Predigt in der Feier der Osternacht 2019 im Hohen Dom zu Augsburg

21.04.2019 15:33

Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder!
Am vergangenen Mittwoch hatte Papst Franziskus bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz speziellen Besuch: Die 16-jährige schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg zeigte dem hl. Vater ein Plakat mit der Aufschrift "Join the climate strike" („Schließ dich dem Klima-Streik an“). Seit mehreren Wochen gehen Schülerinnen und Schüler weltweit am Freitag-Mittag unter dem Motto „Fridays For Future“ (Freitage für die Zukunft) auf die Straße, um gegen den  Klimawandel und seine Ursachen zu demonstrieren. Abgesehen von der Frage, ob dabei „Schulschwänzen“ in Kauf genommen werden darf, ist es schon beachtlich, welche Bedeutung dieses für unsere Zukunft zweifelsohne wichtige Thema „Klimaschutz“ unter den jungen Leuten gewonnen hat. Es geht um unsere Zukunft. Aber  - wie denken wir über unsere Zukunft? Was stellen wir uns darunter vor? Was ermöglicht und was verhindert Zukunft? Eines dürfte doch klar sein: Der schlimmste Gegenspieler des menschlichen Lebens und größte „Verhinderer“ unserer Zukunft ist der Tod; und der kommt nicht nur vom Klimawandel; der blüht uns allen. Seit dem Sündenfall kann ihm keiner entkommen. Gegen ihn ist kein Kraut gewachsen. Wie gehen wir damit um? Kann man dagegen streiken und demonstrieren? Gibt es niemanden, der gegen den schlimmsten Feind unserer Zukunft aufsteht und aktiv wird?

Doch, es gibt einen! Da ist einer, der sich nicht damit abfindet, dass unser menschliches Leben tödlich endet: Jesus Christus. Seinetwegen sind wir heute Nacht hier. Mit seinem Kreuzestod am Karfreitag - seinem „Friday For Future“ - wurde die Luft dünn für den größten Feind unserer Zukunft. Jesus streikt nicht gegen den Tod, er stellt sich ihm, er erleidet ihn und überwindet ihn dadurch. Der Tod Jesu am Kreuz endet tödlich für den Tod. Halleluja! „Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken“ (Gotteslob 336,1), singe ich demonstrativ und mit wachsender Begeisterung, je älter ich werde. Der Tod, seine Verursacherin, nämlich die Sünde, und der Teufel sind besiegt. Sie haben nicht mehr das letzte Wort. Gott hat das letzte Wort. Der Herr ist auferstanden, er lebt. Er hat uns erlöst und uns die Tür zu einer unvorstellbar beglückenden Zukunft mit ihm, zu einem Leben in Fülle aufgemacht, das uns - so hoffen wir - nichts und niemand mehr nehmen kann. Gott sei Dank! Das ist die Botschaft von Ostern, die beste Nachricht für unsere Zukunft.

Haben wir sie im Blick? Welche Rolle spielt sie in unserem Leben, hier und jetzt? Prägt sie uns? Verändert sie uns? Irgendwie hat man den Eindruck, dass der Klimaschutz die Menschen mehr bewegt als die Osterbotschaft. Vielleicht liegt es daran, dass sie schier unglaublich ist. Ganz offensichtlich haben auch die ersten Zeugen so ihre Anfangs-Schwierigkeiten mit dem Glauben an die Auferstehung. Die Frauen, die frühmorgens mit ihren wohlriechenden Salben zu Jesus ans Grab kommen, können sich nur wundern, warum der Stein weggewälzt und das Grab leer ist. Sie sind ratlos. Und auch das Auftreten der beiden Engel und deren Erinnerung an Jesu Wort von seiner Kreuzigung und Auferstehung hat noch nicht die Durchschlagskraft, die dazu führt, dass Petrus und die anderen glauben, was die Frauen ihnen berichten (vgl. Lk 24,1ff). Aus meiner Sicht sind es drei Faktoren, die den Durchbruch zum Glauben an die Auferstehung bringen:

  • Die Erinnerung an Jesu Wort von seiner Kreuzigung und Auferstehung,
  • die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn selbst
  • und das glaubwürdige Zeugnis von beidem.

Wo alle drei zusammenspielen – Jesu Wort, die persönliche Begegnung mit ihm und das Zeugnis darüber -  ist auch heute die beste Voraussetzung gegeben, dass die Osterbotschaft Glauben findet. Eine unendlich große Zahl von Menschen in der bald zweitausendjährigen Geschichte der Kirche demonstriert uns anschaulich, was es heißt, von dieser Botschaft, vom auferstandenen Herrn selbst und dem Zeugnis von beidem ergriffen zu sein, und zwar so, dass man dafür brennt, nach seinen Maßstäben zu leben und auf ihn aufmerksam zu machen, ihn also zu bezeugen in Wort und Tat. Das Wort „demonstrieren“ kommt übrigens von lateinisch „demonstrare“, was mit „hinweisen“ und „deutlich machen“ übersetzt wird. Wo sind die wöchentlichen Oster-Demos, die aller Welt zeigen, wie schön es ist, an den Herrn, den Schöpfer und Erlöser, zu glauben, und darauf aufmerksam machen, welche Hoffnung sich für die auftut, die ihm und seinem Wort vertrauen?

Gibt es vielleicht sogar „Demos für die Zukunft“, die beides zusammenbringen: die gemeinsame Verantwortung für die Schöpfung und den Glauben an die Auferstehung?

Ja, diese Demos finden statt: jeden Sonntag. Der Sonntag, der dritte Tag nach dem Tod Jesu, der Tag der Auferstehung, ist für uns Gläubige nicht Wochenende, sondern der erste Tag der Woche. Und der erste Tag der Woche - wir haben es in der ersten Lesung gehört – ist zugleich der Schöpfungstag, an dem Gott sprach: „Es werde Licht.“ (Gen 1,3) So fängt ja alles an: mit Gott und seinem Wort. Wir reden von „Schöpfung“ und nicht von Umwelt. Wer „Schöpfung“ sagt, bekennt, dass wir alles Gott zu  verdanken haben, einschließlich uns selbst. Die Schöpfung ist nicht Produkt des Zufalls und der Mensch nicht das Ergebnis der Laune der Natur. Gott steht mit seiner Liebe dahinter und sagt: „Es werde Licht.“ Und er gibt der Schöpfung eine Note: „gut“ bzw. „sehr gut“. Die Sünde des Menschen hätte diese Notengebung Gottes konterkariert und demonstriert, dass die Schöpfung  eigentlich nur zum Sterben tauge, wäre nicht der Herr selbst in die Bresche gesprungen mit seinem Sühne-Tod am Kreuz, durch den er die Sünde der Welt hinwegnahm, und mit seiner Auferstehung, durch die er alles neu machte. Wie hieß es im Gebet nach der ersten Lesung: „Allmächtiger Gott, lass deine Erlösten erkennen, dass deine Schöpfung groß ist, doch größer noch das Werk der Erlösung…“ (oder alternativ:) „…du hast den Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erlöst“ (Gebete nach der 1. Lesung in der Osternacht). Schöpfung und Neuschöpfung sind die großen Themen, die uns Sonntag für Sonntag vor allem in der Feier der hl. Messe bewegen, und die für unsere Zukunft so entscheidend sind. Am Sonntag, dem ersten und zugleich achten Tag, bringen wir demonstrativ zum Ausdruck: „Gott, dir verdanken wir alles: uns selbst und alles um uns herum. Wir sind weder zufällig hier, noch läuft unser Leben ins Leere. Du bist Anfang und Ende, du hast uns erlöst und uns die Tür zum Himmel aufgetan. Das ermutigt uns, in Liebe Antwort zu geben. Es verpflichtet uns, Verantwortung füreinander, für uns selbst und die ganze Schöpfung zu übernehmen und dich zu loben.“ „LAUDATO SI“ („Gelobt seist du“), so beginnt übrigens Papst  Franziskus sein großes Lehrschreiben über die ökologische und soziale Frage vom Mai 2015, in dem er den Sonntag als einen „Tag der Heilung der Beziehungen des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zu den anderen und zur Welt“ beschreibt. Vielleicht hat er darüber mit Greta Tunberg am Mittwoch gesprochen.

Wie wäre es mit „Sundays For Future“ (Sonntage für die Zukunft)? Der sonntägliche Gang zur hl. Messe ist eine kraftvolle Demonstration für unsere Zukunft, die sich obendrein äußerst nachhaltig auf das Klima im Hier und Jetzt auswirkt - das zwischenmenschliche und das meteorologische. In der Sonntagsmesse geben wir Gott die Ehre, der unser Schöpfer und Erlöser ist, und er gibt uns durch die Begegnung mit dem Auferstandenen und seinem Wort, was wir brauchen, um im Glauben zu wachsen, unserer Verantwortung gerecht zu werden und ans Ziel unserer Berufung zu gelangen. Drum: „Sundays For Future“! Schließen wir uns dieser Schöpfungs- und Oster-Demo der sonntäglichen Messe an! Sie hat höchste Zukunftsrelevanz. Amen.