Weihnachtsgedanken 2020

12.12.2020 13:47

Weihnachtsgedanken 2020

 

Lieber …

„Passt schon“, sagen Männer oft,wenn sie gefragt werden, wie es ihnen geht.

Aber zumindest in diesem Jahr stimmt das bei den Wenigsten, denn eigentlich passt gar nix mehr!

Spätestens seit dem ersten Lockdown im Frühjahr haben wir nämlich erfahren, wie brüchig und unvollkommen die Welt um uns herum ist, wie sich auf vielen Ebenen ein Riss durch unsere Gesellschaft zieht:

  • zwischen den Infizierten, Isolierten und denen, die sich auf keinen Fall anstecken wollen und sollen,
  • zwischen denjenigen, die keine Arbeit mehr haben oder tun dürfen und jenen, die Sonder-schichten einlegen und durcharbeiten müssen,
  • zwischen Expert*innen untereinander, zwischen Jungen und Alten, Verantwortungsbewussten und Besserwissenden,
  • und vor allem zwischen Reichen und Armen, den funktionierenden und den maroden Gesundheitssystemen dieser Welt.    

„There is a crack in everything – alles hat irgendwo einen Riss…“ hat der kanadische Dichter und Liedermacher Leonard Cohen schon vor vielen Jahren gesungen bzw. gebrummelt. Es lohnt sich, dieses Lied gerade heute, an Weihnachten 2020 (wieder) zu hören, weil es voller Hoffnung ist und nicht beim Starren auf Risse und tiefe Gräben stehen bleibt:

www.youtube.leonardcohenanthem.com

„In allem ist ein Riss - aber genau das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt!“

Das gilt nicht nur für die oben erwähnten gesellschaftlichen Verwerfungen, sondern auch und in besonderer Weise für unser ganz persönliches Leben. In dem was zerrissen ist, zerbrochen und zerschlagen, da wo unsere Verwundungen sind und die Verletzungen, die andere, oder wir selbst uns zugefügt haben, da ist das Einfallstor für eine andere Wirklichkeit, da begegnen sich Himmel und Erde. In dem, was auf den ersten Blick destruktiv und schmerzlich scheinen mag, liegt eine große Chance zur menschlichen Reife: „Die Wunde ist der Ort, wo das Licht in dich hineinfließt“, sagt fast wortgleich mit Leonard Cohen schon im 13. Jahrhundert der Sufi – Mystiker Rumi.

Auch wenn in diesem Jahr vieles nur eingeschränkt möglich war, so konnten wir doch auf verschiedene Weisen – zu zweit unterwegs, am Telephon oder online – solche Erfahrungen miteinander teilen. Auch die Zeiten gemeinsamen Schweigens haben uns trotz der gebotenen körperlichen Distanz Begegnung und Nähe erleben lassen. Das hat mich oft sehr bewegt und erfüllt mich mit Dankbarkeit!

Wenn wir jetzt, in winterlicher Zeit, die „Heilige Nacht“ begehen, weichen wir dem Dunklen, Abgrundtiefen nicht aus, sondern wir „weihen“ ganz bewusst diese Tage und Nächte der Geburt von etwas Neuem, Lichtvollem:

ein Kind, ein Hoffnungsschimmer, eine Zukunft!

So lasst uns Weihnachten feiern als das große und heilige Geheimnis des Lebens: Gott ist immer, in allem und in allen präsent!

Das scheint hinein und erhellt all unsere Brüche, Risse und Verwundungen.

Und das „passt“ dann auch wieder!

In herzlicher Verbundenheit,

 

Franz Snehotta