4. Von der Katholischen Aktion zu den Laienräten

4.1 Gründung eines Laienrates und Übergang zum Diözesanrat

Bischof Dr. Josef Stimpfle

Eine der ersten Handlungen Bischof Stimpfles im Bereich der Laienarbeit bestand darin, im August 1964 den sogenannten Bischofsrat der Laien zu berufen, der ihn in der Wahrnehmung des Sendungsauftrags der Kirche unterstützen sollte.

Das Konzil hatte Würde, Berufung und Aufgabe der Laien in der Kirche in einem eigenen Dekret über das Apostolat der Laien "Apostolicam Actuositatem" ausführlich beschrieben. Was war also naheliegender für den Augsburger Bischof, als sofort konkret zu werden und die Kompetenz der Laien für das Wirken der Kirche fruchtbar zu machen. Seine Intention begründete er folgendermaßen: "Der Sendungsauftrag des Herrn [...] gilt nicht nur den Aposteln, sondern dem ganzen Gottesvolk. [...] So aufgeschlossen ein Bischof oder Priester auch sein mag, er wird aus sich allein unmöglich allen Anforderungen genügen. [...] Priester und Laien ergänzen sich, wirken zusammen und erfüllen so gemeinsam den Auftrag des Herrn in der Welt: die Consecratio Mundi [Heiligung der Welt]". Der Bischofsrat der Laien war "um offenherzige, freie und verantwortliche Mitarbeit" gebeten. Wer gehörte dazu? Die 13 Personen des Präsidiums der Katholischen Aktion, fünf Mitglieder des Diözesanausschusses sowie acht weitere Personen.

Laut Müllegger erfuhr die Katholische Aktion erst aus der Zeitung von der Einrichtung dieses neuen Rats, der als solcher kaum in Erscheinung trat bzw. aktiv wurde. Dies hing vermutlich damit zusammen, dass immer noch keine endgültige Satzung zur Organisation der Laienarbeit in der Diözese vorlag und die entsprechenden Entwürfe vom Fortgang des Konzils wieder überholt wurden, was neue Angleichungen notwendig machte.

1965, gegen Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, wandte sich Bischof Stimpfle in einem Brief an die Mitglieder des Laienrats im Bistum Augsburg, in dem er nach einigen grundsätzlichen Erwägungen über die Bedeutung des Konzils für die Kirche ausführlich darlegte, wie und auf welchen Gebieten er sich die ständige Beratung und Hilfe dieses Gremiums wünschte: hinsichtlich der Inhalte und Weitergabe der christlichen Lehre zur Vorbereitung wichtiger Erklärungen, Hirtenworte und Predigten; das innerkirchliche Leben betreffend, etwa bei der nächsten Diözesansynode; im Dialog mit der "Welt" (Gesellschaft, Diakonie).

Um ein effektives Arbeiten zu gewährleisten, schwebte dem Bischof vor, "ein eigenes Sekretariat, das mit einem Laientheologen besetzt werden soll, zu errichten, damit der Laienrat wirklich, ständig und tätig seine Funktion ausüben kann". Und er lud für 1966 die Mitglieder zu einer gemeinsamen Tagung ein, um über Wesen, Aufgabe und Arbeitsweise des Laienrats gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Vermutlich verhinderte der Verlauf des Konzils, während dem Bischof Stimpfle einen großen Teil des Jahres im Rom weilte, die mit der Berufung beabsichtigte Beratertätigkeit des Laiengremiums konkret anzuwenden.

Das Jahr 1968 brachte die lang erwartete Satzung für die Laienräte im Bistum Augsburg. Damit wurde auch der Begriff der Katholischen Aktion endgültig fallengelassen. Was vorher die Laienarbeit auf Diözesanebene repräsentierte, wurde nun "Diözesanrat der Katholiken im Bistum Augsburg" genannt bzw. bis zu seiner Konstituierung im Jahr 1970 "Diözesanrat im Aufbau".

In einem Schreiben des Bischöflichen Seelsorgeamts und des Diözesanrats der Katholiken im Aufbau an alle Dekane, Regionalsekretäre, Pfarrer, Dekanatsobmänner, Pfarrobmänner und Diözesanvorstände der Verbände und Organisationen vom 12. Dezember 1968 heißt es zu Beginn: "Die Katholische Aktion, als Zusammenfassung der im Laienapostolat tätigen Kräfte in der bisherigen Form, wird zzt. in Deutschland abgelöst durch die Räte des Laienapostolats, angefangen von den Pfarrgemeinderäten über die Katholikenausschüsse im Dekanat bis zum Diözesanrat der Laien im Bistum".

Die Satzung des Diözesanrats der Katholiken wich am stärksten von den Mustersatzungen ab. Aufgrund der Einteilung der Diözese in 13 Regionen bot sich die Zahl 13 für das jeweilige Drittel der gewählten Dekanatsvertreter, der von den Organisationen bestellten Vertreter und der vom Bischof zu berufenden Personen an.

Was die Einrichtung des Diözesanrats betraf, bat das erwähnte Schreiben "die Herren Regionalsekretäre im Zusammenwirken mit den Herren Dekanen bis zum 31. März 1969 für die Wahl des jeweiligen Regionalvertreters die Vorsitzenden der Katholikenausschüsse einzuladen, die Wahl zu leiten und das Ergebnis hierher mitzuteilen. Der Leiter des Seelsorgeamts wird demnächst die auf Diözesanebene vertretenen Organisationen zu Besprechungen einladen, um mit ihnen Überlegungen anzustellen, welche Verbände sich auf einen gemeinsamen Vertreter einigen können, damit auch die Delegierten für das zweite Drittel des Diözesanrats baldmöglichst benannt werden". Für den "Diözesanrat im Aufbau" unterzeichneten Dr. Hans Gaugenrieder (Vorsitzender) und Hubert Müllegger (Diözesangeschäftsführer), für das Seelsorgeamt Domkapitular Max Ziegelbauer.

Der Bischofsrat war damit überholt, bevor er überhaupt mit der Arbeit begonnen hatte. Die Doppelstruktur Katholische Aktion und Bischofsrat der Laien erwies sich als wenig sinnvoll und es verwundert nicht, dass die Katholische Aktion weiterarbeitete, der neue Bischofsrat dagegen - obwohl mit zum großen Teil denselben Mitgliedern - als Gremium nie zusammentrat. Der spätere "Diözesanrat im Aufbau" erwies sich als direktere Weiterführung der Katholischen Aktion, wenn auch unter veränderten Vorzeichen. Bis zu satzungsgemäßen Konstituierung des Diözesanrats dauerte es noch zwei Jahre. Damit wurde der seit dem 11. September 1964 bestehende Bischofsrat der Laien aufgelöst.

4.2 Gründungsversammlung des Diözesanrats 1970 in Augsburg

Das Zweite Vatikanische Konzil zählt die Mitarbeit der Laien an der Heilssendung der Kirche zu den "Zeichen der Zeit, die unter dem Wehen des Geistes Gottes entstanden sind". Dies stellte auch Bischof Stimpfle in seinem Begleitschreiben zur Veröffentlichung der ersten Satzungen der Laienräte heraus: "Die Räte des Laienapostolats sind gebildet worden, um die Kraft und Erfahrung der Laien mit dem Dienst der Hirten zu verbinden. [...] Der Geist des Herrn hauche den beratenden Gremien der Laien Leben ein, damit sie die Familie Gottes erbauen, die 'in Christus gleichsam das Sakrament, d. h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit' (Lumen gentium, Nr. 1) ist".

Müllegger erinnerte sich noch gut an die konstituierende Sitzung des Diözesanrats in der Bibliothek des Bischöflichen Ordinariats in Augsburg am 11. April 1970, auf der er zum Vorsitzenden gewählt wurde. Anwesend waren der damalige Diözesantheologe, Domvikar Dr. Karl Braun (seit 1995 Erzbischof von Bamberg) als Vertreter des Domkapitels, sowie Generalvikar M. Achter in Vertretung des Bischofs.

Die Tatsache, dass Vertreter in dieses Laiengremium gewählt wurden, war etwas völlig Neues. Die erste Satzung des Diözesanrats sah deshalb noch vor, dass die Wahl des Vorsitzenden vom Bischof bestätigt werden musste.

Klar war mit der Satzung nun auch die Zusammensetzung des Gremiums: ein Drittel von den Laien gewählte Mitglieder, ein Drittel von den Verbänden delegierte, ein Drittel vom Bischof berufene. Entsprechend der damaligen Diözesanstruktur kam man damals auf 41 Mitglieder: 13 Regionalvertreter, 13 Verbandsvertreter, 13 vom Bischof Berufene, sowie der Bischöfliche Beauftragte und der Geschäftsführer. Ein Drittel der Laien kam also aus den Dekanaten. Schwierigkeiten bereitete die Delegierung durch die Verbände. Denn bei 13 verfügbaren Stimmen konnte nicht jeder Verband einen eigenen Vertreter entsenden. Das Seelsorgeamt versuchte also zu klären, welcher Verband andere Verbände mitvertreten konnte.

In den ersten Jahren wurde die Dreiteilung der diözesanen Laienräte immer wieder in Frage gestellt. Vielen Diözesen erschien ein Drittel Gewählter in einem solchen Gremium zu gering. Einige Diözesen überlegten, die Zahl der Berufenen zu reduzieren zugunsten zwei Drittel Gewählter. Es gab auch im Zentralkomitee Stimmen, die gegen diese Dreiteilung waren und mehr Gewählte wollten. Die Verbandsvertreter hatten es schwer und nur folgendes Argument überzeugte: "Was will ein Pfarrer mit einem Pfarrgemeinderat, in dem nicht einmal die Verbände vertreten sind." Bischof Stimpfle habe einmal in einem Gespräch mit Müllegger zum Ausdruck gebracht, dass er an den Berufenen festhalten wollte, weil dadurch der Pfarrer oder der Bischof einen gewissen Ausgleich herbeiführen konnte, wenn die Wahl einmal problematisch ausgehen sollte.

Auf der Gründungsversammlung inAugsburg 1970 wurden auch die Delegierten für die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Überhaupt war die "Würzburger Synode", wie sie kurz genannt wurde, ein wichtiges Thema in den ersten Arbeitsjahren des neuen Diözesanrats.

Der bisherige Präsident des "Diözesanrats im Aufbau", Dr. Hans Gaugenrieder, gab auf der konstituierenden Sitzung des Diözesanrats einen Rückblick dessen, was die Katholische Aktion seit dem Ulrichsjahr 1955 in der Diözese an Laienarbeit geleistet hatte. In seinem anschließenden Ausblick auf die zukünftigen Aufgaben des Diözesanrats ging er auch auf die Schwierigkeiten ein, die sich dem Gremium dabei stellten: Kontakte zu katholischen Ausschüssen und kirchlich anerkannten Organisationen, sowie anderen diözesanen Einrichtungen, die im Dienst an den Laien stehen, ließen teilweise zu wünschen übrig, auch wäre wenig Bereitschaft zur Zusammenarbeit vorhanden. Andererseits bemängelte Gaugenrieder die ungenügende oder verspätete Information von Seiten der Bistumsleitung bzw. Diözesanverwaltung hinsichtlich Themen, die die Laien unmittelbar betrafen. "Kein Dialog ohne Information" war damals sein Schlagwort.

Der Schluss seiner Ausführungen war ein Appell an das Gremium, sich nach jahrelangen ermüdenden Diskussionen über Statuten, Wahlordnungen, Strukturen ("es hängt einem zum Hals raus") nun der eigentlichen Arbeit, dem Apostolat, zuzuwenden:

"Wir leben heute in unserer Kirche nicht nur in einer Glaubenskrise, sondern in einer Art innerkirchlichen Diaspora. Während es Kreise gibt, die dem ausgesetzten Allerheiligsten in der Messe und vielen anderen Bräuchen nachtrauern, glauben die anderen, das Ziel liege in der totalen Entsakralisierung der Eucharistiefeier. Während die einen alles, was die Jahrhunderte an Glaubenszusatz, kirchlicher Ordnung und Brauchtum angesammelt haben, als biblisch und dogmatisch begründet ansehen, meinen andere, dass sie mit Bestimmtheit wissen, wie die christlichen Urgemeinden Gott verehrten und dass der heutige Mensch sich so zu verhalten habe, ferner, dass die Kirche nur mehr Dienst am Menschen sei und der Priester seine Tätigkeit als Sozialingenieur auszuweisen habe. So, wie nach dem Jahr 1800 Volksfrömmigkeit und Festhalten von einfachen Priestern und Laien am Glauben die Grundlage für das Wiedererwachen christlichen Lebens war, so müssen wir Laien und unsere Gremien dafür sorgen, dass nicht, wie es ein Kulturhistoriker vor 50 Jahren sagte, 'die Theologie den Sieg über den Glauben' davontrage. Mit und neben den Priestern müssen die Räte des Laienapostolats eine Sammlungsbewegung sein. Wir lesen bei den Propheten des Alten Testaments immer wieder von der Sammlung der Zerstreuten und auch im Neuen Testament spricht der Herr immer wieder vom Sammeln der versprengten Herde. Die Sammlung ist das wichtigste Ziel unserer Pfarrgemeinderäte, der Dekanatsausschüsse und des Diözesanrats".

Auf der Vollversammlung des Diözesanrats im Dezember 1970 gab der neue Vorsitzende, Hubert Müllegger, einen ersten "Bericht des Vorsitzenden". Die zentralen Fragen, denen sich das Gremium in den ersten Monaten seines Bestehens zugewandt hatte, betrafen einmal erste Schritte zur besseren Verklammerung der Arbeit der drei Räte auf diözesaner Ebene, dem Seelsorgerat, Priesterrat und Diözesanrat. Um dem zweiten Aspekt gerecht zu werden, nämlich die Vermittlung von konkreten Hilfen und Anregungen für die praktische Arbeit der Katholikenausschüsse (jetzt Dekanatsräte) und Pfarrgemeinderäte, waren erste Sachausschüsse gebildet worden: einer für Öffentlichkeitsarbeit, einer für soziale und caritative Fragen und ein dritter "Land".

Was die satzungsgemäße Aufgabe der Anregung, Förderung und Abstimmung der Arbeit der Katholikenausschüsse und Organisationen und Gruppen betraf, äußerte sich Müllegger folgendermaßen: "Ich war mir bei der Übernahme meines Amtes nach der Wahl durch die Mitglieder des Diözesanrats darüber im Klaren, dass die Hauptarbeit und damit die entscheidende Tätigkeit unserer Laiengremien an der Basis bzw. in den Pfarrgemeinderäten und auf Dekanatsebene geschehen wird. Aus diesem Grunde war mir sehr daran gelegen, Kontakte mit unseren Pfarrgemeinderäten und Katholikenausschüssen zu bekommen, um die Probleme, die sich im Bereich unserer Laienarbeit stellen, zu erkennen, in die Überlegungen des Diözesanrats einzubeziehen und dadurch wiederum Hilfen von der Diözesanebene aus für die Arbeit vermitteln zu können". Entsprechend intensiv war die Kontaktaufnahme von Seiten des Diözesanrats zu den Gremien an der Basis und auf der mittleren Ebene. Seit der Konstituierung des Diözesanrats im April waren bis zum Dezember bereits Schulungs- und Informationstagungen in zehn Dekanaten durchgeführt worden. Laut Statistik gab es zum damaligen Zeitpunkt 570 gemeldete Pfarrgemeinderatsvorsitzende sowie in 54 von 60 Dekanaten Katholikenausschüsse.

Man kann sich heute nur noch entfernt vorstellen, welche Aufbruchstimmung aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden war, die auch in einen neuen Optimismus für die Würzburger Synode mündete. Die Gründung des Diözesanrats war aber erst die strukturelle Voraussetzung. In den folgenden Jahren ging es darum, immer arbeitsfähiger zu werden, mancherorts noch herrschende Skepsis und Misstrauen zu überwinden, hartnäckige Informationsbarrieren zu durchbrechen...