Ansprache an Karfreitag 2019 im Hohen Dom zu Augsburg

22.04.2019 11:26

Stat crux dum volvitur Orbis - „Das Kreuz steht während der Erdkreis sich dreht“

 Der Karfreitag dieses Jahres 2019 wird der Welt im Gedächtnis bleiben. War doch die gesamte globale Medienöffentlichkeit dieser Tage auf einen Punkt konzentriert: Das verheerende Feuer in der Kathedrale Notre-Dame von Paris. Nicht nur hunderte, sondern tausende von Menschen waren auf den Brücken der Seine und an ihrem Ufer versammelt. Einheimische ebenso wie Touristen starrten schockiert und erschreckt auf die brennende Kathedrale und die Flammen, die weithin sichtbar aus ihrem Dachgewölbe schlugen. Welch eine bedrückende Stille, als die Feuerwehr nach Stunden feststellte, es sei völlig unsicher, ob man die vollständige Zerstörung dieses Gebäudes überhaupt verhindern könne. Viele Menschen weinten. Als Tags darauf wie durch ein Wunder der Brand in der Griff bekommen werden konnte und die ersten Bilder vom zerstörten Innenraum des Schiffs der Kathedrale sichtbar wurden, zeigte sich ein Bild, das sich fraglos in die Seele einprägt: Im Chaos und Schutt des eingestürzten Gewölbes und des Dachstuhls sah man: das monumentale goldene Kreuz im Chor der Kathedrale war stehen geblieben. Wie ein Hoffnungszeichen durchleuchtete es den Raum, der noch von der Rauchentwicklung verdunkelt war. Kann einem hier nicht unwillkürlich der berühmte Wappenspruch des Kartäuserordens in den Sinn kommen „Stat crux dum volvitur orbis“ – „Das Kreuz steht, während der Erdkreis sich dreht“.

Foto: Kirk Fisher auf Pixabay

Ist doch gerade die Hauptstadt Paris und die Kathedrale Notre-Dame ein dramatischer Kristallisationspunkt von geschichtlichen Wendepunkten, von Katastrophen und Umbrüchen. Punkte, an denen man mit dem Kreuz Schluss machen wollte.

In der 800-jährigen Baugeschichte der Kirche leuchtet die Epoche der Französischen Revolution hervor. Das Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und sein Menschenrechtsanspruch kostete gleichzeitig tausende von Menschen das Leben. Der Anspruch der Vernunft wurde zum Instrument der Demütigung und der Außerkraftsetzung des Denkens anderer. In der Kathedrale Notre-Dame wurde das Kreuz beseitigt und eine Statue der Göttin der Vernunft aufgestellt.

Hundert Jahre später mag man an Kaiser Napoleon denken, der sich an diesem Ort zum Kaiser krönte und sich selbst die Krone aufsetzte. Der Moment der Prachtentfaltung am 2. Dezember 1804 in der Kathedrale bildet den offensichtlichen Kontrast zur Brutalität der napoleonischen Kriege, welche in Europa Millionen von Menschen das Leben kostete. Das Gottesgnadentum des Kaisers der Franzosen – welch ein Widerspruch zum König auf dem Kreuzesthron in der Basilika Notre-Dame.

Nicht zuletzt der Blitzkrieg und die Eroberung Frankreichs durch die Nationalsozialisten, der gespenstische und irgendwie unwirkliche Besuch Adolf Hitlers Ende Juli 1940 für zwei Tage und schließlich die hochdramatische Wendung, als Paris nach dem Sprengungsbefehl Adolf Hitlers im Jahr 1944 nur knapp der totalen Zerstörung entging. Welch wundersame Augenblicke in der Biographie der Kathedrale Notre-Dame. Das Tausendjährige Reich ist vergangen, und wie durch ein Wunder ist das Kreuz des Erlösers stehen geblieben.

Selbst heute in der Atmosphäre von laïcité und im Geist der offensiven Trennung von Kirche und Staat in Frankreich mag in diesem Augenblick erstaunen, dass viele Bürger von Paris im Blick auf die brennende Kathedrale nicht nur von einem bedeutenden Stück des kulturellen Welterbes der Menschheit sprechen, sondern dieses Notre-Dame als ihr Herzstück und ihre geistige Heimat bezeichnen. Kann die brennende Kathedrale, kann das golden leuchtende Kreuz im rauchenden Schutt des eingestürzten Gewölbes vielleicht ein Symbol, ein Anstoßpunkt des Aufbruchs und einer geistigen Erneuerung werden? In Paris. In Frankreich. Vielleicht in Europa?

Hier führt eine spannende Spur zu uns nach Augsburg. Es war am 17. November 1989, als der phänomenale Kardinal von Paris, Jean-Marie Lustiger die Ehrendoktorwürde der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg verliehen bekam. Lange hatten die Planer an der Universität gebangt, ob er überhaupt akzeptieren und kommen würde. Schließlich war er gebürtiger Jude. Seine Mutter wurde im September 1942 von den Nazis ins französische Abschiebelager Drancy verschleppt. Einige Monate später starb sie wie Millionen andere in den Gaskammern von Auschwitz. Dennoch. Der Erzbischof kam. Er ist Ehrendoktor unserer Fakultät und beschenkte diese Universität mit einer einmaligen Festrede. „Die Neuheit Christi und die Postmoderne“ war sein Thema. Und seine zentrale These lautete: „Das Christentum in Europa ist nicht am Ende. Es steckt erst in den Kinderschuhen.“

Nur in einer geistigen Neubestimmung der Wirklichkeit vom Orientierungs­punkt des Evangeliums aus sieht Kardinal Lustiger eine reale Möglichkeit, zur Änderung des zerstörerischen postmodernen Menschen. Das Ende der Maßlosigkeit ist der Weg, zu einer neuen menschlichen Identität zu gelangen. „Auf die Selbstweihe zum 'König des Universums' zu verzichten und stattdessen zuzugeben, dass man in diesem Universum eben nur einen 'Schlupfwinkel' (Pascal) bewohnt“ ist der erste Schritt zu dieser neuen Identität. Ihre Grundlage ist die unantastbare Würde vor Gott. Denn - so begründet der Kardinal – „die Definition vom Menschsein steht nicht dem Menschen zu, sondern Gott, der es ihm gegeben hat. Der Mensch wählt sein Menschsein ebenso wenig, wie er es selber herstellt; denn er empfängt es als Bild der Vaterschaft des unsichtbaren Gottes.“

Der christlichen Religion kommt darum am Übergang ins dritte Jahrtausend ihrer Geschichte eine neue, unersetzliche Rolle und Aufgabe zu, nämlich „das Evangelium in einer säkularisierten Zeit zu verkünden, das heißt, ihr gerade in ihrer Einzigartigkeit zu helfen, die Gleichnisse und Figuren der unzerstörbaren Neuheit des Evangeliums zu entdecken. Unsere Epoche gibt sich als postmodern aus: das kann sie ruhig; sie ist nicht post-christlich.“

Damit ist geschichtlich gesehen das Gegenteil des vielbeschworenen Untergangs des Christentums eingetreten. Das Evangelium ist den heutigen Menschen auf dem Weg in die Zukunft neuer und nötiger als in allen vergangenen klassisch christlichen Epochen. Der Beginn einer „christlichen Zeit“ steht uns erst bevor: „Die kulturelle Entwicklung und die ethischen Fragestellungen von heute weisen nicht auf ein Ende der Fragen des Evangeliums hin; sie stellen vielmehr deren Schärfe klar heraus.“ Und so gilt die im Widerspruch zu einer oberflächlichen Interpretation der zeitgenössischen Kultur gesetzte Schlussfolgerung: „Wir stehen nicht am Ende, wir stehen an den Anfängen des christlichen Zeitalters!“

Vom Ende zurück zum Anfang. Welch ein Karfreitag des Jahres 2019. Wenn doch die verbrannte Kathedrale Notre-Dame neues Feuer des Glaubens in Europa anzündete? Wenn doch das stehengebliebene leuchtende Kreuz im rauchenden Schutt des eingestürzten Gewölbes von Notre-Dame, ein Anstoßpunkt des Aufbruchs und ein Symbol der geistigen Erneuerung werden könnte.