Im Kölner Domradio

Adventsimpuls des Diözesanadministrators

12.12.2019 16:37

„Wachen ist unser Dienst. Wachen für die Welt“: Mit diesen Worten der Schweizer Benediktinerin und Dichterin Silja Walter (Schwester Maria Hedwig OSB) richtet sich Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier an die Zuhörer des Kölner Domradios. Er erklärt darin anhand verschiedener Beispiele, warum der Advent eine Zeit des Wartens ist.

Warten können und wachsam sein: Tugenden im Advent

DOMRADIO-Beitrag von Diözesanadministrator Dr. Bertram Meier

Wachen ist unser Dienst. Wachen. Auch für die Welt.

Um diese Worte kreist Silja Walter in einem Gedicht, das den Titel trägt: Gebet des Klosters am Rand der Stadt. Könnte das nicht auch ein Motto sein für ein Kloster inmitten der Stadt: Wachen ist unser Dienst. Wachen auch für die Welt.

Im Lateinischen ist Wachen und Warten ein und dasselbe Wort: vigilare. Worauf wir nicht alles warten!

Wir warten an der Ampel.

Wir warten an der Kasse im Supermarkt.

Wir warten auf den Urlaub.

Wir warten auf den medizinischen Befund, zwischen Hoffen und Bangen.

Wir warten auf einen lieben Gast und können sein Kommen kaum erwarten.

Manchmal müssen wir etwas abwarten, bis die Entscheidung reif ist.

Manchmal warten wir voll Ungeduld auf ein freudiges Ereignis, auf einen runden Geburtstag, auf ein Jubiläum.

Schwangere Frauen und (hoffentlich) auch die Väter sind in Erwartung.

Im Advent warten wir auf den Einen, der uns nicht mit allen möglichen Gaben überschüttet, sondern mit seiner Menschenfreundlichkeit und Liebe beschenkt.

Wir warten auf die Wende, die unserer persönlichen Geschichte ebenso wie der Zukunft unserer Gemeinschaft eine neue Perspektive gibt. Der Advent ist eine Zeit des Wartens, eine Art Wartezimmer, weniger bis das Christkind kommt als vielmehr, bis Jesus anklopft. Immer wieder schärft uns Jesus ein: Seid wachsam! Heute hat er es viermal gesagt. Auch Paulus wird nicht müde, seine Gemeinde zur Wachsamkeit zu mahnen: „Wir wollen nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein“ (1 Thess 5,6). „Bedenke die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf“ (Röm 13,11).

Wachen heißt zunächst: Beweglichkeit. Wachen hat mit Beweglichkeit zu tun. Dass unser Körper ständiger Übung bedarf, um beweglich und fit zu bleiben, das wissen wir alle. Bevor der Fußballspieler eingewechselt wird, muss er sich warmlaufen. Auch die Beweglichkeit im geistlichen Leben braucht Training. Wer geistlich fit bleiben will, muss beweglich sein. Es gibt ein Leben, das ganz in sich gerundet ist, ohne Wunde, in langer Einübung „pflegeleicht“ gemacht, ohne jeden Riss, ohne jedes Kreuz. Es gibt die Lebenslüge, in der jemand nicht mehr sehen will, dass er über sich selbst eingeschlafen ist, dass sein Leben die klaren Konturen verloren hat. Heute ist der Tag, vom Schlaf aufzustehen!

Wie oft haben auch wir uns abgefunden mit unseren Schwestern und Brüdern, mit den Verhältnissen, wie alles geworden ist! Manches wird unter den Teppich gekehrt, anderes tritt sich fest. Wir können ja ohnehin nichts ändern. Aber Gott ist ein „nachtragender“ Gott. Schau mal, sagt seine Stimme im Advent, das ist noch unerledigt in deinem Leben. Indem er uns das Leben nachträgt, will er uns nicht belasten. Wir sind der Ton, er ist unser Töpfer. Wir sind das Werk seiner Hände (vgl. Jes 64,7). Der Töpfer will uns umformen unter dem sanften Druck seines Fingerspiels. Wo wir Ton bleiben in der Hand des Töpfers und nicht nur im Brennofen der Zeit, da werden wir zur ehrlichen Umkehr bewegt. Solche Beweglichkeit tut gut – uns selbst und allen, mit denen wir zusammenleben.