vielleicht wäre es ein guter Vorsatz, diese im ganz persönlichen Umfeld wieder neu zu befeuern! Ihnen allen wünsche ich ein gesegnetes neues Jahr!     

 

 

 

Die Zahl Vier

 

Wer schon einmal in Mittenwald war, kennt den beeindruckenden Blick auf das Karwendelgebirge, an dessen nördlicher Kette der Ort in Oberbayern liegt. Graue Felsformationen, im Winter mit dem leuchtenden Weiß des Schnees überzogen, zeigen sich dem Betrachter. Ein Gipfel fällt besonders ins Auge: die Viererspitze. Das ist ein markanter Spitz an dessen Vorderseite, womöglich durch Auswaschungen, schwarze Streifen entstanden sind, die der Zahl Vier ähneln. Diese Laune der Natur hat dem Berg seinen Namen gegeben.

Was hier willkürlich, durch geologische Vorgänge entstanden ist, bringt mich zum Nachdenken. Die Zahl Vier, die sich hier abbildet, hat eine besondere Bedeutung in Kultur und Religion und passt auch gut in die adventliche Zeit, die zum Beginn der neuen Woche, nach dem vierten Adventssonntag, im Weihnachtsgeheimnis mündet.

Bleibe ich bei der Schöpfung, komme ich an der Zahl Vier nicht vorbei. Die vier Jahreszeiten regeln den Kreislauf der Natur. In den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde, sahen die griechischen Philosophen die Grundbestandteile von allem, was wir in der Welt wahrnehmen können. Die vier Himmelsrichtungen zu kennen, war schon immer die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen orientieren konnten, in ihrem Bemühen, ferne Ziele sicher zu erreichen.

Im Christentum hat die Zahl Vier ebenfalls einen hohen Stellenwert. Die vier Evangelisten berichten uns über das heilbringende Handeln Jesu. Die vier Erzengel verkörpern göttliche Mächte, die in der Welt wirken. Die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung möchten dem Menschen zu einem gelingenden Leben verhelfen.

Momentan beschäftigen uns natürlich, wie gesagt, die vier Adventssonntage. Die Zahl der Lichter am Adventskranz erreicht am kommenden Sonntag die Zahl Vier. Zahlen- und Lichtsymbolik spielen zusammen und möchten uns erkennen lassen, dass wir auf etwas ganz Zentrales zugehen: Weihnachten. Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Fest der Geburt Jesu!

 

 

 

 

Freut euch!

 

 

In diesen Tagen im Advent kann in manchen Kirchen dem Besucher etwas Besonderes und auch Erstaunliches begegnen. Und das ausgerechnet an einem Gegenstand, der einem in dieser Zeit im Kirchenjahr besonders vertraut ist: am Adventskranz. Manchmal sind da drei violette und eine rosa Kerze drauf. Was auf den ersten Blick wie ein Fehler oder Versehen aussieht, hat einen tieferen Sinn. Ich finde es schön, dass der auch auf diese Weise in der Liturgie sichtbar gemacht werden kann. Die Kerzen am Adventskranz stehen für die vier Adventsonntage. Violett ist die liturgische Farbe im Advent. Es ist die Farbe von Umkehr und Buße. So ist der Advent so etwas wie eine „kleine“ Fastenzeit. Ein Sonntag in dieser Zeit hat jedoch einen ganz eigenen Charakter. Das ist der dritte Adventsonntag, der auch „Sonntag Gaudéte“ heißt, was so viel bedeutet wie „freut euch!“. Daher rührt dann die rosa Farbe einer Kerze. Das dunkle Violett ist schon ein wenig heller. Das bedeutet, es strahlt schon ein wenig Christus auf. Wir dürfen uns auch in der dunklen Zeit schon freuen, denn Christus ist nah. Noch an einer zweiten Sache wird das in den Gottesdiensten deutlich: Am Sonntag Gaudéte darf der Priester ein rosa Messgewand tragen. Außer zu diesem Anlass ist das sonst nur noch am Sonntag Laetáre der Fall. Das ist der vierte Fastensonntag, an dem schon ein wenig der Akzent auf der Auferstehung liegt.

„Gaudete!“, „freut euch!“, diese Worte gilt es, für uns Christen, wörtlich zu nehmen. Denn das Dunkel der Sorgen, die uns im Leben bedrücken und die Finsternis von Trauer und Leid werden hell durch Jesus, dessen Ankunft wir erwarten. Wir warten noch auf ihn und doch ist er schon da, in jedem guten Wort, in jedem freundlichen Blick, in jeder helfenden Tat, in jeder herzlichen Geste, die Menschen einander schenken. Freilich müssen wir daran immer wieder erinnert werden. Dazu dienen in herausragender Weise auch die Symbole und Zeichen der Kirche, auch vier eigentümlich gefärbte Kerzen am Adventskranz.

 

 

Krippenbau kann wie Gebet sein

 

Eine schöne Beschäftigung in der Adventszeit ist, die Weihnachtskrippe auszupacken, das ein oder andere zu ergänzen oder vielleicht gleich eine neue Krippe zu bauen. Besonders schön ist es, wenn das Krippenbauen schon viel früher begann und das Werk dann pünktlich zum Fest fertig ist. So ist es bei mir vor etlichen Jahren geschehen. In einer Ausstellung über Papierkrippen bekam ich Zugang zur Form des mittelschwäbischen Krippenberges. Das ist ein Aufbau aus Wurzeln und knorrigen Hölzern, die ich bei Spaziergängen gesammelt hatte. Das wird auf eine Grundplatte aus Sperrholz geleimt, die mit Seitenwänden versehen ist. Den Aufbau zu vollziehen ist fast wie ein Gebet, wenn man die Symbolik der Materialien betrachtet, die verwendet werden. 

Auf der Grundplatte befindet sich der Stall. Sein Dach ist mit Kornähren gedeckt. Das erinnert an die Eucharistie, die Jesus beim letzten Abendmahl an seine Jünger weitergegeben hat. Das ist ein Zeichen für das Brot, das der Leib Christi ist. An den Seiten des Berges führen kleine Wege in Serpentinen nach oben. Hier und dort ist eine Rebe mit Trauben aus Pappmaché zu sehen. Die stehen für den Wein, den Jesus als sein Blut den Jüngern reichte. Der Berg ist an manchen Stellen mit Schnecken und Muscheln verziert. Die symbolisieren den Weg, der durch das Labyrinth des Lebens zu Gott führt und die Pilgerschaft, die der Mensch in seinem Leben vollzieht und die in die Gemeinschaft mit Gott mündet. Auch die Bergesgipfel deuten darauf hin.

Dann kommen noch die Figuren. Papierkrippen wurden früher in der kalten Jahreszeit, wenn keine Aufträge vorhanden waren, von Kirchenmalern hergestellt und zum Hinzuverdienst verkauft. Heute noch gibt es in gut sortierten Buchläden Faksimile-Ausschneidebögen nach altem Vorbild. Die Figuren sprechen für sich. Die biblische Geschichte wird durch sie in meiner Wohnung lebendig. An Heilig Abend kommt das Jesuskind in die Krippe. Es ist wie das Amen eines besinnlichen Gebetes im Advent.

 

Technikgläubigkeit

 

Manche Menschen glauben, dass man mithilfe der Technik alles bewirken kann. Gentechnologie, angewandt bei Pflanzen, schafft Resistenz gegen Krankheiten und Schädlinge. Das erhöht die Fruchtbarkeit und hilft, die Nahrungsversorgung der Menschheit zu verbessern. Moderne Methoden in der Medizin, die mit der Diagnostik von Krankheiten zu tun haben, ermöglichen, den perfekten Menschen zu schaffen. Die moderne Kommunikation nimmt solche Ausmaße an, dass der Mensch plötzlich völlig transparent geworden ist. Persönliche Eigenheiten, Prägungen und Vorlieben werden für jedermann sichtbar. Das hört sich alles sehr ambivalent an und überzeugt eher nicht. Wenn die Gedanken weitergesponnen werden, kann ein zutiefst Menschen- und Schöpfungsverachtendes Moment zum Tragen kommen. Menschliche Werte werden zugunsten einer tiefen Technikgläubigkeit geopfert.

Der große deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt: „Denn es ist doch zuletzt nur der Geist, der jede Technik lebendig macht.“ Mir sagt das: Bei aller Technikgläubigkeit ist es möglich, zu unterscheiden, aus welchem Geist heraus manche Errungenschaften entstanden sind. Ich möchte das bei den oben genannten jedem selbst überlassen.

Es gibt noch andere Beispiele, die einem vielleicht freundlicheren Geist entstammen könnten. Da ist der schnittige Sportwagen, den engagierte Ingenieure mit Liebe entwickelt haben und der die Herzen von Autofreunden höher schlagen lässt. Da ist die Brille, deren Erfindung das Leben der Menschen revolutioniert hat. Da sind Archetypen von Gebrauchsgegenständen, deren Geradlinigkeit und Schönheit nie mehr erreicht wurden. Es ist schön, in unserer Welt die Augen offen zu halten, für so manches Kleinod, das sich schon in den kleinsten und scheinbar unwichtigsten Dingen zeigt. Wer das erkennt, den kann die Technikgläubigkeit auf Gott verweisen, der es durch die Vernunftbegabung des Menschen erst möglich macht, dass auch technische Dinge einen gewissen Geist atmen können. 

 

 

Etwas ganz Besonderes

 

Es war schon etwas ganz Besonderes, das da geschah, am 11. August 1999. An diesem Tag ereignete sich eine, in unseren Breiten sichtbare, totale Sonnenfinsternis. Ich erinnere mich noch gut. Ich war an diesem Tag bei der Firma, in der ich damals arbeitete, in meinem Büro. Viele Kollegen hatten sich mit einer, in diesen Tagen überall schon vergriffenen, Schutzbrille aus schwarzer Folie eingedeckt. Damit konnte man das Naturschauspiel ohne Schaden für die Augen beobachten. Gegen elf Uhr ging es los. Gemeinsam mit den anderen ging ich ins Freie hinaus. Wir stiegen auf eine kleine Anhöhe in der Nähe des Hauses. Leider war der Himmel sehr bewölkt. Konnten wir das Schauspiel überhaupt sehen, das sich bot, wenn sich der Mond vor die Sonne schob? Es war spannend. Es wurde dunkler und dunkler. Das Gezwitscher der Vögel verstummte. Da! Ich kann mich gut erinnern. Für einen kurzen Moment öffnete sich die Wolkendecke und ich sah die Korona, den Kranz, den die Sonnenatmosphäre im Hintergrund der schwarzen Mondscheibe sichtbar werden lässt. Das war ein Anblick, den ich niemals vergesse – etwas ganz Besonderes.

Das Evangelium von diesem Sonntag erinnert mich an die geschilderte Begebenheit. Dort sagt Jesus: „Aber in jenen Tagen, nach jener Drangsal, wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“ (Mk 13,24f.). Jesus spricht hier von der Endzeit, von seinem Kommen, wenn die Welt vollendet wird. Ich sehe hier auch einen Bezug zum Ende des persönlichen Lebens. Ich glaube, das wird mich zunächst auch erschüttern. Doch dann zeigt sich das Besondere, das nicht Gekannte, das Unerwartete. Jesus sagt auch: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mk 13,31). Das ist tröstlich, auch angesichts der Tatsache, dass die nächste totale Sonnenfinsternis erst am 3. September 2081 sein wird und ich sie nicht mehr persönlich sehen kann.  

 

 

Rasante Entwicklung

 

Es ist noch nicht so lange her, seit die Menschen mit motorisierten Gerätschaften unterwegs sind. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung ist zweifellos die Erfindung des sogenannten „Reitwagens“ durch die schwäbischen Tüftler und Automobilpioniere Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Die erste Probefahrt mit diesem Vorläufer des Motorrads fand am 10. November 1885 zwischen Cannstatt und Untertürkheim statt. Seit dieser Zeit sind im Blick auf die Menschheitsgeschichte, die mit dem Erscheinen der ersten Hominiden vor ca. zwei Millionen Jahren beginnt, gerade mal 140 Jahre vergangen. In dieser relativ kurzen Zeit hat die Entwicklung der Fortbewegungsmittel und der technischen Errungenschaften der Menschheit überhaupt, eine rasante Geschwindigkeit aufgenommen. Bereits ein Jahr nach dem Reitwagen gab es die ersten Automobile. Die Eisenbahn wurde nicht sehr viel früher erfunden. Die motorisierte Luftfahrt begann fünfzehn Jahre später. Die maschinenbetriebene Schifffahrt entwuchs gerade den Kinderschuhen. Heute sprechen wir von Hochgeschwindigkeitszügen, Großraumflugzeugen, hypermodernen Riesenkreuzfahrtschiffen sowie autonomem Fahren, alternativen Antrieben und neuartigen Energiequellen, ganz zu schweigen von den Entwicklungen in der Weltraumfahrt mit Satelliten, Raumstationen und Mars-Sonden. So imposant, wie diese Entwicklung ist, verlangt sie vom Menschen auch ein äußerst hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein. Angesichts solcher Überlegungen fühle ich mich ganz klein. Die frühen Erfinder haben auch klein angefangen und dann Großes bewirkt. Es muss ja nicht gleich eine neuartige Erfindung sein. Es genügt, Gott als den anzuerkennen, dem der Mensch sich letztendlich verdankt. Dass der Mensch vernunftbegabt ist, kommt für mich nicht von ungefähr. Hier wird die Gottebenbildlichkeit jedes Individuums deutlich. Vor diesem Hintergrund sind auch solche Erfindungen wie der Reitwagen ein Hinweis auf die Kreativität des Menschen, die ihm von Gott verliehen wurde.   

 

 

Echt Nussbaum

 

Glücklich kann sich der schätzen, der einen Walnussbaum im Garten hat. Der verliert zwar jetzt seine Blätter, die nicht so gut kompostiert werden können und zu einer schwarzen Masse zerfallen. In der Regel hat er aber in diesem Jahr reiche Frucht getragen: schöne Walnüsse, die wohlschmeckend sind und den Fernsehabend verschönern. Doch die Nüsse haben noch andere Qualitäten. Sie haben beispielsweise einen hohen gesundheitlichen Nutzen. Sie enthalten viele Inhaltsstoffe, die sich positiv bei Bluthochdruck und Diabetes auswirken. Auch in der Küche erfüllt die Walnuss einen guten Zweck. Was wäre die Weihnachtsbäckerei ohne sie? Bemerkenswert ist auch die Form des Nusskernes. Er ähnelt dem menschlichen Großhirn. Wer hat nicht schon mal den Begriff „Gehirnnahrung“ gehört, wenn von der Walnuss gesprochen wurde. So soll sie auch der Verbesserung des Gedächtnisses dienen. Die Früchte des Walnussbaumes wurden auch schon religiös interpretiert. Der Kern erinnert an den Körper Jesu Christi, der in Marias Schoß wie in einer Schale herangewachsen ist. Die bittere Haut, mit welcher der Kern umhüllt ist, lässt an das bittere Leiden des Gottessohnes denken und die harte, holzige Umhüllung an das Holz des Kreuzes. Apropos Holz, das Holz des Walnussbaumes ist sehr edel. Es wird für den Bau exklusiver Möbel verwendet. Hier führt mich die Spur nach Frankreich in den berühmten Landstrich Périgord. Es gibt dort sehr viele Walnusshaine, die wirtschaftlich genutzt werden. Die aromatischen Kerne sind sehr begehrt, genau wie das schmackhafte Öl, das aus ihnen gepresst wird. Auch hier wird nochmal ein Gottesbezug deutlich: Besucht man die Kathedrale Saint Front in der Gebietshauptstadt Périgueux, kann man dort einen großartigen Hochaltar, geschnitzt aus feinstem Nussbaumholz, entdecken. Das außerordentliche Bildwerk stellt die Himmelfahrt Mariens dar und diente Generationen von Gläubigen zu Andacht und Einkehr. Es ist also schon ein erstaunliches Gewächs – echt Nussbaum eben.     

 

 

 

Sydney

 

Wenn ich den Namen der Stadt Sydney höre, die an der Ostküste Australiens liegt, sehe ich vor meinem inneren Auge ein Gebilde, das wie eine sich öffnende Seerose aussieht oder wie ein Insekt oder Meerestier, das chitinbewehrt den äußeren Einflüssen trotzt. Es könnten auch Buge von Schiffen sein, die ineinander gestapelt senkrecht in die Höhe ragen. Das Gebilde auf einer Halbinsel im Hafen der Stadt lässt auch an riesige Schnäbel von Vögeln denken, die kunstvoll, nach Größe geordnet, aufgerichtet sind. Nicht nur Kenner des Landes erraten sofort, was ich mit dieser Beschreibung meine: das Sydney Opera House. Es lohnt sich, über das ganz mit hellen Fliesen bedeckte Gebäude gerade in diesen Tagen nachzudenken, da es am 20. Oktober 1973, also genau vor 45 Jahren, von Königin Elisabeth II. feierlich eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben worden ist. Dies geschah begleitet von den Tönen des ersten Konzerts, bei dem Beethovens neunte Symphonie mit der „Ode an die Freude“ erklang. Geschaffen hat das Werk der dänische Architekt Jørn Utzon mit seinem Team nach mühevoller Berechnung der Statik und anderen größeren Problemen. Dass Menschen so etwas hervorbringen können ist unglaublich und grenzt für mich an ein Wunder. Da sind zum einen der künstlerische Verstand, das Gefühl für Ästhetik und die Phantasie, dann spielen natürlich auch das technische Geschick und die Handfertigkeit der Ingenieure und Handwerker eine entscheidende Rolle. Das vollendete Werk ist dann ein beseeltes Objekt, Produkt von Herzblut, das viele dafür hergegeben haben. Der Mensch erhält damit Anteil am Schöpfungshandeln Gottes, das überaus vielfältig in der Natur zu beobachten ist. Schade, dass durch die Hand des Menschen auch so viel Ungutes geschieht. Das zeigt sich immer wieder. Vielleicht können Objekte der Kunst und Architektur wie Mahnmale für eine bessere Welt sein, in der die Würde des Menschen geachtet wird, weil er ein Geschöpf Gottes und gleichzeitig Mitschöpfer an dessen Schöpfung ist.

 

 

Reineclaude

 

 

In diesem Jahr gibt es in den Gärten wahnsinnig viel Obst, Beeren und Nüsse. Die Menschen kommen gar nicht mehr nach, alles zu ernten und zu verarbeiten. Die Obstpressen sind ausgebucht und nicht wenige Früchte bleiben in den Gärten zurück, bis sie auf natürlichem Weg ihre Bestimmung als Dünger auf dem Kompost erreichen. Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Trauben, Quitten, Mispeln und die verschiedensten Beeren, Nüsse und Körner; alles bietet sich dem Menschen an, als dessen Nahrung und Schlüssel und Mittel zum Wohlergehen. Bei all dem darf eine unscheinbare aber wohlschmeckende Frucht nicht vergessen werden: die Reineclaude oder Reneklode. Viele haben diesen Namen schon gehört. Doch was verbirgt sich dahinter? Es handelt sich um eine besondere Pflaumenart, ja eine Edelpflaume. Sie gehört zu den Steinobstgewächsen und ist meist grüngelb, aber auch gelb, blau oder rot gefärbt. Ihr Fruchtfleisch ist saftig und wohlschmeckend. So ist sie zum sofort essen wie zum Backen gleichermaßen geeignet. Doch wo kommt dieser sonderbare Name her – Reneklode? Um das zu ergründen ist es wichtig, sich in der Geschichte umzusehen. Dabei stößt der Frager und Sucher auf eine besondere Frau. Es ist Claude de France (1499-1524), Tochter des französischen Königs Ludwig XII. und spätere Königin: Reine Claude. Sie hat der Frucht ihren Namen gegeben. In all dem strahlt Gott auf: in der Mannigfaltigkeit der Früchte, welche die Natur hervorbringt, für die wir ihm an Erntedank die Ehre erwiesen, und im Leben einer Frau wie dieser, die sehr der Religion zugetan war und die Gott in ihrem Leben suchte. Ein Zeugnis dafür ist die Fibel der Claude von Frankreich. Das ist ein Gebetbuch aus dem persönlichen Besitz der Königin, das bis heute erhalten ist. Es enthält neben schönen Miniaturen, das sind gekonnt gemalte kleine Bilder, viele Texte des Glaubens. All das ist wie die Mannigfaltigkeit der Früchte der Natur, zu denen auch die Reineclaude gehört, ein Zeichen für das Wirken Gottes in unserer Welt.

 

 

Zwei heilige Ärzte

 

In dieser Woche im Jahreskreis der Kirche spielen zwei Heilige eine Rolle, die sich als Heilkundige einen Namen gemacht haben: Kosmas und Damian (Gedenktag 26. September). Ihr Leben ist mehr legendär als durch historische Fakten belegt, aber die Entstehung einer Tradition der Verehrung von frühen Heiligen deutet durchaus darauf hin, dass sie wirklich gelebt haben. Die Zwillingsbrüder Cosmas und Damianus, wie sie auch genannt werden, haben ihren Ursprung in Syrien. Sie starben um das Jahr 287 im Süden der heutigen Türkei. Der spärlichen Überlieferung nach, fanden sie in der Christenverfolgung des römischen Kaisers Diokletian den Märtyrertod. Eine Legende wird berichtet, nach der die beiden antiken Ärzte, die ihre Patienten stets unentgeltlich behandelten, ein Beinwunder bewirkt haben, was in moderner Sprache der Transplantation des betreffenden Körperteils gleichkommt.

Was an der Lebensgeschichte von Kosmas und Damian wahr ist und was unter Umständen hinzuinterpretiert wurde, wissen wir nicht mit Sicherheit. Eines ist für mich jedoch wesentlich: Es gab zu allen Zeiten und in allen Kulturen Menschen, welche die Fähigkeit hatten, ihren Zeitgenossen auf ärztlichem Wege zu helfen, Leid zu lindern und viele Krankheiten zu heilen. Der Ausspruch „gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“ und die Tatsache, dass durch die moderne Medizin, ausgeübt von dafür talentierten und dazu berufenen Menschen, soviel Gutes bewirkt werden kann, sind mit ein Zeichen dafür, dass der Schöpfer ein „heilsames Moment“ bereits im Werden der Welt und der Arten grundgelegt hat. Nichts anderes zeigt uns Jesus durch seine Heilungs- und Erweckungswunder. 

Selbst, wo ärztliches Handeln angesichts des sicheren Todes seine Grenzen erreicht, führt Glauben noch weiter. Der Glaube verheißt Auferstehung und ewiges Leben – einen Zustand, den, nach dem Zeugnis der Kirche, die zwei heiligen Ärzte Kosmas und Damian bereits erreicht haben und der auch jedem anderen Menschenkind verheißen ist.  

 

Alles für die Katz

 

„Das ist alles für die Katz …“, sagt man, wenn etwas völlig umsonst ist, wenn überhaupt kein Ertrag von einer Verhaltensweise oder einem materiellen Einsatz zu erwarten ist. Der Ausspruch geht zurück auf eine Geschichte, in der ein Schmid für seine gute Arbeit keinen Lohn erhält, sondern immer nur ein mehr oder weniger gut gemeintes „Danke!“. All diese brotlosen Werte lässt er seiner Katze zukommen, die bei so einer mageren Kost natürlich nicht überleben kann.

„Das ist alles für die Katz …“ lässt auch an ein Geschäft für Haustierbedarf denken. Wer in ein solches kommt, kann entdecken, was es alles für die Katze gibt. Da sind zunächst natürlich die verschiedensten Sorten Futter, trocken oder nass. Es gibt spezielle Katzenmilch. Dazu gibt es die passenden Schälchen in allen Farben und Formen. Zur Unterhaltung des Vierbeiners gibt es Katzenspielzeug. Auch Katzenstreu für das stille Örtchen darf nicht fehlen.

„Das ist alles für die Katz …“ – diese Worte können also auch anders verstanden werden. Für den passionierten Katzenfreund sind das für solche Dinge investierte Geld und die Energie alles andere als vergebens verwendet, sondern kommen einem guten Freund und Begleiter zu Gute. Katzen sind zwar eigenwillige, aber auch sehr anschmiegsame Tiere, die sich nicht so leicht anpassen, die aber umso mehr Zuneigung zeigen, wenn man einmal ihr Vertrauen gewonnen hat. So haben viele Menschen einen Stubentiger als treuen Gefährten.

Die Katze kommt zwar in der Bibel nur ganz am Rande vor, hat aber trotzdem auch einen Gottesbezug. Der große deutsche Dichter Hermann Hesse hat einmal gesagt: „Die unschuldigen Pflanzen und Tiere sind von Gott in des Menschen Hand gegeben, dass er sie liebe und mit ihnen wie mit schwächeren Geschwistern lebe.“ Das heißt: nicht nur wo Menschen gut auskommen, sondern auch wo Tierliebe gelingt, spürt man schon in dieser Welt das Reich Gottes und so ist alle Zuneigung zu einem lieben Haustier um Himmels Willen bestimmt nicht „für die Katz“!

 

Das Gewand

 

In den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erregten einige Monumentalfilme großes Aufsehen. Einer von ihnen ist „Das Gewand“ von Regisseur Henry Koster, der am 16. September 1953 in den USA uraufgeführt wurde. In ungewohnt brillanten Farben kam der Film, der mit dem CinemaSkope-Verfahren hergestellt wurde, in die Kinos. Der Streifen wurde mit zwei Oscars und einem Golden Globe ausgezeichnet und beschreibt die Geschehnisse um den Verbleib des Kleides Jesu, welches ihm bei seiner Kreuzigung geraubt wurde und um das seine Peiniger spielten. Wenn auch die Handlung des Films wohl nicht ganz den historischen Tatsachen entspricht, so zieht er doch Menschen in seinen Bann. Das Geheimnis des Gewandes Jesu bewegt die Gemüter.

Das ist bis heute so geblieben. In Trier finden in jedem Jahr die Heilig-Rock-Tage statt. In der Bischofsstadt in Rheinland-Pfalz befindet sich eine besondere Reliquie: das Gewand, das Jesus getragen haben soll. Alter und Herkunft der Tunika können nicht genau bestimmt werden und doch zieht das Gewebe viele Menschen in seinen Bann. Einmal im Jahr dürfen die Gläubigen die Heiltumskammer des Trierer Domes begehen und das Kleid, gesichert hinter mehreren Schichten Glas, betrachten. Offen gezeigt wird es nur bei den Heilig-Rock-Wallfahrten, die nur in unregelmäßigen Abständen stattfinden.

Menschen suchen intuitiv Zeichen, die sie an eine höhere Wirklichkeit erinnern und die den Glauben und seine Sinnhaftigkeit belegen sollen. Bis ins Letzte kann jedoch diese Sehnsucht nicht gestillt werden – Glauben bleibt Glauben. Helfen will dabei eine andere Textilie: das Taufkleid. Das wird dem neuen Christen angezogen mit den Worten: „In der Taufe bist du eine neue Schöpfung geworden und hast, wie die Schrift sagt, Christus angezogen. Das weiße Gewand sei dir ein Zeichen für diese Würde. Bewahre sie für das ewige Leben.“ – Jesus wie ein geistiges Gewand tragen, sich in ihm geborgen wissen und im nah sein, das ist es, worauf es im Leben des Christen ankommt.

Effata!

 

Das Wörtchen „effata“ begegnet dem Zuhörer in unserer Kirche bei jeder Taufe. Ziemlich am Ende der liturgischen Feier sagt es der Priester zu dem Täufling und berührt symbolhaft dessen Ohren und Mund. Es ist interessant, der Bedeutung dieses Wortes nachzuspüren. Das hilft, Glaubensvollzüge wie die Taufe besser zu verstehen. 

„Effata!“, das heiß „öffne dich!“ und kommt aus dem Aramäischen, der Muttersprache Jesu. In der Bibel finden wir dieses Wort im Markusevangelium, Kapitel Sieben, Verse 33 bis 35, dem Text, der uns am kommenden Sonntag im Gottesdienst begegnet. Dort wird geschildert, wie Jesus mit dem Wort „effata!“ einen Taubstummen heilt: „Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.“ Was sich für unsere Ohren etwas befremdlich anhört, möchte doch eine tiefe Glaubenswahrheit ausdrücken: Wer ganz in der Nähe Jesu ist, erfährt zutiefst Veränderung und Heilung. Das haben Menschen damals so intensiv erfahren, dass sie die Wunderberichte zunächst weitererzählt und dann aufgeschrieben haben. So sind sie für uns erhalten geblieben; so kann auch uns dieses Wort ansprechen: „Effata!“, „öffne dich!“ 

In unserer modernen Welt gibt es so viele Botschaften, die an unser Ohr dringen. Dazu gehören Schreckensnachrichten in den Medien genauso, wie „Tweets“ und „Postings“ in den neuen Medien, „Fake News“ und „alternative Wahrheiten“. Schon allein diese Begriffe verunsichern. Der Glaube möchte da helfen, gemäß dem Wort „effata“ offen zu sein für die gute Botschaft des Evangeliums oder, wenn man so will, der Menschlichkeit und des Gottvertrauens, und sie weiter zu erzählen. Das sind oft gerade die leisen Töne, für die schon bei der Taufe das Gehör und der Mund des Menschen geöffnet werden soll.

 

 

Wann kommt Regen?

 

In Zeiten anhaltender Trockenheit sehnt sich die Natur nach Regen. Es herrscht Waldbrandgefahr. Pflanzen vertrocknen auf Wiesen und Feldern. Tiere finden keine Nahrung. Durch die Erwärmung von Gewässern und den niedrigen Pegel ist der Fischbestand gefährdet. So werden in manchen Gegenden staatlicherseits Maßnahmen ergriffen: etwa dass Naturschutzgebiete als Weideland freigegeben werden oder dass gebeten wird, nicht mehr zu angeln und Boot zu fahren. Einen Nutzen können dem Ganzen lediglich einige Archäologen abgewinnen. Einem Bericht zufolge verhalten sich Entwicklung und farbliche Erscheinung von Pflanzen bei Dürre je nach Untergrund anders, sodass in der Luftbild-Archäologie bisher unentdeckte, in der Erde begrabene Gebäudereste und Grabhügel aus frühen Zeiten auf einmal sichtbar werden. All das zeigt: Wasserknappheit ist nicht nur ein Problem der Dürreregionen in der weiten Welt. Es betrifft auch uns. Wann kommt er endlich, der lang ersehnte Regen, das lebensspendende Nass?

Was in der Natur vorkommt, kann auch die menschliche Seele treffen. Man spricht von geistlicher Trockenheit. Ich sehe mich nicht mehr hinaus angesichts meiner Aufgaben, Sorgen und Probleme. Ich komme nicht mehr zur Ruhe. Es gibt scheinbar nichts, was mir Halt geben kann. Wer hat so etwas nicht schon einmal erlebt? Wann kommt Regen? Was bringt Hilfe? Zunächst ist da die Gelassenheit ganz wichtig und mir bewusst zu machen, dass ich nicht alles leisten kann und muss. Dann ist da der Glaube, der helfen will. Ein bekanntes Jesuswort habe ich selbst schon als sehr hilfreich erfahren. Sie werden es kennen: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele“ (Mt 11,28f.). „Wenn ER es sagt, dann ist es so!“, dachte ich und es hat geholfen – wie Regen bei Trockenheit. Lassen wir auch nicht nach, um den Regen für die Natur zu beten!

 

Himmelsbrot

 

 

Ich kann mich noch gut erinnern, dass uns unser Lehrer in der dritten Klasse aus dem Buch Exodus vorlas. Es war die Stelle, in der die Israeliten in der Wüste am Verhungern waren und von Gott mit Manna und Wachteln genährt wurden. Ein Mitschüler fragte den Lehrer: „Wie schmeckte eigentliche dieses Manna?“ „Das Manna schmeckte wie eine Honigsemmel!“ war die Antwort des guten, bodenständigen Pädagogen. Seitdem muss ich immer an diese Worte denken, wenn ich eine Honigsemmel esse. Die Eigenschaften „süß“ und „knusprig“, die ich mit diesem Vergleich verbinde, sind wie Indiz und Versinnbildlichung für das Wohlergehen, das von Gott kommt und das er den Seinen verspricht. Das Manna ist mir später noch einmal begegnet. Ich war schon als Pastoralpraktikant tätig. Da entdeckte ich in einem Regal im Pfarrbüro ein Glas mit eigenartigen weißen Flocken. „Manna“ stand darauf. Dabei handelte es sich um den getrockneten Saft der sogenannten „Manna-Esche“, einer Baumart, die im östlichen Mittelmeerraum wächst. Ob das nun wirklich das Manna ist, das in der Bibel vorkommt, kann nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Eines jedoch ist bemerkenswert: Jesus greift das Beispiel vom Manna in der Wüste auf und hält es seinen Gegnern vor Augen. „Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben.“ Konkret werden diese Worte beim letzten Abendmahl. Hier wird deutlich, was Jesus meint. Er schenkt sich selbst den Aposteln in Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut und gibt ihnen gleichzeitig den Auftrag: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ So deuten wir katholischen Christen das Brot der Eucharistie als dieses „Himmelsbrot“, das ewiges Leben schenkt. Es ist ein Sinnbild dafür, dass jeder, der in inniger Weise mit Jesus verbunden ist, auch mit ihm aufersteht. Das ist eine Botschaft, die es wirklich lohnt, sie niemals zu vergessen. 

 

Marta und Maria

 

Am kommenden Sonntag hat eine fleißige Frau Namenstag: Marta von Betanien, die Schwester der Maria und des Lazarus, dem Freund Jesu, der vom Sohn Gottes, nachdem er bereits vier Tage vorher gestorben war, von den Toten auferweckt wurde. Ihr Fleiß ist sprichwörtlich. Begründet wird das im Lukas-Evangelium: „Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen“ (Lk 10,40). Sie bediente Jesus. Sie sorgte sich um sein leibliches Wohl. Sie setzte alle Hebel in Bewegung, damit es dem Gast an nichts fehlen sollte. In ihrem Tun grenzte sie sich klar von ihrer Schwester Maria ab, von der geschrieben steht: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu“ (Lk 10,39).

Wenn man nun fragt, welche der beiden Haltungen die richtige ist, meine ich, dass das gar nicht so einfach zu beantworten ist. Beides wird im Leben gebraucht: Menschen, die fleißig und voller Tatendrang Hand anlegen und auch die stillen und verborgenen Beter, die Gott suchen und probieren, ihm auf die Spur zu kommen und ihm zu folgen. Dann gibt aber Jesus doch wieder einen Hinweis, welche Verhaltensweise nach seiner Ansicht die Nase vorn hat: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden“ (Lk 10,41).

Genauer betrachtet passt die Geschichte gut für die vor uns liegende Ferien- und Urlaubszeit. Wer das ganze Jahr über eingespannt ist in die Anforderungen der Arbeitswelt und des Alltags, dem tut es gut, mal etwas anderes zu erleben. Ein Tapetenwechsel ab und an ist wohltuend, und sei es auch nur für einige Tage. Orte, die sich dafür anbieten, gibt es viele. Da ist einfach Gottes Schöpfung. Die sommerliche Natur ist so schön. Kulturelle Sehenswürdigkeiten zeugen ebenso von der schöpferischen Hand Gottes. Für Viele ist er freilich ganz intensiv im kirchlichen Raum zu erfahren. Das bezeugt Maria aber in gewisser Weise auch Marta. Denn beides gehört dazu: Aktion und Kontemplation.  

 

Ein großer Sprung für die Menschheit

 

Es ist „ein kleiner Schritt für einen Menschen aber ein großer Sprung für die Menschheit!“ – Diese Worte soll der amerikanische Astronaut Neil Armstrong am 21. Juli 1969 gesagt haben, nachdem er als erster Mensch den Mond betreten hat. Auch die später Geborenen kennen Fernsehbilder von der NASA-Mission „Apollo 11“ mit Schwerelosigkeit und Abdrücken von Weltraumstiefeln im Mondstaub. Was für das Prestige des Westens wichtig war, die Sowjets hatten ja bereits einige Jahre vorher den ersten bemannten Weltraumflug durchgeführt, zeugt vom Erfinderreichtum und Pioniergeist der menschlichen Zivilisation überhaupt. Es ist schon erstaunlich, was Menschen alles zuwege bringen. Und der Mensch möchte immer mehr erreichen und immer noch höher hinaus. Space-Shuttle, Raumstationen Mir und ISS, Weltraummissionen, die unbemannte Raumsonden bis in die Mars-Umlaufbahn bringen und ermöglichen, dass auf dem fernen Gestirn Roboter wissenschaftliche Werte ermitteln und zur Erde senden, sind weitere Zeugen für den Entdeckungsdrang des Menschen, ganz zu schweigen von den zahllosen anderen Errungenschaften von Wissenschaft und Technik. Doch wird er in diesen Dingen jemals an ein Ziel kommen? Wenn wir den Blick in die Zukunft richten, werden wir der Ansicht sein, dass die Entwicklung immer weiter geht. Aber gibt es nicht einmal eine Grenze? Eine solche ist sicherlich die Vergänglichkeit des Menschen und der Schöpfung. Die Medizin hat noch nicht das „Todes-Gen“ gefunden, um es außer Kraft zu setzten. So ist der Mensch im Letzten auf die Religion verwiesen. Will er die vollkommene Sinnerfahrung und Erfüllung schon in dieser Welt finden, wird er bald am Ende sein. Sucht er sie jedoch in einer transzendenten Welt, kann er schon im Hier und Jetzt viel gelassener leben, im Bewusstsein, dass er, begleitet von der Liebe Gottes, nie verloren gehen kann. Vielleicht wäre das der ultimative Sprung für einen Menschen und die ganze Menschheit: glauben zu können.    

 

Der Berg ruft

 

Ein handtellergroßes Stück dunkelgrün schimmernden, mit weißen Adern durchzogenen Steines, erinnert mich an ein besonderes Erlebnis. Es handelt sich um einen Besuch in Zermatt, im Schweizer Kanton Wallis. Bei Ankunft am späten Nachmittag bot dieses Reiseziel scheinbar nichts Besonderes. Es war bewölkt und regnete leicht. Nach dem Bezug des Quartiers lockte nur noch das Abendessen und dann, nach einem gemütlichen Abend, die nächtliche Ruhe. Am nächsten Morgen hatte es aufgeklart und da zeigte sich nun die wahre Attraktion dieses schönen Fleckchens Erde. Am Horizont ragte es Ehrfurcht gebietend in den Himmel empor: das Matterhorn. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Den Anblick des 4478 Meter hohen Berges assoziierte ich mit Worten wie diesen: wild, gewaltig, unerreichbar, gefährlich, lebensfeindlich, aber auch majestätisch, erhaben, ja mystisch. So hat es sicher auch die Gruppe von Männern erfahren, die gemeinsam mit dem Engländer Edward Whymper am 14. Juli 1865 die Erstbesteigung wagte. Dem Triumph folgte die Tragödie. Beim Abstieg stürzten vier Mitglieder der Seilschaft in die Tiefe und verunglückten tödlich. Mit dem Titel „Der Berg ruft“ wurden die Ereignisse unter Mitwirkung des bekannten Schauspielers und Bergsteigers Luis Trenker zum Stoff für einen Spielfilm. Beim Aufstieg bis zur Hörnli-Hütte (3260 m), der für den geübten Bergwanderer ohne besondere Sicherung möglich ist, durfte ich ein wenig die raue Atmosphäre des Berges erfahren. Doch dann folgte, mangels Können und Erfahrung, der Abstieg. Ein wenig sind solche Bergepisoden ein Bild für das Leben. So manche Aufgaben lassen sich trotz ihrer Schwere gut meistern, sie bescheren den innig erhofften Triumph. Daneben gibt es das Scheitern, das erbarmungslos jegliche Hoffnung zunichte macht. Es ist in solchen Fällen gut, wenn sich vorher die Erkenntnis des eigenen Unvermögens einstellt. Eines ist tröstlich: Der Glaube sagt, dass der Mensch in all diesen Situationen in Gottes Liebe geborgen ist!  

 

Dem Himmel entgegen

 

Am 30. Juni 1377 wurde der Grundstein für eine Kirche gelegt, die den höchsten Kirchturm der Welt hat: das Ulmer Münster. Das evangelische Gotteshaus beeindruckt mich sehr, zeigt es doch, wie die Gemeinschaftsarbeit vieler Menschen in einer Bauzeit von gut 500 Jahren, wenn auch mit Unterbrechungen, Großes zustande gebracht hat. Der Abschluss der Arbeiten am Münster wurde am 28. Juni 1890 mit einem feierlichen Festakt begangen. Wer den imposanten Turm mit seinen 161,5 Metern besteigt, gelangt in buchstäblich schwindelerregende Höhen. Besonders das letzte Stück des Weges fordert heraus: Eine enge Wendeltreppe führt bis ganz hinauf in die Spitze, zu einer Aussichtsplattform mit einem herrlichen Rundblick. Steigt man, nachdem man den genossen hat, die vielen Stufen wieder hinab, kann man als Untrainierter leicht weiche Knie bekommen. Da tut es gut, im Kirchenschiff Platz zu nehmen und die Stimmung des schönen Raumes auf sich wirken zu lassen. Unvermittelt kommen einem Gedanken wie diese in den Sinn: Was für ein Ringen um Entscheidungen muss es wohl in der Entstehungsgeschichte dieses Bauwerks bei den Beteiligten gegeben haben? Unter welchen Bedingungen haben die Bauleute gelebt und gearbeitet? Wie konnten die vielen architektonischen Herausforderungen gemeistert werden? Wie ging das mit den damaligen einfachen Mitteln? Wie viele Menschen haben wohl hier schon Zuflucht gefunden mit ihren Sorgen und Nöten? Was mag der Inhalt ihrer Gebete gewesen sein, die sie in diesem Raum an Gott gerichtet haben? Über so was nachzudenken, lässt mich staunen. Ich habe einen ganz besonderen und wichtigen Ort entdeckt – ein Gotteshaus. Es ist tatsächlich ein Haus in dem Gott wohnt. Es ist ein Ort der Begegnung des Menschen mit Gott, ein Ort an dem sich Himmel und Erde berühren und an dem ich über mich selbst hoch hinauswachsen kann. Dass es so etwas gibt, ist für mich ein starker Hinweis auf die Existenz Gottes, der im Menschen bewirkt, dass der sich ihm entgegenstreckt.

 

 

Ein großer Bekenner des Glaubens

 

Im ehemaligen Waldsanatorium bei Planegg und heutigen Alten- und Pflegeheim wird ein Zimmer sehr in Ehren gehalten. Es ist das Sterbezimmer eines großen Bekenners des Glaubens, des Priesters Karl Leisner (1915-1945). Er wurde am 23. Juni 1996 gemeinsam mit dem Berliner Dompropst und Märtyrer Bernhard Lichtenberg (1875-1943) von Papst Johannes Paul II. im Berliner Olympiastadion seliggesprochen. Schon vor meinem Besuch in dem oben genannten Zimmer ist mir eine andere Spur des Seligen begegnet: der Dachau-Altar in dem Priester- und Bildungshaus Berg Moriah in Simmern im Westerwald. Der Name dieses sakralen Inventars deutet eindringlich den Leidensweg Karl Leisners an. Sein geistlicher Weg begann in der katholischen Jugendarbeit. Er wurde von Clemens August Graf von Galen (1878-1946), dem damaligen Bischof von Münster, 1939 zum Diakon geweiht. Wegen kritischer Äußerungen gegen das Naziregime wurde er im darauffolgenden Jahr verhaftet. Schließlich kam er in das Konzentrationslager Dachau, wo er bis zur Befreiung durch die Amerikaner inhaftiert war. Dass selbst in der dunkelsten Stunde noch Hoffnung möglich ist, zeigt das Schicksal von Karl Leisner. Trotz widrigster Umstände und entgegen roher Gewalt und ständiger Bedrohung durch Hunger und Krankheit, gelang es, dort in dem grausamen Lager eine besondere Feier zu organisieren: seine Priesterweihe. Ein einfach zusammengezimmerter Altar war in der Lagerkapelle vorhanden. Der französische Bischof Gabriel Piguet (1887-1952), der ebenfalls inhaftiert war, bekam einen von Mithäftlingen geschnitzten Bischofsstab. So konnte die Feier stattfinden. Am 26. Dezember 1944, dem Gedenktag des ersten Märtyrers Stephanus, war Leisners Primiz. Das sollte seine einzige Heilige Messe als Priester bleiben, denn Karl Leisner war an Tuberkulose erkrankt. Auch nach der Befreiung war eine Genesung nicht mehr möglich. So starb er am 12. August 1945 als großer Bekenner des Glaubens und Zeuge des Lebens entgegen den Tod.

Unter den Linden

„Unter den Linden“ ist eine Prachtstraße in Berlin, aber man könnte auch sagen: „Unter den Linden gibt es ganz besondere Gewächse.“ Die Linde ist ein Laubbaum, der bei uns oft vorkommt. Vor dem beginnenden Sommer zeigt sich der Baum in seiner ganzen Blütenpracht. Der aus den Blüten gewonnene schweißtreibende Pflanzentee ist gerade bei einer Erkältung sehr gesund. Schon bei den alten Germanen galt die Linde als heiliger Baum. Er wurde mit der Göttin Freya in Verbindung gebracht, die für Liebe, Glück und Fruchtbarkeit stand. Später wurden in vielen Ortschaften Dorflinden gepflanzt, die gerade in der warmen Jahreszeit ein beliebter Treffpunkt waren. Hier traf man sich, knüpfte Kontakte und tauschte Neuigkeiten aus. Das alte Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ berichtet davon. Um zurückzukommen auf die besonders bedeutenden Exemplare, fallen mir einige ein, die ich selbst kenne. In meiner Pfarrei St. Leonhard in Forst gibt es im Ortsteil Linden einen sehr alten und großen Baum. Ihn ziert eine Marienfigur, die zur Einkehr einlädt. Nicht weit weg, in dem Klosterdorf Wessobrunn, gibt es die Tassilolinde. Sie ist nach dem Bayernherzog Tassilo III. benannt, der unter dem Baum die Eingebung erhalten haben soll, das spätere Kloster Wessobrunn zu gründen. Eine weitere Linde habe ich kürzlich bei einem Ausflug gesehen. Das war in Wilparting am Irschenberg. Hier befindet sich die „Alte Linde von Wilparting“. Ihre Datierung soll bis in die Zeit der Ortspatrone St. Marinus und Anianus um 700 zurückgehen. Das Gesagte zeigt: Linden sind besondere Bäume. Mich erinnern sie an das Gleichnis, das Jesus im Sonntagsevangelium erzählt. Es ist das Gleichnis vom Senfkorn, welches das kleinste unter den Samenkörnern ist und den größten Baum hervorbringt. Den vergleicht Jesus mit dem Reich Gottes. Daran muss ich denken, wenn ich aus meinem Küchenfenster sehe, denn auch da wächst eine Linde. Es ist doch schön, unter den Linden an Gott und sein Reich erinnert zu werden.  

 

Wasserversorgung

Eine Besonderheit in der Stadt Rom ist, dass man in der Regel an den Brunnen der Metropole Trinkwasser genießen kann. Das ist besonders in der heißen Urlaubszeit eine gute Sache. Man kann es sich sparen, Mineralwasser zu kaufen, das gerade an den vielen fahrbaren Imbiss- und Souvenirständen verhältnismäßig teuer ist. Man erhält es also an den Brunnen umsonst, das lebensspendende Nass. Die gute Qualität des Wassers in Rom mag damit zu tun haben, dass bereits die frühen Erbauer der Stadt dafür Sorge trugen, dass sogenannte Aquädukte gebaut wurden. Das sind wasserführende Brücken, die von reinen Quellen in den Bergen gespeist werden und das Wasser in antike Städte leiten. Am 9. Juni im Jahre 19 v. Christus wurde die Aqua Virgo, einer der elf Aquädukte, die im Altertum die Versorgung Roms sicherstellten, in Betrieb genommen. Diese Wasserleitung funktioniert bis heute und speist unter anderem den berühmten Brunnen Fotana di Trevi und den Barcaccia-Brunnen bei der Spanischen Treppe.

Das Gesagte ist ein schönes Bild für zwei Bibelstellen, die mir beim Thema Wasser in den Sinn kommen. Jesus sagt im Johannesevangelium zu der Frau am Jakobsbrunnen: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben“ und in der Offenbarung des Johannes steht: „Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ Was ist das für ein Wasser, das ebenso kostenlos ist, wie das Wasser der Quellen Roms? Es ist die Hoffnung, die der Glaube an Christus schenkt, die Hoffnung auf Glück, Erfüllung, Frieden, Leben, Liebe und Vollendung. Menschen dürsten nach all diesen Dingen. Wie es in vielen Ländern der Erde nicht genügend sauberes Trinkwasser gibt, macht sich auch die Hoffnung in nicht wenigen Momenten rar. Doch Christus verspricht sie unserer Seele, ähnlich wie die zahlreichen Quellen Roms den Durst des Körpers zu stillen vermögen.

 

Shamrock

 

Das „Shamrock“ ist das inoffizielle Nationalsymbol Irlands. Es ist das dreiblättrige Kleeblatt, das auf den Wiesen der „grünen Insel“ in unendlich großer Zahl vorkommt. Die Pflanze passt vortrefflich zu dem Land, ist sie doch Bestandteil und mit der Grund für das satte Grün, das ihm seinen Namen gibt. Nicht zuletzt dient der Klee als Futter für die Schafe, von denen es ebenfalls sehr viele gibt. Als zahlreiche kleine, weiße Punkte, die über die weite Hügellandschaft verteilt sind, beobachtet sie der Reisende. Eine ganz erhabene Aufgabe nimmt das Shamrock freilich beim heiligen Patrick, dem Nationalheiligen Irlands, wahr. Ihm diente das dreiblättrige Kleeblatt dazu, den Menschen die Heilige Dreifaltigkeit zu erklären. Er tat das, indem er betonte, dass die drei Blätter doch in Wirklichkeit ein Blatt seien und deutete es als Bild für die Einheit Gottes in den drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das ist ein Geheimnis unseres Glaubens, das auch wir Heutigen uns nur sehr schwer vorstellen können. Vielleicht kann hier auch der heilige Patrick mit seinem Missionseifer noch helfen und erklären, und das gerade vor dem Dreifaltigkeitssonntag an diesem Wochenende. Es gibt aber auch noch andere Vergleiche für die Dreieinigkeit Gottes. Neulich begegnete mir das bei einem Gottesdienst. H2O ist die chemische Bezeichnung für das Wasser. Das Wassermolekül besteht aus drei Atomen und ist doch nur ein Stoff. Auch in seiner Erscheinungsweise gibt es drei Formen: Flüssigkeit, Wasserdampf und Eis! Ein Indiz ist auch die Vorstellung, dass Gott in sich Gemeinschaft ist. Diese bildet sich in der menschlichen Gemeinschaft ab, insbesondere in der Familiengemeinschaft, welche die Keimzelle der Gesellschaft ist. In ihrer Urform spielt die Dreizahl eine Rolle: Vater, Mutter, Kind. Man könnte noch weiter überlegen und käme doch an kein Ziel. Die Dreifaltigkeit Gottes kann man eben nur im Glauben verstehen. Daran lässt auch das Shamrock, das dreiblättrige Kleeblatt Irlands, denken.    

 

Pfingsten heute

 

Es war schon eine völlig aussichtslose Situation, damals, als die Jünger und Maria nach der Himmelfahrt Jesu beieinander waren und warteten, was nun geschehen würde. Es soll im gleichen Raum gewesen sein, in dem Jesus noch das letzte Abendmahl gefeiert hatte. Schon damals begriffen sie nicht so recht, was passieren sollte. Und dann? Tatsächlich! Das, was Jesus immer wieder gesagt hatte, traf ein. Er wurde verraten, ausgeliefert, gefangengenommen, gefoltert und umgebracht. Jetzt war alles aus. Doch dann kam Ostern! Auferstehung! Jesus lebt! Euphorische Stimmung mischt sich mit Nichterkennen. Glaube trifft auf Unglauben. Wird der Glauben belohnt? Jesus geht heim zum Vater. Er ist wieder nicht mehr da, und diesmal ist es wirklich endgültig. Alle sind im Abendmahlsaal versammelt. Maria ist bei ihnen. Wie schon früher, wendet sich auch hier das Blatt. Niemand hätte mehr damit gerechnet. Doch im Moment der größten Verlassenheit tun sich neue Möglichkeiten auf. Das wird sichtbar und spürbar. Zungen wie von Feuer verteilten sich auf die Anwesenden. Ein heftiger Sturm fährt daher. Das ganze Haus wird von einem Brausen erfüllt. Pfingsten bricht über die Jünger herein. Neuer Mut, neue Hoffnung, neue Liebe, neue Perspektiven tun sich auf. Pfingsten – gibt es das auch heute? Ich glaube schon! Pfingsten ist da, wo Christen verschiedener Konfessionen miteinander beten. Es geschieht im fairen, interreligiösen Gespräch. Ich kann es erahnen, wenn plötzlich ein autoritärer Machthaber von seinen Machtallüren Abstand nimmt. Ich spüre es, wenn es mir gelingt, eine schwierige Situation zu meistern oder wenn Menschen, die traurig waren, sich plötzlich freuen, über ein gutes Wort, über eine nette Geste des Mitgefühls, über einen Händedruck, eine Umarmung. Pfingsten gibt es also auch heute. Alle Menschen sind eingeladen, daran teilzuhaben. Es führt sie zusammen und vereinigt die Sprachen. Vielleicht nicht so sehr die Sprachen der Länder, aber sehr wohl die Sprachen der Herzen.

 

 

Erst nach den Eisheiligen

 

Bei einem Exerzitienkurs in der Fastenzeit war die kleine Übung Bestandteil, einen Samen in ein kleines Töpfchen mit Erde einzusetzen und abzuwarten, bis die Saat aufgeht und eine neue Pflanze entsteht. Zunächst war da nur ein kleiner Keim, dann schon ein Trieb mit einem kleinen Blatt daran, dann eine kleine Pflanze mit mehreren Blättern und schließlich ein ganzes Gewächs. Es war ein Zuchinisamen, der für dieses Experiment verwendet wurde. Und siehe da, schon wurde die Pflanze in dem Blumentopf auf dem Fensterbrett immer größer, dem äußeren Anschein nach fertig, um sie in das Gemüsebeet im Freien zu versetzen. Gesagt, getan, doch da sind die warnenden Worte der Nachbarin zu hören: „Machen Sie das erst nach den Eisheiligen!“ Nach anfänglichen Zweifeln, nahm ich diese Warnung ernst, um die Pflanze nicht zu gefährden. Aber was sind die Eisheiligen?

Die Eisheiligen sind fünf Gedenktage vom 11. bis zum 15. Mai, die Bischöfen und Märtyrern aus dem 4. oder 5. Jahrhundert gewidmet sind. Das sind die Heiligen Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia. Sie haben Einzug in eine Bauernregel gefunden, die besagt, dass diese Tage, obwohl schon der Frühling begonnen hat, noch ganz schön kühl werden können. Bodenfrost ist noch möglich. Das ist der natürliche Feind jeder Gemüsepflanzung im Garten. Auch meteorologisch ist dieses Phänomen nachweisbar. Nach der ersten Wärme im Mai kommt die unbeständige Zeit. Erst nach der „kalten Sophie“ bleibt das milde Frühlingswetter in der Regel stabil.

Irgendwie erinnert das an das Leben in unserer oftmals auf andere Weise so unwirtlichen und kühlen Welt. Gefühlskälte, Schockstarre angesichts von Gewalt und Grausamkeit, eisige Stimmung zwischen Staaten, Beziehungen am Gefrierpunkt – solche Dinge sind nicht selten die Realität. So etwas gefährdet das kleine Pflänzchen Hoffnung, für welches das Zuchinigewächs Zeichen ist. Doch die Heiligen sagen: All dem zum Trotz ist uns die Herzenswärme Christi verheißen.  

 

 

In Verbindung bleiben

 

 

Heutzutage sind Menschen auf vielerlei Weise in Verbindung. Und das buchstäblich ohne Grenzen. Das Internet und die sozialen Netzwerke tragen dazu bei, dass Datenströme wahnsinnig schnell die Welt umrunden können. In Windeseile ist man über einen Sachverhalt informiert und das vielleicht sogar auch noch mit Bild. Im Chat kann man Freunde treffen. Kommunikation kann sein, wann immer man will. So schön sich das anhört, es ist nicht gesagt, dass das die Realität einer bestens gelingenden Zwiesprache ist. Man kann hier auch von einer Inflation der Informationen reden. Irgendwann wird’s uninteressant. Da bleiben virtuelle Nachrichten unbeantwortet. Das Postfach quillt über. Eines Tages wird alles gelöscht, ohne dass jemand sich noch dafür interessiert. Jesus hält dagegen, wenn er im Sonntagsevangelium sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ Hier ist von einer sehr engen Verbindung die Rede. Es ist ein Vergleich mit einer physischen Tatsache. Weinstock und Reben sind buchstäblich miteinander verwachsen. Nur so können die Pflanzensäfte fließen, welche die Trauben wachsen lassen. Jesus will damit sagen: So fest sollt ihr mit mir verwachsen sein. Wenn euch das gelingt, kann euch niemand etwas anhaben, dann seid ihr stark, dann seid ihr den Anforderungen des Lebens gewachsen. So eine Verbindung mit Gott wirkt sich auch auf die Verbindung mit den Mitmenschen aus. Wer sich selbst als Geschöpf Gottes erfährt, der kann auch das Gegenüber als solches wahrnehmen. Er spürt: Alle sind Schwestern und Brüder. Das hört sich wie eine schöne Utopie an. Aber wäre es vor wenigen Jahrzehnten nicht auch als Utopie angesehen worden, wenn jemand gewusst hätte, wie sich Kommunikation einmal entwickeln wird? Es darf also davon geträumt werden, dass alle Menschen einmal mit Gott und untereinander verbunden sind, wie der Weinstock mit den Reben.     

 

 

 

Die Kapitolinische Wölfin

 

Auf einem der sieben Hügel Roms, dem Kapitol, befindet sich auf einer Säule stehend, eine Kopie des Bildnisses von der Kapitolinischen Wölfin. Das Original wird in den Kapitolinischen Museen aufbewahrt. Dabei handelt es sich um eine Bronzefigur, die besagtes Tier darstellt. Wie in einem Mythos beschrieben, befinden sich unter ihrem Leib die beiden Gründer der Stadt Rom, Romulus und Remus, die durch die Wölfin gesäugt und am Leben erhalten wurden. Am 21. April des Jahres 753 vor Christus soll die Weltmetropole der Antike und heutige italienische Hauptstadt ihren Anfang genommen haben. Wie in der biblischen Erzählung der Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain, spielt auch im Mythos der Brudermord eine Rolle. Romulus erschlug Remus und wollte so zum alleinigen Vorfahren und Urahn werden. Das Recht des Stärkeren scheint schon immer ein Thema gewesen zu sein. In der langen Geschichte der Stadt wird jedoch deutlich, dass hier auch Spuren des Glaubens zu finden sind. Rom war das Ziel der Reisen von Paulus und Petrus. Beide fanden hier den Tod. Trotz diesem Schicksal wurden sie zu Fundamenten der Kirche, die bis heute Strahlkraft besitzen. In den Lesungen der Gottesdienste begegnen sie uns immer wieder und mahnen, den Glauben an Christus zu bewahren und weiter zu geben. In der Tat ist es der Gedanke an die Stadt Rom, der mich strahlen lässt. Die schönen Kirchen, Plätze und Brunnen muss man einmal besucht haben, den Petersplatz, die Fontana di Trevi. Auch das gute Eis, der gute Kaffee, sowie die italienische Küche mit ihren kulinarischen Schätzen sind einzigartig. Da könnte man ins Schwärmen geraten. Ich freue mich schon darauf, das alles bald wieder erleben zu dürfen, nämlich bei der Ministrantenwallfahrt nach Rom im Sommer. In Gedanken gehe ich schon jetzt die vielen Stufen hinauf zur Kirche S. Maria in Aracoeli, die gleich neben dem Palazzo Nuovo auf dem Kapitol liegt, einem der sieben Hügel Roms, der die Heimat der Kapitolinischen Wölfin ist.

Der Dom "Zu unserer lieben Frau"

 

Es ist ein ganz besonderes Wahrzeichen Münchens, das Bauwerk, das am 14. April 1494 geweiht wurde: der Dom Zu Unserer Lieben Frau. Wenn man sich von Süden her auf der Autobahn A 95 aus Richtung Garmisch-Partenkirchen der Stadt nähert, sieht man schon von weitem die beiden Türme mit ihren charakteristischen Hauben. Abertausende von Backsteinen fügen sich zu einer festen und soliden Ordnung zusammen. Die großen Turmuhren sind ebenfalls weithin zu sehen. Ich habe mich nicht so sehr mit der Geschichte oder der kunsthistorischen Bedeutung des Gotteshauses beschäftigt, aber es ist mir doch ein lieber Ort zur Mitfeier des Gottesdienstes, der inneren Einkehr und des Gebetes geworden. Ich genieße es auch, den lichten, von Säulen getragenen Raum einfach zu durchschreiten und so in eine Stimmung zu kommen, die eine Vorahnung auf das himmlische Jerusalem möglich macht, das allen Menschen verheißen ist. Orte des Glaubens sind gerade in unserer so säkularen Zeit sehr wichtig. Der Dom Zu Unseren Lieben Frau zu München ist einer von ihnen. Vielleicht kann der Weihetag der Kathedrale so etwas wie eine Initialzündung sein, für jeden, der am kirchlichen Leben Anteil nimmt, neu zu entdecken, wie wichtig ihm seine eigene geistliche Heimat ist. Sei es auch nur eine kleine, auf den ersten Blick unscheinbare Dorfkirche, sicher gibt es auch in ihr sehr viel Schönes und Interessantes zu entdecken, an Kunstwerken, spirituellen Erfahrungen und Impulsen, aber auch an Menschen, Frauen und Männern, die sich in den verschiedensten Bereichen aktiv in das Gemeindeleben einbringen und so die Pfarrei beleben. So kann geistliche Heimat entstehen, auf dem Land genauso, wie in der Stadt, im Inland genauso, wie im Ausland. Denn Christen sind in Nah und Fern, ja auf der ganzen Welt miteinander verbunden und die Kirche ist eine Gemeinschaft über alle Grenzen der Länder hinweg. So ist jede Kirche Heimatkirche, so wie für viele der Dom Zu Unserer Lieben Frau in München.

 

 

Ein Fest der Befreiung

 

„Warum ist diese Nacht ganz anders als alle anderen Nächte?“, diese Frage stellt das jüngste Familienmitglied am Vorabend des höchsten jüdischen Festes des Jahres, dem Pessach-Fest. Das Volk Israel erinnert sich an ein wichtiges Ereignis: den Auszug aus Ägypten. Es ist ein Fest der Befreiung. Gott beauftragte Mose, das Volk auf die Flucht vorzubereiten. Es sollte ein Lamm geschlachtet werden, mit dessen Blut die Türpfosten bestrichen wurden, um die Erstgeborenen der Israeliten vor dem Tod zu retten. Es wurde ungesäuertes Brot gebacken, dessen Zubereitung nicht lange dauern durfte, damit die Menschen schnell aufbrechen konnten. Salzwasser erinnert an die Tränen der Israeliten in Ägypten. Das Charosset, ein Muß, aus Äpfeln und Nusskernen, erinnert an den Lehm der Ziegelherstellung, zu der die israelitischen Männer gezwungen wurden. Dazu kommen bittere Kräuter als Zeichen für das bittere Leiden in der Fremde, ein Ei für Gebrechlichkeit, aber auch Fruchtbarkeit. Dann folgt noch ein Becher Wein als symbolischer Tribut an den Propheten Elija. Der Abend, an dem es diese Speisen und Getränke gibt, wird „Seder-Abend“ genannt. Seder bedeutet Ordnung. Der Abend läuft nach einer besonderen Ordnung ab. Jesus hat als gläubiger Jude auch das Pessach-Fest gefeiert. Dazu zog er nach Jerusalem. Er suchte einen Ort, an dem er mit seinen Jüngern das Mahl halten konnte. Beim letzten Abendmahl bekam es noch einen anderen Akzent. Jesus selbst war nun das Lamm, das geschlachtet wird. Er stand kurz vor seiner Kreuzigung. Er schenkte sich in Brot und Wein den Jüngern: „Das ist mein Leib und mein Blut. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Das geschah am Gründonnerstag. Darauf folgten der Karfreitag und Ostern. Diese Tage sind für uns Christen ein Fest der Befreiung. Jesus befreit uns vom Tod. Sie sind aber auch ein Hinweis auf die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen und damit Zeugnis für den Frieden. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe und gesegnete Ostern!  

 

Jerusalem

 

Das erste, was der Reisende von Jerusalem sieht, ist in der Regel der Blick über das Kidrontal auf die Altstadt. Auch wer die markanten Gebäude nicht so genau kennt, bemerkt sofort die im Sonnenlicht glänzende, goldene Kuppel des Felsendoms. Das ist ein Heiligtum der Muslime, das über und über mit tiefblauen Kacheln bedeckt ist. Nicht weit davon entfernt befindet sich die al-Aqsa-Moschee. Die drittwichtigste Moschee im Islam. Diese Gebäude befinden sich auf dem Tempelberg, den Überresten des alten jüdischen Tempels der um das Jahr 70 n. Chr. zerstört wurde. Ein Bestandteil dieser Anlage ist auch die Westmauer, die gemeinhin als „Klagemauer“ bezeichnet wird. An ihr verrichten Juden ihr Gebet. Sie tragen Hut oder Kippa, das kleine, charakteristische Käppchen, Gebetsschals und -riemen und verweilen in tiefem, im Gebet versunkenen Zustand. Ein reges Treiben herrscht an Bar Mizwa, dem Fest, bei dem jüdische Buben im Alter von dreizehn Jahren ihre Religionsmündigkeit erlangen. Nicht weit weg von alldem befindet sich die Via Dolorosa. Das ist die Strecke, die Jesus bei seinem Kreuzweg zurücklegen musste. Die einzelnen Stationen sind an den Häusern links und rechts der Straße gekennzeichnet. Schließlich mündet der Weg auf den Platz vor der Grabeskirche. Dieses Bauwerk wurde im Lauf der Jahrhunderte immer wieder erweitert und verändert und es sind nicht weniger als sechs christliche Konfessionen dafür zuständig. Trotz der vielen Besucher, Pilger und Touristen, berührt hier die Begegnung mit wichtigen Orten der Passion Jesu: die Stelle der Kreuzigung auf Golgota, ein flacher Stein als Ort der Salbung des Leichnams Jesu, das Heilige Grab. Das Gesagte zeigt: Jerusalem ist für alle drei großen monotheistischen Weltreligionen wichtig. Das birgt Spannungen in sich, doch zeigt sich auch das gemeinsame Streben der Menschen nach Sinn, Leben und Gott. Diese Gemeinsamkeit zu bedenken, könnte helfen, dass der so sehnsüchtig erwartete Frieden immer mehr Raum gewinnen kann.

 

 

Die grüne Insel

 

Ich sehe weite, hügelige Landschaften in sattem, saftigem Grün. Die Blicke möchten in die Ferne schweifen. Doch da sind neben der Straße immer wieder hohe Sträucher von Fuchsien, welche die Augen mit der tiefroten Farbe ihrer glockenförmigen Blüten betören. Wenn der Weitblick aber gelingt, zeigen sich lange Reihen von aufgeschichteten Steinen. Sie bilden die Weidezäune zwischen nebeneinanderliegenden Arealen. Die gesamte Landschaft ist mit hunderten weißen Punkten übersät. Das sind die Schafe, die friedlich weiden und es sich gut gehen lassen. Ihr Weiß zeigt mal da, mal dort einen bunten Punkt. Das sind Spuren der Markierfarbe, die es möglich macht, dass die Tiere dem Besitzer zugeordnet werden können. Das alles und noch viel mehr kann man in diesem gesegneten Land erleben. Da ist die Steilküste mit ihrer atemberaubenden Höhe. Es gibt die unwirklich erscheinende Karstlandschaft, die Heimat der Dolmen, der archaischen Grabmale aus längst vergangenen Zeiten. Ich denke an die Seen, deren Wasser ganz schwarz ist vom Moor und an die verwunschenen Wäldchen mit Stechpalmen und Weißdorn, in denen nach der Überlieferung der Alten Elfen und Gnome wohnen. Nicht zuletzt wären die hübschen Städtchen zu nennen, mit ihren malerischen Häusern und den gemütlichen Pubs, in denen niemand einen schief ansieht, wenn er sich als völlig Fremder an der Theke dazusetzt. Natürlich ist Irland auch für das Christentum bedeutend. Von dort kamen die iroschottischen Mönche als Missionare auf das europäische Festland. Spuren von ihnen kann man immer noch finden. Wie Bienenkörbe aus Stein sehen die Überreste ihrer Behausungen aus. Daher kommt auch der Name „Zelle“ als Bezeichnung für das einfache Zimmer im Kloster. Übrigens feiern wir am 17. März einen ganz wichtigen Heiligen des Landes. Es ist der heilige Patrick. Der Legende nach hat er die Schlangen vertrieben, die es in Irland tatsächlich nicht gibt. Alles unglaublich! Und es gäbe noch viel mehr über die grüne Insel zu erzählen.

 

 

Die Last loswerden

 

 

Ich komme gerade vom Erstkommunionelternabend zum Thema Beichte. Da ist mir selbst auch wieder ganz viel aufgegangen. Was hat das für einen Sinn, das Beichten? Dient es dazu, Menschen zu gängeln oder einzuengen? Hebt da jemand mahnend den Zeigefinger? Ist da der pingelige Buchhaltergott, der jedes noch so kleine Vergehen penibel registriert, damit es unerbittlich geahndet werden kann? Ich glaube nicht. Vielmehr bin ich überzeugt, dass die Beichte dem Wohl des Menschen dienen kann und sollte. Freilich war das Sakrament früher viel populärer. Aber könnte das nicht einfach das Resultat eines gewissen sozialen Drucks gewesen sein? Nichtsdestotrotz halte ich die Beichte für etwas Heilsames. Wo heute Psychologen gefragt sind, gab es früher vermehrt die Beichte. Sorgen oder Schuld, also etwas, das einen in tiefster Seele belastet und vielleicht sogar mit Scham erfüllt, vor einem anderen Menschen auszusprechen, ohne dass der einen kritisiert oder verurteilt, das kann wirklich gut tun. Aus dem Mund des Priesters, der Gott seine Stimme leiht, die Lossprechungsworte zu hören, das tut noch ein Übriges dazu. Diese Worte lauten so: „Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Wer nach der Beichte diese Worte hört, wird die Last seiner Seele los. Vor Gott ist alles vergeben und vergessen. Er gibt die Möglichkeit, vieles in Zukunft besser zu machen. Und: Wenn es nicht gelingt, darf ich wieder kommen, immer wieder. Übrigens wollte Jesus mit seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn den Menschen sagen, wie Gott ist. Er ist wie ein barmherziger Vater, bei dem ich die Last meines Lebens loswerden kann. Einen Versuch wäre es vielleicht gerade in dieser Fastenzeit wert!  

 

Fünf Ringe

 

In den vergangenen zwei Wochen war ein Ort in aller Munde, dessen Namen ich vorher noch nie gehört habe: Pyeongchang in Südkorea. Spannende Wettkämpfe, sportliche Höchstleistungen, glänzende Erfolge und Medaillen, aber auch Niederlagen und Enttäuschungen verbinden viele Menschen damit. All das gehört zu den Olympischen Winterspielen, die am 25. Februar zu Ende gehen. Etwas, was auch dazugehört sind die fünf Ringe, die das olympische Emblem bilden. Wer sie sieht, weiß sofort, worum es geht: um Olympiade eben. Doch was steckt dahinter? Was bedeutet dieses Zeichen?

Schauen wir mal die Ringe an. Sie haben verschiedene Farben: Blau, Gelb, Schwarz, Grün und Rot. Bei der olympischen Flagge kommt da noch die Farbe des Hintergrundes Weiß dazu. So ist in dieser Kombination zumindest eine Farbe aus allen Nationalflaggen der Welt enthalten. Das ist ein Zeichen der Verbundenheit. Ebenso kann man die Tatsache deuten, dass die fünf Ringe ineinander verschlungen sind. Jeder Ring steht für einen Kontinent. Alle sollen eins sein – und das weltweit. Im sportlichen Bereich, im freundschaftlichen Kräftemessen, ist diese Einheit noch am ehesten gegeben. Doch wenn ich in die Welt sehe, sieht es anders aus. Vielerorts herrscht immer noch Krieg.

Jesus ging es auch um die Einheit. „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ So beschreibt das Johannesevangelium das Idealbild von Gemeinschaft; Gemeinschaft der Menschen untereinander und Gemeinschaft der Menschen mit Gott. Der Ring ist nicht zuletzt auch ein Symbol für die eheliche Gemeinschaft in der diese beiden Formen verwirklicht sind. Kann das, was im Kleinen und Familiären den Anspruch auf Bestand hat, nicht auch im Großen und Globalen verwirklicht sein? Das Banner mit den fünf Ringen mahnt diese Verbundenheit unter den Völkern in aller Welt jedenfalls an, damit die friedliche Einheit in der Vielfalt immer mehr Gestalt annehmen kann.

 

 

Am Aschermittwoch ist alles vorbei

Partystimmung, ausgelassenes Feiern, feuchtfröhliche Abende mit Musik und Unterhaltung, mit Witz und Humor – doch dann ist es plötzlich aus – am Aschermittwoch ist alles vorbei! Kann’s das wirklich schon gewesen sein? Schluss mit lustig? Wir Menschen brauchen Zeiten mit einer besonderen Prägung. So ist es mit dem Karneval. Er regt an, einmal aus der eigenen Haut zu schlüpfen, ganz ausgelassen zu ein und das Leben von einer anderen Seite zu sehen. Dann braucht es aber auch wieder die Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt. Sie sagt: Weniger ist manchmal mehr. Was bringen mir aller Spaß und alle Tollerei, wenn ich dann doch wieder an den Tod denken muss, der unweigerlich zum Leben gehört. Für manchen Menschen zeigt sich dann, was wirklich wesentlich ist, was trägt und hält. Asche ist ein Symbol für die Vergänglichkeit. Asche bleibt übrig, wenn etwas verbrennt. Asche scheint nichts wert zu sein. Sie ist nur Staub. Doch am Aschermittwoch bekommt sie eine neue Bedeutung. Der Priester bezeichnet beim Gottesdienst die Gläubigen mit gesegneter Asche. Er tut das in der Form des Kreuzes. Das heißt: Wir Menschen sind zwar der Vergänglichkeit unterworfen aber seit dem Kreuzestod Christi sind wir vom Tod befreit. So wird die Asche plötzlich zu einem Symbol des Lebens. Dafür gibt es auch Beispiele aus dem Alltag. Asche kann man auf ganz vielseitige Weise verwenden. Aus ihr kann man Seife machen, die den Schmutz abwäscht. So schenkt sie Reinheit. Wir brauchen diese Reinheit auch für die Seele. Vulkanasche ist ein guter Pflanzendünger. Asche unterstützt das Leben und ist wie ein guter Boden, auf dem so einiges wachsen kann. Asche kann im Winter auch als Streumittel verwendet werden. So schenkt sie Sicherheit und bewahrt vor dem Sturz. Wer das Aschenkreuz empfangen hat, kann an all das denken. Vielleicht entdeckt er dann, wie es wirklich heißen müsste: „Am Aschermittwoch fängt alles an!“ – nicht zuletzt eine fruchtbare und gesegnete Fastenzeit.

 

Weihrauch steigt auf

 

Manchmal ist er gleich zu spüren, der Duft des Weihrauchs, wenn man eine Kirche betritt. Das hatte für mich schon als Kind etwas Faszinierendes und Geheimnisvolles an sich. Irgendwie roch der Raum nach Gott. Genauso besonders war es, wenn meine Großmutter zu Hause am Dreikönigstag Weihrauchkörner auf die Herdplatte legte. Sofort entstand der charakteristische Duft, der ein Stück Kirche in die heimische Wohnung brachte. Diese kleinen Eindrücke weisen für mich darauf hin, dass Glaube und Gott mit allen Sinnen erfahren werden kann. Wir können Bilder und Menschen sehen, Töne hören, Ornamente ertasten, Aromen schmecken und Wohlgerüche riechen. Gott hat uns als Teil der Schöpfung ins Leben gerufen. Wir können unsere Umgebung auf so vielfältige Weise wahrnehmen.

 

 

Um beim Beispiel des Weihrauchs zu bleiben: Es ist erwähnenswert, dass der schon eine sehr lange Geschichte hat. Sämtliche Hochkulturen des alten Orients kannten ihn. Die alten Ägypter benutzten ihn als Medizin und für den kultischen Gebrauch, ja sogar zum Konservieren ihrer Mumien.
Gewonnen wird der Weihrauch aus dem Harz des Weihrauchbaumes. Dieser hat seinen Ursprung in Arabien, vorwiegend im Gebiet der Staaten Jemen und Oman. Das verleiht dem Räucherwerk auch etwas Exotisches und Sagenumwobenes. Das lässt an Karawanen denken, die reich beladen, mit den verschiedensten Gütern, mit Kamelen und Dromedaren, auf denen stolze Beduinen sitzen, durch die Wüste ziehen.

 

 

Auch in der Bibel ist der Weihrauch zu finden. Der Psalm 141 beschreibt ihn so: „Mein Bittgebet sei ein Räucheropfer vor deinem Angesicht …“. Hier kommt die erhabenste Bedeutung des Weihrauchs zur Sprache: Der Weihrauch ist eine Ausdrucksform des Glaubens und des Gebetes. So ist guter Weihrauch beim Gottesdienst nicht nur ein wohlriechendes Beiwerk, sondern vielmehr ein wertvoller Bestandteil. Der Duft ist wie eine Spur Gottes in unserer sonst oft so gottlosen und kalten Welt. Er spricht die Sinne an und führt die Seele in die Weite.

 

Götterfrucht

 

Zu den zurückliegenden Weihnachtsfeiertagen bekam ich einen ganzen Korb, voll mit den verschiedensten Früchten und Beeren geschenkt. Darunter war auch ein Becher mit eigentümlichen, tiefroten, durchscheinenden Kernen. Sofort erkannte ich: Das können nur die Samen eines Granatapfels sein. Das ist schon ein ganz besonderes Gewächs. Es wird auch „Götterfrucht“ genannt und hat etwas mit der Religion zu tun. Als ich kürzlich im Supermarkt war, kaufte ich mir zwei ganze Früchte. Wenn man so einen Apfel aufschneidet, findet man darin die besagten Kerne. Es sollen genau 613 Stück sein. Genauso viele, wie Gesetze im Alten Testament stehen. Nachgezählt habe ich das nicht. Um bei diesem Teil der Bibel zu bleiben, findet man den Granatapfel auch in der Baukunst. Die tragenden Säulen des Tempels in Jerusalem zierten jeweils eine stilisierte Nachbildung dieser Frucht. Das älteste Artefakt aus dem salomonischen Tempel hat ebenfalls die Form eines Granatapfels, der als kultisches Zepter benutzt wurde. Später wurde der Granatapfel als Symbol für die Kirche gedeutet. Das leuchtet ein. Im Inneren der Frucht befinden sich viele Kerne. Damit verhält es sich, wie beim Leib mit den vielen Gliedern. Der rote Saft des Apfels erinnert zudem an das Blut Christi und das der vielen Märtyrer in der Geschichte der Kirche. Ferner stellt das Gewächs auch ein Zeichen für die weltliche Macht dar. Der Reichsapfel gehörte zu den Insignien des Kaisers und ist in vielerlei Darstellungen in Malerei und Skulptur zu sehen. Von dort führt der Weg zurück zur Spiritualität. Ein berühmter Maler der Renaissance, Matthias Grünewald (1475/80-1528), lässt in seinem Tafelbild von der „Stuppacher Madonna“ das Jesuskind mit einem Granatapfel spielen. Das ist ein Zeichen der Verbindung Jesu mit der Kirche. Es ist erstaunlich, aber dieser Apfel scheint in der säkularen Welt eine kleine Spur Gottes zu sein. Zusammen mit seinem erfrischenden, süßsauren Geschmack, ist auch diese Deutung interessant und bemerkenswert.

 

 

 

Brückenbauer

 

Am 20. Januar 1995 wurde sie eingeweiht, die Brücke, die mit 856 m die größte Spannweite in Europa hat. Es handelt sich dabei um die „Pont de Normandie“. Sie überquert die Seine-Mündung und verbindet die Orte Le Havre und Honfleur, im Norden Frankreichs. Es ist beeindruckend, mit dem Auto über diese Brücke zu fahren. Die Existenz dieses Bauwerks bedeutet eine enorme Abkürzung und damit auch Zeitersparnis für die Reisenden, die diese Route nehmen. Es gibt noch viele andere spektakuläre Brückenkonstruktionen. Eine der bekanntesten ist wohl die „Golden Gate Bridge“ in der Nähe von San Francisco in Kalifornien. Aber auch in unserer Heimat haben Bau-Ingenieure schon Großes geleistet, was uns beispielsweise die „Echelsbacher Brücke“ zeigt, die durch eine Behelfsbrücke ersetzt wird, bis der Neubau einmal fertiggestellt ist. Auch sie ist durchaus ein Superlativ: 76 Meter Abgrund liegen zwischen der Fahrbahn und dem Talboden der Ammerschlucht. Alle diese Brücken haben gemeinsam, dass sie verschiedene Gebiete und Ufer miteinander verbinden und so auch ermöglichen, dass Menschen zueinander kommen. Hindernisse werden überwunden, Verkehrswege werden frei. Was in bautechnischer Hinsicht nötig ist, brauchen wir auch im zwischenmenschlichen Bereich. Hindernisse zwischen Menschen sehen so aus: Hass, Neid, Streit, Unversöhntheit. Hier hilft weder Stahl noch Beton, sondern nur das Fingerspitzengefühl von Menschen, die es verstehen, gut zu vermitteln. Ein ganz Bekannter unter ihnen ist Papst Franziskus. Nicht umsonst lautet einer der Titel des Papstes „Pontifex Maximus“, was so viel wie „oberster Brückenbauer“ heißt. Als solcher ist er Vorbild für viele, die in ihrem Bereich zwischen Menschen vermitteln. Damit es gelingt, braucht es aber wohl auch den Heiligen Geist und eine gehörige Portion Gottvertrauen. Denn keine Brücke nützt etwas, wenn die Statik nicht stimmt und ihr kompliziertes Gefüge aus den verschiedensten Bauteilen nicht zusammenhält und zu wenig tragfähig ist.

 

 

Der Gesalbte

Wer sich in einer Drogerie umsieht, kann dort unzählige Cremes, Salben und Öle finden. Alle dienen irgendwie dazu, das Wohlergehen des Menschen zu steigern. Die Handcreme bewahrt die Haut unseres komplizierten und vielerlei Umwelteinflüssen ausgesetzten Tast- und Greiforgans davor, rau und spröde zu werden. Die Sonnencreme schützt vor der schädlichen UV-Strahlung. Das Massageöl lässt die Hände des Masseurs wohltuend über den verspannten Rücken gleiten. Schon im Altertum war die Salbung mit Öl etwas Wertvolles. Die Wunden von Verletzen wurden mit Olivenöl bestrichen. Gladiatoren rieben sich vor dem Kampf mit Öl ein, damit der Gegner sie in der Arena nicht zu fassen bekam, sondern immer wieder abrutschte. Duftendes Öl war damals auch ein Luxusartikel und blieb ganz besonderen Personen vorbehalten. So wurden Könige, Priester und Propheten gesalbt, zum Zeichen ihrer Erwählung und Würde. Die Praxis der Salbung gibt es auch in den Vollzügen der Kirche. Sie ist ein Bestandteil mancher Sakramente. Bei der Taufe wird der Täufling mit Chrisam-Öl gesalbt. Gleiches geschieht bei der Firmung mit dem Firm-Bewerber. Bei der Priesterweihe werden den Kandidaten die Hände mit Chrisam gesalbt. Dann gibt es das Katechumenen-Öl. Es ist für die erwachsenen Frauen und Männer, die sich auf die Taufe vorbereiten. Schließlich gibt es das Kranken-Öl. Es wird für die Krankensalbung verwendet. Alle diese Zeichenhandlungen haben den Sinn, die Nähe Gottes zu vermitteln. Sie weisen den Menschen darauf hin, dass von Gott Heil und Wohlergehen kommt. Sie stellen einen Schutz vor dem Bösen dar. Die Tatsache, dass die Öle einmal im Jahr in der Bischofskirche bei der Chrisam-Messe vom Bischof geweiht werden, verdeutlicht zudem die Zusammengehörigkeit über die eigene Gemeinde hinaus. Die tiefste Bedeutung ist jedoch die Verdeutlichung der Verbindung mit Jesus, dem Sohn Gottes. Christus bedeutet nichts anderes als „der Gesalbte“. Er ist von Gott-Vater gesandt, den Menschen die göttliche Liebe zu bringen.

 

 

Silvester

 

Ich freue mich schon auf Silvester. Der 31. Dezember ist ein besonderer Tag mit einer besonderen Stimmung. Der Vormittag ist alles andere als spannend. Nach Aufstehen und Frühstück führen die Schritte ins Wohnzimmer. Hier ist noch Weihnachtsstimmung da. Die Lichter am Baum brennen. Daneben ist die Krippe. Einzelne Figuren stehen nicht mehr richtig. Ich richte sie wieder auf. Die Unordnung von liegengebliebenem Verpackungsmaterial der Geschenke, dem bunten Papier und den sich kräuselnden Bändern sortiert sich bereits wieder. Ordentlich reihen sich die selbstgestrickten Socken, Plätzchendosen und anderen Geschenke unter dem Baum aneinander. Am Nachmittag geht es zur Kirche. In der Jahresschlussandacht kann ich das Jahr revuepassieren lassen. Ich ziehe Resümee. Was ist mir gelungen, was misslungen? Wo hatte ich Glück, was waren schmerzliche Erfahrungen? – Dann kommt der Blick in die Zukunft: Was wird das neue Jahr bringen? Was werde ich 2018 erleben? Ich weiß es jetzt noch nicht. Doch eines ist sicher: Gott geht mit und er ist da. Am Ende der Feier kommt der Segen. Damit beschenkt gehe ich nach Hause. Jetzt wird’s gemütlich: Abendessen mit Freunden; Raclette oder Fondue; gute Unterhaltung; Revue im Fernsehen; Dinner for One; Bleigießen; Schweinchen, Glückspfennig, Kleeblatt, Schornsteinfeger und dann: 00:00:00; mit Sekt anstoßen; Feuerwerk; Brandenburger Tor; ausgelassene Stimmung; das neue Jahr ist da. An einen denke ich heute auch: den heiligen Papst Silvester. Er gab dem Tag seinen Namen. Silvester wurde im Jahre 314 zum Papst gewählt. Er soll Kaiser Konstantin vom Aussatz geheilt und getauft haben. Er schrieb beim Konzil von Nicaea das erste Glaubensbekenntnis der Kirche fest. Er ließ über dem Petrusgrab im heutigen Vatikan die erste Petruskirche bauen. Er starb am 31. Dezember 335. Seine Überreste befinden sich in der römischen Kirche San Silvestro in Capite. Fazit: Silvester ist ein besonderer Tag. Ihnen allen wünsche ich einen guten Rutsch und Gottes Segen!    

 

Christrose

Viele Menschen machten sich in den vergangenen Wochen Gedanken, was sie sich an Weihnachten wünschen sollen. Anderen ging es eher darum, herauszufinden, was für ein Geschenk für den lieben Mitmenschen das geeignetste sei.

Genauso ging es in der folgenden Legende einem Hirten, der mit seinen Schafen unterwegs nach Bethlehem war um das neugeborene Jesuskind zu sehen. Er wollte dem Kind im Stall etwas Schönes und Wertvolles schenken, etwas, das von Herzen kam. Als ihm bewusst wurde, dass er überhaupt nichts besaß, begann er bitterlich zu weinen. Seine Tränen rannen ihm über das Gesicht und tropften in den frisch gefallenen Schnee. Da geschah etwas Seltsames: Wo die Tränen hingefallen waren, erblühten plötzlich schöne weiße Blumen. Sie wuchsen mitten im Schnee. Die eisige Kälte konnte ihnen nichts anhaben. Der Hirte pflückte sie und er hatte bald einen lieblichen Strauß, der so schön war, dass er genau das richtige Geschenk für das Christuskind war. Überglücklich setzte er seinen Weg fort. Die Blume, von der diese Geschichte erzählt, wird bis heute Christrose genannt.

Diese Pflanze regt an, Antworten auf die Frage zu finden, was ich ganz persönlich dem Christuskind schenken kann. Die Christrose wächst in einer kalten, lebensfeindlichen Umgebung. Ich gebe Jesus alle Momente im Leben, in denen ich anderen abweisend und mit Herzenskälte gegenüberstand. Die Christrose erfreut durch ihr strahlendes Weiß und die Schönheit der Blüten. Ich gebe Jesus den Dank für alles Schöne im Leben, für die Zeiten der Freude und die Augenblicke der Ausgeglichenheit und des Friedens. Die Rose ist Symbol für die Liebe und ihre Farbe ein Zeichen für die Reinheit. Ich schenke Jesus alle Begebenheiten, in denen ich ohne Hintergedanken das Gute suchte. Das alles sind Geschenke für Jesus. Je mehr er davon bekommt, umso besser wird die Welt. Das hat sie auch dringend nötig. Die Christrose erinnert mich daran! Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich frohe und gesegnete Weihnachten!

 

 

Warten auf’s Christkind

 

In einem Interview wurde ich gefragt, ob ich als Kind einen Wunschzettel an das Christkind geschrieben habe. In der Tat: Ich schrieb früher wirklich meine Wünsche auf. Das Papier faltete ich zusammen und legte es auf das Fensterbrett. Der Zettel war dann auch prompt nicht mehr da. Also musste etwas dran sein: Das Christkind gab es! Szenenwechsel: Beim Stöbern auf dem Flohmarkt entdeckte ich eine kleine Figur aus Porzellan. Sie stellte einen Knaben mit lockigem Haar dar. Auf dem Kopf hatte das Kind eine Krone. In der linken Hand trug es einen Reichsapfel mit einem Kreuz, also eine Insignie der Herrschaft über die Welt. Die Rechte erhob es segnend. Daumen, Zeige- und Mittelfinger fehlten leider. Dafür war das Gewand an Hals und Handgelenken mit Rüschen besetzt. Die Vorderseite zierten stilisierte Pflanzenranken. Auf dem Sockel, auf dem das Kind stand, war zu lesen: „E JESUSPRAGUS“. Die Recherche ergab: Hier handelte es sich um eine Kopie des „Prager Jesuleins“, des Gnadenbildes in einer Kirche in Prag, das sehr bekannt ist und zu dem viele Menschen pilgern. Eine weitere Begegnung mit dem Christkind machte ich in Salzburg. Bei einem Spaziergang, der mich auch am Loretokloster vorbeiführte, wurde ich auf ein Plakat aufmerksam, das vor diesem Gebäude stand. Es zeigte das Loreto-Kindl. Das ist eine Figur, aus Elfenbein geschnitzt. Sein Gewand zieren kostbare Edelsteine. Auf Wunsch wird man an der Klosterpforte damit gesegnet. Das erbitten meist Mühselige und Beladene, also Menschen, die mit irgendeinem Schicksal zu kämpfen haben, sei es Krankheit oder irgendeine andere Not. Noch ein drittes Christkind kenne ich. Es begegnete mir in der ewigen Stadt, in Rom. In der Kirche „Santa Maria in Aracoeli“ ist das „Bambino Gesù“. Millionen Kinder vertrauen ihm ihren Wunschzettel an. Waschkörbe voll sind es jeden Tag. Es wäre doch unlogisch, wenn es bei all dem das echte Christkind, Jesus, überhaupt nicht gäbe und es sich nicht lohnte, darauf zu warten.

 

 

Tansania

 

Am 9. Dezember 1961 erlangte die vormals deutsche und spätere britische Kolonie Tanganjika ihre Unabhängigkeit. Gemeinsam mit der Insel Sansibar bildet das Gebiet bis heute den modernen Staat Tansania. Das Land liegt in Ostafrika und fasziniert den Besucher mit einer wahnsinnigen Vielfalt in seiner Flora und Fauna. Es gibt dort die grandiosesten Landschaften und einige der schönsten Gebiete der Erde. Die markanteste Erhebung ist der Kilimandscharo. Er ist mit seinen 5895 Metern der höchste Berg Afrikas. Die Serengeti ist ein weites Savannenland. Wer hier eine Safari macht, kann die verschiedensten Tierarten entdecken: vom Löwen bis zum Geparden, von der Gnu-Antilope bis zum Wasserbüffel, von der Hyäne bis zur Gazelle und noch viele andere mehr. An diesen Nationalpark schließt sich das Gebiet des Ngorongoro-Kraters an. Das ist eine weite Ebene, umgeben von den Höhen des Kraterrandes als Überreste eines früheren Vulkans. Im Inneren des ca. 20 km im Durchmesser sich ausbreitenden Rundes gibt es ebenfalls zahlreiche Tierarten. Zebras und die seltenen Spitzmaulnashörner sind nur zwei davon. Wer seine Reise fortsetzt, gelangt an den Victoriasee, der so groß ist wie ganz Bayern und von dessen Fläche 49% zu Tansania gehören, zu dem Land, das durchaus, gemeinsam mit anderen Gebieten in Afrika, auch als die Wiege der Menschheit bezeichnet werden kann, denn hier befinden sich die Fundstellen der ältesten Zeugnisse menschlichen Lebens auf unserem Planeten. Hier begann der Weg der ersten Hominiden. Sie unterschieden sich erstmals durch ihre sozialen und kulturellen Fähigkeiten von den Tieren und sind unsere direkten Vorfahren. Diese Vielfalt ist für mich eine Spur Gottes, in einem Land, in dem es leider auch immer noch sehr viel Not gibt. In der Nationalhymne Tansanias spielt Gott eine Rolle: „Gott, segne Tansania! Bewahre Freiheit und Einheit für Frauen, Männer und Kinder! Gott, segne Tansania und sein Volk!“ – Das wünsche ich diesem besonderen Land und seinen Menschen.

 

Christkönig

 

„Wir sind gekommen, um IHN anzubeten.“ – Ich erinnere mich noch gut an diese Worte. Sie waren im Jahr 2005 das Leitwort des Weltjugendtages in Köln. Gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher aus meiner Praktikumspfarrei Schrobenhausen war ich dorthin mit dem Bus unterwegs. Es waren spannende Tage. Trotz guter Organisation war es ziemlich beschwerlich, zum Ort des Geschehens in der Nähe der Stadt zu gelangen. Man musste gut zu Fuß sein. Auch die Übernachtungen waren gewöhnungsbedürftig, zunächst in der Turnhalle, dann unter freiem Himmel. Was tut man nicht alles! Doch dann wurden wir reich belohnt. Da waren der beeindruckende Abschlussgottesdienst mit Papst Benedikt und die Begegnung mit so vielen jungen Menschen aus aller Welt.

Zeugen dafür, dass ein langer, beschwerlicher Weg endlich an ein gutes Ziel führen kann, sind die drei Weisen aus dem Morgenland. Sie werden auch die heiligen drei Könige genannt. Ausgerechnet in Köln finden wir sie. Im Dom, der mächtigen Kathedrale, die sich hoch über die Stadt erhebt, befindet sich ein prachtvoller goldener Schrein. Die Gebeine, die sich in ihm befinden, werden den drei Weisen zugeschrieben. Ob das nun Legende oder Tatsache ist, ist zweitrangig. Jedenfalls wollen die Reliquien helfen, den Blick auf ein Ereignis in der Bibel zu richten. Die exotisch anmutenden Könige aus fernen Ländern kommen nach einem langen, beschwerlichen Weg endlich bei der Krippe an. Gleiches wird in Häusern und Wohnungen anschaulich, wenn Menschen einen Krippenweg machen. Die Weisen stehen irgendwo noch weit weg auf Schrank oder Fensterbrett, bis sie schließlich am 6. Januar beim Jesuskind ankommen.

Wenn wir am 26. November den Christkönigssonntag, den letzten Sonntag im Kirchenjahr begehen, können wir uns schon bewusst auf den Weg machen. In einer Woche beginnt der Advent. Wir gehen dem vierten und größten König – Christus – entgegen, auf dass wir am Ende des Weihnachtsfestkreises auch sagen können: „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten.“

 

 

 

 

Rosen von Elisabeth

 

 

Wieder einmal macht sich Elisabeth auf den Weg von der mächtigen Burg hinunter in das armselige Dorf. Sie will Brot zu den Armen bringen. Ihr Schwager Heinrich sieht das gar nicht gern. Er kann das nicht verstehen. Er fragt sich: „Wie kann sie so etwas tun? Was macht das für einen Sinn? Was soll diese Verschwendung?“ Er ist sicher: „Die Armen sind doch selbst Schuld an ihrem Schicksal. Ihnen sollte man nicht die Früchte des eigenen Wohlstands in den Rachen werfen!“ Verstohlen blickt Elisabeth um sich. „Geht mir jemand nach? Werde ich beobachtet?“ Noch während sie das denkt, steht Heinrich vor ihr. Er stellt sie zur Rede: „Wohin gehst du? Was machst du da? Was hast du da drin, in dem Korb?“ – Stille, betroffenes Schweigen, eisige Stimmung – „Da sind nur Rosen drin“ sagt Elisabeth. Der eigenen Lüge bewusst, erstarrt sie vor Schreck. „Brot ist doch drin, Brot, das der wütende Heinrich nicht sehen darf!“ … „Weg mit dem Tuch!“ tobt er und sie nimmt es augenblicklich hinweg. Zum Vorschein kommen … schöne, duftende rote Rosen!

Diese Legende einer der bekanntesten Heiligen Deutschlands, Elisabeth von Thüringen (1207-1231, Gedenktag 19. November), ist uns überliefert. Viele kennen die Geschichte von der Frau, die ihren hohen Stand als Landgräfin gering achtete, ein ganz einfaches Leben führte und sich ganz für die Mitmenschen hingab. Sie war ganz erfüllt von dem, was rote Rosen bekanntlich zum Ausdruck bringen: Liebe. So regt sie die Menschen unserer Zeit an, das doch auch mal zu versuchen und Liebe zu verschenken. Was bedeutet es, zu lieben. Jemanden lieben heißt, ihm zu wünschen, dass er sich entfaltet und wächst. Der Adressat der Liebe kann der Lebenspartner sein, die eigenen Kinder und Enkel, eine wichtige und Erfüllung schenkende Aufgabe, aber auch, wie bei Elisabeth, einfach der bedürftige Mensch. Eines ist jedenfalls sicher: Wo wahre Liebe wachsen kann, wird die Welt ein Stück weit besser. Zeichen dafür sind nicht zuletzt die Rosen von Elisabeth.    

 

Teilen wie St. Martin

 

Wenn man heutzutage vom „Teilen“ spricht, meint man oft das Weitergeben und Austauschen von Inhalten, Bildern, Texten oder anderen Dateien in den sozialen Medien im Internet. Doch ist es damit schon alles? Bedeutet Teilen in Wirklichkeit nicht noch viel mehr? Einer der uns auf diese Frage antwortet, ist der heilige Martin von Tours (316-397), den feiert die Kirche am 11. November. Er ist geradezu sprichwörtlich für das Teilen geworden. Die Legende berichtet, dass er am Stadttor der französischen Stadt Amiens der armseligen Gestalt eines Bettlers begegnete. Mit dem hatte er solches Mitleid, dass er, weil er kein Geld bei sich hatte, kurzerhand das Schwert nahm, seinen roten Soldatenmantel von oben bis unten durchschnitt und dem Bettler den abgetrennten Teil gab. Noch in der gleichen Nacht erschien ihm im Traum Jesus Christus, der trug nun die Mantelhälfte, die er dem Bettler gegeben hatte. Das beeindruckte Martin so sehr, dass er sich taufen ließ. Der Weg des Glaubens führte ihn später noch weiter. Er begann, sich mit der Theologie zu beschäftigen. Er empfing die Weihen und gab sich ganz an den Dienst für Gott hin. Zunächst führte er ein Leben in der Abgeschiedenheit, dann wurde er zum Nachfolger des Bischofs von Tours erwählt. Zunächst wollte er sich dieser Berufung entziehen und versteckte sich im Gänsestall. Doch die Tiere verrieten ihn durch ihr Geschnatter. So entdeckte man ihn und nahm ihn mit nach Tours um ihn zum Bischof zu weihen. Daher kommt auch der Brauch von den Martinsgänsen, die traditionell am Martinstag und darum herum verzehrt werden. All das zeigt: Martin war kein Mensch, der egoistisch war und nur auf sein eigenes Wohlergehen und Fortkommen achtete. Nein – er war einer der teilte: seinen Mantel, seine Zeit, sein Leben – im Dienst für Gott und die Menschen, mit denen er lebte. Das lernen schon die kleinen Kinder beim Martinsumzug. Um wieviel mehr sollte das Leben des heiligen Martin nicht auch für uns Erwachsene bedenkenswert sein?

 

 

Gutes Miteinander

 

Im Hof von St. Anna begegnet uns ein in Lumpen gekleideter Mann, der um einen Ablassbrief für seine verstorbene Frau bittet. Schweren Herzens legt er seine letzten Münzen auf das Fensterbrett. Im Fuggerstadtpalast hören wir einen Disput zwischen Kardinal Thomas Cajetan und Martin Luther, der seine 95 Thesen wiederrufen soll. Beim Rathaus begegnet uns Jakob Fugger der Ältere und berichtet uns seine Sicht der Dinge. Im Fronhof ist es Philipp Melanchthon der uns befragt, welche Artikel er in seine Confessio Augustana aufnehmen soll. Zum Abschluss ist da nochmal der arme Mann vom Anfang, der nun am Dom steht und aus der Perspektive des Augsburger Religionsfriedens berichtet, was sich alles seit der ersten Begegnung verändert hat.

Es ist unschwer zu erkennen, dass es sich hier um Ereignisse der Reformation handelt, beginnend im Jahr 1517 bis hin zu dem letztgenannten entscheidenden Ereignis anno 1555. Anschaulich dargestellt wurde das ganze Geschehen durch einen Bühnenkünstler während einer Schauspielführung zu den Lutherstätten in Augsburg.

Besonders schön ist, dass sich eine Gruppe aus über dreißig evangelischen und katholischen Christen aus Peißenberg und Forst miteinander auf den Weg gemacht hat um die gemeinsame Historie zu ergründen. Dabei kam Notwendiges wie auch Schmerzliches zum Vorschein. Missstände in der Kirche hatten grundlegende Reformen nötig gemacht. Die erlangten eine eigene Dynamik und führten zur Kirchenspaltung.

Die Herausforderung ist längst, wieder Wege zueinander zu finden. Das Reformationsjahr 2017 hielt bisher bereits vielerorts wertvolle Impulse für eine gelingende Ökumene bereit. Auch der Reformationstag am 31. Oktober regt an, den Blick zu weiten und auf den gemeinsamen Mittelpunkt zu richten: Jesus Christus. Es gibt so viele Möglichkeiten, den Glauben über die Konfessionen hinweg zu leben, die gilt es weiter zu vertiefen, damit das gute Miteinander zwischen evangelischen und katholischen Christen immer mehr wachsen kann.  

Irren ist menschlich

 

Für wen ist es nicht ärgerlich, wenn er in einer schriftlichen Prüfung, sei es beim Schul- oder Berufsabschluss oder im Studium durch einen Leichtsinnsfehler eine Note schlechter bekommen hat. Dann helfen auch noch so wohlwollende und gut gemeinte Kommentare wie: „Mach dir nichts draus!“ oder „Ach, das ist doch nicht so schlimm!“ nicht sehr viel. Ganz zu schweigen von solchen oder ähnlichen Aussagen: „Nobody is perfect!“ oder „irren ist menschlich!“

Wenn ich es mir recht überlege, ist es aber unweigerlich so: Wo gearbeitet wird, da fallen Späne. Fehlerfrei ist nur, der auch nichts tut! Wenn ich weiter über dieses Problem nachdenke, geht mir auf, dass ein gewisses Fehlerpotenzial tatsächlich zum menschlichen Leben gehört.

Ich habe mal gehört, dass in jedem persischen Teppich, und sei er noch so schön und wertvoll, immer ein kleiner Fehler absichtlich mit hineingeknüpft worden ist. Der Handwerker erweist damit Gott die Ehre. Er weist darauf hin, dass im Vergleich mit den Werken Gottes alle menschlichen Bemühungen vorläufig und hinfällig bleiben. Nur Gott allein ist ganz perfekt. Zudem hat ein Produkt, das durch die Arbeit und Kunstfertigkeit menschlicher Hände entstanden ist, einen unverwechselbaren Charakter. Sofort erkennt man einen maschinell hergestellten Teppich oder eine automatisch aus Holz gefräste Figur, die nie ganz den Charme eines handgeschnitzten Produktes erreicht.

Tröstlich ist es da, dass Jesus auch keine fehlerfreien Menschen berufen hat. Petrus war einer von ihnen. Weil er es nicht verstand, wollte er verhindern, dass Jesus den Weg geht, den Gott für ihn vorgesehen hatte, den Weg zum Kreuz, der grausam ist, aber Heil und Rettung für die Menschen bringt. Er hat Jesus erst versprochen, bis in den Tod treu zu sein, konnte es aber dann nicht halten. Als der Hahn krähte, hatte er ihn dreimal verleugnet.

Es gibt sie halt einfach nicht, die fehlerfreien Menschen. Das ist doch sehr tröstlich: Allein Gott ist perfekt und „irren ist menschlich!“

 

Nada te turbe 

In einer markanten und erstaunlich modern aussehenden Handschrift ist es geschrieben, das „Nada te turbe“, ein Text, den die heilige Teresa von Ávila (1515-1582) verfasst und auf ein Stück Papier notiert hat, das bis heute erhalten ist. So lautet die deutsche Übersetzung: „Nichts soll dich ängstigen – Nichts dich erschrecken – Alles vergeht – Gott ändert sich nicht – Die Geduld – Erreicht alles – Wer Gott besitzt – Dem kann nichts fehlen – Gott allein genügt“. Es war kein einfacher Weg, bis Teresa zu dieser Einsicht kam. Vielmehr war es ein Weg des Suchens, Fragens, Sich-selbst-Verlierens und auch Leidens. Dann aber gewann sie alles, was man nach ihrem Zeugnis braucht: Gott.

Teresa wuchs in einer adeligen Familie auf. Sie wurde im Glauben erzogen. Als Kind war sie recht aufgeweckt und liebte es, mit ihren Geschwistern ausgelassen zu spielen. Teresa träumte sogar davon, gegen die Mauren in den Kampf zu ziehen und las gerne Ritterromane. Nach dem Besuch der Klosterschule nahm ihr Leben eine völlig neue Wendung. Motiviert durch geistliche Literatur und, nach eigener Aussage, auch aus Angst vor der Diskriminierung der Frau in der damaligen Zeit, trat sie in das Kloster der Karmelitinnen in Ávila ein. Der Abschied von ihrem bisherigen Leben fiel ihr schwer. Es folgten Zeiten der Krankheit und der Gottesferne. Schließlich machte sie doch die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein. Als Mystikerin kam sie Gott immer näher. So konnten o.g. Zeilen entstehen.

Ihr Beispiel zeigt, dass der Glaubensweg eines Menschen oft nicht ganz gerade verläuft. Es können Hindernisse kommen. Der Weg wird zur Durststrecke oder führt in die Sackgasse. Vielleicht begegnet einem aber Gott doch noch auf neue, ungeahnte Weise, und sei es erst am Ende des Lebens: Glücklich ist der, der dann neu Orientierung findet; selig der, welcher Gottes Barmherzigkeit erfährt. Für ihn werden die Worte wahr: „Nada te turbe – Solo Dios basta“, „Nichts soll dich ängstigen – Gott allein genügt“!

Wahlmöglichkeiten 

 Nun ist sie schon wieder vorüber, die Bundestagswahl. Rededuell, Wahlkampf, Unentschlossene, Wahlbeteiligung, Kundgebung – all das waren Begriffe, durch die das Ereignis seinen Schatten vorauswarf, dann kamen Prognose und Hochrechnung. Habe ich das Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht? Wer weiß, was die richtige Stelle überhaupt ist? Wer die Wahl hat, hat die Qual!

Die Wahl zu haben, das wurde dem Menschen in die Wiege gelegt. Das gehört zu seiner Natur. So unterscheidet er sich von den Tieren, die instinktiv ihrem Selbsterhaltungstrieb folgen. Hier zeigt sich für uns Christen, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Jedes Individuum hat seine eigene Persönlichkeit. Die ist unverwechselbar und gehört zu seinem innersten Wesen. Sie ist der Ausdruck seiner Seele.

Die Wahlmöglichkeit zu haben, hat mit Freiheit, aber auch Verantwortung zu tun. Diese Erfahrung macht jeder Mensch im Laufe seines Lebens. Zu den ursprünglichsten Entscheidungen gehört die Wahl zwischen Gut und Böse. Das kommt in der Bibel schon ganz am Anfang vor, bei Adam und Eva. Beeinflusst durch die raffinierte Verführungskunst der Schlange, entscheidet sich Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen, entgegen der Weisung Gottes. Dadurch verliert der Mensch das Paradies. Nach annähernd paradiesischen Zuständen sehnen sich die meisten Menschen: Frieden, Wohlergehen, Erfolg, Sorglosigkeit, Sicherheit, Glück, Gesundheit, Gottes Segen. Die Medien berichten anderes. Die Meinungen sind verschieden. Jeder will es recht machen. Was ist gut, was böse? Patentrezepte gibt es nicht. Was ist der richtige Weg?

Einer bietet sich an. Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.“ (Mt 11,28f.) Das hört sich nach einer guten Wahlmöglichkeit an! Hier geht es nicht um Legislaturperioden oder Parlamente, sondern einfach um das Leben.

 

 

Kaiser Augustus 

In diesem Sommer fand im Innenhof der Glyptothek in München ein sehenswertes Schauspiel statt: Es wurde das Drama „Julius Caesar“ von William Shakespeare (1564-1616) gegeben. Ich war bei einer Vorstellung dabei. Es wurden Brot und Wein serviert. Das ließ mich an die Redensart „Brot und Spiele“ denken. Natürlich war das nicht nötig, um die Zuschauer bei der Stange zu halten, aber angenehm war es doch. Im Übrigen überzeugten die Schauspieler durch ihr Agieren, die brillant vorgetragenen Monologe und den geschickten Einsatz von Geräuschen und Musik. Hier wurde ein historisches Ereignis kunstgerecht dargestellt. Die Worte Caesars „Auch du, Brutus?“, nach dem tödlichen Messerstich, taten ihr Übriges, um die Dramatik des klassischen Stückes noch zu unterstreichen und hervorzuheben. Irgendwie gab es immer schon unvergessliche Personen, deren Strahlkraft so stark war, dass sie bis in unsere Tage erhalten blieb. Beispiel dafür ist auch Kaiser Augustus. Wir wissen, dass er am 23. September im Jahr 63 v. Chr. geboren wurde und dass er am 19. August im Jahr 14 n. Chr. starb. Er war der Großneffe und Haupterbe von Gaius Julius Caesar. Er war einer der mächtigsten Herrscher über das Römische Reich, das damals die größte Macht in der antiken Welt war. Mit unserer Heimat steht Augustus dadurch in Verbindung, dass die Stadt Augsburg unter seiner Herrschaft gegründet wurde. Daher kommt der lateinische Name „Augusta Vindelicorum“. Es gibt auch einen Bezug von Augustus zu Jesus. Wir kennen die Kindheitsgeschichte Jesu im Lukasevangelium. Da stehen die bekannten Worte aus der Frohbotschaft von Weihnachten: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinus Statthalter von Syrien“ (Lk 2,1f.). Das unterstreicht die geschichtliche Existenz Jesu und bestärkt mich im Glauben. Zu was für Überlegungen einen doch so ein historisches Schauspiel anregen kann!

Wie schön ist doch das Wandern

 

„Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen.“ Dieses Zitat von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) begegnete mir neulich zufällig auf einem Kalenderblatt. Da ist wirklich etwas Wahres dran, dachte ich mir, zumal ich im vergangenen Urlaub den Akzent vorwiegend auf das Wandern gelegt hatte. Zu Fuß zu gehen lässt einen noch intensiveren Kontakt zum Erdboden zu. Draußen in der Natur zu sein, kann bei schlechtem Wetter zwar ungemütlich werden, bietet aber eine viel stärkere Wahrnehmung der Schöpfung als mit einem herkömmlichen Verkehrsmittel zu reisen. Die geringere Geschwindigkeit lädt zum Nachdenken und Meditieren ein. Die Sinne werden geschärft. Der Blick schweift über die Weite der Landschaft. Das Gehör lauscht den verschiedensten Tönen, angefangen beim Rauschen des Waldes, bis hin zum Gezwitscher der Vögel, dem Summen der Bienen und dem Klang der Glocken des Viehs auf den Weiden. Dass Wandern, also zu Fuß gehen, auch ein sich Aussetzen ist, wird deutlich, wenn sich jemand auf unwegsames Terrain begibt. Für den, der nicht trittsicher ist, gibt es allerhand Gefahren, bei der Bergtour, die mitunter eine Gratwanderung sein kann. Zu Fuß zu gehen bedeutet auch, seine persönliche Körperkraft zum Vorankommen zu verwenden. Ohne Motorisierung ist die eigene Ausdauer und Kondition gefragt. Es kann viel Mühe und auch Schweiß kosten, letztendlich an das Ziel zu kommen. Wie gut ist es da, jemand zu haben, der einen auf dem Weg begleitet. Das kann die Freundin oder der Freund sein, die Wandergruppe oder auch mancher tierische Begleiter, wie der Hund, der treu an der Seite seines Herrchens geht. Im Grunde gleicht eine Wanderung immer auch der Lebensreise. Mal führt sie über lichte Höhen und mal durch das tiefe und dunkle Tal hindurch. Mal ist der Weg steinig und mal lädt das weiche Moos zum Barfußgehen ein. So gehe ich immer weiter, mit Gott an meiner Seite. Wie schön ist doch das Wandern! 

 

Mutter Teresa 

In dieser Woche gedachte die Kirche einer ganz besonderen Frau: Mutter Teresa. Fast genau vor zwanzig Jahren, nämlich am 5. September 1997 ist sie im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben. Schon zu Lebzeiten begleitete die Friedensnobelpreisträgerin von 1979 der Ruf der Heiligkeit. Der wurde von der Kirche durch die Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 2003 und die Heiligsprechung durch Papst Franziskus 2016 offiziell bestätigt. Trotzdem Mutter Teresa, die aus Mazedonien stammte und mit bürgerlichem Namen Agnes Gonxha Bojaxhiu hieß, eine kleine und zierliche Frau war, hat sie Großes geleistet. Als Jugendliche verspürte sie den Ruf Gottes. Sie trat einem Orden bei und wurde zur Missionarin ausgebildet. So gelangte sie nach Kalkutta in Indien, an den Ort, an dem sie Zeit ihres Lebens wirken sollte. Sie ging zu den Ärmsten der Armen und versuchte, den an Lepra, AIDS oder auf andere Weise erkrankten Menschen und vor allem auch den Sterbenden zu helfen, mit Nahrung, Kleidung und Wohnung und mehr noch mit Annahme, Zuwendung und Liebe. In einem Interview hat sie einmal gesagt: „Wir müssen in der Liebe wachsen, und dazu müssen wir immer weiter lieben und lieben und geben und geben, bis es schmerzt – so wie Jesus es getan hat. Jedes Opfer ist nützlich, wenn es aus Liebe dargebracht wird“ (in: Mutter Teresa, Der einfache Weg, Bergisch Gladbach 2. Aufl. 1997, S. 80f.). Das ist ein hohes Ideal, aber Mutter Teresa lebte es. Und es gibt Menschen, die das auch heute noch tun. Die Nachfolgerin Jesu gründete selbst einen Orden, der vom Papst anerkannt wurde. Die Gemeinschaft der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ wuchs und so wirken die Schwestern bis heute in 133 Ländern der Erde. Auch in Deutschland gibt es sie. Sie sind hier in einigen großen Städten vertreten und nehmen sich vor allem der Obdachlosen an. Sie tragen den weißblauen Sari, das indische Gewand. Er ist ein Symbol geworden, für Mutter Teresa und ihren Weg der Armut und der Liebe.   

 

Labyrinth

 

Labyrinthe zieren manchmal den Boden von gotischen Kathedralen, man findet sie aber auch in Gärten oder im Kleinformat als Fingerlabyrinth zum Ertasten. Das ursprüngliche Labyrinth ist ein System von verschlungenen Wegen, die auf den ersten Blick ein buchstäbliches Wirrwarr ergeben. Macht man sich dann aber auf den Weg und geht die Linie nach, erkennt man bald, dass in einer großen Gleichmäßigkeit die Schritte immer weiter in die Mitte, sprich, zum Ziel geführt werden. Die Bögen sind mal kürzer, mal länger, mal weiter, mal enger, mal geht es nach außen, dann wieder nach innen, immer geht es aber dem Zentrum entgegen.

Dass das Labyrinth im christlichen Kontext zu finden ist, kommt nicht von ungefähr, denn es ist ein Sinnbild für den Lebensweg des Menschen vor dem Hintergrund des Glaubens. Ohne Zweifel kann es verschiedenste Um- und Abwege im Leben geben. Das kann sein, wenn jemand einem falschen Vorbild folgt; wenn maßlose Wünsche und Erwartungen den Weg bestimmen oder einfach Enttäuschungen oder Sorgen den Blick nach vorne verstellen. Gott möchte nicht, dass wir aufgrund solcher Situationen stehen bleiben und wie in einem undurchdringlichen Irrgarten den Weg sogar ganz verlieren oder verlassen. Er möchte, dass wir im Vertrauen auf ihn immer weitergehen. Er führt und begleitet den Weg zur Mitte, zu uns selbst, zum eigenen Ich und schließlich einmal zur Vollendung des Weges bei ihm.

Viele Menschen kommen in diesen Tagen aus dem Urlaub zurück oder bereiten sich auf die Heimreise vor. Die schöne Zeit der Ferien ist in nicht allzu langer Zeit vorbei. Es beginnt wieder der Alltag. Die ersten Schul- und Arbeitstage sind nicht mehr weit. Vielleicht macht sich so etwas wie Wehmut breit, beim Gedanken an die schönen, zurückliegenden Tage. Da hilft auch der Blick auf das Labyrinth. Der Weg geht weiter. Schönes und Schweres liegt vor und hinter uns. Doch in allem ist Gott da und führt den Weg bis zum Ziel. Es ist gut, ihn zu gehen – Schritt für Schritt – mit ihm.

Das Rauschen des Meeres

„Wenn du die an dein Ohr hältst, dann kannst du das Meer rauschen hören!“ – diese, mit einer besonderen Ernsthaftigkeit ausgesprochenen und dadurch auch ein wenig geheimnisumwobenen Worte meiner Großmutter, gehen mir immer noch nach, wenn ich ein leeres Gehäuse einer Meeresschnecke sehe. Und halte ich dieses Überbleibsel eines früheren Lebewesens an mein Ohr, so verfehlt das tatsächlich nicht seine Wirkung – ein leises Rauschen ist zu hören – und das kommt mir noch dazu sehr bekannt vor, da ich schon einmal am Meer war.

Erinnerungen werden wach: Ein Sonnenuntergang an der Adriaküste, der ganz umwerfend war; Sandstrand und wogende Wellen in Nordfrankreich; sonnendurchflutetes Land in Dänemark; dunkel bewaldete Fjorde in Norwegen. Und eines haben all diese verschiedenen Landschaften gemeinsam: das Rauschen des Meeres. Am liebsten würde ich mich gleich wieder auf den Weg machen, dem Meer entgegen.

Doch wenn ich die Ursache des Rauschens im Schneckenhaus genauer erkunde, frage ich mich: Resultiert das Geräusch wirklich aus der Zeit, in der das Tier im Meer lag und vom Wasser umflutet wurde? Wurde es gleichsam wie bei modernen Wiedergabegeräten gespeichert? Schön wäre es, doch die Wahrheit ist ganz anders. Wenn ich die Schnecke an das Ohr halte, höre ich nichts anderes als das Rauschen des zirkulierenden Blutes im eigenen Gehörorgan, das durch den Hohlraum im Gehäuse wie durch einen Resonanzraum verstärkt wird.

Diese Erkenntnis finde ich alles andere als enttäuschend. Der christliche Lyriker, Theologe und Arzt Angelus Silesius (1624-1677) hat es mal so ausgedrückt: „Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“ Jeder Mensch hat eine unverwechselbare Persönlichkeit. Er ist beseelt. So befindet sich in ihm ein ganzes Universum an Gedanken und Empfindungen, an Gefühlen, an Phantasie. Mit dieser betrachtet, ist es nun doch wieder das Rauschen des Meeres, das im Schneckenhaus zu hören ist.

 

Mitgenommen werden

 

Ich war noch nie in Santiago di Compostela, doch ich kenne mittlerweile viele Menschen, die sich schon dorthin auf den Weg gemacht haben – Freunde, Pfarreimitglieder, Mitbrüder, Menschen, die ich bei der einen oder anderen Gelegenheit traf und kennen lernte. Alle haben sie etwas gemeinsam. Sie sind erfüllt von einer großen Faszination und sei es dafür, auch nur eine kleine Etappe des Weges in die Stadt in Nordspanien gegangen zu sein. Ich kann mich an Dia-Abende erinnern und an Filmvorführungen und viele kennen Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Alles ist dabei – die Strapazen des Weges, der Aufenthalt in den Herbergen, die Ankunft in der großen Kathedrale, die riesige Menge der Pilger, das große, durch die Kirche schwingende Weihrauchfass.

Solche Gedanken sagen mir: Man kann von den Menschen mitgenommen werden. Und das auch noch ohne dass man selber eine große Reise unternehmen muss. Das geschieht gerade durch besonders begeisterte Menschen, die gerne ihre Erlebnisse erzählen und andere daran teilhaben lassen. So kann eine Atmosphäre des Miteinanders entstehen, des Austauschs und der Anregung, sich auch selbst einmal auf den Weg zu machen und eine ähnliche Reise zu unternehmen.

Am 25. Juli feiern wir den Heiligen, auf den die Tradition des „Camino“, der Pilgerschaft nach Santiago, zurückgeht: Es ist der heilige Apostel Jakobus der Ältere. Der Legende nach ist er nach den Erlebnissen mit Jesus auf dem Seeweg nach Spanien gelangt. Auch in unseren Kirchen ist er oft dargestellt. Er trägt Wanderstab und Hut. Dazu gehört immer auch eine Jakobsmuschel. Sie ist Werkzeug und Erkennungszeichen zugleich. Sie dient zum Schneiden und zum Schöpfen und ist ein Symbol des Pilgers, wie Jakobus einer war.

Als solcher nimmt auch er uns mit nach Santiago. So hat jeder Heilige eine besondere Geschichte, die uns wieder an andere Orte führen kann. Und eines haben alle Heiligen gemeinsam: Sie wollen uns zu Christus führen. Lassen wir uns da auch mitnehmen?!

 

Der Alte 

Freitagabend ist Krimizeit – so war das früher. Zu dieser Zeit waren die Straßen leer, weil alle die neueste Folge der Krimiserie im Fernsehen anschauen wollten. Die Folgen von „Der Alte“ habe ich sehr gerne gesehen. Für viele ist er unvergessen, der Charakterschauspieler Siegfried Lowitz in der Rolle des Hauptkommissars Erwin Köster. In einhundert Folgen hat er gemeinsam mit seinem Assistenten Gerd Heymann alias Michael Ande zahlreiche Verbrecher gejagt. Und das auf ganz unspektakuläre Weise. Er war kein Mann unkontrollierter Aktion, sondern klugen Taktierens. Ich kann mich nicht erinnern ob er jemals mit der Waffe in der Hand einen Mörder überführt hat. Die Stärke des älteren Herrn, der manchmal auch ziemlich schrullige Anwandlungen haben konnte, war seine Erfahrung. Dank ihr konnten zum Schluss regelmäßig die Handschellen zuschnappen.

Schon dieses banale Beispiel der Filmfigur Erwin Köster, dem „Alten“, sagt mir, dass eine höhere Zahl an Lebensjahren nützlich sein kann, um Herausforderungen anzunehmen und knifflige Aufgaben zu meistern. Wo jüngere Menschen dazu neigen, überstürzt zu handeln, schenkt eine größere Erfahrung oft eine abgeklärtere Routine. Es braucht eben Zeit und Reife, damit ein Mensch in seinem Leben immer mehr wachsen kann – und das nicht nur im Film.

Mich ermuntern solche Gedanken dazu, immer wieder Kontakt auch zur älteren Generation zu suchen und offen zu sein für eine entsprechend andere Sicht der Dinge. Das kann eine ausgesprochen bereichernde Erfahrung sein. Hermann Hesse hat es einmal so formuliert: „Das Alter ist nicht blos ein Abbauen und Hinwelken; es hat wie jede Lebensstufe seine eigenen Werte, seinen eigenen Zauber, seine eigene Weisheit, seine eigene Trauer.“

Lassen wir uns von solchen Worten leiten – Jung und Alt – damit wir eine Einheit sind, in der einer dem anderen hilft und Gemeinschaft entsteht, über die Generationen hinweg. Auf diese Weise können beide – Kinder und Eltern, Heranwachsende und Erwachsene, Junge und Alte – nur profitieren.

 

Lasten tragen helfen

 

Seit einiger Zeit befindet sich in der Nachbarschaft ein Kran. Der dient dazu, auf der Baustelle mitzuhelfen, dass der Rohbau von Tag zu Tag, Meter für Meter, höher in den Himmel ragen kann. Dabei muss er immer wieder eine schwere Last emporheben – Steine, Mörtel, am Abend die Betonmaschine, damit sie gesichert ist. Solch ein technisches Gerät ist keine Selbstverständlichkeit. In früheren Generationen musste der Maurer selbst so manchen Sack Zement oder schweren Ziegel auf die Schultern nehmen und an seinen Bestimmungsort schleppen. Das war alles andere als gesund.

„Das ist mir langsam eine Last!“ – Diese Worte können auch im übertragenen Sinn von Bedeutung sein. Lasten gibt es im ganz normalen Alltag des Lebens zur Genüge. Und die können auf die Dauer immer schwerer werden: Unzufriedenheit im Beruf; keine Anerkennung durch den Chef; eine ausweglose Situation; eine schwere Krankheit. Sehr tragisch ist es auch, wenn gesagt wird: „Du bist mir eine Last!“ – da geht es ans Eingemachte. Da ist ein Mensch, der anderen langsam auf die Nerven geht, weil er öfters ihre Hilfe braucht. Da ist der nicht enden wollende Streit mit dem Partner. Da ist die kaputte Freundschaft. All das kann ganz schön verletzend sein – und vor allem schwer, eine Last eben. Gibt es da keinen Kran, der helfen kann?

Am kommenden Sonntag hören wir im Evangelium Worte, die Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28-30)

Ist Jesus etwa wie ein Kran für unsere Seele oder vielmehr für die Lasten, welche unsere Seele bedrücken? Ist er es, der beim Tragen hilft, auch wenn die Last schwer wiegt und der Blick durch sie verstellt wird? Ich glaube: ja! Er war bereit, mit dem Kreuz und damit mit der Last von uns Menschen vorauszugehen.

 

 

Kunst für den Frieden 

Auch wenn Anfänge bereits vorhanden waren, hätte am 24. Juni 1901 bestimmt niemand gedacht, dass hier der ganz außergewöhnliche Weg eines Künstlers begann, der die bildende Kunst des eben angebrochenen 20. Jahrhunderts entscheidend prägen sollte. An jenem Tag wurde in der Galerie Vollard in Paris die erste Ausstellung des erst 19 Jahre alten spanischen Malers Pablo Picasso (1881-1973) eröffnet. In seinem Künstlerleben durchlief er mehrere Phasen. Er prägte die Stilrichtung des Kubismus und setzte sich mit dem Surrealismus auseinander. Als Maler und Bildhauer beherrschte er eine Vielzahl verschiedener Techniken. Etwa 50000 Werke entstanden durch seine Hand. Viele von ihnen sind weltweit in den renommiertesten Museen zu sehen. All das spricht für seine enorme Schaffenskraft.

Von seinen Werken beeindruckt mich sehr das monumentale Bild „Guernica“, mit dem Picasso sich gegen den Krieg und die Gewalt wandte, die im spanischen Bürgerkrieg herrschten. Außerdem wurde der Künstler durch seine vielfältigen Darstellungen von Tauben bekannt. Eine davon stellte das Motiv des Plakates für den Weltfriedenskongress 1949 in Paris dar. Seitdem ist die Friedenstaube das weltweite Symbol der Friedensbewegung.

Die Inspiration hierzu fand Picasso wohl in der Bibel: Nach der Sintflut entsandte Noah von seiner Arche aus eine Taube, die prüfen sollte, ob das Wasser auf der Erde schon wieder zurückgegangen war. Nach dem ersten erfolglosen Versuch, kam sie beim zweiten Mal mit einem frischen Ölzweig im Schnabel zurück. Die Welt war bald wieder bewohnbar. Daraufhin verhieß Gott den bleibenden Frieden zwischen ihm und den Menschen (Gen 8,6-22).

Auch heute sehnen sich Menschen wie eh und je nach Frieden. Wann kommt er endlich für alle? Wir wissen es nicht. Doch so viel ist sicher: Solange Menschen sich für den Frieden einsetzen, in Politik und Gesellschaft, im Dialog der Religionen, aber auch in der Kunst, bleiben wir dahin auf dem Weg. Die Tauben Picassos erinnern daran.

 

Lady Liberty 

Ich war noch nie in Amerika, aber etwas ist mir doch seit der Kindheit ein Begriff: die Lady Liberty, die Freiheitsstatue. Sie krönt die kleine Insel Liberty Island im Hafen von New York und gehört zu den größten Statuen der Welt. Am 17. Juni 1885 kam sie mit dem französischen Schiff Isère, zerlegt in Einzelteile, an ihrem Bestimmungsort an. Zweihunderttausend Menschen verfolgten das Geschehen. Die Statue war ein Geschenk des französischen Volkes an die Vereinigten Staaten. 1886 wurde sie feierlich eingeweiht und begrüßt seitdem Menschen aus aller Herren Länder im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie ist zum Symbol und Wahrzeichen der Freiheit schlechthin geworden.

Freiheit ist ein hohes Gut. Das sagt uns nicht zuletzt die Lady Liberty. Freiheit fehlt oftmals. Das sagt uns der Blick in die Medien. Menschen sind gefangen in Selbstüberschätzung oder Selbstzweifeln. Staaten werden gefangen gehalten vom Bürgerkrieg. Unbescholtene Bürger befinden sich in den Fängen von Angst und Gewalt. Sie fürchten sich vor der Zukunft. Ihnen fehlen die Perspektiven. Zahllose Menschen werden weltweit zu Unrecht in Gefängnissen festgehalten.

Hier setzt Glaube an. Er will die wahre Freiheit schenken. Das zeigt uns eine Stelle im Johannesevangelium. Auf die Frage der Jünger: „Wie kannst du sagen, ihr werdet frei werden?“ antwortet Jesus: „Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer im Haus. Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei“ (Joh 8,33b-36). Das heißt: Alles Böse, das seine Fänge nach den Menschen ausstreckt, hat keinen Bestand. Bleibend ist einzig Christus. Er ist der, der war, ist und kommen wird. Er schenkt die wahre, innere Freiheit. Sie kann sich äußern in einer großen Gelassenheit angesichts der Bedrängnisse in der Welt. Die Lady Liberty wurde einst ebenfalls mit dem Anspruch, dies zu vermitteln, errichtet – doch was ist daraus geworden?

 

Aller guten Dinge sind drei

 

Es heißt immer, dass aller guten Dinge drei sind. Wo kommt wohl dieser Ausspruch her? Ein Erklärungsversuch führt in vorchristliche, germanische Zeit. Was heute mit dem Wort „Ding“ benannt wird, war damals das „Thing“, das gerichtliche Verfahren, in dem über das Schicksal eines Missetäters entschieden wurde. Dreimal musste er vorgeladen werden. Erst wenn er auch dann nicht kam, durfte er in Abwesenheit verurteilt werden.

Dieser sehr profanen Deutung der Anzahl dreier Dinge steht ein tiefes religiöses Verständnis gegenüber. Die Zahl Drei ist hier eine heilige Zahl. Sie hat eine besondere symbolische Bedeutung: In verschiedenen Religionen gibt es eine Dreiheit unter den Göttern: in der griechischen Mythologie, in der Götterwelt Ägyptens und im Hinduismus.

Hinweise, dass die Drei im Religiösen etwas Besonderes ist, gibt es auch in der Bibel. Im Buch Genesis wird eine sonderbare Geschichte erzählt: Drei Männer besuchen Abraham bei den Eichen von Mamre (Gen 18,1-14). Er fällt vor ihnen nieder und spricht sie als Gott, den Herrn, an. Die drei kehren bei ihm und seiner Frau Sara ein und werden bewirtet. Schließlich verheißen sie dem alten Ehepaar die Geburt eines Sohnes. Sara lacht. Sie hält so etwas nicht für möglich. Doch bald wird sie eines Besseren belehrt. Obwohl sie bereits im hohen Alter ist, gebärt sie ihren Sohn Isaak. Hier begegnet uns wieder die Drei: Sie ist der Inbegriff der menschlichen Existenz. Die Grundform der Familie besteht aus drei Personen: Vater, Mutter und Kind. So könnte man weitermachen: Drei Sterndeuter kommen zu Jesus, der als Kind in der Krippe liegt. Am dritten Tag ist Jesus auferstanden.

Höhepunkt der Bedeutung der Zahl drei ist freilich das Gottesbild, dass Gott dreifaltig oder dreieinig ist, also Einer in drei Personen. Der Dreifaltigkeitssonntag erinnert daran. Das ist nicht leicht begreifbar aber dennoch tröstlich: Gott Vater hat mich erschaffen, Gott Sohn ist einer von uns und der Heilige Geist gibt Kraft und Mut: Aller guten Dinge sind drei!

Wahre Schönheit kommt von innen 

Was ist eigentlich wahre Schönheit? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Schönheit ist relativ. Das zeigt sich in der Kunst. Was andere schön finden ist mir unter Umständen ein Graus. Genauso ist es im Blick auf den Menschen. Hier gibt es oftmals hohe Ansprüche an Schönheit. Aber sind es wirklich die Top-Models, die alle anderen hinter sich lassen. Sollte man da nicht mit ganz anderen Maßstäben messen?

Wenn ich ehrlich bin, tue ich mir schwer, jemandem Schönheit zu attestieren bzw. sie zu beurteilen. Es begegnen mir viele Menschen: das Kind, das getauft wird; der ABC-Schütze in der Schule; der pubertierende Jugendliche, der zur Firmung kommt; das hübsche Paar bei seiner Hochzeit; der kranke oder behinderte Mensch; der alte Mensch in seiner Gebrechlichkeit; der Sterbende in der letzten Phase seines Lebens; irgendwie finde ich alle schön, sogar den Verstorbenen mit seinem gelösten Gesichtsausdruck.

Dass das nicht von ungefähr kommt, lässt sich denken. Der Grund ist, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und in ihnen seine Größe und Schönheit aufstrahlt. Im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel, ist die Schöpfungsgeschichte enthalten. An deren Ende heißt es: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31a). Der Religionsphilosoph Josef Pieper (1904-1967) greift das auf und stellt fest, dass hier Gott zum Menschen ein „Wort der Liebe“ spricht, gleichbedeutend mit der Redewendung „es ist gut, dass es dich gibt“.

So verstandene Schönheit hat mit Innerlichkeit zu tun. Der Mensch ist ein von Gott beseeltes Wesen. Er hat als Geschöpf Gottes eine besondere Würde. Dieses Faktum kommt allen weltlichen Schönheitsidealen zuvor. Sichtbar gemacht hat das einmal ein Kollege von mir bei einem Vortrag. Er hatte als Anschauungsmaterial einen großen und ziemlich unansehnlichen Stein auf dem Tisch. Als er ihn umdrehte, war das eine wunderschöne Kristalldruse aus funkelndem Amethyst: Wahre Schönheit kommt von innen!

 

 

Gut beschirmt

 

Wir erinnern uns – in der Vergangenheit war in den Medien immer mal wieder vom Euro-Rettungsschirm die Rede. Diese Maßnahme soll helfen, finanzschwache EU-Staaten von der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Der Schirm dient dazu, von der Staatengemeinschaft Schaden abzuwenden. Ein weiteres Beispiel für die Schutzfunktion des Schirms ist ganz banal: Es ist der Regenschirm. Wie unangenehm wäre es, wenn es ihn nicht gäbe. Jeder Spaziergang bei Regen würde mit durchnässter Kleidung enden – Erkältung vorprogrammiert. Wenn es nun schon ums Existentielle geht, darf der Fallschirm nicht vergessen werden. Er rettet Leben in Extremsituationen, wenn der Absturz eines Flugzeuges droht. Er verhindert beim Sportler oder Soldaten, dass der Fall ins Bodenlose geht. Er gibt Sicherheit und Schutz, er trägt und hilft, große Höhen unbeschadet zu überwinden.

Jetzt im Monat Mai und überhaupt in der Kirche begegnet mir der Schirm ebenfalls. Auch hier hat er mit Schutz und Bewahrung zu tun – im Zusammenhang mit Maria. Eines der ältesten Mariengebete stammt aus dem dritten Jahrhundert. Es enthält die Worte: „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin.“ Auch in späteren Zeiten wurde dieses Thema immer wieder aufgegriffen. Dieses, aus dem 17. Jahrhundert stammende Lied, singen wir noch heute: „Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus; lass uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm vorübergehn. Patronin voller Güte, uns alle Zeit behüte.“

Es ist verständlich: Der Mensch sehnt sich nach vollkommener Sicherheit. Eine solche können weder die materiellen noch die finanziellen Schirme bieten. Bei existentieller Not geht es wirklich ans Eingemachte. Da hilft nichts mehr – vielleicht am ehesten noch ein tiefer, unerschütterlicher Glauben. So war es bei Maria. Sie hat mit Gott ihr Leben gemeistert – Erwählung, Flucht, Tod des Sohnes. Sie war eine Beschirmte und ist damit Zeugin dafür, dass bei Gott alle gut beschirmt sind, die auf ihn vertrauen.

 

 

Patrona Bavariae

Es gibt Menschen, die in ihrer Freizeit gerne in der Natur sind, die Spazieren gehen um mal wieder so richtig durchzuatmen und zu entspannen. Nicht selten ist für sie das dann auch ein spirituelles Erlebnis, indem sie in der Schönheit der Schöpfung den Schöpfer erahnen. Andere zieht es mehr unter Menschen, ja sogar hinein in die Großstadt um sich vom quirligen Leben faszinieren und ablenken zu lassen.

So ein Ausflug ist leicht beschrieben. Die S-Bahn trifft in einem Ort vor den Toren Münchens ein. Der Fahrgast steigt zu. Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Landschaft ist schön. An den Stationen steigen Menschen zu. Es ist schon eine bunte Fahrgemeinschaft entstanden. Manche unterhalten sich, manche sehen aus dem Fenster, andere halten das Smartphone in der Hand. Je weiter der Zug fährt, umso städtischer wird die Gegend – München Pasing ist da. Es ist nicht mehr weit bis zum Hauptbahnhof. Es geht in den Untergrund. Das Ziel ist erreicht: Marienplatz.

An der Oberfläche angekommen, bietet sich auch hier ein buntes Bild. Menschen aus aller Herren Länder sind da. Asiatische Gruppen lauschen den Ausführungen ihrer Reiseleiter. Die mächtige Fassade des Rathauses erhebt sich wuchtig in die Höhe. Sie lässt den Platz ganz klein erscheinen. Nicht weit weg steht die Frauenkirche. In alles mischt sich der Lärm der nahegelegenen Großbaustelle.

Doch was ist das? Etwas Goldenes ist da auf dem Platz – ganz in der Mitte. Es steht auf einer Säule. Es ist die Patrona Bavariae. Bei genauem Hinsehen wird in luftiger Höhe die Gottesmutter sichtbar. Maria steht auf einer Mondsichel. Sie hält in ihrer Linken das Jesuskind, das die Menschen segnet, in der rechten Hand ein Zepter. Kurfürst Maximilian I. (1573-1651) ließ die Säule 1638 errichten, zum Dank für die Bewahrung Münchens im Dreißigjährigen Krieg. Seit 100 Jahren wird Maria als Patronin Bayerns verehrt. Ihr Abbild ist ein Zeichen, dass den Menschen auch im scheinbar so profanen städtischen Raum Gott begegnen will. 

 

Rabbuni 

In der Loreto-Kirche in Salzburg bot sich in der Woche nach Ostern dem Besucher ein besonders schöner Anblick. In der rechten Seitenkapelle war vor dem Altar, auf zahlreiche, mit Wasser gefüllte Einweckgläser verteilt, ein ganzes Meer von bunten Tulpen und anderen Blumen platziert. Links und rechts bildeten hohe Grünpflanzen den Rahmen. Im Hintergrund ragte das Kreuz auf, mit einem weißen Tuch behangen, als Symbol für die Leinenbinden, die im Grab Christi nach seiner Auferstehung zurückgeblieben waren. Das Zentrum bildeten zwei kunstvoll auf Holz gemalte Figuren: Maria Magdalena und Jesus.

Wer ein wenig bibelfest ist, kennt die Szene: Maria von Magdala begegnet dem Auferstandenen (Joh 20,11-18). Sie erkennt ihn nicht sofort. Sie hält ihn für den Gärtner. Sie fragt den zunächst Unbekannten, ob er es war, der den Leichnam Jesu weggebracht hat. Erst nachdem sie der Auferstandene beim Namen nennt und „Maria!“ zu ihr sagt, erkennt sie ihren Herrn und kann das entsprechende hebräische Wort „Rabbuni!“ – „Meister“ – zu ihm sagen.

Es ist erstaunlich, dass eine Frau, die Jesus so viel zu verdanken hat, ihn nicht gleich erkennt. Immerhin befreite er sie, der Überlieferung nach, von sieben Dämonen (Lk 8,2). Er vergab ihr ihre Sünden, nachdem sie seine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet hatte (Lk 7,36-50). Trotzdem geht es ihr wie den beiden Jüngern im Evangelium vom kommenden Sonntag. Sie sind auf dem Weg nach Emmaus. Jesus geht mit ihnen und sie merken es nicht. Erst als er das Brot mit ihnen bricht, erkennen sie: Es ist Jesus, „… brannte nicht unser Herz?“ (Lk 24,32)

Wen sollte es bei solchen Beispielen wundern, wenn auch heutige Christen Jesus und seine Liebe nicht wahrnehmen können? Gott sei Dank machen die Bibelerzählungen aber auch eines klar: Jesus versteht es, sich zu zeigen, damals wie heute. In sichtbaren Zeichen wie Brot und Wein und durch Menschen, die andere mit bunten christlichen Traditionen erfreuen – wie in der Loreto-Kirche in Salzburg.

 

Zum Greifen nah

Einer der Jesus ganz begreifen wollte war der Apostel Thomas. Wir hören von ihm im Evangelium des kommenden Sonntags (Joh 20,19-31): Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus den Jüngern. Thomas ist nicht dabei. Er glaubt nicht, was ihm seine Freunde erzählen, wenn sie sagen: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Er will das selbst erfahren. Er will selbst Jesus sehen und anfassen. Diese Haltung hat ihm den Beinamen „ungläubiger“ Thomas eingebracht.

Wirklich unsympathisch ist mir Thomas deswegen nicht. Wir wollen doch auch den Dingen auf den Grund gehen. Wir sehnen uns nach Antworten auf die Fragen des Lebens. Nur zu glauben ist uns oftmals zu wenig. Wir sehnen uns danach, wirklich zu wissen. Wie ist das mit Gott? Stimmt es, dass Jesus wirklich gelebt hat? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Für Thomas klärte sich die Situation. Er durfte Jesus doch noch begegnen! Der hielt ihm seine Hände und Seite hin. Er war ihm plötzlich zum Greifen nah. Doch geht es Thomas deshalb besser als uns? Wahrscheinlich – oder auch nicht!? Wie die anderen Jünger konnte auch er Jesus nicht festhalten. Auch sein Leben musste ohne den leibhaftigen Jesus, der gerade noch so nah war, weitergehen. Auch er war nach der Begegnung mit Jesus wieder auf seinen Glauben angewiesen. Doch er hatte etwas erlebt, das ihn bestimmt in diesem Glauben bestärkt hat.

Mit den Sinnen Wahrnehmbares gibt es auch in der heutigen Kirche. Da sind die Farben der Bilder und die Klänge der Musik, der Duft des Weihrauchs. Das sind Dinge, die Zugänge zur Sphäre Gottes eröffnen helfen. Einige andere Zeichen seien genannt: Wasser bei der Taufe, Chrisam-Öl bei der Firmung, als Höhepunkt das Brot der Eucharistie, der Mahlfeier. Alle diese Dinge haben den Sinn, Glauben und Religion greifbar, sprich begreifbar zu machen. So können sie eine Bestärkung sein. Doch auch das greift nicht selten zu kurz. Letztendlich geht es um die persönliche Beziehung zu Jesus. Glücklich zu nennen ist, wer wie Thomas „Mein Herr und mein Gott!“ zu ihm sagen kann.

 

 

Der Heiland auf der Wies

 

Die „Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies“ bei Steingaden, die vielen einfach als „Wieskirche“ vertraut ist, bringt die Menschen zum Staunen. Das Bauwerk aus der Rokokozeit ist ein Zeugnis der Kunstfertigkeit des Baumeisters und Stukkateurs Dominikus Zimmermann (1685-1766) und seines Bruders Johann Baptist Zimmermann (1680-1758), der die wunderbaren Fresken schuf. Neben ihrem kunsthistorischen Rang zeichnet die Kirche ihre Spiritualität aus, die in allen Details zu spüren ist, gerade an den Kar- und Ostertagen

Da ist das Gnadenbild des Gegeißelten Heilands. Es handelt sich nicht um eine Figur von schöner Gestalt. Vielmehr merkt man, dass sie einfach aus mehreren Elementen zusammengesetzt ist. Manche Teile sind aus Pappe. Hände und Kopf sind aus Holz geschnitzt und angefügt. Grobes Haar umgibt das Haupt. An Armen und Hals ist der Heiland an die Geißelsäule gekettet. Ein Strick um Hände und Oberkörper gebunden und das geknotete Lendentuch betonen den elenden Anblick. Hier ist wirklich das Leiden zu sehen, das am Karfreitag am Kreuz seinen Höhepunkt hat. Es geht zu Herzen, sich von dem Wiesheiland anblicken zu lassen.

Demgegenüber entdeckt der Betrachter, wenn er in das Gewölbe des Kirchenschiffes sieht, ein ganz anderes Bild. Es bietet sich ihm eine Schau der himmlischen Herrlichkeit. Auf Wolken sind zahlreiche Engel und Heilige zu sehen. Ein Thron steht für das Gericht bereit. Das Tor zur Ewigkeit lässt Leben ohne Ende erahnen. Im Zentrum des Gemäldes, thronend auf einem Regenbogen, dem Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen, ist der auferstandene Christus zu sehen. Er deutet mit seiner rechten Hand auf das Kreuz und mit der linken auf die Wunde seines Herzens; das heißt: „Durch meine Liebe seid ihr erlöst!“

Die Botschaft der Wies ist die Botschaft von Ostern: Gott führt vom Elend zum Heil, vom Unglück zur Seligkeit, vom Tod zum Leben! Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein frohes und gesegnetes Fest der Auferstehung des Herrn! 

 

So ein Esel

 

So ein Esel ist schon ein besonderes Tier. Er begegnet uns auf ganz vielfältige Art. Beispielsweise ist der Esel das inoffizielle Nationalsymbol Kataloniens und das Maskottchen der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika. Er kommt in Märchen vor; etwa in „Tischlein deck dich“ als der Goldesel oder bei den „Bremer Stadtmusikanten“. In der Mythologie früherer Kulturen spielt er eine Rolle. Der altägyptische Gott Seth wird mit Menschenkörper und Eselskopf dargestellt. Sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch hat er Einzug gefunden. Wer baut sich nicht schon mal eine Eselsbrücke, damit er sich einen komplizierten Begriff merken kann und wer hat noch nicht schnell mal ein Eselsohr gemacht, um eine Seite in einem Buch wiederzufinden? Und dann ist da schließlich noch der berühmte Drahtesel, der einen, völlig umweltfreundlich, von einem Ort zum anderen bringt.

Bei all den vielen verschiedenen Bedeutungen des Symboltieres Esel darf man natürlich nicht seine ganz ursprüngliche Verwendung als Nutztier vergessen. Er ist ein weltweit verbreitetes Haustier, das treue Dienste leistet und jeder kennt sein charakteristisches „Iii-Aaa“. Eine Verhaltensweise hat dem Grautier freilich den Ruf der Störrigkeit eingebracht: Während das Pferd bei Gefahr davongaloppiert, bleibt der Esel wie angewurzelt stehen und kann oft nicht einmal mit handfesten Argumenten zum Weitergehen bewegt werden.  

Eben dieses Tier steht nun in Verbindung mit der Heilsbotschaft Jesu Christi. Schon bei dessen Geburt ist, gemeinsam mit dem Ochsen, auch ein Esel dabei. Das ist nicht biblisch, gehört aber untrennbar zur Weihnachtstradition. Bei der Flucht nach Ägypten trägt ein Esel als Reittier zur Sicherheit des Jesuskindes bei. Und schließlich zieht Jesus am Palmsonntag auf dem Rücken eines Esels nach Jerusalem ein. Das Gesagte zeigt: Gott bedient sich des Esels. Genau der wird gebraucht für das Reich Gottes. Das heißt für mich, dass er auch die Menschen beruft, ohne auf Ansehen und Herkunft zu achten.

 

Dismas 

In dem Wallfahrtsort Biberbach im Landkreis Augsburg, nicht weit von meinem Heimatort entfernt, gibt es gleich am Aufgang zur Kirche die schöne Darstellung eines Kalvarienberges mit der Kreuzigung Christi. Geschaffen hat die Figurengruppe der Bildhauer Sebastian Osterrieder (1864-1932) im Jahre 1906. Die lebensgroßen Skulpturen aus Zinkguss sind farbig gefasst und sehr ausdrucksstark. Schon als Kind haben sie mich fasziniert, wenn ich mit meinen Eltern einen Fahrradausflug nach Biberbach machte. Vor dem Monument zu stehen ließ mich staunen aber auch ein wenig erschaudern angesichts der Dramatik der sehr realistischen Kreuzigungsszene.

Zu sehen ist Christus am Kreuz. Darunter stehen Maria, Johannes und Maria Magdalena. Der römische Hauptmann Longinus reitet hoch zu Ross daher. Neben dem Kreuz sind rechts und links die beiden Schächer Gestas und Dismas zu sehen. Sie sind jeweils an einen Pfahl mit Querbalken gebunden. Erstgenannter wendet sich von Jesus ab. Dismas, der zur Rechten Jesu hängt, wendet sich ihm zu. Er ist es, mit dem gemeinsam wir uns von der ganz besonderen Botschaft Jesu ansprechen lassen dürfen.

Im apokryphen, außerbiblischen Nikodemusevangelium werden die Namen der Schächer überliefert und im Lukasevangelium wird die Szene geschildert. Gestas verhöhnte Jesus. „Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,40-43)

Diese Schilderung beeindruckt mich genauso wie der Anblick der Kreuzigungsgruppe, denn sie sagt mir: Selbst wenn ich in manchen Dingen versage, der gläubige Blick auf Christus macht mich gerecht. Er rettet und schenkt Leben – so hat es Dismas erfahren und so ist es allen Menschen verheißen.

  

Assisi 

Es war am 18. März 1212 nahe der umbrischen Stadt Assisi. Die junge Frau Chiara dei Scifi (1193-1253), die sich entschlossen hatte, sich ganz in den Dienst Christi zu stellen, legte ihr Gelübde ab und verbrachte ihr Leben von da an in klösterlicher Abgeschiedenheit und Gebet. Später wurde sie als heilige Klara bekannt. Weitere Frauen taten es ihr gleich. Es entstand der Orden der Klarissen, der heute noch weltweit vertreten ist. Klara wurde zu ihrem Schritt durch das Vorbild eines anderen großen Heiligen motiviert: Franziskus von Assisi (1181/82-1226). Dieser lebte als Francesco Bernardone in seiner Heimatstadt. Er war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Eines Tages verspürte er den starken Wunsch, alles bisher in seinem Leben Gewesene hinter sich zu lassen und nach dem Beispiel Jesu den Armen zu dienen. Sehr zum Missfallen seines Vaters verschenkte er alles, was er besaß, und verließ das Elternhaus. Auch er fand Anhänger. Das war die Geburtsstunde des Franziskanerordens.

Die Stadt Assisi, in der das Erzählte geschah, ist ein ganz besonderer Ort. So haben es schon viele erfahren. Bereits von weitem ist die markante Kulisse für den Reisenden sichtbar. Die Altstadt erhebt sich auf einem Ausläufer des Monte Subasio über die umbrische Ebene. An ihrem höchsten Punkt befindet sich die Rocca, die Burg, und darunter erblickt man die Silhouette der Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten. Da sind das Kloster und die Basilika San Francesco mit den weltberühmten Fresken von Cimabue und Giotto. Man sieht den Dom und die Kirche Santa Chiara mit dem Klarissenkloster und dem Grab der heiligen Klara. Der Brunnen auf der Piazza in der Ortsmitte lädt zum Verweilen ein. Zahlreiche Cafés bieten Eis und andere Spezialitäten an. Geht man den Weg weiter nach Südosten, gelangt man durch Olivenhaine hindurch zum Kloster San Damiano, in dem Klara und ihre Gefährtinnen lebten. In der Stadt ist Ruhe und Frieden spürbar – und das ist nur einer der vielen Gründe, Assisi selbst einmal zu besuchen.

Die Zehn Gebote

 

Einer der wohl teuersten und aufwendigsten Filme seiner Zeit ist der Hollywoodstreifen „Die Zehn Gebote“, der 1956 entstand. Die Bibelverfilmung hat eine Traumbesetzung. Charlton Heston spielt Mose. Tausende von Menschen und Tiere sind als Statisten zu sehen. Atemberaubende Kulissen führen den Zuschauer zu den Originalschauplätzen oder verblüffen ihn durch die für die damaligen Verhältnisse erstaunlich echt wirkenden Trickaufnahmen aus den Studios.

Nicht zuletzt deutet dieser Monumentalfilm auf den hohen Stellenwert hin, den die Geschichte aus dem alttestamentlichen Buch Exodus für die Menschheit hat, zumal es seit seiner Entstehungszeit noch einige andere Verfilmungen gab – bis hin zum Zeichentrickfilm. Das hat vielleicht damit zu tun, dass es eine Befreiungsgeschichte ist. Gott befreit sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten. Er beruft dazu den Mose, der die Israeliten aus der Gefangenschaft herausführen soll – und das gelingt. Eine Episode der Befreiung ist der Durchzug durch das Rote Meer, der auch im Film ganz eindrucksvoll zu sehen ist. Schließlich erhält Mose am Berg Sinai die steinernen Tafeln mit den Zehn Geboten.

Auch heutige Menschen sehnen sich nach Freiheit. Sie möchten nicht eingeengt werden. Sie möchten sich selbst verwirklichen und tun was ihnen gefällt. Scheinen da die Zehn Gebote nicht fehl am Platz und buchstäblich Steine des Anstoßes zu sein? Doch das ist nicht die Intention Gottes. Stellen wir uns vor, es gäbe überhaupt keine Regeln. Jeder könnte wirklich tun was er will. Das würde in kürzester Zeit dazu führen, dass Menschen einander noch mehr schaden als sie das heute sowieso schon tun. Es entstünde das reinste Chaos. So etwas möchten Gesetze und Gebote verhindern. Sie sollen dazu beitragen, dass das Leben in geregelten Bahnen abläuft, zum Wohle aller. Die Fastenzeit wäre geeignet, sich neu mit den Zehn Geboten auseinanderzusetzen, damit sie im Leben zum Tragen kommen und nicht nur Thema sehr aufwendig gedrehter Filme bleiben.

 

Akrobat – schööön

 

In diesem Fasching habe ich mich entschlossen, als Clown zu gehen. Hut, Pappnase und bunte Fliege um den Hals – vielmehr braucht es nicht, um ein halbwegs passabler Clown zu sein. Dabei ging mir auf, dass der Clown mehr ist, als nur ein Spaßmacher oder eine Witzfigur. Er ist jemand, der die Herzen der Menschen berührt. Er bringt sie zum Lachen. Er bewirkt, dass ihnen warm ums Herz wird und sie die Sorgen des Alltags ein wenig vergessen können. Es ist doch sehr schön, wenn jemand so etwas kann.

In der Manege zu stehen und vor Menschen zu agieren ist freilich nicht einfach, aber es ist ein wunderbares Gefühl. Ich durfte das selbst erleben, als ich einmal bei einem Besuch im Zirkus Krone aufgefordert wurde, mitzumachen und bei einer fiktiven Orchesterprobe, geleitet von einem Clown, pantomimisch den Schlagzeuger zu spielen.

Ich erinnere mich an Jugendtage, in denen mich ein Film mit Heinz Rühmann (1902-1994) berührte. Er hieß „Wenn der Vater mit dem Sohne“ und handelte von einem Mann, der früher ein berühmter Clown war und durch die Begegnung mit einem Jungen wieder in seine Clownsrolle zurückfand.

Es gibt auch die ganz großen Clowns, die in die Geschichte eingegangen sind. Es sind grandiose Pantomimen und Künstler, die durch ihr besonderes Talent beeindruckten, die Menschen tief im Herzen berührten und sie zum Lachen brachten. Da ist der Schweizer Clown Grock (1880-1959), der sehr musikalisch war und fließend mehrere Sprachen sprach. Ich erinnere mich an Charlie Rivel (1896-1983), der durch sein herzzerreißendes Weinen und den Ausruf „Akrobat - schööön!“ bleibende Akzente setzte. Ich mag auch Oleg Popow (1930-2016), den großen russischen Clown, der erst im vergangenen Jahr gestorben ist.

Bei all den Überlegungen bemerke ich: Ein Clown zu sein, ist etwas Schönes. Es hat mit dem Leben zu tun. Da gibt es Freude und Leid. Der Clown, selbst wenn er traurig ist, bewirkt er doch Freude – ähnlich, wie es auch der tun kann, der sich von einem tiefen Glauben getragen weiß.

 

 

Nur ein Lächeln

 

Das wohl berühmteste Lächeln der Welt ist auf dem Gesicht der Mona Lisa zu sehen. Das ist ein Bildnis, das der große italienische Künstler Leonardo da Vinci (1452-1519) am Anfang des 16. Jahrhunderts geschaffen hat. Wer das Bild sieht, ist ergriffen von seiner geheimnisvollen Strahlkraft. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich verschiedene Spekulationen um die Frage nach der Identität der dargestellten Schönheit ranken. Doch, vielleicht kommt es darauf gar nicht unbedingt an. Wichtig ist für die meisten Betrachter, einzig und allein – das Lächeln.

Es ist ja auch etwas Schönes, von einem anderen Menschen angelächelt zu werden. Ein freundlicher Blick zeugt von Wohlwollen. Eis schmilzt und Gräben werden überwunden. Menschen finden zueinander. Ein Lächeln kann auch Zeichen von Humor und dem Sinn für Witz und Vergnügen sein. Es zeigt die gute Laune eines Menschen.

Stimmung heben und Freude ermöglichen soll im Leben von uns Christen auch der Glauben. So ist es kein Wunder, dass auch hier das Lächeln Platz hat. Es begegnet mir beim Betreten der Kathedrale von Reims auf dem Gesicht eines großen Engels, der vor mehreren Jahrhunderten aus Stein gemeißelt wurde. Er ist auf vielen Illustrationen zu sehen und lädt die Besucher des Gotteshauses auf unverwechselbare Weise zum Eintreten ein. Auch in der Bibel ist das Lächeln zu finden. Es wird positiv gedeutet, beispielsweise im Buch Ijob: „Lächelte ich denen zu, die ohne Vertrauen, sie wiesen das Leuchten meines Gesichtes nicht ab.“ (Ijob 29,14)

All das lässt zu dem Ergebnis kommen: Wenn es auch nur ein Lächeln ist – es zeigt Wirkung im zwischenmenschlichen Bereich. Sehen wir es als Anregung für jeden, es einfach mal zu versuchen und, wenn ihm die Stimmung danach ist, mit einem freundlichen Lächeln durch das Leben zu gehen. Das bewirkt viel Positives und trägt zu einer angenehmen Stimmung bei. Und noch was: Es kann mithelfen, dass auch auf ganz viele andere  Gesichter ein freundliches Lächeln gezaubert wird. 

 

 

Für Leib und Seele

 

„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!“ – Wer kennt es nicht, dieses geflügelte Wort. Mir fällt es ein, weil ich gelesen habe, dass am 11. Februar ein wichtiger Vertreter der Kochkunst seinen 91. Geburtstag feiert: Paul Bocuse. Dieser französische Koch ist so etwas wie der Küchenpapst. Er hat sich im vorigen Jahrhundert als bester Koch einen Namen gemacht. Er ist der „maitre de cuisine“, der Küchenchef schlechthin. Nicht umsonst wurde sein Restaurant mit drei Sternen des Restaurantführers Guide Michelin ausgezeichnet. Die werden nur an die Besten verliehen. Bocuse hält sie schon seit Jahrzehnten. Zahlreiche Bücher hat er veröffentlicht und viele prominente Gäste hat er bekocht. Nicht von ungefähr kommt es da, dass er ausgerechnet der französischen Küche entstammt, die seit 2010 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt ist.

Doch muss es unbedingt die „Haute cuisine“, die „Hohe Küche“, sein um Leib und Seele zusammenzuhalten? Es ist bestimmt kein Geheimnis, dass es auch in unserer bayerischen Heimat kulinarische Genüsse gibt, die sich nicht vor den französischen verstecken brauchen, zumal da wohl eine Verwandtschaft besteht, da ein typisch bayerisches Gericht ja das frankophon gesprochene „Böfflamott“, der Rinderschmorbraten ist.

Tatsache ist, dass eine Sättigung des Leibes in Maßen auch positive Auswirkungen auf das Wohl der Seele hat. Das wussten schon die Verfasser der Bibel: „Die Armen sollen essen und sich sättigen; den Herrn sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.“ (Ps 22,27) Es ist auch bekannt, dass Jesus mit den Menschen gegessen hat: bei den Sündermählern (Mk 2,16), bei der Brotvermehrung (Mk 6,30-44), beim letzten Abendmahl (Mk 14,17-25) oder bei der Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern am See Genezareth (Lk 24,42f.). Miteinander essen bedeutet, Gemeinschaft erleben, Gemeinschaft mit Menschen, aber auch Gemeinschaft mit Gott, denn ein gutes Essen tut beidem gut: Leib und Seele!

 

Bob Dylan

 

Im Oktober des vergangenen Jahres war ein Mann in den Schlagzeilen, dessen Namen ich zwar kannte, mit dem ich mich aber nie beschäftigt hatte – Bob Dylan. Genau er erhielt den Literaturnobelpreis. Wie kann das sein? Das ist doch ein Musiker, dachte ich. So ist es. Aber später stellte sich für mich heraus: Er ist ein ganz besonderer Musiker. In mir wurde ein gewisses Interesse geweckt. So kaufte ich mir die beiden ersten Tonträger, die ich von Bob Dylan besitze. Hier begegneten mir Lieder wie „Blowin‘ in the Wind“ oder „Mister Tambourine Man“. Das sind altbekannte Melodien, die an die Zeit Bob Dylans als Folk-Sänger erinnern. In dieser Anfangszeit seiner Karriere, den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, wurde er zunächst als sehr sozialkritischer Künstler bekannt, der sich mit Gitarre und Mundharmonika gegen den Krieg und die Ausbeutung der Menschen wandte. Später fand er auch einen Zugang zur Country-, Rock- und Popmusik, als deren prägendster Vertreter er sich entwickelte. Etwas ganz Besonderes sind seine komplexen und tiefgründigen Texte. Sie bestechen durch ihre vielseitige und an Wortspielen reiche Lyrik. Kürzlich ging ich an einer Buchhandlung vorbei und sah im Schaufenster das Gesamtwerk der Songtexte von Bob Dylan. Ich kaufte mir das Buch. Beim Schmökern entdeckte ich, dass auch der christliche Glaube in Bob Dylans Leben eine Rolle spielt. Nachdem er 1979 zum Christentum konvertiert war, entstanden drei Alben mit religiösen Liedern. Besonders beeindruckt mich ein Zitat aus dem Liedtext „Saved“, zu Deutsch „Gerettet“: „Ich bin gerettet / Durch das Blut des Lamms / Gerettet / Durch das Blut des Lamms / Gerettet / Gerettet / Und ich bin so froh / Ja ich bin so froh / Ich bin so froh / so froh / Ich will Dir danken Herr / Ich will Dir nur danken, Herr / Danke Herr“ (in: Bob Dylan, Lyrics 1962-2012. Sämtliche Songtexte, Hamburg 22016, S. 807.). Menschen erfahren: Gott rettet. Es ist schön, auch von einem Weltstar wie Bob Dylan daran erinnert zu werden.