Predigt in der Feier der Osternacht 2018 im Hohen Dom zu Augsburg

Predigt in der Feier der Osternacht 2018 im Hohen Dom zu Augsburg

31.03.2018 16:23

Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder!

Haben Sie Fragen zu dem, was wir heute Nacht feiern und was gerade eben verkündigt worden ist? Z. B. die Frage: Stimmt das mit der Auferstehung? Oder: Ist Gott wirklich der Schöpfer und Erlöser? Und: Können wir uns (als Getaufte) tatsächlich Kinder Gottes nennen und Gott unseren guten Vater? Können wir wirklich hoffen über den Tod hinaus?

Mitunter können Fragen etwas bewegen, einen Prozess in Gang bringen und diesen lenken. Sie können aber auch das Gegenteil bewirken.

Wissen Sie, wie die erste Frage in der hl. Schrift lautet und wer sie stellt? Leider ist es nicht Gott und auch nicht der Mensch. Die erste Frage kommt von der Schlange.  (Das hebräische Wort für Schlange, nämlich „nachasch“, ist männlich. Frei übersetzt könnte man sagen: „der Schlang“ oder „der Wurm“. Das Wort „Wurm“ wäre zwar allzu verharmlosend, gleichwohl kam durch diese erste Frage der „Wurm“ hinein in die Beziehung zwischen Gott und Mensch und infolgedessen auch in die Beziehung zwischen den Menschen.) Vom „Schlang“ heißt es in Gen 3, dass er „schlauer (war) als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte … (und dass er) zu der Frau (sagte): „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1)

 

Ist das nicht ungeheuerlich, so unvermittelt und urplötzlich aufzutreten und so eine Frage zu formulieren.

Gott ist unendlich großzügig; er liebt den Menschen und hat ihm ausdrücklich erlaubt, von allen Bäumen des Gartens zu essen, nur von dem einen nicht - dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (Gen 2,17).

Was maßt sich dieser schillernde Fragesteller an? Seine Frage verdreht die Tatsachen, übertreibt, manipuliert und unterstellt Gott, ein kleinlicher, um seine Macht besorgter „Götze“ zu sein, der dem Menschen eine ebenbürtige Stellung in der Schöpfung missgönnt. Welch ein Widerspruch zu dem, was wir heute Nacht feiern!

„Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1) Diese Frage ist eine glatte Lüge und gehört zu den ersten „Fake-News“. Sie ist destruktiv, sät Misstrauen und Skepsis, bringt ins Zweifeln und verführt schließlich ins Chaos der Auflehnung gegen Gott, führt in den Bruch der herzlichen, unbekümmerten, ja kindlichen Beziehung mit ihm und untereinander. Was für eine Misere – ausgelöst durch diese erste Frage?

 

Gott sei Dank bleibt es nicht dabei. Es kommt zur zweiten Frage; und diesmal ist es Gott, der sie stellt. Er ruft nach dem Menschen und frägt: „Wo bist du?“

Gott frägt so, weil sich da jemand zurückgezogen, verkrochen, versteckt, ja sich ins Gebüsch geflüchtet hat. Der Mensch hat Angst vor der Erscheinung des Herrn und ist besorgt um die eigene Erscheinung. So bleibt man lieber im Dunkeln und scheut das Licht. Aber Gott ist Licht, und er ruft ins Licht. Das haben wir gerade eben eindrucksvoll gefeiert. Und drum die Frage - auch an uns: „Wo bist du?“  Wo ist dein Standort? Wo ist dein Standpunkt? Was ist deine Position? Wie stehst du zu mir und zu deinesgleichen? Wie stehst du zum gekreuzigten und auferstandenen Herrn?

Die Gefahr ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass wir uns verlieren, dass wir uns entfremden und dass wir anfangen, zu „fremdeln“ in Bezug auf ihn, aber auch untereinander.

Der Karfreitag führt es uns drastisch vor Augen: Die „Hosanna-Rufe“ weichen dem aggressiven „kreuzige ihn“, die Jünger Jesu machen sich aus dem Staub, und selbst Petrus ertappt sich (nach dem Hahnenschrei) dabei, wie er den Herrn dreimal verleugnet. Allein Maria, die Frauen und der Lieblingsjünger halten die Stellung, stehen zu ihm unterm Kreuz und sind die Ersten am offenen Grab.

 

Apropos „Lieblingsjünger“: Von ihm heißt es im Johannesevangelium, dass er im Abendmahlssaal an der Seite Jesu lag (vgl. Joh 13,23). Mir kommt da die berühmte „Johannesminne“ von Heiligkreuztal in den Sinn: Christus und Johannes sitzen eng nebeneinander auf einer Bank, wobei der Jünger mit seinem Kopf an der Seite Jesu, an seinem Herzen ruht - wie ein Kind bei seiner Mutter. Er hat die Augen fast geschlossen und fühlt sich offensichtlich pudelwohl in dieser Position. Bei beiden sind die Ohren ganz frei und deutlich zu sehen. Beide haben sie ihre rechte Hand ineinandergelegt. Ein Bild der Geborgenheit, der Verbundenheit miteinander und des Ganz-Ohr-Seins füreinander, ein Bild, das Frieden ausstrahlt und eine tiefe Antwort auf die Frage Gottes an uns gibt: „Wo bist du?“ - Wo sind wir gut aufgehoben? Wo sind wir zu Hause?

Mit Jesus Seite an Seite, Hand in Hand, ganz Ohr füreinander – das ist die richtige Position für uns; da sind wir bestens aufgehoben, da sind wir daheim. Kein Wunder, dass der Lieblingsjünger – wir werden es morgen im Evangelium hören – als erster am offenen Grab ankam, sah und glauben konnte. Wer eng mit Jesus verbunden ist, tut sich leichter mit dem, was uns diese Nacht Großartiges verkündet. Er kann gläubig bekennen: Der Herr ist wahrhaft auferstanden.

    

Was ist unsere Antwort auf die Frage Gottes: „Wo bist du?“

Können wir jetzt dann bei der Erneuerung des Taufversprechens ausdrücklich und bewusst antworten: „Ich glaube“?

  

Eine dritte – nicht weniger wichtige – Frage drängt sich auf. Auch sie ist auf den ersten Seiten der Bibel zu finden, nämlich in Gen 4. Und wiederum ist es Gott, der sie stellt: Er frägt Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (Gen 4,9)

Der dunkle Hintergrund ist uns bekannt. Es geht um den ersten zwischenmenschlichen Konflikt, den uns die hl. Schrift schildert. Kain erhebt sich gegen seinen Bruder Abel - aus Neid - und tötet ihn.

„Wo ist dein Bruder Abel“, frägt Gott. Die Antwort Kains ist entlarvend und nicht weniger dunkel: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4,9) - Wie kann man nur so antworten?

Natürlich sind wir die Hüter und Hüterinnen unserer Brüder und Schwestern. Wir tragen Verantwortung füreinander, allerspätestens seit der Herr am Kreuz für uns gestorben und auferstanden ist und die trennende Wand der Feindschaft untereinander niedergerissen hat (vgl. Eph 2,14). Wer als Getaufter zu Gott „Vater“ sagt, dem kann es doch nicht egal sein, wie es um seine Brüder und Schwestern steht. Wir haben Anteil an der Sorge des Guten Hirten um die Seinen (vom Guten Hirten Jesus Christus wird am 4. Ostersonntag die Rede sein).

Die Liebe des Auferstandenen drängt uns, füreinander da zu sein, wie der barmherzige Samariter für den unter die Räuber Gekommenen da ist. Solche Liebe frägt nicht mehr: „Bin ich denn der Hüter …?“ oder „Wer ist mein Nächster?“ Die Liebe des Gekreuzigten und Auferstandenen hilft mir, das Nächster-Sein von innen her zu erlernen, so dass ich gar nicht mehr lange fragen muss, sondern von vorneherein weiß, dass ich der Nächste all derer bin, die mich brauchen. Liebe schafft „Nächstenschaft“, „Bruderschaft“, „Geschwisterschaft“.

Das gilt übrigens auch in Bezug auf die Weitergabe dessen, was wir heute Nacht begehen. Manche meinen, sie seinen besonders großzügig, tolerant und weltoffen, wenn sie sagen: „Leben und leben lassen! Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden. Jeder soll selbst wissen, wie er zurechtkommt und woran er glaubt.“ Muss es uns nicht ein gemeinsames Anliegen sein, dass alle zum „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) gelangen, dass alle Jesus kennen- und lieben-lernen wie der Lieblingsjünger und aus der Freundschaft mit ihm ihr Leben anpacken? Wäre alles andere nicht unterlassene Hilfeleistung, so nach dem Motto: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders“?

„Wo ist dein Bruder“, so frägt Gott auch uns. Welche Menschen fallen mir dabei ein? An wen denke ich jetzt dann bei der Erneuerung des Taufversprechens ganz besonders, wie kann ich „Hüter“/“Hüterin“ für diesen Menschen sein - auch in Bezug auf den Glauben - und dabei dem Guten Hirten zur Hand gehen durch mein Zeugnis, durch mein gutes Beispiel und mein Gebet?

      

Liebe Schwestern und Brüder!

Die erste Frage brauche ich nicht zu wiederholen. Sie führt nur ins Dunkel der Gott-Ferne und Menschen-Ferne.

Gott hat Licht in dieses Dunkel gebracht und zwei Fragen gestellt: „Wo bist du, Mensch?“ und „Wo ist dein Bruder?“

Jesus Christus gibt durch seinen Tod und seine Auferstehung die tiefe Antwort auf beide Fragen. Er ist das Licht der Welt; das haben wir heute Nacht wieder eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. Die Osterkerze kündet es uns: Wer sich an ihn hält, tappt nicht länger im Dunkeln, sondern wird selber das Licht des Lebens haben (Joh 9,5) und es für andere ausstrahlen.

 

Amen.