Predigt in der Feier der Osternacht im Hohen Dom zu Augsburg

Garanten des Glaubens an die Auferstehung

15.04.2017 09:45

Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder! Wer eine Uhr kauft, ein Küchengerät, eine Bohrmaschine oder ein Notebook, erhält mit der Rechnung meist eine Garantie auf das Gerät. Sie versichert mir, dass dieses Gerät auch was taugt und funktioniert, zumindest für eine gewisse Zeit. Andernfalls bekomme ich ein neues oder die Reparatur kostenlos. Wenn das schon bei Gebrauchsgegenständen so ist, wie verhält es sich dann bei den wirklich wichtigen Dingen des Lebens: Wer garantiert, dass das stimmt, was die Kirche in dieser Nacht verkündet? Wer gibt uns für unser Leben einen Garantieschein? Wer garantiert, dass es einen Sinn hat, ein Ziel? Wenn schon Garantiescheine, dann aber doch hier an erster Stelle! Was wir an Ostern feiern, übersteigt unser Fassungsvermögen und spottet jeder menschlichen Erfahrung: Jesus lebt.

Christus ist wirklich von den Toten auferstanden. Er hat den Tod besiegt und uns die Tür zum Himmel, zum Ewigen Leben aufgemacht. Beweise in unserem modernen Verständnis liegen freilich nicht vor. Am Ostermorgen war kein Fernsehen dabei – keine Kameras und Mikrofone am offenen Grab und auch keine Pressekonferenz. Garanten für diese frohe Nachricht sind einzig und allein die ersten Zeugen der Auferstehung: Maria von Magdala, Petrus, der Jünger, den Jesus liebte, die Jünger von Emmaus, Thomas, Paulus und wie sie alle heißen. Zwar waren sie beim Vorgang der Auferstehung selber nicht dabei, aber sie sind dem Auferstandenen begegnet, haben mit ihm gesprochen, durften ihn berühren, seine Füße umarmen und haben mit ihm gegessen. „Brannte uns nicht das Herz“, konnten sie im Rückblick auf die Begegnung mit ihm sagen. Und was in ihnen brannte, konnten sie weitergeben und in anderen entzünden. Ein Großteil von ihnen ist für dieses Glaubenszeugnis in den Tod gegangen. Für sie war das Bekenntnis „Jesus Christus ist wirklich auferstanden“ garantiert sicher, todsicher, im wahrsten Sinn des Wortes. Für aufgeklärte, moderne Ohren mag das eine Zumutung sein und abgetan werden als Überbleibsel aus Zeiten, in denen der menschliche Geist noch eine „schwache Funzel“ war. Modernes Denken, das mit High Tech umgeht und sich entsprechend als „starker Nebelscheinwerfer“ sieht, tut sich womöglich schwer mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu. War es nicht doch eine fromme Einbildung, eine Legende oder sonst ein Phänomen, für das man schon irgendwann einmal eine vernünftige Erklärung finden wird? Ich kann mir gut vorstellen, dass Petrus, Paulus und die anderen nur den Kopf geschüttelt hätten, wenn sie konfrontiert worden wären mit so manchen zeitgenössischen Erklärungsversuchen der Auferstehung Jesu, für die sie Verfolgung, Gefängnis und den Tod erlitten haben. Für eine fromme Einbildung oder eine Legende opfert man nicht sein Leben. Und die Kette derer, die wegen ihres Festhaltens an dieser Glaubenswahrheit mit dem Leben bezahlten, reißt bis heute nicht ab. Märtyrer nennen wir sie, Zeugen, Garanten des Glaubens, denen das Stehen zum Glauben wichtiger war und ist als der Vorteil des eigenen Davonkommens. Schlimm ist, dass der Begriff „Märtyrer“ heute in der öffentlichen Wahrnehmung durch die radikalisierten Selbstmordattentäter, die sich auch als Märtyrer sehen, mehr und mehr pervertiert wird. Christliche Märtyrer reißen niemanden in den Tod. Nein, sie geben Zeugnis für den Anführer des Lebens, für den auferstandenen Herrn, notfalls unter Drangabe des eigenen Lebens. Unser Glaube lebt davon, dass es solche Zeugen gibt. Wir wären heute Abend vermutlich nicht hier, hätte es nicht auch in unserem Leben solche Menschen gegeben, die uns offensichtlich glaubwürdig vermittelt haben, dass das stimmt, was wir heute Nacht feiern: Vater, Mutter, Priester, Religionslehrer, Freunde, Großeltern, Verwandte, Partner, Arbeitskollegen…

Von Zeit zu Zeit krame ich aus meinen Unterlagen einen – wenn man so will – „Garantieschein“ der besonderen Art hervor: meine Taufurkunde. Ich bin immer wieder neu beeindruckt, was da alles drinsteht: „Auserwählt und berufen zum Kind Gottes“, „wiedergeboren aus dem Wasser und dem Heiligen Geist“, „ausgestattet mit göttlichem Leben“, „neugestaltet nach dem Ebenbild Gottes zum Bruder Jesu Christi“, „erhoben zum Tempel des Heiligen Geistes“, „umgewandelt zum Glied am Leib Christi“, „aufgenommen in das hl. Volk, das königliche Priestertum“, „Glied der hl. katholischen Kirche“, „berufen zur Herrlichkeit der Auferstehung“, „berechtigt, alle Segnungen der Kirche zu empfangen“, u.v.a.m. Was für Aussagen? Es ist schier nicht zu fassen, was mit einem Menschen passiert, wenn er getauft wird. In dieser Nacht wird das in zahlreichen Pfarreien wieder geschehen. Und wir haben die Gelegenheit, unser Taufversprechen zu erneuern: d. h. Antwort zu geben auf das, was Gott Großes an uns getan hat und ihm zuzusagen, dass wir nicht unter Niveau, sondern entsprechend unserer  Würde als Kinder Gottes leben wollen. Das hat was mit Umgangsformen zu tun, unserem Miteinander, unserem Engagement für die, die unsere Hilfe brauchen, unserem Einsatz für den Frieden, unserem Gebetsleben und unserer Freundschaft mit dem Herrn, unserem Eintreten für den Glauben und die Kirche und unserem Zeugnis für Christus und sein Evangelium.

Wem es bewusst wird und zu Herzen geht, was in der Taufe aus ihm geworden ist, der wird es nicht länger für sich behalten wollen und können. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund (Mt 12,34). Und genau davon lebt der Glaube, dass er weitergegeben und bezeugt wird und nicht in die Abteilung „Privatsphäre“ abgleitet, dass zur Sprache gebracht und vorgelebt wird, was wir an Ostern feiern. Der Herr ist nicht gestorben und auferstanden, damit wir vorübergehend in österliche Hochstimmung kommen und der graue Alltag im Frühling mit einem frommen Dekor aufpoliert wird. Nein, der Auferstandene möchte uns heute Nacht genauso ansprechen wie damals Maria aus Magdala, genauso in Bewegung bringen wie Petrus und Johannes, genauso brennend machen wie die Jünger von Emmaus und genauso verwandeln wie den Paulus. Der Ruf am Ende einer jeden Messfeier „Gehet hin in Frieden!“ ist der Auftrag,

  • weiterzusagen, was wir hier gehört haben,
  • weiterzugeben, womit wir hier beschenkt worden sind,
  • und zu sein und zu leben, was wir hier geworden sind.
  • Gottes Wort wird uns hier nahe gebracht –  bringen wir es auch im Alltag ins Gespräch!
  • Christus schenkt sich uns hier in Brot und Wein – machen auch wir uns einander in Liebe zum Geschenk!
  • Durch die Kommunion werden wir hineinverwandelt in die Gestalt des Auferstandenen – leben und bezeugen wir tagtäglich, was wir geworden sind!

An uns sollen andere erfahren können, dass garantiert stimmt, was wir heute Nacht verkünden und feiern. Der Glaube an die Auferstehung braucht keine Beweise, er braucht Menschen wie Dich und mich, die heute glaubwürdig sagen: Ich bin überzeugt, dass der Herr auferstanden ist und dass er auch uns hineinnimmt in sein Leben in Fülle. Je mehr das tun, desto eher kann der „Grundwasserspiegel“ des Glaubens und der Liebe wieder ansteigen. Und was brauchen wir mehr als das?

Liebe Schwestern und Brüder!

Seit Ostern ist unser Leben nicht mehr nur ein Unterwegssein zum Friedhof, im Gegenteil: Getaufte sind unterwegs vom Tod zum Leben, sie haben Hoffnung über den Tod hinaus. Der auferstandene Herr nimmt uns in seine Arme. Und so umarmt kann Ostern durch uns ein Gesicht, ja Hand und Fuß bekommen. Werden wir selber zu Garanten des Glaubens an ihn und an die Auferstehung. Die Menschen um uns und nach uns werden es uns danken.

Amen.