Bericht von der Mitgliederversammlung am 14. März 2019

15.03.2019 15:06
Prof. Dr. Werner Münch bei seinem Vortrag in Augsburg. (Foto: Familienbund)

„Familie – Europas kostbarster Schatz – im Würgegriff der EU?“, das war die Frage, die der Familienbund als Thema dem Referenten der Mitgliederversammlung gegeben hatte. Mit Prof. Dr. Werner Münch konnte der Augsburger Diözesanverband einen hochkarätigen Redner gewinnen, der 1984–1990 Mitglied des Europäischen Parlaments war und Anfang der 90er Jahre Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Münch wirkte aber zuvor über 20 Jahre als Hochschullehrer für Politikwissenschaften und war vier Jahre Präsident aller kirchlichen Hochschulen in Deutschland. In den letzten Jahren hat sich Prof. Münch auch als Buchautor für ein breites Publikum einen Namen gemacht: „Freiheit ohne Gott. Kirche und Politik in der Verantwortung“ und „Leben mit christlichen Werten“ heißen seine jüngsten Werke.

Entsprechend weit fiel auch der Horizont seiner Antwort auf die eingangs genannte Fragestellung aus, da zunächst einmal die Grundlagen des Angriffs auf die Familie dargelegt werden müssten: Da sei zunächst der Feminismus, der oft verharmlost werde als Anliegen der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Diese sei in Deutschland längst gesetzlich festgeschrieben und dürfe bei allen noch vorhandenen Problemen als gesellschaftlicher Grundkonsens gelten. Aber die Frauenfrage wurde, so Münch, bereits im 19. Jahrhundert von Marx und Engels zur Klassenfrage umgedeutet. „Engels beschrieb in seinem Werk ‚Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats‘ die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts durch das männliche und forderte die Abschaffung der Familie, eine gleichwertige Eingliederung von Mann und Frau in den Arbeitsprozess und die öffentliche Kindererziehung“, so Münch wörtlich. Den aufmerksamen Zuhörern – mit Gästen waren über 30 Personen nach Augsburg gekommen, um Münchs Vortrag zu hören – wird nicht entgangen sein, dass diese urkommunistischen Forderungen mittlerweile zur allgemeinen Agenda des politischen Mainstreams geworden sind.

Gut besucht war die Mitgliederversammlung im Haus Sankt Ulrich. (Foto: Familienbund)

Der nächste ideologische Schritt war die Auffassung der französischen Philosophin Simone de Beauvoir „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht“. Dies darf nach Münch als Grundlage der Gender-Lehre betrachtet werden. Demnach sei das Geschlecht „nicht biologisch vorbestimmt, sondern soziologisch und deshalb individuell selbst zu bestimmen“. Etwas launig bemerkte der Referent, er empfehle, den Anhängern dieser Lehre einen Spiegel im Badezimmer zu schenken. Allerdings bewirke diese Ideologie, dass bspw. der schulische Biologieunterricht abgewertet werden soll, indem man ihn in ein Fächerkonsortium einbindet, um die Relevanz des biologischen Geschlechts zu relativieren. „Das Bemühen, Gender-Denken in der Gesellschaft zu verankern“, ist laut Münch die Definition des Gender-Mainstreaming. Auch dieses „hat überhaupt nichts mehr mit der Gleichstellung von Mann und Frau zu tun, wie es ihre Vertreter immer wieder behaupten, sondern ist ein viel weitgehenderes Konzept, das die Bestimmung der eigenen geschlechtlichen Identität zur freien Wahl stellt“. Ein weiteres Element sei, dass „die Zeugung als natürliche Weitergabe des Lebens oder, anders ausgedrückt, die ontologische Zusammengehörigkeit von Geschlechtlichkeit und Fortpflanzungsfähigkeit, radikal in Frage gestellt“ wird, weshalb auch LGBT-Paare (für Lesbian-Gay-Bisexual-Trans) ein „Recht auf Adoption von Kindern und die künstliche Fortpflanzung (also Leihmutterschaft)“ haben sollten.

Ihren Siegeszug traten diese Ideologien von oben an. Prof. Münch: „Der Begriff ‚Gender-Mainstreaming‘ wurde erstmals auf der 3. UN-Weltkonferenz in Nairobi 1985 diskutiert und 10 Jahre später auf der Folgekonferenz 1995 in Peking weiterentwickelt und durchgesetzt sowie zum Leitprinzip der UN erklärt.“ Die Konferenz habe drei Ziele gesetzt: „die ‚substantielle Gleichheit‘ von Mann und Frau, die Aufhebung der Heterosexualität als Norm und die Dekonstruktion der Geschlechteridentität von Mann und Frau.“

Weiters zitierte der Referent fünf Punkte der Konferenz von Peking (nach Dale O‘Leary):

  1. „In der Welt braucht es weniger Menschen und mehr sexuelle Vergnügungen. Es braucht die Abschaffung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die Abschaffung der Vollzeit-Mütter.
  2. Da mehr sexuelles Vergnügen zu mehr Kindern führen kann, braucht es freien Zugang zu Verhütung und Abtreibung für alle und Förderung homosexuellen Verhaltens, da es dabei nicht zur Empfängnis kommt.
  3. In der Welt braucht es einen Sexualkundeunterricht für Kinder und Jugendliche, der zu sexuellem Experimentieren ermutigt; es braucht die Abschaffung der Rechte der Eltern über ihre Kinder.
  4. Die Welt braucht eine 50/50-Männer/Frauen-Quotenregelung für alle Arbeits– und Lebensbereiche. Alle Frauen müssen zu möglichst allen Zeiten einer Erwerbsarbeit nachgehen und
  5. Religionen, die diese Agenda nicht mitmachen, müssen der Lächerlichkeit preisgegeben werden.“

Nach der Darlegung der Methoden zur Durchsetzung zeigte Werner Münch, wie die nationale Familienpolitik dadurch ebenso beeinflusst wurde wie die Europäische Union. So sei Gender-Mainstreaming sowohl 1999 durch Kabinettsbeschluss ohne Debatte und Abstimmung im Parlament „zum Leitprinzip und zur Querschnittsaufgabe der Politik“ als auch im Amsterdamer Vertrag zu einer verbindlichen Aufgabe für die Mitgliedsstaaten der EU erklärt worden. Während von der EU-Kommission eine europäische Bürgerinitiative zum Tierschutz mit 1,1 Mio. Unterschriften sogleich in konkrete Maßnahmen gemündet habe, sei die Initiative „One of Us“ mit 1,9 Mio. Unterschriften zum Embryonenschutz verworfen worden. Auf weitere Beispiele musste der Referent im Zuge der fortgeschrittenen Zeit verzichten, sie dürften jedoch den Familienbundsmitgliedern bekannt sein.

 

Vorsitzender Pavel Jerabek bei seinem Rechenschaftsbericht. (Foto: Familienbund)

Als Hoffnungszeichen bezeichnete Prof. Münch die These eines Psychologen, dass die Menschen irgendwann sich angesichts der Langeweile und Leere einer solchen Welt nach etwas anderem sehnen würden. Dann seien diejenigen gefragt, die noch von der vollen Wahrheit des Katholischen wüssten. Vorsitzender Pavel Jerabek fügte ein Zitat von Václav Havel an: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Die an das Referat anschließende Sitzung des Familienbundes unterstützte mehrheitlich die Projekte des Vorsitzenden, eine Zeitungsbeilage zum Muttertag zu erstellen, eine Kampagne zur Leihmutterschaft zu fahren und die Übersetzung und Verbreitung alternativer wissenschaftlicher Studien fortzusetzen.

 

 

 

 

Hier finden Sie das Manuskript des Vortrags (es gilt das gesprochene Wort):