Predigt zur Weihe der ständigen Diakone im Hohen Dom 2019

07.10.2019 10:19

Der Dienst des Diakons – ein starkes Zeichen im Zeitalter der Vertrauenskrise der Kirche

Verehrte liebe Weihekandidaten,

liebe Ehefrauen und Familien,

liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst,

liebe Ausbilder und Begleiter auf diesem Weg,

meine Schwestern und Brüder!

Die Weihe der Ständigen Diakone dieses Jahres 2019 im Hohen Dom zu Augsburg steht ohne Zweifel im Zeichen starken Gegenwindes, den die Kirche derzeit erlebt, und auch eines epochalen Vertrauensverlustes in der Gesellschaft. Die verheerende Missbrauchsdebatte, die Verletzungen der Menschenwürde in der Kirche, die bis heute geradezu unbegreiflich sind, auch viele umstrittene Themen des Synodalen Weges der deutschen Kirche, die heftige Debatte um Herrschaft und Macht in der Kirche, um Sexualität, Zölibat, Rolle der Frau – all das sind Indikatoren einer solchen Vertrauenskrise. Wo sind Lösungen? Wo sind Rettungswege aus dieser Krise?

1. Der Dienst des Diakons – ein starkes Zeichen des Dienens im Zeitalter der Vertrauenskrise der Kirche

Wem kommen hier nicht die aufrüttelnden Worte über die Kirche des Dienens in den Sinn, die der einzigartige Märtyrer des Naziregimes P. Alfred Delp vor über 70 Jahren im Gefängnis, kurz vor seiner Hinrichtung schrieb? Als Mitglied des Kreisauer Kreises um Graf Moltke gegen Adolf Hitler wurde er enttarnt und eingekerkert, und noch am Lichtmesstag des Jahres 1945, einige wenige lächerliche Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges, in Berlin-Plötzensee hingerichtet. In seinen Aufzeichnungen aus der Haft finden wir diese beschwörenden Worte über das Dienen und die Glaubwürdigkeit der Kirche:

„Ob die Kirche noch einmal den Weg zu den Menschen finden wird, wird auch ... von der Rückkehr der Kirchen in die ‚Diakonie’ abhängen: in den Dienst an der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt und nicht unser Geschmack oder ... die Gewohnheiten einer noch so bewährten kirchlichen Gemeinschaft.“ Und er fährt fort: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienst des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonst wie kranken Menschen.“

Und es ist unmittelbar danach der zornige Münchner Kardinal Julius Döpfner, der es in seiner Karfreitagspredigt im Liebfrauendom provokant auf die Spitze bringt: „Um des Gekreuzigten Willen beschwöre ich Euch: Lasst den Herren in seinen notleidenden Brüdern nicht vergeblich rufen! Sonst holt das Kreuz von allen Türmen; denn es ruft das Gericht über ein Land, das sich christlich nennt, aber das Gesetz der Selbstsucht erfüllt!“

2. Geistlicher Dienst und Weltverantwortung – die Berufung des ständigen Diakonates

Gerne erinnere ich mich an die Begegnung zum Gespräch und Kennenlernen mit Ihnen und Ihren Familien einige Tage vor dem Weihetermin zurück. Zwei Dinge haben mich auf dem ersten Blick in diesem offenen Gespräch zutiefst beeindruckt. Da ist einerseits das breite berufliche Spektrum, aus dem Sie kommen und die hohe Kompetenz der Weltverantwortung, die Sie aus Ihrem Berufsfeldern in den Dienst der Kirche als Diakon mitbringen. Unter Ihnen ist der Wirtschaftsprüfer und Experte im Steuerrecht ebenso wie der Kommissariatsleiter bei der Kriminalpolizei, der Systemleiter bei der Notfallseelsorge ebenso wir der Sachverständige für Löschsysteme, der Mediziner und Arzt ebenso wie der erfahrene Versicherungsexperte. Ja, das ist ein breites und anspruchsvolles Berufs- und Erfahrungsfeld, in dem wohl bei keinem von Ihnen Langeweile aufkommen dürfte. Darum beeindruckte mich andererseits ihre unmittelbare Bereitschaft und Ihr Ja zu diesem neuen Dienst des Diakons. Ihre beruflichen Belastungen und die vielen Verantwortungsfelder wären alleine schon tagfüllend. Aber Sie sprachen alle davon: „Da ist einfach etwas Größeres: Jesus Christus – der Weg, Wahrheit und Leben. Darum habe ich mich auf den Weg gemacht, und folge seinem Ruf.“

Ja, die Kirche von Augsburg hat jeden Grund, Jesus dem Herrn zu danken, dass er Sie rief. Das steht immer am Anfang jeder Berufungsgeschichte Gottes mit einem Menschen, von den Propheten bis heute. Der Ruf Gottes und seine Erwählung steht am Beginn der Nachfolge, so wie der Titel des Textblattes dieser Diakonenweihe sagt: „Nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ (Joh 15,16) und wie das Johannesevangelium fortfährt: „Damit ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt!“ Und, die Kirche von Augsburg hat zweitens jeden Grund Ihnen zu danken, dass Sie diesen Ruf frei und offen und couragiert annahmen. Gott handelt nie gegen die Freiheit des Menschen. Von der Berufung Marias der Gottesmutter und ihres freien JA zu Gottes Wort bis zu jedem einzelnen von uns gilt diese Voraussetzung der freien liebenden offenen Zustimmung zum Ruf Gottes. Und schließlich gilt in diesem Berufungsereignis ein großer Dank Ihren Ehefrauen und Familien, die Sie in all der Zeit stets unterstützt haben und Ihren Entschluss mittragen. Darum ist in der Liturgie der Kirche bei der Weihe Ständiger Diakone auch die Befragung und Zustimmung der Ehefrauen in der Liturgie vorgesehen. Ohne sie geht offensichtlich nichts. Ihre Unterstützung und das Umfeld der Familie ist nicht nur eine Bereicherung des geistlichen Dienstes der neugeweihten Diakone. Sie ist auch Stütze und Halt in mancher Herausforderung und in manchem Konflikt, genauso wie die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen, die positiven Rückmeldungen und die tiefe Faszination des Glaubens an Jesus Christus

3. Die Liste der Diakone der alten Kirche und die „Schätze der Kirche“

Am Ende dieses Gedankens zurück zum Anfang und zu der Frage, wie denn der Dienst des Diakons gerade in unseren Tagen im Zeitalter der Vertrauenskrise der Kirche eine Stütze sein kann. Da geht mein Blick zurück in die Geschichte. Es ist die Liste der ersten Diakone, die der alten Kirche durch ihren Dienst einen historischen Stempel aufdrückten: Es ist vor allem einer, der unserer Kirche in ihrer aktuellen Vertrauenskrise ein diakonaler Leitstern sein könnte.

In Ravenna, dieser kunstsinnigen italienischen Stadt mit den weltberühmten Mosaiken kann man eine seltene Entdeckung machen. Im Heiligenkranz der Apsis der Kirche St. Apollinare Nuovo sind die Heiligen dargestellt, wie sie in weiße Gewänder gehüllt im Kreis um Christus stehen. Mit einer Ausnahme: Der heilige Diakon Laurentius, er trägt als einziger ein goldenes Gewand. Der Grund ist schnell erklärt. Es ist ein Symbol für seinen vorbildlichen sozialen Dienst am Nächsten, die tatkräftige Unterstützung der Armen.

Die Legende berichtet, wie der heilige Diakon eines Tages verhaftet und von Kaiser Theodosius als Verwalter des Kirchenvermögens aufgefordert wird, alle Schätze der Kirche einzusammeln und im Vorhof des Palastes abzuliefern. Laurentius antwortet, dass diese Aufgabe mindestens drei Tage erfordern dürfte. Der Kaiser ist neugierig geworden und erstaunt über den erwarteten Reichtum der Kirche. Als er am dritten Tag den Hof des Palastes betritt, ist er voller Kranker, Lahmer, Krüppel, Blinder und Behinderter.

„Das, mein Kaiser!“ sagt Diakon Laurentius, „Das sind die Schätze der Kirche!“

Gebe Gott der Herr, der Sie zum Dienst als Diakon gerufen hat, Ihnen allezeit Kraft, Mut und Ausdauer in diesem großen Dienst an den Menschen. Amen.