Sehnsucht nach Seele

04.12.2020 08:25

Sehnsucht nach Seele

„Belegte Seele, 2.50 €“ lese ich an einer Bäckerei und bleibe schmunzelnd stehen. Was für ein preisgünstiges Angebot für etwas so Kostbares, schießt es mir durch den Kopf. Klar - hier handelt es sich um ein Gebäck, laut Wikipedia stammt es aus Oberschwaben, wird aus Dinkel hergestellt und ist außen knusprig, innen weich, luftig und feucht. Aber das Wort von der „belegten Seele“ lässt mich nicht mehr los. Welche Beläge überdecken die Seele und lassen sie oft nicht mehr frei atmen, gerade in diesen ungewissen Zeiten? Der Belag der Niedergeschlagenheit, der Irritation, der Wut. Der Belag all der Dinge und Menschen, die Druck aufbauen, der Belag der übergroßen Erwartungen und Enttäuschungen, der Belag der Einsamkeit und Resignation, der Belag der Grautöne, der Kurzatmigkeit, der vielfachen Ängste …

 

Hartnäckig taucht in der Adventszeit zwischen Hetze und Unruhe eine unausrottbare Sehnsucht auf: nach Orientierung, nach Innerlichkeit, nach Aufatmen, nach beseelter Zeit. Adventszeit – Seelenzeit. Die biblischen Texte sprechen immer wieder von Seele, wenn es ums Ganze und Innerste einer Person geht, ihr Fühlen, Denken und Sehnen. „Lass meine Seele leben, damit sie dich preisen kann“, lese ich im Psalm 119. „Lass meine Seele leben“ – was heißt das für mich ganz persönlich? Dieses Gebetswort kann mich durch die zweite Adventswoche begleiten.

 

Elisabeth Thérèse Winter