Samstag: Thematischer Teil der Herbstvollversammlung mit Volker Kauder

„Einsatz für Religionsfreiheit – Gegen Diskriminierung und Verfolgung von Christen“

28.10.2017 21:05

Auch diesmal stand eine Erklärung am Ende der Vollversammlung des Diözesanrates: „Einsatz für Religionsfreiheit – Gegen Diskriminierung und Verfolgung von Christen“. Der Aufruf an Politik, Medien und Kirchen ist das Ergebnis einer intensiven Befassung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Augsburg mit der Tatsache, dass Christen derzeit mehr Verfolgung erfahren als jede andere Glaubensgemeinschaft. Der Fachtagung am 22. September und der Vollversammlung am 28. Oktober waren intensive Befassungen des Sachausschusses „Mission-Entwicklung-Frieden“ unter der Leitung von Martin Franz Gregori vorausgegangen, der die Referenten vorstellte.

Hausherr und Zelebrant des Gottesdienstes: Bischofsvikar Pälat Dr. Bertram Meier mit den Referenten Msgr. Wolfgang Huber (Präsident missio München), Bischof Anba Damian (Koptischer Diözesanbischof), Michaela Koller (Journalistin, Referentin IGFM), Volker Kauder (Fraktionsvorsitzender CDU/CSU) und Diözesanratsvorsitzender Hildegard Schütz (Foto: Beate Dieterle)
Bewegendes Zeugnis: Bischof Anba Damian berichtet von der koptischen Kirche in Ägypten. (Foto: Michael Widmann)

„Hast du keine Angst, zum Gottesdienst zu kommen, wenn du dich doch dadurch zum Christentum bekennst?“ fragte er den jungen Mann. „Ich komme in die Kirche, auch wenn es der letzte Tag meines Lebens sein sollte“, sagte dieser.

Ein Zeugnis aus einer Märtyrerkirche. Bischof Anba Damian erzählte es. Seine Kirche ist die Koptische. Keine andere Kirche hat so viele Märtyrer. Und das Zeugnis des Bischofs stand am Beginn des thematischen Teils der Herbstvollversammlung des Diözesanrats unter dem Titel „Christentum weltweit – zwischen Duldung und Verfolgung“. Viele Mitglieder hatten zuvor die Fachtagung mit zwei hervorragenden Referaten als Einführung in das Thema besucht. Doch was ein gebürtiger Ägypter aus seiner Kirche berichtete, verlieh dem Ganzen einen lebendigen und bewegenden Zugang. Schon um 300, unter dem römischen Kaiser Diokletian, starb etwa 1 Million ägyptischer Christen den Märtyrertod. Eins der bekanntesten Opfer ist der hl. Mauritius, der Anführer der Thebaischen Legion, deren 6.600 Mann komplett ausgerottet wurden, weil sie sich weigerten, gegen Christen zu kämpfen. „Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Kirche“, sagte Bischof Damian. Denn unmittelbar nach der Verfolgung kam es zu einer wahren Blüte des christlichen Lebens in Ägypten, einem christlichen Wurzelland. Dort, wo die Heilige Familie einst Asyl bekam, entstand später der Ursprung des mönchischen Lebens, so dass im 4. Jahrhundert 5.000 Klöster bestanden. Auch nach der Islamisierung (ab 635), im Jahr 1.000 war noch die Hälfte der ägyptischen Bevölkerung christlich. „Heute bilden die Kopten eine große Minderheit von ca. 20 % der Bevölkerung“, so Damian. Doch ausgerechnet unter der Präsidentschaft von Friedensnobelpreisträger (1978) Sadat wurde in die ägyptische Verfassung der Islam implantiert. Damit einher geht ein Mangel an Bürgerrechten für Christen und eine Gefahr für jeden, der sich zum Christentum bekennt. Nach der Machtergreifung von Sisi im Jahr 2013 hat sich eine Art Militärdiktatur gebildet, unter der sich die Lage der Kopten allerdings etwas stabilisiert hat.

Politische Kaffeerunde am Rande der Vollversammlung: Staatsminister a.D. Josef Miller, Dr. Volker Ullrich MdB und Volker Kauder MdB (Foto: Büro Ullrich)

Was tun die Kirchen, die Medien und die Politik gegenüber der beispiellosen Verfolgung von Christen in unserer Zeit, was können sie tun? Diese Frage beantwortete für den Bereich der Kirchen zunächst Msgr. Wolfgang Huber. Der Präsident von missio München berichtete vom vielgestaltigen Engagement des kirchlichen Hilfswerks. Ob in Pakistan, Indien, afrikanischen Ländern oder Ozeanien, missio hilft mit unterschiedlichen Projekten, aber auch mit Nothilfen. Als päpstliches Missionswerk gehört aber auch die spirituelle Komponente, Gebet und Gottesdienst, und die menschliche Seite im Sinne von Begegnung, Austausch und Bildung dazu. Die Hilfen betreffen nicht Christen in einem exklusiven Sinn, können aber durchaus eine mehrheitlich christliche Zielgruppe haben. Dies ist etwa der Fall im irakischen Karakosch, das vor seiner Einnahme durch den sog. „Islamischen Staat“ (IS) eine christliche Stadt war. Heute ist missio Partner in einem Netzwerk, das beim Wiederaufbau der Stadt Hilfe leistet.

Beeindruckende Schwarzweißfotografien von Andy Spyra, davon drei aus der christlichen Stadt in der Ninive-Ebene, waren während der Vollversammlung im Foyer des Hauses Sankt Ulrich zu sehen.

Berichtete vom Einsatz des päpstlichen Hilfswerks missio: Msgr. Wolfgang Huber, München (Foto: Beate Dieterle)

In den gewaltigen Flüchtlingslagern des Libanon versucht missio Bildung zu ermöglichen durch die Einrichtung von Kindergärten und Schulen, Gesundheit durch Hygienepakete und Versorgung durch Essenspakete. Es sind auch Seelsorger vor Ort. Huber berichtet von sehr bewegenden Momenten, in denen etwa einem Kind eine Geburtstagsfeier ermöglicht und damit ein schönes Erlebnis im Alltag geschenkt wird. Auf diese Weise wenigstens exemplarisch Lebensmomente der Würde vor dem Hintergrund von Not, Verlust und Traumatisierung zu schenken mag keine unmittelbare Maßnahme gegen Christenverfolgung sein, ist aber als Einpflanzung des Menschlichen ein Kontrapunkt zu Hass, Schmerz und Verbitterung. Bildung, dies hatte auch Bischof Damian gesagt, ist ein Gegenmittel zum Terrorismus: „Kein Mensch wird als Terrorist geboren.“

Wie schwierig und vielgestaltig die Darstellung eines Themas wie „Christenverfolgung“ in der Öffentlichkeit ist, erfuhren die Teilnehmer und Gäste der Vollversammlung im Referat der Journalistin Michaela Koller. So ist bspw. die Berichterstattung über die „Verfolger“, also bspw. über den Islamischen Staat oder über Boko Haram, relativ stark, die Berichterstattung über die Verfolgten relativ schwach. Die Aufmerksamkeit der Medien richtet sich offenbar primär auf die Täter. Auch die Regionen erfahren unterschiedliche Aufmerksamkeit. So gingen auf die Frage der Referentin, wer schon einmal etwas vom Hindunationalismus gehört habe, nur wenige Hände hoch, obwohl diese Mischung aus religiösem Extremismus und Nationalismus in Indien Christen und Muslime gleichermaßen bedrängt und zur Zerstörung sowohl von Moscheen als auch von ganzen christlichen Dörfern geführt hat. Auch die Qualität der Berichterstattung spielt eine große Rolle in der Wahrnehmung, oft nämlich werden solche Fälle instrumentalisiert, von überzogener Polemik begleitet und mit Fake News „garniert“.

Beleuchtete die Rolle und Möglichkeiten der Medien: Michaela Koller, Journalistin und Referentin für Religionsfreiheit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

Andererseits ist es wichtig, ein solches Thema konkret zu behandeln, der Thematik ein menschliches Gesicht zu geben, um Mitgefühl zu wecken und die Menschen zu berühren. Dies, so Koller, sei gelungen im Falle von Asia Bibi, einer pakistanischen Christin, die wegen „Blasphemie“ inhaftiert wurde. Mit ihrem Fall befasste sich sowohl eine Resolution des Europäischen Parlaments als auch Papst Franziskus. Immer wieder wird die Forderung nach Abschaffung des Blasphemiegesetzes erhoben, was jedoch in Pakistan lebensgefährlich sein kann.

Michaela Koller, die selbst Referentin für Religionsfreiheit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte [IGFM] ist, berichtete, dass am Anfang der Öffentlichkeit oft die Kommunikation in den sozialen Medien (Facebook etc.) stünde, bis dann Recherchespezialisten das Thema entdeckten und es Eingang in die Berichterstattung der Medien finde. So sei es etwa gewesen bei Berichten über den Organraub an religiös Verfolgten in China. Journalisten, so Koller, sollten die Mächtigen nicht beschwichtigen, sondern kontrollieren, sie sollten an der Seite von Minderheiten stehen, zu Stolpersteinen werden.

Permanentes Engagement für Religionsfreiheit: Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. (Foto: Beate Dieterle)

„Christenverfolgung und Religionsfreiheit – Was kann Politik tun?“ war der Titel des Hauptvortrags der Tagung, wofür der Diözesanrat keinen geringeren als den Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewinnen konnte. Dabei darf es nicht nur als glücklich gelten, dass dies während der schwierigen Koalitionsverhandlungen möglich war, sondern auch dass mit Volker Kauder ein „Löwe“, wie ihn Bischof Anba Damian nannte, ans Rednerpult trat. In der Tat darf Kauder, der über ein Vierteljahrhundert dem Deutschen Bundestag angehört, als der Politiker gelten, der sich am meisten für die Religionsfreiheit einsetzt. Mit ihm war der Bundestagsabgeordnete Dr. Volker Ullrich gekommen, dem die Situation der Christen im Nahen Osten ebenfalls ein großes Anliegen ist. Auch Kauder wies auf eine Veränderung in der medialen Wahrnehmung der Christenverfolgung hin. Die Lage der Christen in China hätte so gut wie niemanden interessiert, aber der Nahostkonflikt, verschärft nach dem Arabischen Frühling, und das Problem der Boko Haram in Nigeria hätten in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu einer stärkeren Berichterstattung über das Schicksal der verfolgten Christen geführt. Christen, so betonte auch Kauder, sind die am meisten verfolgte Religionsgruppe überhaupt, einfach deshalb, weil sie weltweit präsent und zahlenmäßig stark sind. Der CDU-Politiker betonte die tragende Rolle der Religionsfreiheit: „Es gibt kein Menschenrecht, das eine größere Bedeutung hat als die Religionsfreiheit.“ Denn: „Es gibt nirgendwo auf der Welt Freiheit, wo es keine Religionsfreiheit gibt.“

Kauder ging ausführlich auf die Lage in China ein, wo die Kirchen von einer Sinisierungskampagne der Regierung betroffen sind. Auf seinen Besuchen kann er an christlichen Gottesdiensten teilnehmen, für die Regierungsvertreter ein Beweis der Religionsfreiheit. Zugleich dürfe niemand frei über die Situation der Christen in China sprechen, da jede Äußerung auf der Linie der Partei, der Regierung und der nationalen Einheit zu sein habe. Jede Einmischung gilt China als ungewünscht. Zugleich wird von Regierungsvertretern betont: „Wir sollten gute Freunde sein.“ Für Kauder kann es aber bei aller Freundschaft hinsichtlich der Religionsfreiheit keinen Kompromiss geben. Es mag pragmatische Lösungen geben, aber: „Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ist unteilbar. Wenn wir es einmal aufgeben, sind wir auf der Verliererstraße.“

Entschieden wandte sich Kauder gegen populistische Forderungen nach Reziprozität, also Sprüche wie: „Wenn die in ihren Heimatländern Christen keine Religionsfreiheit geben, dann brauchen sie bei uns ihre Religion auch nicht zu praktizieren“ oder „Wenn die bei uns Religionsfreiheit bekommen, dann sollen sie dafür sorgen, dass sie in ihren Heimatländern auch gewährleistet wird“. Gewinnen, so Volker Kauder, können wir nur vor dem Hintergrund der Gewährung der selbstverständlichen Religionsfreiheit in unserem eigenen Land.

In der Diskussion mit dem Plenum: Moderator Dr. Christian Mazenik und Volker Kauder. (Foto: Michael Widmann)

Aber was kann die Politik tun? Kauder: „Wenig und doch viel.“ Zunächst einmal müssten die Situationen stets konkret angesprochen werden. Abstrakt könne man sich schnell über Religionsfreiheit einig sein, aber dann guten Beziehungen den Vorzug geben. Problematischer als jede Diktatur seien schwache Staaten. Denn eine Diktatur könne man bspw. wirtschaftlich unter Druck setzen, mit einer Terrororganisation, die in einem schwachen Staatsgebilde mehr oder weniger freie Hand habe, könne man nicht einmal reden. So blitzte Kauder bspw. beim Chef des indischen Bundesstaates Odisha ab, als er sich für die Christen einsetzte, aber als der indische Regierungschef von Bundeskanzlerin Merkel darauf angesprochen wurde, änderte sich die Situation; denn dem war es peinlich, im Ausland als „Präsident eines Verfolgerlandes“ dazustehen.

Kauder ging natürlich auf die Situation in den islamischen Ländern ein, er ist regelmäßig im Gespräch mit al-Tayyeb, dem Großscheich der Azhar-Universität in Kairo. „Mit dem Islam abrechnen ist nicht mein Thema.“ Kauder fordert, dass die Aufklärung einen Platz in der Religion haben müsse, um dem Recht des Einzelnen Geltung zu verschaffen. Dazu müsse der Islam Staat und Religion trennen, Vorstellungen, die von al-Tayyeb bislang abgelehnt werden. Doch Kauder sieht im individuellen Recht den Schlüssel für die Gewährung der Religionsfreiheit, auch in China übrigens. Bislang setze sich der Islam nur für ein Recht der Religion ein, also für ein kollektives Recht. Möglicherweise können die Erfahrungen in Myanmar, auf die Michaela Koller in der anschließenden Diskussion – souverän moderiert von Dr. Christian Mazenik (Leiter der Bildungsabteilung von missio München) - hinwies, hier einen Denkprozess im Islam anregen. Denn dort werden die muslimischen Rohingya akut verdrängt, vertrieben, in Massen ermordet – von Buddhisten bzw. dem Militär eines buddhistischen Landes. Dies könnte den Gedanken der individuellen Religionsfreiheit im Islam fördern.

Hildegard Schütz mit Mitgliedern des Diözesanrates am zweiten Tag der Herbstvollversammlung. Auf reges Interesse stieß das Thema „Verfolgte Christen“ bei den Teilnehmern. (Foto: Beate Dieterle)

Volker Kauder, der sich selbst zu seiner pietistischen Herkunft und Glaubensrichtung bekannte, betonte auch die Bedeutung des Gemeinsamen Zeugnisses der Christen: „In einer zerrissenen Welt muss klar werden, dass das Wort Jesu Christ für alle Christen gleichermaßen verbindlich ist, dass wir gemeinsame Überzeugungen haben.“ Das bedeute auch gemeinsames Eintreten für die Religionsfreiheit anderer: „Wir wollen uns nicht dadurch auszeichnen, dass wir andere schlecht machen oder unterdrücken.“ Der Unionspolitiker hat die Klarheit seiner christlichen Überzeugung nie als Hindernis seines politischen Wirkens erfahren. Er hält nichts von einer zunehmenden Säkularisierung als Freiheitsgewinn, auch nichts von einer Säkularisierung des Islams oder der islamischen Welt. Der al-Azhar-Scheich rede mit ihm auch deshalb weil er gläubig sei. Deshalb bereitet Volker Kauder auch das Schlagwort von der Islamisierung keine Sorge, aber eine zunehmende Entchristianisierung macht ihm Sorgen. An den Schluss seiner Ausführungen stellt er eine Frage des früheren Kopten-Papstes Schenuda (+ 2012) an ihn. Kauder hatte gesagt: „Papst Schenuda, was kann ich noch für Sie tun?“ und der Patriarch von Alexandrien hatte geantwortet: „Beten Sie für uns. Wenn Sie für uns beten, haben Sie uns nicht vergessen. Glauben Sie noch an die Kraft des Gebetes?“ Volker Kauder richtete diese Frage an die Katholiken des Bistums Augsburg.

Michael Widmann

 

 

Stellte die Referenten vor: Martin Gregori, Leiter des Sachausschusses „Mission-Entwicklung-Frieden“, der die Herbstvollversammlung vorbereitet hatte. (Foto: Beate Dieterle)
Pfarrer Dr. Ulrich Lindl, Leiter der Hauptabteilung Kirchliches Leben, und Prälat Dr. Bertram Meier, Bischofsvikar für Ökumene und Interreligiöser Dialog, auf der Herbstvollversammlung. (Foto: Beate Dieterle)
Michaela Koller, die auch Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen ist, mit Moderator Dr. Christian Mazenik, Leiter der Bildungsabteilung von missio München. (Foto: Michael Widmann)