Sehnsucht nach Verbundenheit

17.12.2020 13:02

Sehnsucht nach Verbundenheit

 

„Allein die Nähe tröstet.“ Dieses Wort aus einer Weihnachtspredigt der vergangenen Jahre kommt mir in den Sinn, wenn ich an die bevorstehende Festzeit denke.  Betont es gerade das, was wir jetzt so schmerzlich vermissen. Nähe – ein unverzichtbares „Lebensmittel“ zu allen Zeiten, aber ganz besonders in diesen Monaten, wo wir Abstand halten sollen. Wenn mich Wehmut befällt über diese Notwendigkeit, dann stelle ich mir ein anderes Wort vor die Seele, das mich wieder erfrischt und ermutigt: Verbundenheit. Sie ist eine Schwester der Nähe und spinnt einen unsichtbaren Goldfaden, der mich in Fühlung bringt. Von mir zu dir zu uns zur Schöpfung zu Gott. Sie verbindet mich mit meinen Lieben, sie verbindet mich mit den vielen, die krank sind, die auf vielerlei Weise jetzt leiden und Angst haben, sie verbindet mich mit den Pflegenden und Ärzten, sie verbindet mich auch mit meiner Sehnsucht nach der pulsierenden Kraft Gottes. Und sie verbindet mich mit meiner eigenen Bedürftigkeit.

Das digitale Netz hat uns dieses Jahr weitreichende Möglichkeiten der Verbundenheit geschenkt. Dazu gibt es kleine Seelenübungen, die Kräfte der Verbundenheit auch tagsüber und ganz ohne Technik in mir zu stärken. Beim Entzünden einer Kerze kann ich im Herzen sprechen „Segen für alle, die pflegen“, beim Warten an der Straßenbahn wende ich für einen Augenblick die Not der Kranken zu Gott, beim Gehen im Wald bitte ich um gute Schritte der Solidarität. Wenn ich mich jetzt mehr als sonst in meinen Räumen aufhalte, schaue ich meine Habe mit wachen und vielleicht dankbaren Augen an: Fotos, Bücher, kleine Kostbarkeiten – dahinter stehen Menschen, Geschichten, Erinnerungen … Der Reichtum der Dinge liegt nicht in ihrem monetären Wert. Sondern was sie mir von der Fülle des Lebens, dem Reichtum meiner Beziehungen erzählen.

Goldfaden Verbundenheit. Zart, nicht immer sichtbar, aber tragfähig und hoffnungsstark. Trauen wir dieser Herzkraft jetzt zur Weihnachtszeit ganz besonders.

Dr. Elisabeth Thérèse Winter