Predigt in der Feier der Osternacht 2015 im Hohen Dom zu Augsburg

05.04.2015 10:04

Hochwürdigster Herr Bischof, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder!

„Kleider machen Leute“, heißt es. Die Kleidung, die jemand trägt, beeinflusst durchaus das Bild, das wir uns von diesem Menschen machen. Umgekehrt prägt die Kleidung mitunter auch den, der sie trägt. Und schließlich drückt das Gewand oft etwas aus: wie jemand gestimmt ist, in welcher Situation er sich befindet oder welche Standpunkte oder innere Haltungen er einnimmt. Da gibt es das Trauergewand, das Festtagskleid, die Garderobe zum Ausgehen, die Freizeitkluft, die Uniform oder das Arbeitsgewand. Für die Hochzeit wird man sich anders in Schale werfen als für den gemütlichen Abend daheim. Und auch beim Vorstellungsgespräch für die neue Stelle wird man alles tun, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und eine gute Figur abzugeben. Kleider machen Leute.

Der Kleider beraubt und die Sehnsucht nach dem Kleid der Unschuld

Das Gegenteil kennen wir leider auch, dass Menschen entblößt und bloßgestellt werden. An der zehnten Kreuzwegstation heißt es als Überschrift: Jesus wird seiner Kleider beraubt. (Vgl. Joh 19,23f) Es ist kaum eine Woche her, dass man dem Herrn zum Zeichen der Ehrerbietung die Kleider zu Füßen legte; jetzt auf dem Kalvarienberg reißt man sie ihm vom Leib. Ihm, von dem es im Psalm heißt, dass er „mit Hoheit und Pracht bekleidet“ ist und „in Licht gehüllt wie in ein Kleid“ (Ps 104,1f), ihm nimmt man sein Ansehen und seine Würde. Schamlos, gnadenlos, demütigend, erniedrigend! Von wegen: Kleider machen Leute. Am Ende zählt nicht die Verkleidung, sondern die innere Haltung. Aus Liebe lässt der Herr diese Entblößung zu, damit wir erkennen, was uns wirklich kleidet. Er geht in die Armut des Leidens und Sterbens am Kreuz, um uns reich zu machen. Er nimmt die Schande der Entwürdigung auf sich, um uns unsere Würde wieder zu geben.

Denn oft genug leben wir Menschen unter unserer Würde und verhalten uns so, dass es einem die Schuhe auszieht. Tagtäglich werden Menschen bloßgestellt und erniedrigt, im Kleinen wie im Großen. Da könnte einem der Kragen platzen bzw. der Hut hochgehen, wenn man sieht, wozu Menschen fähig sind, was sie einander und sich selbst antun können. Würdelos, schamlos, gnadenlos! Und wer ehrlich mit sich selbst ist, wird feststellen, dass das eigene Denken, Reden und Tun auch nicht immer der Würde der Kinder Gottes entspricht. Umso größer ist das Verlangen nach einer weißen Weste, die Sehnsucht nach einem Kleid der Unschuld.

Drum hat Jesus „unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen“ (1Petr 2,24); mehr noch: Gott hat ihn, „der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht“ (2Kor 5,21), damit wir sie loswerden, das Kleid der Unschuld wieder erhalten und künftig „für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus“ (Röm 6,11).

Christus als Gewand anziehen und die Bedeutung der Auferstehung für unser Leben

In der Taufe hat man uns so ein Kleid angezogen und dazu gesagt: „Du bist eine neue Schöpfung geworden und hast…Christus angezogen. Das weiße Gewand sei dir ein Zeichen für diese Würde. Bewahre sie für das ewige Leben.“ (Die Feier der Kindertaufe, Nr.66) Wer auf Christus getauft ist, schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief, hat Christus als Gewand angelegt (vgl. Gal 3,27). Er legt den alten Menschen der Sünde ab und zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist (vgl. Eph 4,22ff). Aus der Taufe kommt man anders heraus, als man hineingekommen ist - ganz anders, reingewaschen und erneuert. Gott macht uns in der Taufe neu, er setzt neu an mit uns - neue Schöpfung, neu geboren werden. Wir heißen Kinder Gottes und sind es auch. Gottes Geist wohnt in uns, und wir gehören dazu, zur „Gemeinschaft der Heiligen“. Unser Verstand, geschweige denn unsere Worte reichen nicht aus, um beschreiben zu können, was in der Taufe mit uns geschehen ist.

Genauso wenig reichen sie aus, um erfassen zu können, was in der Auferstehung mit Jesus geschehen ist. Das sprengt unser Vorstellungsvermögen. Hier tut sich eine völlig neue Dimension des Lebens und des Menschseins auf. Den Vorgang der Auferstehung selber können die Evangelien nicht beschreiben, sehr wohl aber die verschiedenen Begegnungen mit dem Auferstandenen, von denen wir in den kommenden österlichen Tagen hören werden. Der Auferstandene ist in diesen Begegnungen zwar leibhaft da, aber die ersten Zeugen tun sich schwer, ihn zu erkennen. Sie müssen und dürfen ihn jetzt soz. von innen her erkennen, weil er jetzt mit seinem menschlichen Leib ganz und gar dem Bereich Gottes und der Ewigkeit zugehört (vgl. Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth II, S. 290ff).

Und in diesen Bereich Gottes und der Ewigkeit wird man hineingestellt, wenn man getauft wird. Wir haben Teil an diesem neuen Leben, das uns Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung eröffnet hat. Die weißen Taufkleider machen das deutlich. Also doch: Kleider machen Leute. Oder besser gesagt: Gott macht uns zu wahren Menschen und gibt uns die Würde der Kinder Gottes. Das Taufkleid macht nur nach außen sichtbar, was Gott in der Taufe von innen her Großes an uns tut.

 

Erneuerung des Taufversprechens

19 Mitglieder des neokatechumenalen Weges sind heute mit weißen Gewändern in den Dom eingezogen. Sie haben sich lange und in mehreren Etappen auf diese Osternacht vorbereitet. Zusammen mit uns wollen sie heute ganz bewusst das Taufversprechen erneuern, d.h. mit Entschiedenheit dem Satan sowie allem Bösen abschwören und Gott erneut versprechen, ihm in der katholischen Kirche zu dienen.

Innerlich haben wir diese weißen Gewänder alle an. Unser inneres Taufkleid sollten wir nie ausziehen und an den Nagel hängen. Es ist nämlich zugleich unser Hochzeitsgewand. Das Ziel von Ostern und unserer Taufe ist ja die Vermählung mit Gott, das ewige Hochzeitsmahl mit ihm, das Leben in Fülle, der Himmel. Wie heißt es im letzten Buch der Bibel: „Selig, wer wach bleibt und sein Gewand anbehält, damit er nicht nackt gehen muss und man seine Blöße sieht.“ (Offb 16,15)

Ostern ist eine gute Gelegenheit, die alten Klamotten einer gewissen Lauheit im Leben und Glauben auszuziehen und Christus sowie seinen Lebensstil anzuziehen. Man kann nicht Ostern feiern und dann wieder zur Tagesordnung übergehen und so tun, als ob nichts gewesen wäre. Wer Ostern feiert, kann nicht alles nach dem alten Stiefel - etwa der Gleichgültigkeit - weitergehen lassen. Unser Umgangston in der Familie, das Miteinander am Arbeitsplatz, unser Engagement für die Notleidenden, das Eintreten für den Glauben und die Kirche, unser Zeugnis für Christus und sein Evangelium, das Gebetsleben und die Freundschaft mit dem Herrn bedürfen immer wieder der Erneuerung und brauchen ein neues Outfit, das freilich gedeckt ist mit einer entsprechenden inneren Haltung.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ob Kleider Leute machen, sei dahingestellt. Auf alle Fälle macht uns das Taufkleid und vor allem das, was es zum Ausdruck bringt, zu neuen Menschen. Wer Christus als Gewand anzieht, gibt nicht nur eine gute Figur ab und Zeugnis für ihn. Nein: Gott wird sorgen dafür, dass er mit dem Psalm jubeln kann: Du hast „mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet. Darum singt dir mein Herz und will nicht verstummen. Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit“ (Ps 30,12f).

Amen.