Pfingstsonntag am 23. Juni 2021
Ansprache von Weihbischof Anton Losinger

Welchem Geist will ich mein Leben öffnen?

23.05.2021 11:59

In diesen pfingstlichen Tagen begegneten uns im Privatfernsehen verstörende Bilder. Zwei Jugendliche waren von der Polizei aufgegriffen und vor dem Jugendgericht zu empfindlichen Strafen verurteilt worden. Was war geschehen? Die beiden hatten ihrer Schule zuhause einen nächtlichen Besuch abgestattet.

Sie waren in das Büro des Hausmeisters eingedrungen, hatten sich dort mit einer Axt und mit Hämmern versorgt und dann in ihrer Schule alles platt gemacht. Tische, Bänke, Stühle zertrümmert, Textilien und Papier angezündet und einige Klassenzimmer unter Wasser gesetzt. Am Ende sah man den Physiklehrer in seinem Physikraum vor seinen Experimenten, die im Grunde nur noch Schrottwert besaßen. Völlig perplex und mit einer Träne im Auge sagte er in die Kamera: Ich frage mich, was geht nur in den Köpfen unserer jungen Menschen vor?

Damit sind wir bei der entscheidenden Frage des hohen Pfingstfestes angelangt: Welchem Geist will ich mein Leben öffnen?

Öffne ich mich dem guten heiligen Geist Gottes? Der Geist, von dem die Apostelgeschichte berichtet, der die Sprachen der Völker vereint, der Menschen zusammenbringt und Frieden möglich macht. Der Geist, der verzagte und verstörte Jünger ermutigt und sie hinter ihren verschlossenen Türen hervorholt. Der ihnen alle Menschenfurcht nimmt, sie bis an die Grenzen der damaligen Erde treibt und selbst die Angst vor dem Martyrium bedeutungslos erscheinen lässt. Der Geist Gottes schließlich, der im Buch Genesis über den Wassern schwebt und aus dem Chaos Ordnung schafft. Oder öffne ich mich der Alternative? All den vielen negativen Geistern unserer Wirklichkeit, die Menschen frustrieren, zerstören und herunterziehen, den Geistern der Trennung und des Hasses, die andere Menschen herabwürdigen, diskriminieren und vernichten. Den Geistern der Lüge, der Ideologien, der Vorurteile, die Menschen blind machen und Leben langfristig zerstören.

Ja, wir Menschen stehen an Pfingsten vor einer Alternative. Es ist die Unterscheidung der Geister, die über unsere Zukunft entscheidet. Und sie beginnt mit der Frage, welchem Geist will ich mein Leben öffnen?

Da denke ich in diesen pfingstlichen Tagen gerade an die vielen jungen Menschen in unserer Kirche, die sich derzeit auf das Sakrament der Firmung vorbereiten. Unter erheblich erschwerten Bedingungen, im Corona-Zeitalter, mit Maske, Abstand und in verkleinerten Gruppen. Vieles in ihrem Leben, gerade der gesamte Schulalltag hat sich vollständig verändert. Der gewohnte Anlaufpunkt in der Familie zuhause, Besuch von Freunden und ganz normales Lernen ist nicht mehr möglich gewesen.

Es sind ja diese jungen Menschen, die in diesen schwierigen Tagen groß werden, die die Zukunft der Kirche sind. Was beeinflusst das Denken dieser jungen Menschen von heute?

Die Deutsche Bischofskonferenz legte vor nicht langer Zeit einen spannenden Text vor mit dem Titel „Die bildende Kraft des Religionsunterrichtes“. Dort findet sich bereits in den einleitenden Kapiteln eine Statistik, die geradezu ins Auge sticht.

Wenn ein junger Mensch heutzutage seinen ersten Schultag erlebt, dann liegen hinter dem frischgebackenen Schüler, der frischgebackenen Schülerin zunächst einmal logischerweise 0 Schultage, aber bereits mehr als 3 Stunden vor den Medien. Wenn dieser Schüler, diese Schülerin dann die achte Klasse hinter sich hat und in die Neunte kommt, hat er oder sie rund 10.000 Schulstunden hinter sich, aber statistisch gesehen weit mehr als 13.000 Stunden vor dem Laptop, dem Handy, der Mattscheibe, dem Computer. Wer meint, so schreiben die Bischöfe, dass diese Flut von Bildern, Ideen, Gedanken, Vorstellungen das Denken eines jugendlichen Menschen unbeeinflusst lässt, der gehört in das Tal der Ahnungslosen!

Noch einmal sind wir bei der entscheidenden Frage gelandet: Welchem Geist will ich mein Denken öffnen? Gerade im Zeitalter des dramatischen Fortschritts der Digitalisierung, der Künstlichen Intelligenz, der elektronischen Gestaltung unserer gesamten Lebenswirklichkeit und eines Lebens, das inzwischen rundherum online verläuft vom Unterricht bis zur Arbeitswelt. Hier sind ganz neue Chancen, aber gleichzeitig ganz neue Gefahren entstanden. Kein Mensch will hinter die entscheidenden technologischen Entwicklungen der Digitalisierung zurück, gleichzeitig sehen wir aber auch, in welchem Ausmaß unsere Verantwortung mit den neuen technologischen Möglichkeiten wächst. Allein die Frage nach der Wahrheit in den sozialen Medien, Fake News, Cybermobbing und die böswillige Zerstörung des Rufs und des Lebens anderer Menschen im Netz müssen uns hellwach machen. Welche Geister steigen da aus der Flasche? Geister, die wir riefen, aber nicht mehr loswerden?

Ein kluger junger Mensch soll am Ende dieses Pfingstgedankens stehen. Es ist die sympathische Studentin und weltberühmte Märtyrerin des Naziregimes: Sophie Scholl. In den Maitagen dieses Jahres wäre ihr 100. Geburtstag gewesen. Ihr Leben steht für eine radikale Wahrhaftigkeit gegen die lebensvernichtende Ideologie des Naziregimes, und einen unbeugsamen Geist für die Freiheit des Denkens. Dies schrieb Sophie Scholl als Mitglied der Widerstandsgruppe der Weißen Rose im berühmten Flugblatt Nr. IV, ehe sie im Lichthof der Münchener Universität gefasst und schon kurz darauf wegen ihres Widerstandes gegen die Diktatur des Nationalsozialismus in München-Stadelheim hingerichtet wurde.

„Überall und zu allen Zeiten haben die Dämonen im Dunkeln gelauert auf die Stunde, da der Mensch schwach wird, da er seine ihm von Gott auf Freiheit gegründete Stellung im Ordo eigenmächtig verlässt, da er dem Druck des Bösen nachgibt, sich von den Mächten höherer Ordnung loslöst und so nachdem er den ersten Schritt freiwillig getan hat, zum zweiten und dritten und immer mehr getrieben wird mit rasend steigender Geschwindigkeit. Überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten.

Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben, wie ein Säugling ohne Mutter, wie eine Wolke die sich auflöst.“

Wir haben, liebe Schwestern und Brüder, viele Optionen und Wahlmöglichkeiten in unserer modernen, reichen, digitalen Gesellschaft. Wir können uns vieles leisten, und auch auf vieles verzichten. Auf eines aber nicht: Eine radikale und klare Antwort auf die Frage des hohen Pfingstfestes: Welchem Geist will ich mein Leben öffnen?