Predigt in der Feier der Osternacht 2016 im Hohen Dom zu Augsburg

27.03.2016 09:45

Hochwürdigster Herr Bischof, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder!

„Wer ist schuld? Wer hat wo was versäumt, dass es so weit kommen konnte? Wer trägt die Verantwortung?“ – So oder so ähnlich wird meistens - fast schon reflexartig - gefragt, wenn etwas passiert ist: ein Unglück, ein Anschlag, oder wenn eine prekäre Situation eingetreten ist. Wer hat Schuld daran?Und wenn dann ein oder mehrere Schuldige gefunden und personelle Konsequenzen daraus gezogen wurden, scheint man - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - wieder einigermaßen beruhigt zu sein.

Die Frage ist, ob das allein schon die Probleme wirklich löst. Und eine andere Frage stellt sich: Wie gehen wir überhaupt um mit Schuld bzw. mit denen, die schuldig geworden sind? Wie gehen wir mit uns selber um? Denn wer von uns kann schon sagen - frei nach Pontius Pilatus: Ich wasche meine Hände in Unschuld; oder wie Adam: Die Frau ist schuld; „sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen“ (Gen 3,12)? Schuld verdrängen oder auf andere schieben – das zeigt schon, wie schwer wir uns mit diesem Thema tun.

O felix culpa – Ostern pur!

Einen Umgang ganz anderer Art mit dem Thema Schuld legt das Exsultet, das feierliche Osterlob, das heute schon erklungen ist, an den Tag. Es bringt da einen gleichermaßen interessanten wie überraschenden und gewagten Gedanken ins Spiel: „O felix culpa“ – „O glückliche Schuld“, war da zu hören.
Was fangen wir damit an? Schuld und Glück – passt das zusammen? Kann Schuld glücklich sein oder gar glücklich machen? Was für eine Aussage? Was für ein kühnes Denken muss da Pate gestanden sein, als diese Formulierung Eingang in die Liturgie der Osternacht gefunden hat? So kühn, dass
man sie in einigen Bistümern ab dem 10. Jahrhundert wieder gestrichen hat, weil sie zu gewagt erschien. In Rom allerdings blieb sie ohne Unterbrechung erhalten. Man weiß nicht, wer das Exsultet verfasst hat; vermutlich entstand es im 5. Jh. in Gallien. Aber von diesem kühnen Gedankengang weiß man, auf wen er zurückgeht: Er stammt vom hl. Ambrosius, der im 4. Jh. Bischof von Mailand war. Er hat einmal geschrieben: „Glücklich, was zerstört ist und schöner wiedererrichtet wird“ (In Ps. 39,20; CSEL 64, S. 225); und an anderer Stelle: „Meine Sünde
wurde mir zum Preis für meine Erlösung … Meine Schuld war mir gewinnbringender als die Unschuld.“ (De Iac. I, 6, 21; CSEL 32,2, S. 18) Und Ambrosius bezieht sich wiederum auf den Apostel Paulus, der in seinem Brief an die Römer schreibt: „wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20).

„O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ – diese gigantische Aussage im Exsultet ist Ostern pur. Dahinter steckt eine Hoffnung, die aus der Überzeugung kommt, dass Gott in seiner unendlichen Macht alles, selbst das Böse zum Guten wenden kann. Dahinter steckt die
Begeisterung für die Person Jesu Christi, die Begeisterung für den Auferstandenen – eine Begeisterung, die sagt: eine Welt mit Sünde und mit Christus ist einer Welt ohne Sünde und ohne Christus eindeutig vorzuziehen. So nach dem Motto: Wenn es keine Sünde gegeben hätte, dann hätte es keines
Erlösers bedurft, dann wäre Christus nicht gekommen, dann hätte er uns nicht durch seinen Tod und seine Auferstehung erlöst, dann gäbe es kein Ostern. Nicht die Schuld ist glücklich bzw. der Umstand, dass sie ausgeübt wurde, sondern die Tatsache, dass Christus sie überwunden hat, uns davon erlöst hat, dass er, um uns da herauszuholen, gestorben und auferstanden ist.

Die Strategie Gottes im Umgang mit der Schuld

„O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ Das ist theologische Lyrik, die deutlich macht, was Ostern im tiefsten bedeutet: Wir haben es mit einem Gott zu tun, dem es nicht
egal ist, wie es uns geht, und der die Hände nicht in den Schoß legt, sondern eingreift und hilft. Seine Strategie, mit Schuld und Sünde der Menschen umzugehen ist nicht die Gewalt. Nein, seine Strategie ist noch viel gewaltiger: Sie heißt Liebe und Barmherzigkeit.
Aus Erbarmen wird er Mensch in Jesus Christus, damit wir wieder zu ihm finden und zueinander. Er tritt nicht als Überflieger auf. Nein, er kommt als Gottesknecht, als Lamm. Nicht hoch zu Ross, sondern auf einem Esel zieht er ein in die Stadt seines Leidens und Sterbens, seines Opfertodes und
seiner Auferstehung. Er ist nicht gekommen, den Leuten wegen ihrer Schuld die Köpfe zu waschen, sondern die Füße. So tief beugt er sich. Er setzt ganz unten an. Er steigt hinein in unser Elend, macht sich selber zum „Esel“, zum Lastenträger, zum Diener aller. Seine Liebe und sein Erbarmen mit uns
gehen so weit, dass er sein Herzblut für uns am Kreuz vergießt. Und genau an diesem Punkt, am Tiefstpunkt seiner Erniedrigung, am Kreuz hebelt er den Tod, die Strukturen des Bösen, Sünde und Schuld aus. Es kommt die Wende vom Tod zum Leben. Der Tod, die Machenschaften des Bösen und der
Sünde haben abgewirtschaftet. Im Tod Jesu haben sie es mit Gott und mit seinem Erbarmen zu tun bekommen, und das ist der Tod des Todes, der Sünde und des Bösen.

Wir brauchen einen österlichen Umgang mit Schuld

„Zu schön, um wahr zu sein“, wird sich so mancher denken. Tagtäglich erleben wir doch etwas anderes. Das grausame Spiel von Gewalt und Gegengewalt, von Leid und Tod geht weiter, auch nach Ostern. Die handfesten Realitäten des Alltags sprechen doch eine andere Sprache.
Wir feiern die Osternacht im Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus als außerordentliches Heiliges Jahr ausgerufen hat. Ich habe den Eindruck, dass er damit angesichts dessen, was alles so los ist weltweit, den Nagel auf den Kopf trifft. Es reicht eben nicht, immer nur zu fragen: Wer ist Schuld? oder ständig zu behaupten: Ich wasche meine Hände in Unschuld; oder gar zu sagen: Die anderen sind schuld. Wir brauchen einen österlichen Umgang mit dem Thema Schuld. Nicht Verharmlosung oder Verdrängung ist angesagt, sondern Aufarbeitung und Überwindung, und zwar mit der kühnen österlichen Zuversicht, dass nicht Schuld und Sünde das letzte Wort haben, sondern Gott und sein Erbarmen. Wer darum im Glauben weiß, hat den Mut, bei sich selber anzufangen, und kehrt zuerst vor der eigenen Haustüre, ohne fürchten zu müssen, dass er dabei verliert; im Gegenteil: er gewinnt. Wem die regelmäßige Beichtpraxis zur guten Gewohnheit geworden ist, wird mir da beipflichten. Und nur so ist man auch in der Lage, andere auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen, wenn es nötig ist. „Sünder zur Umkehr zu bewegen“ ist ja auch ein Werk der Barmherzigkeit. Einfach zuzusehen, wie sich jemand verrennt, auf die schiefe Bahn gerät oder sich einem Abgrund nähert, wäre unterlassene Hilfeleistung. Das kritische Wort im rechten Ton, zur rechten Zeit, frei von Rechthaberei und Überlegenheitsdenken, selbstlos, bescheiden und in Liebe vorgetragen, kann ein echter Liebesdienst sein und wirkliche Lebenshilfe. Das ist anspruchsvoll und mitunter anstrengend, baut aber auf und hilft weiter. Wir tragen Verantwortung füreinander. Denn die Haltung: Soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich werden, ist nicht unbedingt Ausdruck von geschwisterlicher Mitsorge. „Sünder zur Umkehr bewegen“ - ein geistliches Werk der Barmherzigkeit, das einhergehen muss mit einem gesunden kritischen Blick auf sich selbst im gläubigen Wissen, dass Gott vergibt, wenn ich darum bitte.

Das ist österlicher Umgang mit dem Thema Schuld, ein Umgang, der aufbaut und nicht zerstört, der aufrichtet und nicht erniedrigt, der aufatmen lässt und nicht einengt. Das hat die Kraft, die Dinge, die weltweit so im Argen liegen, entscheidend und nachhaltig zu verändern. Wie heißt es im Exsultet: „O felix culpa - O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden! ... Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den trauernden Freude. Weit vertreibt sie den Hass, sie einigt die Herzen und beugt die Gewalten.“ Geben wir als österliche Menschen kraftvoll Zeugnis davon in Wort und Tat! Amen.