Caritas und Diakonie fördern Demokratie
Lieber Herr Regionalbischof Stiegler, liebe Schwestern und Brüder im sozial-caritativen Dienst, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, Jesus Christus lädt uns durch seine Verkündigung, durch sein ganzes Leben dazu ein, die Frage nach der Macht radikal neu zu bedenken. Immer wieder übt er scharfe Kritik an den Mächtigen. Er hält sich nicht an den Höfen der Reichen auf, sondern lebt unter den Schwachen und Ausgegrenzten dieser Welt. Der allmächtige Gott erfährt am Kreuz die tiefste Ohnmacht. Und er sagt uns, dass derjenige, der im Reich Gottes der Größte sein will, sich wie der Kleinste verhalten soll (vgl. Mt 18,4). Nicht Stärke, Härte und Rücksichts-losigkeit, sondern Barmherzigkeit und Solidarität eröffnen den Weg in jene Zukunft, die Gott verheißt.
Im heutigen Evangelium fordert uns Jesus dazu auf, wie die Kinder zu werden. Damit sollen wir uns unserer Zerbrechlichkeit, unserer eigenen Grenzen bewusstwerden, zugleich aber auch des Wertes der Solidarität. Barmherzigkeit ist schließlich keine äußerliche moralische Vorschrift, sondern etwas, das aus unserer menschlichen Identität selbst hervorgeht. Je barmherziger und solidarischer wir sind, desto menschlicher sind wir.
Caritatives Engagement und der Dienst am Mitmenschen überhaupt dürfen nicht paternalistisch verstanden werden. Manche haben das Gefühl, aus einer vermeintlichen Position der Stärke heraus Wohltaten zu erweisen und versuchen, die Hilfe, die sie leisten, demonstrativ zur Schau zu stellen. Auf diese Weise reproduzieren sie jedoch eine Haltung, die alles andere als evangeliumsgemäß ist. Papst Franziskus und Papst Leo XIV. haben in den vergangenen Jahren mit Nachdruck daran erinnert, dass die Armen, die Kranken, die Schwachen, die Kleinen, die Menschen an den Rändern der Gesellschaft nicht lediglich Objekte, sondern in noch viel stärkerem Maße Subjekte der Evangelisierung sind. In Wirklichkeit sind sie es, die uns das Evangelium lehren – als Verzicht auf die Illusion der Stärke und als Öffnung der Seele für den Mitmenschen und für die Hoffnung Gottes.
In einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft ist die Präsenz der Caritas und der Diakonie ein konkretes Zeugnis des Evangeliums dafür, was der Mensch ist: Bild Gottes und zugleich zerbrechlich, ausgestattet mit unveräußerlicher Würde und zugleich verwundet, vor allem aber Träger jener Zukunft, die Christus ihm verheißen hat. Unsere Gesellschaft braucht solche Einrichtungen dringend, denn durch ihre Professionalität und ihre hohen Standards gewähr-leisten sie Qualität und Effizienz bei der Hilfe für Menschen in Not.
Dabei bietet der demokratische Staat für derartige Einrichtungen institutionelle Rahmenbedingungen, die bestmögliche Arbeit gewährleisten – sowohl auf der praktischen Ebene als auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Werte. Caritas und Diakonie stehen für Werte, die nicht nur mit der Demokratie vereinbar sind, sondern sie zugleich fördern und vertiefen: die Achtung der Menschenwürde, Inklusion, die Sorge für die Schwachen und soziale Gerechtigkeit. Wie kann jemand ein Feind der Demokratie sein und zugleich die menschliche Person achten? Wie kann jemand eine unmenschliche Abschottung propagieren und zugleich behaupten, dem Willen Christi zu folgen? Wie kann jemand die Schwachen noch schwächer machen wollen und ernsthaft glauben, auf diese Weise in die Zukunft der Gesellschaft zu investieren?
Die „Augsburger Thesen für einen solidarischen Staat“ bringen ein Ethos zum Ausdruck, das zugleich menschenfreundlich, demokratisch und zukunfts-weisend ist. Und hier zeigt sich noch eine weitere wichtige Dimension der Worte Christi im heutigen Evangelium, dass wir wie die Kinder werden sollen: Wie die Kinder zu werden bedeutet, Selbstgenügsamkeit, Misstrauen und die Logik der Ausgrenzung zu überwinden und der Großzügigkeit, der Liebe, letztendlich der Zukunft mehr Raum in unserem Leben zu geben.
Mit diesem ökumenischen Gottesdienst geben wir ein Beispiel dafür ab, wie wir Christen uns die Zukunft wünschen: ökumenisch, geschwisterlich, caritativ. Seien wir gemeinsam bereit, jedem Bedürftigen zu helfen. Gehen wir bewusst ökumenisch diesen Weg weiter. Eine Zukunft ohne Gerechtigkeit, Barmherzig-keit und Solidarität ist grau; sie wäre nicht auszuhalten. Eine solche Zukunft dürfen wir den Kindern der Welt nicht überlassen.
Gerne wiederhole ich zum Schluss die Worte des Propheten Micha, die als Leitgedanke dieser Vesper dienen und unsere Verantwortung zusammen-fassen: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ (Micha 6,8)