Ansprache an Karfreitag 2018 im Hohen Dom zu Augsburg

30.03.2018 16:54

„Wenn jegliches menschliche Maß verloren geht“

Als nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus die ersten europäischen Eroberer ihren Fuß auf die Neue Welt setzen, ereignete sich unerwartetes: Die Ureinwohner hegen euphorische Erwartungen. Denn in den Mythen der indogenen Völker fanden sich alte Prophezeiungen: Eines Tages werden die weißen Götter über das große Meer kommen und es wird eine Zeit des Heiles, des Friedens und des Wohlstands anbrechen. Die Realität, die kam, war brutal anders: Ein beispielloser Karfreitag, ungeheurer Völkermord, Vergewaltigung, Krankheit und Tod. Sogar ernsthafte Überlegungen der Philosophen der Zeit stehen im Raum, ob es sich bei den neu entdeckten Völkern vielleicht um Tiere, und nicht um Menschen handele. Bartolome de Las Casas, der berühmte Bischof der Indios tritt – wie Reinhold Schneider es in seinem Drama schildert – dem spanischen König unter die Augen und berichtet über die verzweifelte Situation und die Klage der Menschen in der neuen Welt, und wie die Indios den Eroberern vorwerfen: „Wie schlecht erst müssen eure Götter sein, wenn schon ihr, ihre Diener so böse seid!“

Foto: Annette Zoepf

Welch ein bitterer Widerspruch zum Evangelium! Was für ein Verrat am Leiden und Sterben Jesu. Setzt doch das Johannesevangelium diese einzig gültige theologische Überschrift über den Karfreitag: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.  Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern dass die Welt durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3, 16)

Das ist das zentralste aller Geheimnisse unseres Glaubens. Das ist die wesentliche Überschrift über alle Seiten des Evangeliums, und es ist die einzige authentische Interpretation des Lebens und Leidens Jesu: die Liebe! Die Passion Jesu ist Hingabe für die Menschen in grenzenloser Liebe! Es geht Gott radikal um den Menschen.

Für mich gehört darum jedes Jahr am Karfreitag diese kurze Szene zu den bewegendsten Augenblicken der Passion, wenn Jesus der Herr von Pilatus herausgeführt und der wütenden Menge gezeigt wird. „Ecce homo!“ sagt Pilatus. Seht den Menschen. Seht das ultimative Signal der Liebe Gottes zu den Menschen. Aber seht auch, wozu der Mensch fähig ist, in allen Jahrhunderten, auch heute.

„Ecce homo - Seht den Menschen! Und wozu er fähig ist!“

Wen wir heute über das christliche Abendland philosophieren und die Werteordnung einer christlich-abendländischen Tradition beschwören. Wenn wir Demokratie und Rechtstaat, Humanität und Menschenrechte in Anschlag bringen, dann müssen auch wir uns 500 Jahre später fragen lassen: Was trägt uns? Was haben wir dazugelernt? Welches Menschenbild leitet uns?

Unmenschlichkeit ist ja nicht nur eine Eigenschaft der Vergangenheit. Auch heute kann man davor erschrecken, wozu Menschen - selbst gegenüber wehrlosen Kindern und Alten - fähig sind!

Die These, dass die voranschreitende Aufklärung den Menschen immer freier, vernünftiger und gerechter gemacht hätte, ist ja eine Illusion. Stattdessen steigen aus der Tiefe Dämonen auf, die wir längst totgesagt hätten. Müssen wir postmoderne Menschen nicht erneut Angst vor unserer eigenen Macht und Ohnmacht empfinden: vor der dramatisch gewachsenen Macht zu zerstören und vor der Ohnmacht, der eigenen Unmenschlichkeit Herr zu werden?

In diesen vorösterlichen Tagen haben wir Kardinal Karl Lehmann zu Grabe getragen. Aus seiner Feder stammt ein Geistliches Testament, finale Gedanken, die er am Lebensende seiner Diözese und der Kirche in Deutschland vermachen wollte.

„Unter zwei Dingen – schreibt er – habe ich immer wieder und immer mehr gelitten: Unsere Erde und weithin unser Leben sind in vielem wunderbar, schön und faszinierend, aber sie sind auch abgrundtief zwiespältig, zerstörerisch und schrecklich. Schließlich ist mir die Unheimlichkeit der Macht und wie der Mensch mit ihr umgeht, immer mehr aufgegangen. Das brutale Denken und rücksichtsloses Machtstreben gehören für mich zu den schärfsten Ausdrucksformen des Unglaubens und der Sünde. Wehret den Anfängen!"

Die Wertefundamente Europas „auf drei Hügeln erbaut“

Es war wohl Theodor Heuss, der erste deutsche Bundespräsident, auf den dieses populäre Bild von den berühmten drei Hügeln zurückgeht, auf denen die geistigen Wurzeln Europas und ihren Wertegrundlagen aufruhen. Es ist der Schädelhügel Golgatha. Er steht für die Heilige Schrift und das Menschenbild der jüdisch-christlichen Tradition. Es ist die Akropolis. Sie repräsentiert die griechische Philosophie und die Theorie der Demokratie in Europa, und es ist Rom, das Kapitol, das für das römische Recht steht.

Jerusalem, Athen und Rom – diese Trias gab Europa seine kulturelle und religiöse Prägung. Alle drei Elemente sind in ihrer wechselseitigen Verschränkung für die Identität des kulturell, sprachlich und ethnisch so vielfältigen und pluralen Kontinents wichtig. Aber: Alle drei dieser Elemente sind auf seltsame Weise brüchig geworden:

Das Kapitol und das römische Recht

Es war Benedikt XVI., der als bisher erster und einziger Papst im Deutschen Bundestag sprechen durfte. In seiner berühmt gewordenen Rede anlässlich seines Deutschlandbesuches im Jahr 2011wählte er sich als Thema: Die Grundlagen des Rechts. „Nimm das Recht weg – sagt der Papst – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, wie der heilige Augustinus einmal geschrieben hat. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte.

In dieser heutigen historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?“ – soweit Papst Benedikt.

Die Akropolis und die Weisheit der Griechen

Wenn wir die Zeichen der Zeit heute schon richtig deuten, scheint die Menschheit nicht nur im Vertrauen auf das Recht, sondern auch im Vertrauen auf die Wissenschaft an einer deutlich fühlbaren Grenze des Machbarkeitsdenkens angelangt:

Der technische Fortschrittsoptimismus, der das Bewußtsein der Menschen der Neuzeit so sehr und so unbekümmert prägte und faszinierte, ist an der Grenze des dritten Jahrtausends ambivalent geworden. Die Technik wird im Zeitalter der Ökologie mehr und mehr im Zusammenhang des Schadens und der Probleme gesehen, die sie produziert. Die Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen treten in aller Schärfe in den Blick unserer Verantwortung.

Nicht zuletzt im medizinischen Bereich ist uns in jüngster Zeit trotz der phantastischen Möglichkeiten und Aussichten, die uns die moderne Gentechnologie und Biomedizin verheißt, vieles fraglich geworden. All die Zweifel und Proteste um das Klonen von Menschen, die Grenzen der Embryonenforschung, die Fragen nach dem Beginn und Ende des menschlichen Lebens, der Schutz der Würde der Person - das zeigt doch die Kehrseite einer Entwicklung, die wachsende Ängste in den Menschen entstehen lässt. Der Mensch ist nicht der Herr der Geschichte und der Hüter des Lebens - das wird uns mehr und mehr bewusst. Er ist auch der Zerstörer!

Das Kreuz von Golgotha und die Würde des Menschen

Die hehren Menschenrechte und die Werte der Demokratie werden ihre Kraft verlieren, wenn man sie von ihren religiösen Ursprüngen abschneidet. Ohne den Himmel über uns verlieren wir den Boden unter uns. Wenn uns Gott nicht mehr würdigt wer denn dann? Was bleibt dann noch von unserer Würde? Ist sie ein Produkt der Entwicklung, der Umwelt, der Verhältnisse? Wer die Umwelt und die Verhältnisse manipulieren kann, wird auch den Menschen und seine Würde manipulieren. Dann ist es aus mit der Unantastbarkeit, von der das Grundgesetz schreibt. Dann wird angetastet vor und nach der Geburt, bis zum Lebensende, rücksichtslos vor allem auf Kosten der Schwachen. Dann ist der Weg offen für alle, die über Leichen gehen.

Ein zorniger Julius Kardinal Döpfner setzte schon vor mehr als einem halben Jahrhundert diesen Warnruf über seine Karfreitagspredigt:

„Um des Gekreuzigten Willen beschwöre ich Euch: Lasst den Herren in seinen notleidenden Brüdern nicht vergeblich rufen! Sonst holt das Kreuz von allen Türmen; denn es ruft das Gericht über ein Land, das sich christlich nennt, aber das Gesetz der Selbstsucht erfüllt!“

Eine offene Gesellschaft und ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat zeigen ihre humane Qualität immer daran, wie sie mit den Schwächsten in ihrer Mitte umgehen. Aus Gottvergessenheit wird schnell Menschenvergessenheit. Wer Gott vergisst, vergisst unweigerlich auch den Menschen! Und das schneller als man denkt!

Inmitten dieses menschlichen Dilemmas wird am Karfreitag ein neues Bild des Menschen aufgerichtet. Ecce homo! Seht den Menschen! Seht das "Haupt voll Blut und Wunden"! Seht diesen Jesus von Nazareth, dessen Leben vor 2.000 Jahren am Kreuz endete, der - rein innerweltlich betrachtet - gescheitert ist und dennoch das ultimative Maß der Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes darstellt! Und: Seht den erlösten Menschen, wozu er fähig ist und wozu er in den Augen Gottes berufen ist!

„Eine lange, lange Reise in die Tiefe“

Am Ende dieses Karfreitagsgedankens soll ein Zeitzeuge unserer Epoche stehen:

Es ist Tomáš Halík, der europaweit bekannte tschechische Priester, Soziologe und Religionsphilosoph an der Karlsuniversität Prag. Er studierte während der Zeiten des Eisernen Vorhangs im Untergrund Theologie und wurde 1978 in der DDR zum Priester geweiht. Seine eigene Familie, nicht einmal seine Mutter durfte etwas davon wissen. Später war er im Untergrund tätig und wurde enger Mitarbeiter des Prager Kardinals František Tomášek. Als er 2014 mit dem berühmten Tempelton-Preis, dem „Nobelpreis der Theologie“ ausgezeichnet wird, verliehen für herausragende Leistungen an der Schnittlinie von Religion und Wissenschaft, da wird er von Journalisten gefragt, was man denn nach der jahrzehntelangen Ausradierung und systematischen Unterdrückung des Glaubens hinter dem Eisernen Vorhang nun erwarten müsse.

Thomas Halik antwortet mit Alexander Solschenizyn, dem weltbekannten russischen Schriftsteller, selbst Verfolgter des Stalin Regimes und Gefangener im Gulag. Als er nach der Wende in der Sowjetunion und dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme des Ostblocks gefragt wurde, was denn nach den 70 langen Jahren der totalitären Unterdrückung in Russland und der Zerstörung menschlicher Freiheit und Würde kommen müsste, lautete seine Antwort: Eine lange, lange  Zeit der Heilung!

Und wenn Sie mich fragen - so fährt Thomas Halík fort - was denn für Europa nach der langen Zeit des allzu sorglosen Sprechens über Gott kommen müsste, dann lautet mein Antwort: Eine lange, lange Reise in die Tiefe!