„Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin…“

05.05.2020 14:45

 

„Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin…“

Dieses uralte Mariengebet findet sich schon auf einem Papyrusfragment aus dem dritten Jahrhundert. Erst seit dem Mittelalter gibt es Darstellungen von Schutzmantelmadonnen. Zur gleichen Zeit hatte der Schutzmantel im Recht einen festen Platz: Wer sich unter den Mantel eines Landesherrn oder einer Landesherrin flüchtete, bekam Asyl. Uneheliche Kinder, die bei der Trauung ihrer Mutter unter deren Mantel gestellt wurden, bekamen Rechte analog zu ehelichen Kindern. Sie hießen daher „Mantelkinder“. Um 1480 entstand diese Schutzmantelmadonna für die Ravensburger Liebfrauenkirche. Maria steht da in kostbaren Gewändern: einem goldenen Kleid und einem Mantel mit blauem Futter. Über ihrem Haar liegt locker ein Schleier – der deutet an, dass sie eigentlich „unter der Haube“ ist, also Ehefrau. Das offene Haar ist im Mittelalter Zeichen der Freiheit der Jungfrau. Maria ist beides. Sie blickt nach oben, in die Ferne. Sie hat eine Perspektive. Unter ihrem Mantel knien zehn Männer und Frauen. Zehn sind eine runde Sache. Es sind mehr Männer als Frauen. Die Frauen sind auch „unter der Haube“. In der ersten Reihe knien ein Mann und eine Frau – auf Augenhöhe! Alle zehn schauen mit betenden Händen nach oben. Sie verbindet mit Maria dieselbe Perspektive.

Später erzählte man sich: Nach einer Prozession mit dieser Statue hörte die Pest auf. Und noch viel später: Dieses Bild habe einen britischen Piloten davon abgehalten, seine Bomben über Ravensburg abzuwerfen.

Diese Schutzmantelmadonna ist künstlerisch sehr wertvoll. Kostbar ist sie aber auch durch die Erfahrungen, die Menschen einander erzählen. In ihre Gemeinschaft können wir uns einreihen und beten:

 

Maria, breit den Mantel aus:

Unter Deinem Mantel ist Platz für alle Geschlechter und Lebensformen.

Wir kommen mit unseren Sorgen und Bitten:

Nicht alle erfahren die gleichen Chancen.

Infektionen und andere Krankheiten treffen Unschuldige.

Nicht alle erleben, dass Schutzschirme über ihnen ausgebreitet werden.

Viele fühlen sich im Regen stehen gelassen.

Nimm uns alle an als „Mantelkinder“.

Sieh unsere Sehnsucht nach Schutz, Gerechtigkeit und Heilung.

Nimm unsere Blicke und vereine sie mit Deinem.

Führe sie zum geheimnisvollen Gott.

Mit seinem menschgewordenen Wort ist er uns auf Augenhöhe entgegen gekommen.

Mit Dir hoffen wir auf ihn.

Patronin voller Güte, uns alle Zeit behüte. 

 

Dr. Hildegard Gosebrink, Arbeitsstelle Frauenseelsorge der Freisinger Bischofskonferenz