Predigt in der Feier der heiligen Nacht - Weihnachten 2018 im Hohen Dom zu Augsburg

24.12.2018 08:00

Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt! Liebe Schwestern und Brüder!

„Ich verkünde euch eine große Freude … Heute ist euch der Retter geboren … Christus, der Herr“ (Lk 2,10f), so der Engel zu den Hirten.
Wie ist das eigentlich mit der Freude? Manchmal sagen wir: „Vorfreude ist die schönste Freude“ - vielleicht deswegen, weil die Vorfreude länger dauert; sie hält in der Regel länger an als das, worauf man sich freut. Momente der Freude und des Glücks kann man ja nicht festhalten. Kinder freuen sich schon einige Zeit auf das, was unterm Christbaum liegt; und dann geht die Bescherung doch relativ schnell vorüber. Bergsteiger wenden Zeit und Kraft auf, um das Gipfelerlebnis zu genießen; und dann folgt schon bald wieder der Abstieg. Gäste und Gastgeber freuen sich manchmal schon lange vorher auf die Begegnung des Besuchs; und dann kommt irgendwann der Augenblick des Abschiednehmens.

Gerade nach solchen Glückserfahrungen, die uns so richtig freuen und erfüllen, spüren wir oft, dass ein Rest Sehnsucht bleibt – Sehnsucht nach mehr, nach etwas, was nicht vergeht und ewig froh macht. Manche sagen, das Wort „Sehnsucht“ komme von dem alten deutschen Wort „siech“ (dahinsiechen, krank sein, und zwar für lange Zeit – klingt nicht so schön!). Hat Sehnsucht etwas mit Krank-Sein, mit Verwundet-Sein zu tun? Ist das vielleicht sogar eine Grundbefindlichkeit des Menschen, dass er verletzt ist und eine offene Wunde trägt?
Untersuchungen mit der Frage, wonach sich die Leute am meisten sehnen, ergeben immer wieder: Eine überwältigende Mehrheit der Leute möchte Menschen um sich herum haben, von denen sie geliebt werden und die sie selber lieben können. Das mache wirklich glücklich und froh.
Lieben und Geliebt-Werden – vielleicht wird diese grundlegende Sehnsucht nicht hinreichend erfüllt. Und wenn es Zeiten gibt, in denen sie Erfüllung findet, dann bricht ein noch stärkeres Verlangen auf, nämlich danach, dass dieser erfüllende Zustand so bleibt und nicht vergeht, sondern im Gegenteil noch stärker wird. Man würde ihn am liebsten festhalten, wenn es nur möglich wäre. Alle Liebe will Ewigkeit.
Eine offene Wunde – die Sehnsucht. Und auch von daher: „Vorfreude ist die schönste Freude.“

Aber noch einmal die Frage: Warum ist das so?
Vom hl. Augustinus, der bekannt ist für sein Nachdenken über die Sehnsucht, stammt die Behauptung: „Homo desiderium dei". Dieses lateinische Wort kann man auf zwei verschiedene Weisen übersetzen:
Zum einen: „Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch“. Eine starke Aussage: Gott hat Sehnsucht nach uns Menschen (freilich auf göttliche Weise ohne Einschränkung seines Gott-Seins). Weil sich Gott nach uns sehnt, zieht es uns zu ihm hin. Die Sehnsucht Gottes zieht uns, macht uns sehnsüchtig nach dem Großen, nach dem Unendlichen, nach Gott. Von dieser Sehnsucht Gottes ist der Mensch getroffen; davon ist unser Herz soz. „verwundet“; deswegen ist es unruhig, bis es zur Ruhe kommt in Gott (vgl. Augustinus, Confessiones I,1). Alles, was weniger als Gott ist, reicht uns nicht.
Und drum auch die andere mögliche Übersetzung von „Homo desiderium dei": „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“; d.h., der Mensch sehnt sich nicht nur nach Gott, er ist Sehnsucht nach Gott; das gehört zu seinem Wesen, zu seiner DNA: der Schöpfer hat sie ihm eingepflanzt.
Gott hat Sehnsucht nach uns und so hält es ihn nicht länger im Himmel. Er will zu den Menschen. Er kommt zu uns als Mensch in einem Kind, arm und demütig, um uns anzuziehen, hinzuziehen in seine Nähe, in seine Gemeinschaft, wo unsere Sehnsucht, unser Verlangen, unser Hunger nach Liebe gestillt wird. Das ist die große Freude, die wunderbare Nachricht, die uns die Engel - nicht nur heute Nacht - verkünden.

Was heißt das für uns? Wie gehen wir damit um?
Erlauben Sie mir, kurz den Blick auf zwei Krippen-Figuren zu lenken, die in keinem Weihnachtsevangelium vorkommen, und dennoch spätestens seit dem 4. Jahrhundert in kaum einer Krippendarstellung fehlen: Ochs und Esel - ein eigenartiges Gespann, diese beiden, von denen es schon im Buch Deuteronomium heißt, man solle sie nicht zusammen vor den Pflug spannen (vgl. Dtn 22,10), vermutlich deswegen, weil sie einfach nicht zusammenpassen.
Ochs und Esel tauchen dann noch einmal in der hl. Schrift auf, nämlich beim Propheten Jesaja, und zwar gleich zu Beginn, im ersten Kapitel; da heißt es: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; … mein Volk (aber) hat keine Einsicht … Sie haben den Herrn verlassen … und ihm den Rücken zugekehrt.“ (Jes 1,3f)
Will heißen: An den Tieren kann man sich ein Beispiel nehmen. Sie wissen, wo sie bekommen, was sie unbedingt brauchen, um leben zu können; und sie wissen auch, wo sie hingehören: Sie kennen ihren Besitzer und die Krippe ihres Herren.
Und wir? Wissen wir, wo wir hingehören, und wo wir bekommen, was wir wirklich im Tiefsten brauchen? Oder geben wir uns mit Ersatz zufrieden? Leben nicht ganze Industriezweige davon, unsere Sehnsüchte zu bedienen, um sie dann doch nicht wirklich zu befriedigen?
Der Tisch, der für Ochs und Esel gedeckt ist, ist die Futterkrippe - für uns auch, liebe Schwestern und Brüder: Gott kommt zur Welt und legt sich als kleines Kind in die Krippe, um uns den Tisch reichlich zu decken. Betlehem bedeutet „Haus des Brotes“. In der Krippe zu Betlehem, im „Haus des Brotes“, liegt der, der später von sich sagen wird: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“ (Joh 6,51) Und: „Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Joh 6,35)
Die Krippe, wo sonst Tiere wie Ochs und Esel herausfressen, wird zum reichlich gedeckten Tisch für uns und findet seine geheimnisvolle Fortsetzung auf den Altären unserer Kirchen, wo Christus in jeder hl. Messe als lebendiges Brot vom Himmel gegenwärtig wird. Dort werden wir wirklich satt; dort findet unser innerstes Verlangen nach Liebe jetzt schon Erfüllung; hier ist der Ort, wo wir hingehören, wo wir Freude, Glück und Erfüllung finden, und zwar bleibend. Der Dichter und Philosoph Novalis (1772–1801) sprach einmal vom Altar als „Tisch der Sehnsucht, der nie leer wird“: „Hätten die Nüchternen/Einmal gekostet,/ Alles verließen sie,/ Und setzten sich zu uns/ An den Tisch der Sehnsucht,/ Der nie leer wird./ Sie erkennten der Liebe/ Unendliche Fülle,/ Und priesen die Nahrung/ Von Leib und Blut.“
(Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Band 1, Stuttgart 1960–1977, S. 166ff.)

Ja, liebe Schwestern und Brüder,
lassen wir - wie die Hirten - von Zeit zu Zeit und immer wieder alles liegen und stehen und gehen hin zum „Tisch der Sehnsucht, der nie leer wird“.
Denn: „Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch“ und „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“.
Ochs und Esel zeigen uns, wo wir hingehören und wirklich Nahrung finden.
Bei allem, was weniger ist als Gott, gilt der Satz: Vorfreude ist die schönste Freude.
Bei Gott ist es anders: Wer ihn sucht und sich von ihm finden lässt, dessen Sehnsucht kommt ans Ziel, und seine Freude wird eine dauerhafte und vollkommene werden.

Und jetzt schon gilt: Die Freude an Gott ist unsere Stärke (vgl. Neh 8,10).

  

Amen.