Tagung des Diözesanrats

„Kirche im Lockdown – Chancen und Perspektiven“

24.07.2021 15:59

Augsburg. „Im Rückblick auf 15 Monate Corona-Zeit: Was ist uns in der Kirche erinnernswert und beibehaltenswert erschienen? Was könnte das Leben in der Pfarrei auch in Zukunft bereichern?“ Dieser Frage stellte sich die Tagung des Diözesanrats „Kirche im Lockdown – Chancen und Perspektiven“ im Haus St. Ulrich. Begleitet von einem „Markt der Möglichkeiten“ und eingeleitet von drei Fachreferaten widmeten sich fünf Arbeitsgruppen differenzierten Fragestellungen.

Die Referenten der Tagung „Kirche im Lockdown – Chancen und Perspektiven“ mit der Vorsitzenden des Diözesanrats: Dr. Thomas Wienhardt, Hildegard Schütz, Angelika Maucher, Pfarrer Dr. Bernhard Ehler (v.l.n.r) (Foto: Diözesanrat).

Die anhaltende Geschichte mit dem Corona-Virus ist alles andere als ein positiv besetztes Thema. Auch was die Kirchen betrifft, wurde der Lockdown allgemein negativ gesehen, kam es doch zu eheblichen Einschränkungen bei Gottesdiensten, Sakramentenspendung und Seelsorge, aber auch von Pfarrfesten und anderen Veranstaltungen. In verminderter Form bestehen die Restriktionen bis heute. Die außerordentliche Versammlung des Diözesanrates hatte es sich gleichwohl zum Ziel gesetzt, „Chancen und Perspektiven“ in der Krise zu entdecken und mit einem „Markt der Möglichkeiten“ im Foyer des Hauses St. Ulrich an die 10 Best-Practice-Beispiele aus Pfarreien und Verbänden, aber auch von katholisch1.tv und der Abteilung für Schule und Religionsunterricht zu präsentieren. Bereits hier wurde deutlich, dass die Katholiken neue Wege suchten, um das kirchliche Leben unter erschwerten Bedingungen fortzusetzten. So wurden angesichts der fehlenden Möglichkeiten im Bereich von Sterbefällen Totenrosenkränze gestreamt und Pfarrgemeinderatsmitglieder stellten sich zur Verfügung, Angehörigen zu helfen.

Aus einer Pfingstaktion, bei der Firmlinge zum Thema „Komm, Heiliger Geist!“ Bilder einsenden konnten, wurde im Laufe der Zeit eine Bewegung der ganzen Pfarrei, deren Resultate schließlich auf einem 7-Meter-Banner festgehalten wurden. Auch die alte Tradition der Stationengottesdienste wurde neu belebt, um bspw. in der Adventszeit die Möglichkeit zu schaffen, mit Kindern in die Kirche zu kommen und dort jeweils kurz an einzelnen, eigens gestalteten Stationen zu verweilen. Ans Licht befördert hatten diese Ideen und Konzepte die Mitglieder der Sachausschüsse des Diözesanrates „Land“ und „Pastorale Fragen“, die die gesamte Tagung vorbereitet hatten.

      

Das 7 - Meter - Banner der Pfingstaktion
2020 von St. Felizitas, Bobingen.

 

Auch Pfarrer Dr. Bernhard Ehler fand in der Heilsgeschichte einen befreienden Weg aus der Krise: An die Gemeinschaft des Letzten Abendmahls schloss sich der Leidensweg Jesu bis zu seinem Tod an. Noch auf die Erscheinungen des Auferstandenen folgte ein angstvoller Rückzug in den Abendmahlssaal, gewissermaßen ein Lockdown, der erst mit dem Pfingstereignis, der eigentlichen Gründung der Kirche zum Aus- und Aufbruch führte: zu Mission und Zeugnis. Die Zerstörung des Vertrauten hatte der Sprecher des Priesterrates auch in der Coronakrise erlebt. So konnte die Erstkommunionvorbereitung nicht wie gewohnt stattfinden und eine neue Form musste entwickelt werden. Die Idee, den Kindern in Begleitung ihrer Eltern einen Weg von Glaubensstationen in der Kirche anzubieten, führte dazu, dass Eltern berichteten, erstmals mit ihren Kindern über den Glauben gesprochen zu haben. So sei durch Kreativität aus der Krise heraus eine ganz neue Begegnung  entstanden. Auch das generelle Verhältnis der Kirche zu den Gläubigen habe die Richtung gewechselt: Statt wie bisher ein Angebot zu schaffen, von dem erwartet wurde, dass die Menschen dorthin kommen, um es wahrzunehmen, was aber immer weniger der Fall sei, sei man nun einzeln zu den Leuten gegangen. So habe die Krise einen missionarischen Impuls hervorgebracht. Mit Angelika Maucher als Leiterin des Seelsorgeamtes stellte die erste Referentin der Tagung eine philosophisch-theologische Analyse ihrer Erfahrungen vor, die sie aus den zahlreichen Eingaben von Gläubigen in dieser Zeit gewonnen hatte. So ergab sich zunächst ein äußerst vielgestaltiges und ambivalentes Bild, das zeigte, dass die bisherige Gemeinde – Praxis ebenso an Grenzen stieß wie der Versuch, neue Regeln aufzustellen. Dies, so Maucher, unterscheide ein Problem von einer Krise, dass es für ersteres prinzipiell eine Lösung gebe, während in letzterer bisherige Lösungen nicht mehr greifen. Auch die Rolle Gottes in der Krise habe zu Interpretationen geführt, die unzureichend seien: Die Position, Gott habe nichts mit einer Pandemie zu tun, also der Versuch, ihn herauszuhalten, mache Gott letztlich belanglos. Die Position, Gott verhänge eine Strafe oder spreche eine Warnung aus, baue ihn hingegen in ein weltanschauliches Konzept ein, verzwecke in also. Einen tragfähigen Ansatz fand Maucher in der Emmauserzählung, in der den beiden verzweifelten Jüngern unerwartet Jesus begegnet und ihnen einen neuen Blick auf die Situation verleiht: „Und es geschah, während sie darüber ratlos waren, siehe… Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,4)

Der Gemeindeentwickler Dr. Thomas Wienhardt stellte „Corona“ geradezu als „Veränderungsbeschleuniger“ dar und zwar auf der Grundlage von Umfragen der Bistümer Augsburg und Paderborn. Gleich zehn positive Veränderungsimpulse entdeckte er, z.B.: So viel „Ausprobieren“ wie noch nie. Die Gemeindeentwickler haben dazu eine Fülle weiterer Best-Practice-Beispiele zusammengetragen und systematisiert: https://kirche-entwickelnberaten.de/digitale-kirchen-angebote/ Eine große Rolle spielte die Digitalisierung. So konnten Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht in ihrer Heimat oder Heimatpfarrei waren, von einem Tag auf den anderen die dortigen Gottesdienste mitfeiern. Und über diese Angebote und Social-Media-Vernetzungen „kam die Pfarrei plötzlich aufs Handy“. Überraschtes Statement eines Gläubigen: „Christus kam, was ich nie für möglich gehalten hatte – zu uns via Bildschirm nach Hause.“ Gerade der Vortrag Wienhardts kehrte das Negativ-Bild von „Kirche im Lockdown“ letztlich um und zeigte eine Kirche mit „Chancen und Perspektiven“.

Weitere Positiv-Beispiele brachte das Gespräch in den Arbeitsgruppen hervor, die von Mitgliedern der genannten Sachausschüsse geleitet wurden. Auch hier wurde deutlich, dass sich aus Maßnahmen, die der Situation geschuldet waren, neue Möglichkeiten ergeben hatten: Zunächst wurde das Führen von Listen von Gottesdienstteilnehmern und das Aufstellen von Ordnern zur Einhaltung der Schutzvorschriften in der Kirche fast als Zumutung empfunden, mit der Zeit habe sich daraus aber stellenweise eine „Willkommenskultur“ entwickelt. Das Digitale ersetzte zwar zunächst Sitzungen, was einerseits die Fülle menschlicher Begegnungen reduzierte, andererseits aber räumliche Distanzen belanglos machte, konnte aber mit Lockerung der Bestimmungen zu einer neuen Veranstaltungsform führen, bei der Präsenztreffen durch online zugeschaltete Teilnehmer erweitert wurden: Hybridveranstaltungen. So kann ein bekanntes Zitat von Friedrich Hölderlin, das Angelika Macher präsentierte, als Zusammenfassung des überraschend Positiven in der kirchlichen Gegenwart gelten:
„Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Michael Widmann

Erhielt eine eigene Laudatio der Vorsitzende
des Diözesanrats: Sieglinde Hirner, Trägerin
der Ulrichsmedaille und Mitorganisatorin
der Tagung.