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Vollversammlung zum Thema "Christlicher Glaube - eine Aufforderung zu politischem Handeln!"

Theo Waigel: "Kämpfen Sie für Europa!"

18.03.2017

„Christlicher Glaube – eine Aufforderung zu politischem Handeln!“, so lautete das Thema der Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrats. Den einführenden Vortrag hielt Bundesfinanzminister a.D. Dr. Theo Waigel. Doch die Teilnehmer machten auch durch amtierende Politikern, zwei Ruheständler und die BDKJ-Bundesvorsitzende mit den unterschiedlichsten Aspekten und Dimensionen der Politik Bekanntschaft.

Scheitert die Demokratie an ihrer Freiheit? – Eine hochaktuelle Frage für jeden, der den sorgenvollen Blick auf die Entwicklung in der Türkei teilt, in der per Volksabstimmung eine Verfassungsänderung abgesegnet werden soll, die die Stellung des Präsidenten so sehr stärkt, dass von der Gewaltenteilung nicht mehr viel übrig bleibt. Diese Frage hatte auch Joseph Bernhart bewegt, jenen Ursberger Schriftsteller, den Dr. Theo Waigel ganz besonders schätzt. Ein unbequemer katholischer Denker aus dem Nachbarort des Dörfchens Oberrohr, aus welchem der frühere Bundesfinanzminister stammt. Als Ministrant sei er wegen Unbotmäßigkeit hinausgeflogen, erzählt Waigel, eine Geschichte, die nicht nur über den ebenfalls kirchlich Unbequemen etwas sagt, sondern auch etwas über eine nützliche Charaktereigenschaft für einen Politiker. Er habe sich vom Mesner nicht mehr schlagen lassen wollen, erzählt er, und so sei er gegangen (worden). „Ich bin im Konflikt groß geworden und habe aus Konflikten gelernt.“

Ist diese Konfliktfähigkeit, ist das Durchhaltevermögen, von dem der „Vater des Euro“ erzählt, eine Eigenschaft, die bei der heutigen Jugend seltener geworden ist? Immerhin berichtet die jüngste Vertreterin auf dem Podium, Lisi Maier, dass das Interesse junger Menschen an der Politik durchaus stark ist, aber an der Mitarbeit in einer Partei weniger. Der BDKJ, dem die 33-jährige Irschenbergerin in Berlin vorsteht, versucht einerseits politische Inhalte einzufordern und politische Positionen zu unterstützen, andererseits Jugendliche in ihrem Engagement zu fördern. Eine bedeutsame Aufgabe, wenn man von Dr. Ivo Holzinger (SPD), 36 Jahre Oberbürgermeister von Memmingen, und Josef Miller (CSU), der bis 2013 dort als Stadtrat amtierte, hört, dass die bekennenden Christen in der Kommunalpolitik immer seltener werden.

Gruppenbild mit Damen: Staatssekretär Johannes Hintersberger, Diözesanratsvorsitzende Hildegard Schütz, Dr. Theo Waigel, Lisi Maier, Josef Miller, Markus Ferber MdEP, Dr. Ivo Holzinger (von links nach rechts; Foto: Beate Dieterle)
Gruppenbild mit Damen: Staatssekretär Johannes Hintersberger, Diözesanratsvorsitzende Hildegard Schütz, Dr. Theo Waigel, Lisi Maier, Josef Miller, Markus Ferber MdEP, Dr. Ivo Holzinger (von links nach rechts; Foto: Beate Dieterle)

„Jeder sollte sich in der Demokratie politisch engagieren. Das christliche Ethos passt ausgezeichnet dazu.“ Holzinger weist auf die „kommunale Halbzeit“ hin: 2014 waren Kommunalwahlen und 2020 sind die nächsten. Jetzt sei der beste Zeitpunkt, mit einem Engagement an der Basis der Politik zu beginnen. Auch für Johannes Hintersberger ist es „eine verantwortliche Verpflichtung, an der Polis, am Gemeinwesen mitzuwirken“. Der Staatssekretär im Bayerischen Ministerium für Arbeit, Familie, Soziales und Integration sagt: „Wir sind alle Politiker.“ Damit sieht er den Menschen in der Tradition des antiken Philosophen Aristoteles als „Zoon politikon“, als Lebewesen in der Polis-Gemeinschaft, in der Stadt, als politisches Wesen. Hintersberger ist geprägt von seiner katholischen Familie, in der er Vorbilder des Engagements fand. Er selbst hat eine Familie mit fünf Kindern und eine Schwester im Dominikanerorden.

Die Prägung durch eine katholische Familie und ein katholisches Umfeld weiß auch Markus Ferber zu schätzen: „Ministrant – Oberministrant – Politiker“. Der Europaabgeordnete und Bezirksvorsitzende der CSU lacht selbst über diesen Einstieg in die politische Karriere. Gereizt habe ihn damals, so erzählt er, die Wendezeit: von Bundeskanzler Schmidt zu Bundeskanzler Kohl, von der sozial-liberalen zur christlich-liberalen Koalition. Spannende Zeiten erlebt der Europapolitiker auch heute, in den Zeiten des „Brexit“ und eines EU-skeptischen bis europafeindlichen Populismus‘, in denen bspw. die Abschaffung des Euro gefordert wird. Auch Waigel kennt diese Positionen und findet sie geschichtsvergessen. Die D-Mark und die anderen nationalen Vorgänger des Euro hätten Währungskrisen gehabt, die heute so nicht mehr denkbar seien. Von fünf Krisenländern der EU hätten heute vier die Krise überwunden, nur Griechenland noch nicht. „Aber wir konnten es doch nicht absaufen lassen!“ Waigel erinnert daran, dass auch Deutschland einst finanziell geholfen werden musste: mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1952. Er diagnostiziert: „Wir stehen in keiner schlechten Zeit. Wir stehen vor riesigen Problemen und müssen sie lösen.“ Noch einmal zitiert der frühere Bundesfinanzminister Joseph Bernhart: „Der Mensch ist geschaffen, um die Ordnung der Dinge zu erkennen und sich selbst in Ordnung zu bringen.“

Fast schon verärgert bemerkt Theo Waigel, dass an uns Europäer heute ein Argentinier appellieren müsse, „daran zu arbeiten, dass Europa seine gute Seele wiederentdeckt“. Es war der Papst im Jahr 2014 vor dem Europaparlament. Er zitierte weiter einen Autor des 2. Jahrhunderts, dass „die Christen in der Welt das sind, was die Seele im Leib ist“. Franziskus weiter: „Die Aufgabe der Seele ist es, den Leib aufrecht zu erhalten, sein Gewissen und sein geschichtliches Gedächtnis zu sein. Und eine zweitausendjährige Geschichte verbindet Europa mit dem Christentum.“ Abschließend Theo Waigel: „Kämpfen Sie für Europa!“

 

Erklärung der Vollversammlung des Diözesanrats zur Bundestagswahl 2017. 

Schon lange im Vorstand und ganz neu im Vorstand: Helmut Mangold und Alexander Barth (Foto: Michael Widmann)
Schon lange im Vorstand und ganz neu im Vorstand: Helmut Mangold und Alexander Barth (Foto: Michael Widmann)
Das Podium mit Markus Ferber MdEP, Staatssekretär Johannes Hintersberger, OB a.D. Dr. Ivo Holzinger, Moderator Michael Widmann, BDKJ-Bundesvorsitzende Lisi Maier (Foto: Beate Dieterle)
Das Podium mit Markus Ferber MdEP, Staatssekretär Johannes Hintersberger, OB a.D. Dr. Ivo Holzinger, Moderator Michael Widmann, BDKJ-Bundesvorsitzende Lisi Maier (Foto: Beate Dieterle)
Elder Statesmen: Staatsminister a.D. Josef Miller und Bundesfinanzminister a.D. Dr. Theo Waigel (Foto: Beate Dieterle)
Elder Statesmen: Staatsminister a.D. Josef Miller und Bundesfinanzminister a.D. Dr. Theo Waigel (Foto: Beate Dieterle)