Ansprache zum Hochfest Christi Geburt 2019 im Hohen Dom

30.12.2019 11:04

"Gottes Wort und die Würde des Menschen"

Verehrte liebe Mitbrüder,

liebe weihnachtliche Gemeinde!

In der Literaturgeschichte gibt es eine spannende Abteilung, die der Frage nachgeht: Was waren die letzten Worte großer Menschen? Von Künstlern, Herrschern, Wissenschaftlern. Könnte sich in ihnen der Sinn, die Essenz des ganzen Lebens und des Sterbens ausdrücken?

Die letzten Worte großer Menschen

Da ist zunächst Johann Wolfgang von Goethe der große Dichterfürst. „Mehr Licht!“ lautet sein berühmtes letztes Wort. War es eine bereits mystische Schau der anbrechenden Ewigkeit oder nur etwas ganz Banales: Macht die Fenster auf damit mehr Luft hereinkommt.

Da ist Elisabeth I., Königin von England, die Begründerin des großen elisabethanischen Zeitalters und die Siegerin über die spanische Armada. „All mein Besitz gegen einen einzigen Moment mehr Zeit“ ist ihr letztes Wort im Angesicht des nahen Todes.

Da begegnet uns Freddie Mercury, der weltberühmte Sänger der Rockband Queen, allzu früh an HIV gestorben. Sein letztes tragisches Bekenntnis auf der Höhe seines Ruhmes lautet: „Das bitterste ist, dass du alles auf der Welt haben kannst und doch der einsamste Mensch bist!“

Und schließlich viel reportiert der große Bundeskanzler Konrad Adenauer, der in Mitten seiner weinenden Familie auf dem Sterbebett sagt: „Da gibt es nichts zu weinen!“

Letzte Worte großer Menschen. Und was ist das letzte Wort der Bibel? Es findet sich am Ende des letzten geheimnisvollen prophetischen Buches des Neuen Testamentes, der geheimen Offenbarung des Johannes. Am Ende der Apokalypse schreibt Johannes der Seher auf Pathmos: Komm Herr Jesus. Maran atha!

Das Wort ist Fleisch geworden

Heute ist dieses Wort in Erfüllung gegangen. Jesus ist gekommen. In der Heiligen Nacht durften wir im ergreifenden Bild der Geburt des göttlichen Kindes in der Krippe die Ankunft des Herrn in unserer Welt erfahren. Heute, am Hochfest der Geburt des Herrn begegnet uns das Wunder der Geburt in der großen theologischen Sprache des Johannesprologs. „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit.“

Ja, das letzte Wort der Bibel, „Maran atha“ – Komm Herr Jesus – es ist nun in Erfüllung gegangen. Jesus der Herr ist geboren. Das Wort ist Fleisch geworden. Das letzte Wort Gottes ist in Jesus seinem menschgewordenen Sohn Realität geworden.

Gleichzeitig aber bleibt für die Jahrhunderte der Geschichte der Christenheit eine große Herausforderung. Sie zeichnet sich unmittelbar im gleichen Johannesevangelium ab. „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

So bleibt unsere Lebensgeschichte im Jahr 2019 in diesem dazwischen. Christus der Herr, das göttliche Wort ist da. Aber wir gehen auf sein zweites endgültiges Kommen zu. Wir leben in einem schon und noch nicht. Das göttliche Wort, das in der Geburt Jesu Christi sichtbar geworden ist, es muss nun in unserer Existenz und in unserem Leben erst Gestalt annehmen. Die zentralen Stichworte, unter denen sich für mich die Realisierung der Ankunft des Herrn in unserem Leben zeigen muss lauten: Würde und Freiheit des Menschen, Friede auf Erden und Friede mit der Schöpfung.

Das Wort Gottes und die Würde des Menschen

Kein anderes Thema steht für mich an diesem Tag der Geburt des Herrn mehr im Mittelpunkt als die Würde des Menschen. Es ist genauso, wie die Kirche im Tagesgebet dieses Festgottesdienstes betet: „Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbar wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes der unsere Menschennatur angenommen hat.“ Ja, Gott hat uns gewürdigt in der Menschwerdung seines Sohnes. In den herrlichen kirchenmusikalischen Vertonungen des Credo der Kirche gibt es keine Stelle, die inniger komponiert wäre als diese: „Et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine, et homo factus est“ – „Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“

Kann man Größeres vom Menschen sagen? Christen sollten sich von niemandem darin übertreffen lassen, groß vom Menschen zu denken. Sie bekennen, dass die Würde des Menschen in Gott ihren Ursprung hat. Die Idee der Menschenrechte ist von dieser christlichen Überzeugung inspiriert, lange bevor sie - gegen mancherlei kirchliche Widerstände - in Gesetzen und Verfassungen ihren Ausdruck gefunden hat.

Der erste und wesentlichste Grundsatz unserer Verfassung, der oft zitiert und eingefordert wird von der Würde des Menschen, die unantastbar ist, hier ist sie begründet. Sogar ein nüchterner Naturwissenschaftler wie der französische Forscher Louis Pasteur spricht in seiner Rede vor der areligiösen Académie Française 1882 davon: „Wo sind die wahren Quellen von Menschenwürde, Freiheit und moderner Demokratie, wenn nicht in dem Begriff des Unendlichen, vor dem alle Menschen gleich sind?“ Darum gilt, was Papst Leo der Große vor bereits 1600 Jahren in Blick auf den verherrlichten Christus sagte: „Christ erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde. Denk an das Haupt und den Laib dem du als Glied angehörst! Bedenke, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in das Licht und das Reich Gottes aufgenommen bist!“

Gottes Würdigung macht die Menschenwürde unantastbar. Wenn diese nur auf einer Absprache beruhte, auf einer Art Gesellschaftsvertrag, dann wäre es schlecht um sie bestellt. Verträge sind kündbar, selbst solche, die Menschenrechte und Menschenwürde betreffen. Das haben wir erlebt. Wir brauchen gar nicht so weit zurückzugehen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und tagtäglich finden solche Vertragsbrüche offen und versteckt statt auch bei uns. Allzu oft existieren Menschen unter ihrer Würde.

Es ist diese weihnachtliche Dimension der Menschwerdung Gottes, die die Unveräußerlichkeit und Unantastbarkeit unserer Würde begründet und zugleich eine unermessliche Forderung an die Christen unserer Tage stellt. Das betrifft Menschen in Systemen politischer Unterdrückung ebenso wie ökonomischer Ausbeutung. Das gilt für Menschen auf der Flucht, die aus wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Gründen keine Heimat mehr besitzen. Das gilt für die Vielzahl der um ihres Glaubens willen verfolgten Christen, von denen regelmäßig die Menschenrechtsorganisation „Open doors“ berichtet. Das gilt für Menschen in den hunderten bewaffneter Konflikte, die derzeit auf Erden toben und Menschenleben bedrohen. Ja, die Verheissung des Friedens durch die Engel in der Heiligen Nacht, sie schlägt schnell um in den Stefanusstag und das Martyrium des ersten Märtyrers. Die paradoxe Frage drängt sich auf: Warum kann in Bethlehem, am Ort der Geburt des Messias und des Friedenskönigs die Mitternachtsmesse in der Geburtskirche nur unter Bewachung von Soldaten mit Maschinengewehren gefeiert werden? Ist – wie die symbolische Deutung der Kirchenväter es immer wieder formulierte – das Holz der Krippe bereits ein Vorzeichen auf das Holz des Kreuzes?

Was ist gewiss? - Gottes JA und AMEN

Nach den letzten Worten berühmter Menschen, und nach dem Wort Gottes, das Fleisch geworden ist, soll ein letztes Wort eines Märtyrers am Ende stehen. Es stammt von dem bekannten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Er war Student, Theologe, Privatdozent und schließlich Professor für evangelische Theologie in Berlin und Anhänger der bekennenden Kirche. Als ihm die Brutalität des Naziregimes entgegentrat und die nationalsozialistische Judenverfolgung mächtig wurde, engagierte er sich öffentlich im Widerstand und schloss sich der Gruppe um Wilhelm Franz Canaris an. 1940 erhielt er zunächst Redeverbot, dann Schreibverbot. Als er 1943 verhaftet wurde und von Adolf Hitler mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurde, stand seine Hinrichtung auf persönliche Intervention des Führers unmittelbar bevor. Es ist sein letztes Weihnachten, das er im Jahr 1944, vor genau 75 Jahren erlebt. Sein letztes Wort stellt die Frage „Was ist gewiss?“

Seine Antwort und zugleich sein letztes weihnachtliches Zeugnis lauten: Es ist Gottes Wort, es ist sein JA und AMEN.

„Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist; dass es für uns nichts unmögliches mehr gibt, weil es für Gott nichts Unmögliches gibt; dass keine irdische Macht uns anrühren kann ohne Gottes Willen und dass Gefahr und Not uns nur näher zu Gott treiben; gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden auf dem wir stehen“

Dietrich Bonhoeffer (+) 9. April 1945, KZ Flossenbürg