Predigt des Bischofs vor dem Diözesanrat

„Der Weg der Kirche ist der Mensch"

30.10.2020 16:47

Unter der Überschrift „Miteinander fragen, denken und glauben“ formulierte der Augsburger Bischof Bertram Meier einen vorweihnachtlichen „Wunschzettel des Bischofs an den Diözesanrat in Corona-Zeiten“. Dieser hatte sich zur liturgischen Eröffnung der Herbstvollversammlung in der Augsburger Ulrichsbasilika eingefunden, um im Anschluss im benachbarten Haus St. Ulrich seine Tagung durchzuführen, allerdings in erheblich reduzierter Form. So entfiel der thematische Teil am Samstagvormittag mit dem vielversprechenden und hochbrisanten Thema „Digitalisierung und Menschenwürde“ ganz.

Bischof Bertram predigt über der Grablege der Bistumspatrone vor dem Diözesanrat. (Foto: Diözesanrat)

Der erwähnten längeren Predigt mit Predigtgespräch des neuen Augsburger Oberhirten – Bischofsweihe am 6. Juni 2020 – kam schon deshalb besonderes Gewicht zu. Außerdem war der frühere Domdekan und Seelsorgeamtsleiter Dr. Bertram Meier zuvor bischöflicher Beauftragter für den Diözesanrat gewesen und richtete sich nun zum ersten Mal als Bischof ausführlich an das höchste Laiengremium des Bistums.

Prälat Meier - zuvor Domprediger -  hatte in seinen Ansprachen schon immer eine Vorliebe für ansprechende Bilder, und so unterteilte er seinen Wunschzettel in vier „Pisten“. Im Bistum Augsburg, das im Süden aus dem Allgäu besteht, denkt man in der herannahenden Winterszeit spontan an Skiabfahrten und Slalompisten. Und so gestaltete sich auch diese „Zukunftspiste“ mit Bischof Bertram als sportlicher Hang, der den anwesenden Diözesanratsmitgliedern und Journalisten so manchen „Stockeinsatz“ abforderte.

Bischof Bertram will es dem gläubigen Volk im Bistum des hl. Ulrich keineswegs leicht machen. Er sieht in der Coronazeit ein Lehrjahr – „oder werden vielleicht noch viele Lehrjahre daraus?“ –, um neu über die Kirche und hier die Aktivitäten der Basis nachzudenken. Er will dies gemeinsam mit den Laien tun, das Synodale gilt ihm als „alltägliche Lebensform der Kirche“. Mit den Worten von Papst Franziskus: „Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens, in dem Bewusstsein, dass Zuhören ‚mehr ist als Hören‘. Es ist ein wechselseitiges Anhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat“.

Mit Franziskus sieht er die Evangelisierung als „Notenschlüssel für die Partitur jeder kirchlichen Reform“ an und zwar „nicht nur weil der Papst das sagt, sondern in Treue zum Auftrag Jesu“. Dieses „missionarischer Werden“, des Pontifex, ist Meiers zentrales Anliegen für die Laien.

Es seien an dieser Stelle nur zwei „Schwünge“ genannt, die den herausfordernden Charakter dieses Wunschzettels anreißen – ohne zu behaupten, es handle sich dabei um die zentralen Punkte. Doch diese Punkte haben es in sich:

So weist es Bischof Bertram einerseits gleich zu Beginn auf die fundamentale Gleichheit aller Gläubigen hin. Diese erwachse aus der Taufe. Doch die Taufe will verlebendigt, vitalisiert werden: „Für den Getauften reicht es nicht, nur Kirchenbesucher zu sein.“ Das bedeute andererseits aber nicht, dass „Laien“ in priesterliche Rollen schlüpfen und umgekehrt Priester den Eindruck erwecken, sich den Laien angleichen zu sollen“.

Die Evangelisierung sieht Bischof Bertram als zentrale Aufgabe der Laien: „Die Kanzeln und Altäre sind nicht der erste Ort der Laien. Die Laien sind vor allem dazu gerufen, das Projekt der Evangelisierung unter den Pflug zu nehmen. Es öffnet den Laien beiderlei Geschlechts einen Horizont, der sie in Bereiche führt, deren Zugang uns Amtsträgern oft verschlossen bleibt: Kultur, Kunst und Theater, die Welt der Arbeit und Wissenschaft, die Medien, Politik und Wirtschaft. Evangelisierung ist mehr als Katechese und Anbetung.“

Darauf hingewiesen sei noch, dass Bischof Bertram auch an eine Wiederbelebung priesterloser Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung an Sonntagen denkt, wie sie 1990 auf der Diözesansynode beschlossen wurden. Dabei geht es dem Bischof nicht darum, die sonntägliche Eucharistiefeier im großen Stil durch solche Wortgottesdienste abzulösen, wie er in dem anschließenden Predigtgespräch erläuterte: „Wir leben als katholische Kirche eucharistisch.“ An Wortgottesdienste sei zunächst einmal an Werktagen zu denken. Nur dort, wo sonst am Sonntag mangels Priester überhaupt keine Liturgie mehr gefeiert werden könne, solle diese Möglichkeit wieder neu belebt werden. Hier sieht Bischof Bertram die Dekane in der Verantwortung.

Im Predigtgespräch unterstrich der Bischof noch einmal die Kompetenz und das Selbstbewusstsein der Laien: Das Wort bedeute nicht Dilettant, sondern „dem Volke Gottes zugehörig“. Alle Priester und Laien seien miteinander unterwegs auf dem Weg der Evangelisierung: Christus zu den Menschen zu bringen. Man könne eine Pfarrgemeinde auch als „Talentschuppen“ ansehen. Und der Pfarrer sei kein „Alleinentscheider“, sondern Wahrer der Einheit.

Die Coronakrise zeige das Relative der Strukturen und erhöhe die Bedeutung des Charismas, der Kreativität und des Engagements. Ein Netzwerk der Karitas sei zu knüpfen, um beispielsweise der Einsamkeit zu wehren: Besuche, Begegnungen, Briefe schreiben …  „Der Weg der Kirche ist der Mensch“ zitierte er Papst Johannes Paul II.

Michael Widmann

Hier die gesamte Predigt zum Nachlesen. Es gilt das gesprochene Wort.