Vollversammlungsthema „Digitalisierung und Menschenwürde“

Aus dem (geplanten) Vortrag von Prof. Lankau

20.11.2020 08:37

Am 31. Oktober hätte er in Augsburg sprechen sollen: Prof. Ralf Lankau, Medienwissenschaftler an der Hochschule Offenburg. Doch daraus wurde nichts: Aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Krise musste sein Vortrag und damit der gesamte thematische Teil der Herbstvollversammlung des Diözesanrates abgesagt werden. Thema dieser Vollversammlung wäre gewesen: „Digitalisierung und Menschenwürde“. Dabei geht es darum, welche Gefahren die um sich greifende Digitalisierung für ein Leben in Würde bedeuten kann. Prof. Lankau hat uns die Essenz seines Vortrags zur Verfügung gestellt. Auch wenn dieser Text sehr verdichtet ist, lohnt es, ihn gründlich und in Ruhe zu studieren, um eine Ahnung davon zu bekommen, was das Problem mit der Digitalisierung immer weiterer Lebensbereiche sein könnte. Ein Interview mit Prof. Lankau enthält unser im Dezember erscheinender Jahresrückblick „Der DiözesanRat 2020“.

 

Wenn Algorithmen über das Menschsein bestimmen (sollen) 

„Ich vergleiche unseren heutigen naiven Umgang mit digitalen Technologien gern mit der Art, wie die amerikanischen Ureinwohner die spanischen Eroberer willkommen geheißen haben. Diese Menschen hatten keine Chance, die Bedeutung der Ankunft einer neuen Macht zu erahnen, die ihre spätere Unterwerfung mit sich brachte.“ (Zuboff, 2018b)

Dirk Helbing, IT-Professor an der ETH Zürich, hat in der Süddeutschen Zeitung einen Gastbeitrag mit dem Titel „Wir digitalen Untertanen“ publiziert. Er zitiert George Orwells dystopischen Roman "1984", der als Warnung gedacht gewesen sei, doch hätten ihn IT-Entwickler offenbar als Gebrauchsanleitung zum Aufbau einer vollständigen Überwachungsstruktur benutzt: „Google weiß, was wir denken, Amazons Kindle Reader, was wir lesen; Youtube und die Spielkonsole wissen, was wir sehen; Siri und Alexa lauschen unseren Gesprächen; Apple und IBM vermessen unsere Gesundheit; der Roboterstaubsauger meldet die Maße unserer Wohnung; der Smart-TV beobachtet uns beim Fernsehen; Suchmaschinen, Apps, Cookies und Browsererweiterungen werten unsere Internetaktivitäten aus. Und unser Auto ist ein Datenkrake. (…)“ (Helbing, 2018, 2)

Er führt weitere Beispiele an und schließt, das alles sei schon Realität. Im Überwachungskapitalismus würden die Nutzerinnen und Nutzer selbst zum Produkt. Er zitiert die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff, die bereits 1988 (!) den Dreiklang von Digitaltechnik (Automatisieren. Digitalisieren. Kontrollieren. Zuboff 1988) formuliert hat und als Ergebnis der Monopolisierung von IT-Wirtschaft in Verbindung mit Geschäftsmodellen der Daten-Ökonomie das“Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ ausgerufen hat. (Zuboff 2018). Zur Überwachung brauche man immer mehr und immer bessere, personalisierte Daten. Im Kontext Schule und Unterricht wird durch Learnig Analytics (Hartong 2018) daraus eine Überwachungspädagogik. (Burchardt, Lankau, 2020) Diese Daten liefern die Nutzerinnen und Nutzer mit ihren mobilen Endgeräten und dem permanentem Rückkanal freiwillig. Der Deal: „kostenlose“ Netzdienste für personalisierte Daten, aus denen Persönlichkeits- und Verhaltensprofile generiert werden.

Die derzeit propagierte „digitale Transformation“ aller Lebensbereiche dient schließlich dazu, nach und nach alle Lebensbereiche digital zu organisieren. Die technischen Systeme und dahinterstehende Logik sind dabei in autoritären wie demokratischen Systemen identisch. Es ist „nur“ eine Frage des politischen Willens bzw. der jeweiligen Machtverhältnisse, in welchem Umfang Daten erhoben, zu welchen Zwecken sie ausgewertet werden und wie stark der Staat in das Verhalten der Bürger eingreift. Denn mit diesen Daten kann man das Verhalten von Menschen modifizieren (Stichwort Nudging), manipulieren, wie es mit persuasiven (verhaltensändernden) Technologien perfektioniert wird oder auch sanktionieren, wenn z.B. Dienste oder Konten gesperrt werden. Die Technik funktioniert, die Frage ist vielmehr: Wer kontrolliert die Kontrolleure, wer kontrolliert die Systeme?

 

Digitalisierung als De-Humanisierung von Gesellschaft

"Was bleibt vom Menschen“ fragte Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier auf dem 7. Deutschen Evangelischen Kirchentag am 20. Juni 2019 in Dortmund, „… wenn neue Technologien immer tiefer in unsere Entscheidungen eingreifen, unser Denken lenken, unsere Wünsche formen? Und wie soll Gesellschaft funktionieren, wenn jede Faser von Individualität – längst nicht mehr nur jede Abweichung von der Norm – als Datenpunkt erfasst und in neuen Zusammenhängen verarbeitet wird – bei den einen vom Staat [China; rl], bei den anderen von privaten Datenriesen? [USA; rl]" (Steinmeier, 2019)

Nicht um die Digitalisierung der Demokratie müssten wir uns zuallererst kümmern, mahnte Steinmeier, sondern um die Demokratisierung des Digitalen.  “Die Rückgewinnung des politischen Raumes – gegen die Verrohung und Verkürzung der Sprache und der Debatten, aber auch gegen die ungeheure Machtkonzentration bei einer Handvoll von Datenriesen aus dem Silicon Valley“ sei die drängendste Aufgabe.

Die Rückgewinnung des politischen Raumes bedeutet: Wir haben ihn bereits verloren. Wir sind in der Defensive gegenüber IT-Monopolen und den Interessen der weltweiten Daten-Ökonomie. Der Mensch ist nurmehr Datenspender einer expandierenden Daten-Ökonomie. Die User sind per Web&App steuerbare Konsumäffchen. (Heller, 1984) Armin Grunwald, Professor für Technikphilosophie und Technikethik in Karlsruhe und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, präzisiert, dass die notwendig zu stellende Fragen: „Es geht hier [bei der KI als Schlüsseltechnologie der Daten-Ökonomie; rl] eben nicht einfach um Technik mit ihren Chancen und Risiken, ihren Innovationspotenzialen und Nebenfolgen. Vielmehr betrifft der Kern der Debatte uns selbst als Menschen, vor allem unser Menschenbild. (…) Wir müssen ernsthaft die Frage stellen: Wer sind die Macher der KI, wer verbreitet die Erzählungen und wer will hier eigentlich seine Werte und Interessen hinter einem vermeintlichen Technikdeterminismus verstecken?“ (Grunwald, 2019)

Machtfragen – und notwendig zu diskutierende Alternativen zur aktuellen IT-Infrastruktur – entscheiden darüber, ob westliche Gesellschaften weiterhin human und demokratisch bleiben oder ob sich die Vertreter der Kontroll- und Steuerungssysteme durchsetzen, die den Menschen entmündigen und damit seiner Würde und letztlich seinem Menschsein berauben.

 

Quellen und Literatur 

Burchardt, Matthias; Lankau, Ralf (2020) Aufruf zur Besinnung: Humane Bildung statt Metrik und Technik, https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/humane-bildung-statt-metrik-und-technik.html (20.8.2020)Fogg, B.J. (2003) Persuasive Technology: Using Computers to Change What We Think and Do. San Francisco: Morgan Kaufmann. Grunwald, Armin (2019) Künstliche Intelligenz: Gretchenfrage 4.0, in SZ vom 29.12.2019, S. 11, https://www.sueddeutsche.de/kultur/kuenstliche-intelligenz-gretchenfrage-4-0-1.4736017 (27.2.2020)Harari, Yuval Noah (2017): Homo Deus. Eine kurze Geschichte von Morgen, 2017Hartong, Sigrid (2018): „Wir brauchen Daten, noch mehr Daten, bessere Daten!“ Kritische Überlegungen zur Expansionsdynamik des Bildungsmonitorings; in Pädagogische Korrespondenz, Heft 58, S. 15 – 30Helbig, Dirk (2017) Untertanen des Digitalen, in: SZ vom 22.3.2018, S. 2; http://www.sueddeutsche.de/digital/digitale-privatsphaere-datensammelwut-gefaehrdet-die-demokratie-1.3916697 (10.10.2020)Heller, Eva (1984) Wie Werbung wirkt.Lankau, Ralf (2019) Digitalisierung als De-Humanisierung von Schulen oder: Vom Unterrichten zum Vermessen. Bildungseinrichtungen unter dem Diktat von Betriebswirtschaft und Datenökonomie. Schriftliche Stellungnahmen zum Expertengespräch und Vortrag in der Kinderkommission des Deutschen Bundestags „Chancen und Risiken des frühen Gebrauchs von digitalen bzw. Bildschirmmedien“, 16. Januar 2019, Berlin; https://futur-iii.de/2019/01/16/digitalisierung-als-de-humanisierung-von-schulen/Steinmeier, Frank (2019) Rede zur Eröffnung der Podiumsdiskussion "Zukunftsvertrauen in der digitalen Moderne" beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag am 20. Juni 2019 in Dortmund, https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/bulletin/rede-von-bundespraesident-dr-frank-walter-steinmeier-1640914 (27.2.2020)Zuboff, Shoshana (2018a) Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, CampusZuboff, Shoshana (2018b) Es gibt eine unerträgliche Sehnsucht in vielen von uns,Spiegel Gespräch (Print), in: Der Spiegel Nr. 40, vom 29.9.2018, S.68-70; online unter: "Pokémon Go - ein wahres Menschenexperiment"Shoshana Zuboff über Überwachungskapitalismus, https://www.spiegel.de/plus/es-gibt-eine-unertraegliche-sehnsucht-in-vielen-von-uns-a-00000000-0002-0001-0000-000159674316 (30.3.2019)Zuboff, Shoshana (1988) In the Age of Smart Machines. The Future Of Work And Power

  

*     Persuasive Technologies („überzeugende“ Technologien) verändern mit Hilfe von Computertechnologie die Einstellungen und das Verhalten von Personen. Werden persuasive Technologien zu Werbezwecken genutzt, spricht man von „persuasive advertising“.