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Interview

„Den Weg miteinander gehen“ - Generalvikar Heinrich erläutert den Planungsstand: 203 Seelsorgeeinheiten bis 2025 – Umsetzung schrittweise, kein „Stichtag“ – Worauf es im Bistum wirklich ankommt

AUGSBURG – Der neue Generalvikar, Monsignore Harald Heinrich (45), steht im Exklusivinterview mit der Katholischen Sonntagszeitung Rede und Antwort zur Bistumsreform und ihren Herausforderungen.

Herr Generalvikar, Sie haben zusätzlich zur Leitung der Hauptabteilung Planung und Personal das Amt des Generalvikars übernommen – und damit noch mehr Verantwortung für die viel diskutierte pastorale Raumplanung. Wie ist der Stand?

Seit über zwei Jahren, zuvor auch schon als stellvertretender Generalvikar, bin ich nun mit dem Thema befasst. Es geht – ganz einfach gesagt – leider um einen Mangel, und darauf muss geantwortet werden: der Mangel an Priestern und an pastoralen Berufen. Bisher war geplant, 292 Pfarreiengemeinschaften zu schaffen. Wir mussten feststellen, dass wir diese Zahl nicht besetzen können. Und so haben wir eine Planung vorgenommen, nach der wir langfristig bis zum Jahr 2025 auf 203 Seelsorgeeinheiten reduzieren. Das ist in einem langen Gesprächsprozess erfolgt und wurde nicht irgendwie „verordnet“. Ich habe in Gesprächen mit Pfarreien immer gesagt, dass die Zahl der Priester nicht zur Diskussion steht. Sie ist einfach ein Faktum. Alles andere wäre unehrlich, auch wenn ich es mir so leichter gemacht hätte. Was die Zuordnung der Pfarreien angeht, war bei der Planung manches offensichtlich – etwa, was die politischen Einheiten anbelangt oder den Standort der Schule. Doch es gibt auch Verflechtungen, die über Jahrhunderte gewachsen sind und die man nicht einfach vom Schreibtisch aus erkennen kann. Deshalb waren uns die Rückmeldungen so wichtig. Auf den ersten Entwurf haben wir über 1000 erhalten – das sind 90 Prozent. Daraus haben wir einen zweiten Entwurf gefertigt, die Dekane einbezogen und wieder Rückmeldungen eingeholt. Das hat eine Weile gedauert. Aber es hat sich gelohnt, weil wir letztlich bis auf ganz wenige Fälle einen Konsens erzielt haben. Ich bin sehr froh, dass dieser Weg der Kommunikation und des Dialogs zu einem guten Ergebnis geführt hat.

Es gab aber Kritik am Vorhaben überhaupt und am Informations-Stil?

Natürlich kann man nicht immer jeden Brief beantworten. Die Arbeitsgruppe, die mit der Aufgabe beschäftigt war, bestand lange Zeit aus zwei Personen: nämlich aus mir und Herrn Karl Wolf. Es gab also keinen „Apparat“, der dahinter stand. Zwischendurch kamen einige Personen hinzu, um bestimmte Fälle zu besprechen. Aber es wurde jeder Brief nicht nur gelesen, sondern ein eigenes Programm entwickelt, um alle Bedenken und Änderungsvorschläge einzuarbeiten. Nichts ist unter den Tisch gefallen. Wirklich jede Pfarrei, jede Filiale hat die Möglichkeit gehabt, sich zu äußern. Jetzt haben wir die letztgültige Fassung noch einmal rausgeschickt zum Korrekturlesen, um wirklich auch den letzten Fehler aufzuspüren. Die Berechnung des Stellenschlüssels ist sehr kompliziert. Jede Filiale, jedes Altenheim, Kindergärten usw. werden eingerechnet. Wir haben eine größtmögliche Differenzierung versucht. Die Katholikenzahl fließt genauso wie die Fläche ein. Wir sind eine Diözese mit Pfarreien, die vielleicht bloß 900 oder 1000 Katholiken haben, aber ein relativ großes Gebiet. All das war zu berücksichtigen, damit Gerechtigkeit entsteht. Leider wird bei der Kritik auch dramatisiert. Wir reduzieren insgesamt behutsam auf 203 Seelsorgeeinheiten. Davon werden 44 weniger als 4000 Katholiken umfassen. Es entstehen also keineswegs lauter „Monstereinheiten“. Es gibt einige größere Einheiten, aber vergleichsweise wenig. Gerade einmal drei Seelsorgeeinheiten zählen mehr als 14 000 Katholiken. Hier sind oft Ängste geschürt worden, die nicht berechtigt sind.

Wie ist das weitere methodische Vorgehen?

Den zunächst angekündigten Stichtag wird es nicht geben! Wir führen den Weg fort, den wir bisher verfolgt haben, und gehen bei der Umsetzung der pastoralen Raumplanung sukzessiv vor: etwa, wenn ein Priester in Ruhestand geht, wenn jemand versetzt wird oder wechselt. In Einzelfällen werden wir nicht umhin kommen, auch mal einen Pfarrer anzusprechen: „Bitte geh an eine andere Stelle, wir brauchen Dich dort, weil sonst eine große Pfarreiengemeinschaft vakant bleibt.“ Man darf auch einmal betonen: Im Gegensatz zu anderen Diözesen lassen wir Stellen nach Möglichkeit nicht vakant – es gab zurückliegend nur einen „größeren Fall“, Illertissen. Manche Diözesen halten Pfarreien zunächst einmal bewusst vakant, nach dem Motto: „Wenn sich niemand bewirbt, dann bewirbt sich eben niemand.“ Wir haben bisher immer versucht, jede Stelle zu besetzen. Auch in diesem Jahr ist das wieder gelungen. Zwar ist der Priestermangel da, aber er wird erst Schritt für Schritt noch spürbarer werden. Das ist ganz wesentlich der Mithilfe der vielen ausländischen Mitbrüder zu verdanken. Bis 2025 werden wir die geplanten 203 Seelsorgeeinheiten wohl umgesetzt haben. Aber wir wollen es behutsam machen.

Beim Personal ist eine Bündelung vorgesehen. Was kommt da beispielsweise auf die Pfarrsekretärinnen und Hausmeister zu?

Eines vorneweg: Es ist nicht daran gedacht, irgendwelche Leute zu entlassen oder dergleichen. Es geht, wie Sie gesagt haben, um Bündelung. Nennen wir ein ganz konkretes Beispiel – Kaufbeuren: Da kommt eine große Pfarreiengemeinschaft aus sieben Pfarreien zustande. Da sind ursprünglich neun Sekretärinnen und eine ganze Reihe von Pfarrbüros. Wir müssen nun Wege finden, wie wir das vorhandene Personal so einsetzen können, damit gut gearbeitet werden kann und vor allem der Pfarrer seine Leitung sinnvoll wahrnehmen kann – bzw. auch wo wir jemand woanders einsetzen können. Es geht nicht um Entlassungen! Genauso verhält es sich bei den Hausmeistern – es werden ja keine Pfarrheime zugesperrt. Diese Leute brauchen wir, wir brauchen auch weiterhin Mesner. Es geht um eine andere Perspektive – das Stichwort heißt „zentrales Pfarrbüro“. Manche Pfarreiengemeinschaften sind fast so groß wie mittelständische Betriebe. Der Pfarrer in Kaufbeuren beispielsweise ist für 59 Immobilien zuständig. Das kann er nicht alleine schaffen. In dem Fall wird ein Verwaltungsfachmann angestellt, der dem Pfarrer nicht bloß zur Seite steht, sondern ihn wirklich entlastet und diese Aufgaben übernimmt. Sonst wäre es womöglich auch eine Überforderung von Ehrenamtlichen. Es ist gut, wenn Ehrenamtliche da sind für solche Dinge. Aber wir kommen zusehends an einen Punkt, an dem sich die Dinge so professionalisieren und auch vergrößern, dass auch die Ehrenamtlichen sagen: „Mensch, da blicken wir gar nicht mehr durch bzw. das wird uns zuviel.“ Und nicht immer sitzt zufällig der Sparkassendirektor in der Kirchenverwaltung, der sagt: „Kein Problem!“ Oder der Finanzbeamte, der sagt: „Das kenne ich.“ Da sind – zum Glück! – auch Charismen vertreten, die mehr praktisch veranlagt sind. Also brauchen wir professionelle Unterstützung.

Konnten Sie auf Erfahrungen in anderen Diözesen zurückgreifen?

Strukturprozesse – ein schreckliches Wort – haben alle Diözesen beschäftigt und beschäftigen sie zum Teil noch. Mir ist aber auch klar geworden: Man kann die Dinge nicht einfach übernehmen. Jede Diözese hat ihr ganz eigenes Profil. Wir sind eine ganz stark ländlich geprägte Diözese mit einer Vielzahl von über 1000 Pfarreien. Es gibt kein Bistum im bayerischen Raum, das so viele Pfarreien hat. Das macht die Sache natürlich oft schwierig. Auf der anderen Seite liegt darin auch die große Stärke: Die Nähe zur eigenen Kirche im eigenen Dorf ist etwas Positives und noch sehr ausgeprägt. Und es soll ja auch keine Dorfkirche zugesperrt werden! Aber die katholische Kirche endet nicht an der Dorfgrenze. Das Zusammenwachsen zu einer größeren Einheit können wir nicht verordnen. Wir können versuchen, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Weg dorthin wird mal länger, mal kürzer dauern. Es liegt auch an der Unterstützung durch die Pfarrer, und ob sie sagen: „Mensch, da liegt ein Mehrwert drin!“ Wir müssen den Weg miteinander gehen und uns Zeit lassen. Aber das Ziel – das Zusammenwachsen – dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.

Wird 2014 statt eines Pfarrgemeinderates ein Pastoralrat gewählt – und was unterscheidet ihn vom bisherigen Gremium?

Zunächst einmal wird 2014 ein Pfarrgemeinderat gewählt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, einen Pastoralrat zu wählen. Die Aufgabe des Pfarrgemeinderats wird sich verschieben. Was die spezifisch kirchlichen Themen, die Pastoral, anbelangt, wird der Pastoralrat zuständig sein. Es ist daran gedacht, dass aus den einzelnen Pfarrgemeinderäten Leute in den Pastoralrat entsandt werden. Wir haben schon jetzt Seelsorgeeinheiten, bei denen in den einzelnen Dörfern kein Pfarrgemeinderat mehr besteht, sondern ein Gesamtpfarrgemeinderat. Es besteht also die Möglichkeit, zu sagen: „Wir wählen gleich den Pastoralrat auf der gesamten Ebene.“ Ganz wichtig sind die künftigen Satzungen. Hier führt Prälat Bertram Meier derzeit Gespräche mit dem Diözesanrat. Es geht nicht um Entmachtung! Es geht darum: Wie können wir gut und effizient miteinander in die Zukunft gehen? Welches sind die Aufgaben, die mehr vor Ort wahrgenommen werden müssen? Und wo müssen wir sagen: „Mensch, da geht‘s um wichtige fachliche Dinge, die die ganze Einheit betreffen.“

Wie ist die Stimmung bei den Priestern, wie bei den Gläubigen?

Ich bin immer ein bisschen vorsichtig zu verallgemeinern. Stimmung wird manchmal auch provoziert. Die Medien sind uns nicht immer wohlgesonnen; manchmal wurden Dinge vermittelt, die schlicht und ergreifend falsch waren. Aber ich möchte bei der Kommunikation selbstkritisch hinzufügen: Wir haben da manches unterschätzt. Und deshalb müssen wir uns Zeit nehmen, noch einmal zu kommunizieren. Ich bin immer wieder in Pfarreien und sehe, dass man die Dinge nicht auf Strukturfragen reduzieren darf. Das hat eine Erschütterung ausgelöst, gar keine Frage, auch Verunsicherung, manchmal auch Ärger, auch Verletzungen. Jetzt müssen wir gegebenenfalls nochmal in Ruhe reden. Wo gibt es Gesprächsbedarf? Wo sind wir flexibel? Wo muss ich sagen: „Nein, davon können wir nicht abgehen.“ Wir müssen manches noch einmal besser erklären und vertiefen, das Thema Wortgottesdienste zum Beispiel. Ich nehme durchaus wahr, dass es Kritik gibt. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, zuzuhören und zu sehen, was an Gefühlen da ist.

In einem Begrüßungsbrief an alle Priester, pastoralen Mitarbeiter und Mitarbeiter im Ordinariat haben Sie gebeten, die Umbrüche auch aus der Perspektive des Glaubens wahrzunehmen. Können Sie vielleicht ein Beispiel formulieren?

Bei einem Studientag zum II. Vatikanum im Haus St. Ulrich hat der Regens der Diözese Hildesheim gesagt: „Wir haben zwölf Jahre über Strukturen diskutiert.“ Das ist für mich eine Horrorvision. Das darf nicht sein. Wir brauchen Strukturen – aber es handelt sich um Rahmenbedingungen, also auch um einen Orientierungsrahmen, der veränderbar ist. Den Blick in die berühmte Glaskugel können wir nicht werfen. Wir sind dafür verantwortlich, dass wir eine gute Planung hinkriegen. Aber dann müssen wir auch wieder zum Wesentlichen kommen! Worum geht es im Bistum eigentlich? Was ist, wie man immer so schön sagt, unser Kerngeschäft? Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Glaube, dass das Evangelium immer noch die gleiche Sprengkraft hat – die innere Kraft, die es immer hatte. Das müssen wir wieder mehr in den Blickpunkt stellen. Es geht um Jesus Christus! Darum, dass das Leben in Berührung kommt mit dem Evangelium, mit Christus – ein Leben, das immer auch ein Leben mit der Kirche ist, mit der Gemeinschaft aus den Sakramenten. Mir ist ganz wichtig, dass wir da wieder hinkommen. Es geht nicht darum, Dinge zu verdrängen. Aber bitte jetzt auch wieder nach vorne schauen!

In dem Brief haben Sie auch davor gewarnt, Resignation und das Bewahren von Besitzständen zur Richtschnur des Handelns zu machen. Was aber sagen Sie den Gläubigen und Priestern, die ganz einfach Angst haben, die bisherigen Strukturen loszulassen?

Veränderungen lösen immer auch Ängste aus. Wir sollten noch mehr darauf achten! Vielleicht war das unser Problem in der bisherigen Kommunikation: Wir haben sehr sachlich argumentiert, aber zu wenig berücksichtigt, dass auch Gefühle und Ängste ausgelöst werden. Das ist das eine. Das andere: Vertrauen wir doch wieder mehr auf Gott! Wie oft heißt es im Evangelium: Fürchtet Euch nicht! Nicht wir sind die Herren der Kirche – es ist seine Kirche! Aus der Kraft des Evangeliums gilt es nach vorne zu schauen, weiter zu gehen und aus der Geschichte zu lernen. Wir müssen miteinander versuchen, diese Perspektive zurückzugewinnen.

Interview: Gerhard Buck u. Johannes Müller

Das Interview im Original-Layout:

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