Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrates

Barmherzigkeit: theologisch – praktisch – spirituell – selbstkritisch

11.04.2016 16:37

Atemlose Stille herrschte während des Vortrags von Prof. Gerda Riedl auf der Vollversammlung des Diözesanrates am Samstag, 9. April 2016. „Barmherzigkeit: Ermutigung – Respekt – fürsorgliche Liebe“ waren die Stichworte, unter denen die Leiterin der Hauptabteilung Grundsatzfragen im Haus St. Ulrich referierte.

Hauptreferentinnen im Gespräch: Prof. Gerda Riedl und Hildegard Schütz im Ausstellungsfoyer der Vollversammlung (Foto: Beate Dieterle)

Der Vortrag von Prof. Riedl leitete eine intensive Befassung der teilnehmenden Diözesanratsmitglieder mit den sieben geistigen Werken der Barmherzigkeit ein, welche in Kleingruppen geleistet wurde, deren Arbeit von Mitgliedern des Sachausschusses "Pastorale Fragen" mit einleitenden Impulsvorträgen im Plenum und leitender Funktion in der Gruppe begleitet wurde.

Am Freitag, 8. April 2016, hatte zunächst Generalvikar Harald Heinrich vor dem Diözesanrat einen Bericht über einige zentrale Entwicklungen in der Diözese gegeben. Er stellte zunächst das umfängliche Engagement sowohl an der Basis als auch seitens der Bistumsleitung für die Flüchtlinge vor. Nachdenklich stimmte ihn – und er wurde darin von anwesenden Mitgliedern der Bistumsleitung bestätigt –, dass nicht nur die Gläubigen der sog. Kerngemeinden relativ wenig in den Helferkreisen anzutreffen sind, während gerade aus diesem Pool der regelmäßigen Gottesdienstbesucher kritische bis problematische Äußerungen bezüglich der Flüchtlinge zu vernehmen seien. Einzelne Diözesanratsmitglieder konnten den ersten Teil dieses Eindrucks zwar insofern relativieren, als dass sie in ihren Pfarreien andere Erfahrungen gemacht hätten bzw. dass diese in ihrem engagierten Kern bereits durch andere Aufgaben ausgelastet seien, gleichwohl blieb der Eindruck bestehen, dass die Säule der Diakonie (neben Liturgie und Martyrie) noch ausbaufähig sei. Allerdings, so wurde von Teilnehmern positiv angefügt, sei es auch als erfreuliche Tatsache zu werten, dass bislang in den Pfarreien wenig präsente Katholiken sich nun in der Flüchtlingshilfe erstmals erkennbar engagierten.

Auf Wunsch aus den Reihen des Diözesanrats hatte Generalvikar Heinrich auch ausführlich zur „Initiative Gebetshaus e.V.“ informiert. Sie finden diese und weitere Ausführungen von Msgr. Heinrich unterhalb dieses Textes als PDF.

Nachdenklicher Bericht der Vorsitzenden

Die Vorsitzende des Diözesanrates begann ihren Bericht ebenfalls mit einem Blick auf die sog. „Flüchtlingskrise“. Insbesondere die Einschätzung der Rolle von Bundeskanzlerin Angela Merkel versah Hildegard Schütz mit einigen nachdenklichen Fragen. Seinen Sorgen bezüglich jener nationalistischen und antieuropäischen Tendenzen, welche die Problematik im Stile von Polemiken auf die Kanzlerin hin personalisierten, hatte der Diözesanrat mittels einer Erklärung zur Europäischen Union Ausdruck verliehen. Praktisch bemühte sich der Diözesanrat im vergangenen halben Jahr um eine Vernetzung von kirchlichen und kommunalen Gemeinden, um deren Zusammenarbeit im Sinne einer Erhaltung des ländlichen Raumes als lebenswert zu fördern. Zehn solcher Netzwerkveranstaltungen hatten in den Dekanaten stattgefunden, die Reihe wird fortgesetzt.

Neue Wege betritt der Diözesanrat auch mit dem „Tag der Pfarrgemeinderäte“, der erstmals nicht im Augsburger Haus St. Ulrich, sondern im Kloster Roggenburg und seinem Walderlebniszentrum stattfindet. Ziel der für 15. Oktober 2016 geplanten Veranstaltung ist es einerseits, den Pfarrgemeinden die Enzyklika „Laudato si“ bekannter zu machen und zur Vertiefung zu empfehlen, andererseits deren praktische Umsetzung anhand einer Baumpflanzaktion (unterstützt von „Plants for the planet“) exemplarisch durchzuführen und einen Wettbewerb in den Pfarreien anzuregen. Auch den Bericht von Hildegard Schütz können Sie unten als PDF nachlesen.

Gerda Riedl: „Barmherzigkeit: Ermutigung – Respekt – fürsorgliche Liebe“

Der programmatische Höhepunkt der Vollversammlung des Diözesanrates wurde am Samstagvormittag erreicht, als die Teilnehmer sich mit dem Thema der Barmherzigkeit zu befassen begannen. Einen tiefgehenden und reichen Impulsvortrag dazu lieferte die Dogmatikerin Prof. Gerda Riedl mit ihrem Vortrag „Barmherzigkeit: Ermutigung – Respekt – fürsorgliche Liebe“.

„Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters.“ So lautet der erste Satz der Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres, woraus sich ihr Titel „Misericordiae vultus“, „Antlitz der Barmherzigkeit“ ergibt. Diesen Satz erschloss Riedl als christlichen Kernsatz. Der Name „Jesus Christus“ weise über die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth hinaus, der durch seine Auferstehung „Prototyp unserer Auferstehung“ geworden sei. Damit sei nicht nur die Grenze des Todes aufgehoben, sondern in vielerlei Hinsicht die Begrenztheit des Menschen durch Schmerz, Leid und Sünde.

Das Antlitz oder Gesicht Jesu Christi stehe für die uns zugewandte Seite Gottes: „Er schaut uns an, nimmt uns wahr, wie wir sind.“ Riedl wies darauf hin, dass die uralte, orthodoxe Sicht der „Ikone“ dasselbe bedeute wie das Wort „Icon“ aus der Computersprache: Der Anblick der Ikone an und der Klick auf den Icon stellen eine Verbindung zu etwas Anderem her. Beim Andachtsbild oder Antlitz Christi ist dieses Andere die Transzendenz: das Unsichtbare, das zugleich alles umfasst.

Durch die Barmherzigkeit kommt nach Riedl unsere Bedürftigkeit in den Blick. Lebensnotwendig seien wir ja auf Gottes Hilfe angewiesen. „Misericordia“, schrieb Thomas von Aquin, gibt der Gerechtigkeit ihr Maß und ihr Ziel vor. Umgekehrt heiße, so die Theologin, Barmherzigkeit „ja nicht nur einfach nett sein“. Beides verband schon der Kirchenlehrer: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit zeitigt Grausamkeit“, so der Aquinate, „Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit bedeutet Auflösung“.

Papst Paul VI. sagte am Konzilsende: „Natürlich werden die Irrtümer abgelehnt, das verlangt die Verpflichtung zur Liebe und nicht weniger die Verpflichtung zur Wahrheit. Aber für die Menschen gibt es nur Ermutigung, Respekt und Liebe.“ Bewusst 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanums öffnete Papst Franziskus die Heilige Pforte als Beginn des Jubiläumsjahres. Mitten in diesem Heiligen Jahr ermunterte Prof. Riedl die Mitgliedern des Diözesanrates, nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters zu Güte (als Antwort auf die Bedürftigkeit), Nähe (zu den Bedürftigen) und Selbstlosigkeit (als zeitweises Absehen von sich selbst für die Bedürftigen), um selbst christusförmig und damit Ikone Jesu Christi zu werden.

Souveräne Tagungsleitung: Sieglinde Hirner, stellvertretende Vorsitzende des Diözesanrats und Leiterin des Sachausschusses „Pastorale Fragen“ (Foto: Michael Widmann)

Man konnte die weiteren Elemente der Vollversammlung dann durchaus als Versuche verstehen, diesen Weg zu beschreiten; und zwar nicht nur durch die in den meisten Vollversammlungen geübte Praxis der anschließenden Gruppenarbeit (diesmal zu den geistigen Werken der Barmherzigkeit, vorbereitet vom Sachausschuss "Pastorale Fragen", im Bild präsent durch das Fastentuch von Prof. Hilda Sandtner, „St. Vitus“ Balzhausen), sondern auch repräsentiert durch die Ausstellungen im Foyer. Auf eine war am Vorabend bereits kompetent hingewiesen worden: Anton Stegmair von der Abt. Weltkirche hatte in einem kurzen Beitrag (s. unten) die Bedeutung der kirchlichen Hilfswerke herausgestellt, die auf Stellwänden im Foyer mit aktuellen Projekten vorgestellt wurden (Sachausschuss „MEF“). Inspirierend war auch eine Ausstellung zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit, die Günter Gaschler (Sachausschuss „Soziale und caritative Fragen“) mit beeindruckendem Bildmaterial zusammengestellt hatte.

Michael Widmann

Hier der Bericht des Generalvikars:

Hier der Bericht der Vorsitzenden:

Hier die den Kurzvortrag von Anton Stegmair begleitende Präsentation der kirchlichen Hilfswerke:

In der ersten Reihe: Domdekan Dr. Bertram Meier, Generalvikar Harald Heinrich und Bischof Dr. Konrad Zdarsa. (Foto: Beate Dieterle)
Impulse zur Spiritualität der Geistigen Werke der Barmherzigkeit kamen von Gerlinde Knoller (Gemeinschaft Christlichen Lebens und Sachausschuss "Pastorale Fragen"). (Foto: Michael Widmann)
Immer im Gespräch: Helmut Mangold und Prof. Gerda Riedl. (Foto: Beate Dieterle)