75 Jahre Landeskomitee
Sehr geehrter Herr Staatsminister Herrmann, sehr geehrter Herr Gärtner, verehrte Mitglieder und Mitarbeiter des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, meine sehr geehrten Damen und Herren, Bayern ist etwas Besonderes. Wir leben hier in einem Freistaat, wir haben Staatsminister statt Landesminister. Land und Leute sind besonders, und die Kirche in Bayern ist es auch.
Das sieht man schon daran, dass es seit 1848 eine eigene Bischofskonferenz gibt, die Freisinger Bischofskonferenz, die ich hier vertrete und deren Glückwünsche ich heute überbringen darf. Aber die Kirche in Bayern hat noch ganz andere Besonderheiten: Seit über hundert Jahren, seit 1917 gibt es einen eigenen Landes-Caritasverband. Eine solche Struktur ist den anderen Bundesländern völlig fremd. Und wir haben noch eine weitere Besonderheit in Bayern: Seit nun 75 Jahren gibt es das Landeskomitee der Katholiken in Bayern, auch das ein Unikum in Deutschland.
Wer jetzt aber glaubt, das sei eben einfach mal wieder nur so eine bayerische Sondernummer, der muss erst einmal genau hinschauen: Das Landeskomitee der Katholiken ist nicht einfach Ausdruck des „Mia san mia“, sondern es erfüllt eine wichtige kirchliche Funktion in der Gesellschaft. Denn gerade weil das bayerische Landesbewusstsein traditionell hoch ist und die bayerische Ebene für uns immer eine wichtige Rolle spielt, braucht es auch eine angemessene Stimme, die den christlichen Glauben in die Gesellschaft und die Politik in Bayern hineinträgt.
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche den Laien eine besondere Bedeutung für ihr Verhältnis zur Welt zugedacht. In der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ heißt es: „Die Laien sind eigentlich, wenn auch nicht ausschließlich, zuständig für die weltlichen Aufgaben und Tätigkeiten“. Dafür braucht es vielfältige Kompetenzen, und genau die versammelt das Landeskomitee als Gremium mit Vertretern von Räten, Personen und Einzelpersönlichkeiten in sich. Denn in „Gaudium et spes“ heißt es weiter: Wenn die Laien, „sei es als Einzelne, sei es in Gruppen, als Bürger dieser Welt handeln, so sollen sie nicht nur die jedem einzelnen Bereich eigenen Gesetze beobachten, sondern sich zugleich um gutes fachliches Wissen und Können in den einzelnen Sachgebieten bemühen. Sie sollen bereitwilligst mit denen, die die gleichen Aufgaben haben wie sie, zusammenarbeiten. In Anerkennung der Forderungen des Glaubens und in seiner Kraft sollen sie, wo es geboten ist, mit Entschlossenheit Neues planen und ausführen.“
Mit Entschlossenheit Neues planen und ausführen: Diesem Auftrag fühlt sich das Landeskomitee nun seit bereits 75 Jahren verpflichtet. Allein seine Gründung war bereits ein selbstbewusster Akt engagierter Laien. Als der Landesausschuss der Katholischen Aktion in Bayern, wie das Landeskomitee damals hieß, am 28. April 1951 aus der Taufe gehoben wurde, da zeichnete sich das Zweite Vatikanische Konzil und seine Würdigung der Laien, die ich gerade zitiere, noch nicht einmal im Ansatz ab. Selbst das Zentralkomitee der deutschen Katholiken nahm erst im Jahr 1952 seine Arbeit auf. Und von der Mitwirkung der Laien in der Kirche sowie von der Bedeutung der Synodalität, die wir heute in der Kirche wiederentdeckt haben, war seinerzeit nur wenig die Rede. Insofern war die Gründung des Landeskomitees außerordentlich mutig, aber auch weitsichtig und für uns bis heute wertvoll.
Selbstbewusst war sie deshalb, weil sie einem gesellschaftlich und politisch engagiertem Selbstverständnis der christlichen Laien jenseits der kirchlichen Hirten entsprach. Und auch dafür findet sich später dann die Rückendeckung des Konzils. Denn „Gaudium et spes“ geht insbesondere mit denjenigen Laien hart ins Gericht, die sich in den politischen Fragen zu sehr an den Bischöfen orientieren. Die Pastoralkonstitution sagt dazu: „Sie mögen aber nicht meinen, ihre Seelsorger seien immer in dem Grade kompetent, dass sie in jeder, zuweilen auch schweren Frage, die gerade auftaucht, eine konkrete Lösung schon fertig haben könnten oder die Sendung dazu hätten. Die Laien selbst sollen vielmehr im Licht christlicher Weisheit und unter Berücksichtigung der Lehre des kirchlichen Lehramtes darin ihre eigene Aufgabe wahrnehmen.“
Das Landeskomitee ist Ausdruck dafür, dass die katholischen Laien in Bayern ihrer weltlichen Sendung nachkommen. Das Landeskomitee der Katholiken ist aus der politischen und gesellschaftlichen Realität im Freistaat gar nicht mehr wegzudenken, es ist in Bayern unverzichtbar. Deshalb sage ich im Namen der Freisinger Bischofskonferenz allen Mitgliedern und den Mitarbeitern des Landeskomitees ganz herzlichen Dank für ihren Dienst und ihr Zeugnis. Ich schließe aber auch die vorhergegangenen Generationen ein, die das Landeskomitee über siebeneinhalb Jahrzehnte hindurch geprägt haben.
Die Arbeit des Landeskomitees ist erst recht bedeutend in einer Zeit, in der der Kirche zunehmend das Recht abgesprochen wird, sich politisch zu äußern. Dahinter verbirgt sich ein schwerwiegendes Missverständnis über den Glauben. Die Kirche solle sich lieber um Gott kümmern, wird uns oft entgegengehalten. Die Kirche ist tatsächlich zwar dazu da, Gott zu loben und zu preisen. Sie tut dies aber nicht nur durch Gebete und Lobgesänge. Zum Lobpreis Gottes gehört es auch, sich aktiv für die Menschen und die Schöpfung einzusetzen. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus im Gleichnis über das Weltgericht des Menschensohnes im Matthäus-Evangelium. Bei diesem Einsatz für die Geringsten geht es aber nicht nur um caritative Zuwendung, auch der Einsatz für gerechte Strukturen, für Gemeinwohl und für Frieden gehört mit dazu. Der gesellschaftliche und politische Einsatz der Christen ist deshalb nicht nur Ausfluss eines christlichen Verantwortungsgefühls, er ist Bestandteil unseres Glaubens. Der Glaube für sich allein ist tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat, so formuliert der Jakobus-Brief.
Deshalb lassen wir uns als Christen von öffentlicher Kritik nicht irre machen. Das Heil ist zwar eine jenseitige Vorstellung, aber der Glaube ist keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern eine Verpflichtung zum Handeln in der Welt. Wir sind jetzt schon dazu berufen, unseren Beitrag an der Verwirklichung des Reiches Gottes zu leisten. Deshalb will ich zum Schluss noch einmal mit einem Zitat auf die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ zurückkommen: „Die Laien aber, die am ganzen Leben der Kirche ihren tätigen Anteil haben, sind nicht nur gehalten, die Welt mit christlichem Geist zu durchdringen, sondern sie sind auch dazu berufen, überall, und zwar inmitten der menschlichen Schicksalsgemeinschaft, Christi Zeugen zu sein.“
Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche dem Landeskomitee der Katholiken in Bayern von Herzen, dass es stets diesem Auftrag treu bleibt und gerecht wird: die Welt mit christlichem Geist zu durchdringen und inmitten der menschlichen Schicksalsgemeinschaft Christi Zeugen zu sein. Mit diesem Auftrag freue ich mich auf die weitere Zusammenarbeit mit dem Landeskomitee und auf Ihr Wirken in Bayern in den kommenden 75 Jahre.