Ansprache an Karfreitag 2017 im Hohen Dom zu Augsburg

14.04.2017 09:24

Gottvergessenheit

„Der Statthalter von Judäa“ so lautet der Titel einer Erzählung des französischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Anatole France. Da treffen zwei alt gewordene Männer in den Schwefelbädern Süditaliens zusammen, um Heilung von ihrer Gicht zu suchen. Der eine ist Pontius Pilatus, eben der Statthalter von Judäa, der Jesus zum Tode verurteilte, der andere sein Zeitgenosse Aelius Lamia. Er war vor Jahrzehnten bei Kaiser Tiberius in Ungnade gefallen und nach Judäa verbannt worden. So hatten sie beide die denkwürdige Zeit von Verurteilung, Kreuzigung und Sterben des Messias in Palästina erlebt. Nun sprechen sie im Rückblick über die Erinnerungen alter Zeiten. Da sind die großen Feste und die schönen Frauen, die Rebellen und die ewigen Aufstände, die eigenartigen jüdischen Bräuche und die irren Streitereien um das Gesetz und dessen richtige Auslegung. Man denkt mit Kopfschütteln daran, wie zu jener Zeit die Sehnsucht nach dem Messias alltäglich zu Kampf und Aufruhr führte. Schließlich kommt Aelius Lamia auf Jesus von Nazareth zu sprechen, den jungen Galiläer, der Menschen um sich gesammelt hatte und später wegen dieses Verbrechens von Pilatus verurteilt und gekreuzigt wurde. „Erinnerst du dich noch an diesen Mann?“ so fragt er Pontius Pilatus. Dieser fährt sich mit der Hand über die Stirn als, ob er sich auf etwas zu besinnen suchte. Dann nach einer kurzen Pause murmelt er: „Jesus? Jesus - aus Nazareth? Nein ich erinnere mich nicht mehr.“

Ist es vorstellbar, dass Pontius Pilatus Jesus einfach vergessen hätte? Dass er ihm von Angesicht zu Angesicht begegnet wäre, mit ihm gesprochen und ihn verurteilt, seine Hände in Unschuld gewaschen, und nun alles vergessen hätte? Ist es denkbar, dass das größte Ereignis der Weltgeschichte für ihn nichts anderes gewesen sein soll, als ein normaler Arbeitstag, an dem man im Alter keine Erinnerung mehr behalten hat?

Ecce homo

Wer in diesen Tagen der Karwoche den Augsburger Dom betritt, wird sich einem der beeindruckendsten Christusbilder unserer Kultur nicht entziehen können. Es ist der weithin berühmte Leidensmann, der grandiose Ecce homo des Augsburger Künstlers Georg Petel auf dem neu geschaffenen Sakramentsaltar der Marienkathedrale. Da sieht man den gegeißelten, geschundenen, verhöhnten und mit Dornen gekrönten leidenden Herrn, wie er nach der Verurteilung durch Pontius Pilatus dem Volk gezeigt wird. „Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen“ so beschreibt ihn der Prophet Jesaja in seinem vierten Gottesknechtslied. „Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzen ihn nicht.“ Wie tief hat sich Gott ins menschliche hinein begeben? Jedes Mal, wenn am Karfreitag die Passion gelesen wird, ist dies ein Punkt, an dem die Zeit für einen Moment still zu stehen scheint. „Seht der Mensch!“ „Ecce homo“ sagt Pilatus, als er Jesus heraus bringt zur wartenden, schreienden Menge, und er hofft vielleicht auf Mitleid, auf eine gnädige Wendung des Schicksals für diesen geplagten Menschen. Vielleicht hatte der Stadthalter von Judäa ihn wirklich noch retten wollen, da er ja keine Schuld an ihm fand.

Kann man in dieses Gesicht des Menschensohnes geblickt haben, mit ihm gesprochen, ihn verurteilt, die Hände in Unschuld gewaschen und dann alles vergessen haben?

Gottvergessenheit wird Menschenvergessenheit

Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass Gottvergessenheit immer in Menschenvergessenheit endet. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – dieser Grundsatz unserer Verfassung wird oft zitiert und eingefordert. Worin ist er begründet? Woher kommt jedem Menschen seine besondere Würde zu? Und weshalb darf Sie nicht angetastet werden? Wer Gott vergisst, vergisst den Menschen und verliert dessen unantastbare Würde aus dem Auge – das lehrt uns die Erfahrung der Geschichte. „Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben, wie ein Säugling ohne Mutter, wie eine Wolke, die sich auflöst“ dies schrieb 1943 die sympathische junge Studentin Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, im berühmten Flugblatt Nummer IV, ehe sie im Lichthof der Münchner Universität gefasst und unmittelbar darauf in München Stadelheim wegen ihres Widerstandes gegen die Diktatur des Nationalsozialismus hingerichtet wird.

„Das moralische Programm der modernen Aufklärung und die Werte der Demokratie werden ihre Kraft verlieren, wenn man sie von ihren religiösen Ursprüngen abschneidet. Ohne den Himmel über uns verlieren wir den Boden unter uns. Wenn uns Gott nicht mehr würdigt wer denn dann? Was bleibt dann noch von unserer Würde? Ist sie ein Produkt der Entwicklung, der Umwelt, der Verhältnisse? Wer die Umwelt und die Verhältnisse manipulieren kann, wird dann auch den Menschen und seine Würde manipulieren. Dann ist es aus mit der Unantastbarkeit. Dann wir angetastet vor und nach der Geburt, bis zum Lebensende, rücksichtslos auf Kosten der Schwachen. Dann ist der Weg offen für die die über Leichen gehen.“ So warnt der kämpferische Bischof von Limburg Franz Kamphaus.

Und ganz konkret begegnet uns gegenwärtig die Not der Christen und der menschenverachtende Terror im Nahen Osten, in Syrien, im Irak, in Ägypten. Es ist das Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche, Patriarch Ignatius Joseph III. Younan, der seit geraumer Zeit das ungeheure Leid der Menschen, vor allem der Christen in Syrien beklagt. Dem Westen wirft er vor, das Leid von Christen in Nahost zu ignorieren: „Wir werden nicht nur gequält, gefoltert, getötet. Wir werden vergessen! Wir werden betrogen von der sogenannten zivilisierten Welt, die sich weigert, die Notlage der christlichen Minderheit unter einer nicht christlichen Mehrheit anzuerkennen“, so der Patriarch. Und er wird noch deutlicher: „Wir haben kein Öl, und der Westen will seine Geschäfte mit den muslimischen Ländern nicht gefährden, indem er uns verteidigt. Wir brauchen Hilfe. Sonst sind bald alle Christen hier weg“, fleht der Patriarch.

Christen sollten sich von niemandem darin übertreffen lassen, groß vom Menschen zu denken. Sie bekennen, dass die Würde des Menschen in Gott ihren Ursprung hat. Die Idee der Menschenrechte ist von dieser christlichen Überzeugung inspiriert, lange bevor sie – gegen manche kirchlichen Widerstände auch – in Gesetzen und Verfassungen ihren Ausdruck gefunden hat. Das Vergessen Gottes wäre zugleich das Vergessen des Menschen und damit das Erlöschen seiner Würde. Man mag sich im Blick auf heutige Herausforderungen an den streitbaren Theologen Hans Küng erinnert fühlen. Er schreibt noch in den 90iger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts: „Das eigentliche Problem und die Krise der Kirche unserer Tage ist längst nicht mehr der militante, kämpferische Atheismus. Es ist ein schleichender Atheismus aus Gewöhnung und das stille Vergessen Gottes“. Und wer Gott vergisst, der vergisst in Kürze auch den Menschen und seine Würde.

Was ist sicher?

Es ist Romano Guardini, der große Lehrer der Theologie des 20. Jahrhunderts, der in seinem einzigartigen Buch „Der Herr“ dem Leben und der Person Jesu nachspürt. Als er zu den letzten Tagen und zu Jesu Tod kommt, stellt er die Frage: „Warum ist Jesus gestorben?“. Seine Antwort: „Wenn ein Mann für sein Land kämpft und fällt, oder wenn ihn irgendein Schicksal trifft, dann ist die Antwort auf die Frage, warum es so kam, klar. Hier ist Anderes. …. Es liegt in den Worten, die Er am letzten Abend über das Brot gesprochen hat: Das ist mein Leib, der für euch dahin gegeben wird …. Und über den Kelch: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen wird. (Lk 22, 19 ff). In diesem „für euch dahingegeben“, „für euch vergossen“ liegt es; jene Botschaft, die immerfort wiederkehrt und die ganze Offenbarung erfüllt: dass Jesus Christus uns durch seinen Tod erlöst hat.“

„Wenn dich jemand fragt: Was ist sicher? So sicher, dass man darauf leben und sterben kann? So sicher, dass alles dahinein verankert werden kann? – dann lautet die Antwort: die Liebe Christi …. Das Leben lehrt uns, dass dieses Letzte nicht Menschen sind und seien es die Besten und Liebsten; auch nicht Wissenschaft, oder Philosophie, oder Kunst, oder was sonst Menschenkraft hervorbringt. Auch nicht die Natur oder die Zeit oder das Schicksal. …. Sicher ist nur die Liebe Christi.“

Ich vergesse dich nicht!

Zurück zum Statthalter von Judäa und zur Frage des Anfangs: Wie kann man Jesus gesehen und vergessen haben? Und wenn Menschen heute serienweise Gott vergessen, könnte am Ende auch Gott uns vergessen? Die Antwort steht beim Propheten Jesaia. Es ist die Botschaft jedes Karfreitags. Die Botschaft der unvergesslichen Treue und Liebe des Herrn. „Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht - Spruch des Herrn.“ (Jes 49, 14-15)