Ansprache an Pfingstmontag 2017 im Hohen Dom zu Augsburg

06.06.2017 14:25

Karl Rahner, Die Erfahrung des Heiligen Geistes

Wo immer der Heilige Geist auftritt, wird Gewaltiges bewegt. Naturgewalten brechen aus. Feuer kommt herab und verteilt sich in Zungen auf die Köpfe der Jünger. Sturmwind bricht los und erschüttert das Haus. Türen werden aufgesprengt, hinter denen sich die Apostel voller Angst verbarrikadiert haben. Sie treten heraus und verkünden. Selbst die Angst vor dem Martyrium kann sie jetzt nicht mehr schrecken. Und die internationale Sprachbarriere wird plötzlich durchbrochen. Menschen aller Herren Länder verstehen sich und sprechen einen Sprache. Friede wird möglich.

Aber bei all dem Großen im Wirken des Heiligen Geistes entsteht die Frage:

Wie wirkt der Heilige Geist konkret? Wie kommt er in mein Leben? Wo klopft er in meinem Alltag an?

Da denke ich an einen der größten theologischen Lehrer des 20. Jahrhunderts. Es ist der grandiose Theologe Karl Rahner, bei Studenten und Promovenden oft unbeliebt, weil seine Sätze und Gedanken so lang und kompliziert waren, dass man sein nicht leicht begreifen konnte. 16 Bände „Schriften zur Theologie“ sind uns in einem monumentalen theologischen Werk überkommen. Aber: Darin findet sich im Band 13 ein wundervoll einfacher und konkreter Beitrag über das Wirken des Heiligen Geistes. "Erfahrung des Heiligen Geistes" lautet der Titel. Es ist eine erstaunlich einfache Antwort des komplizierten Theologen auf die Frage:

Wie wirkt der Heilige Geist konkret? Wie kommt er in mein Leben? Wo klopft er in meinem Alltag an?

„Da ist einer, der mit der Rechnung seines Lebens nicht mehr zurecht kommt, der die Posten dieser Rechnung seines Lebens aus gutem Willen, Irrtümern, Schuld und Verhängnissen nicht mehr zusammenbringt, auch wenn er, was ihm oft unmöglich scheinen mag, diesen Posten Reue hinzuzufügen versucht. Die Rechnung geht nicht auf und er weiß nicht, wie er darin Gott als Einzelposten einsetzen könnte, der Soll und Haben ausgleicht. Und dieser Mensch übergibt sich mit seiner unausgleichbaren Lebensbilanz Gott oder - ungenauer und genauer zugleich - der Hoffnung auf eine nichtkalkulierbare letzte Versöhnung seines Daseins, in welcher eben der wohnt, den wir Gott nennen, läßt sich mit seinem undurchschauten und unkalkulierten Dasein vertrauend und hoffend los und weiß selbst nicht, wie dieses Wunder geschieht, das er selber nicht noch einmal genießen und als seinen Besitz sich zu eigen machen kann.

Da ist einer, dem geschieht, daß er verzeihen kann, obwohl er keinen Lohn dafür erhält und man das schweigende Verzeihen von der anderen Seite als selbstverständlich annimmt.

Da ist einer, der Gott zu lieben versucht, obwohl aus dessen schweigender Unbegreiflichkeit keine Antwort der Liebe entgegenzukommen scheint, obwohl keine Welle einer gefühlvollen Begeisterung ihn mehr trägt, obwohl er sich und seinen Lebensdrang nicht mehr mit Gott verwechseln kann, obwohl er meint zu sterben an solcher Liebe, weil sie ihm erscheint wie der Tod und die absolute Verneinung, weil man mit solcher Liebe scheinbar ins Leere und gänzlich Unerhörte zu rufen scheint, weil diese Liebe wie ein entsetzlicher Sprung ins Bodenlose aussieht, weil alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden scheint.

Da ist einer, der seine Pflicht tut, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur tun kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die einem niemand dankt.

Da ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von dem kein Echo des Verständnisses und der Dankbarkeit zurückkommt, wobei der Gute auch nicht einmal durch das Gefühl belohnt wird 'selbstlos', anständig und so weiter gewesen zu sein.

Da ist einer, der schweigt, obwohl er sich verteidigen könnte, obwohl er ungerecht behandelt wird, der schweigt, ohne sein Schweigen als Souveränität seiner Unantastbarkeit zu genießen.

Da ist einer, der sich rein aus dem innersten Spruch seines Gewissens heraus zu etwas entschieden hat, da, wo man solche Entscheidung niemandem mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist und weiß, daß man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt, die man für immer und ewig zu verantworten hat.

Da gehorcht einer, nicht weil er muß und sonst Unannehmlichkeiten hat, sondern bloß wegen jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfaßbaren, das wir Gott und seinen Willen nennen.

Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung.

Da ist einer, der restlos einsam ist, dem alle farbigen Konturen seines Lebens verblasen, für den alle verläßlichen Greifbarkeiten zurückweichen in unendliche Fernen, der aber dieser Einsamkeit, die wie der letzte Augenblick vor dem Ertrinken erfahren wird, nicht davonläuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält.

Da ist einer, der erfährt, daß seine schärfsten Begriffe und intellektuellsten Denkoperationen auseinanderfallen, daß die Einheit des Bewußtseins und des Gewußten im Zerbrechen aller Systeme nur noch im Schmerz besteht, mit der unermeßlichen Vielfalt der Fragen nicht mehr fertig zu werden und sich doch nicht an das klar Gewußte der Einzelerfahrungen und der Wissenschaften halten zu dürfen und halten zu können.

Da ist einer, der merkt plötzlich, wie das kleine Rinnsal seines Lebens sich durch die Wüste der Banalität des Daseins schlängelt, scheinbar ohne Ziel und mit der herzbeklemmenden Angst, gänzlich zu versickern. Und doch hofft er - er weiß nicht wie -, daß dieses Rinnsal die unendliche Weite des Meeres findet, auch wenn es ihm noch verdeckt ist durch die grauen Dünen, die sich vor ihm scheinbar unendlich auszubreiten scheinen.

So könnte man noch lange fortfahren und hätte vielleicht dann dennoch gerade jene Erfahrung nicht beschworen, die diesem und jenem bestimmten Menschen in seinem Leben die Erfahrung des Geistes, der Freiheit und der Gnade ist. Denn jeder Mensch macht sie je nach der eigenen geschichtlichen und individuellen Situation seines je einmaligen Lebens. Jeder Mensch! Nur muß er sie vorlassen, gleichsam ausgraben unter dem Schutt des Alltagsbetriebs, darf ihr, wo sie leise deutlich werden will, nicht davonlaufen, darf sich nicht von ihr ärgerlich abwenden, als ob sie nur eine Verunsicherung und Störung der Selbstverständlichkeit seines Alltags und seiner wissenschaftlichen Klarheiten sei."[1]

 

Ja. Das alles sind Erfahrungen des heiligen Geistes. Bruchstücke einer Antwort auf die Frage: Wie wirkt der Heilige Geist konkret? Wie kommt er in mein Leben? Wo klopft er in meinem Alltag an?

 

[1]        K. Rahner, Erfahrung des Heiligen  Geistes, in: Schriften XIII, 239 - 241.