Einander geistlich begleiten
Sehr verehrte Mitbrüder im priesterlichen Dienst, verehrte Lehrende, liebe Studierende! „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38) – Mit diesen Worten tritt Jesus in Kontakt mit den beiden im Evangelium erwähnten Jüngern. Der eine ist Andreas, das wissen wir aus den folgenden Versen. Der zweite Jünger bleibt anonym. Das lädt förmlich dazu ein, dass wir uns selbst an diese Stelle setzen. „Was sucht ihr?“
Was würden Sie antworten, heute, an diesem Vormittag, hier in der Schutzengelkirche? Was erwarten Sie, was treibt Sie an, mit welcher Hoffnung starten Sie in das neue Semester? Vielleicht antworten Sie spontan: Kompetente Lehrende und interes-sierte Studierende, faire Prüfungssituationen, kollegialen Austausch und gute Freundschaften.
Mit welchen Wünschen hat sich wohl der junge Samuel, von dem in der Lesung die Rede war, schlafen gelegt? Was in jener Nacht passierte, hat er sich vorher nicht träumen lassen: Der Herr, für den er Dienst tut – er spricht ihn, Samuel, persönlich an! So viele Jahre hat er schon im Tempel verbracht, war bemüht, ein guter Lehrjunge seines Meisters Eli zu sein; nach dieser Nacht aber weiß er, für wen und warum er dort arbeitet.
Dass das, was ich lerne und beruflich ausübe, meiner Neigung und Eignung entspricht – ich kann mir vorstellen, das bewegt auch Sie. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses neue Semester nicht nur mit Disziplin, sondern auch mit Neugier angehen können; dass Sie nicht nur auswendig Erlerntes wiedergeben, sondern dass Ihnen Raum für das eigene Fragen und Entdecken bleibt. Ein Studium lebt davon, eine Materie mit Haut und Haaren, mit Herz und Seele erfassen zu wollen. Dabei hilft eine KI nur bedingt, Menschsein dagegen umso mehr!
Intrinsische Motivation also - ist es das, was Jesus bei den beiden Jüngern prüfen will? Wieso laufen sie ihm nach? „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38). Es sind die ersten Worte, die Jesus im Johannesevangelium spricht. Hier liegt kein belangloser Smalltalk vor, um den Gesprächsfaden aufzunehmen. Aus dem Mund Jesu ist es eine Frage, die über den Augenblick hinausgeht. Sie reicht sogar über die Frage hinaus, welches Studium und welchen Beruf ich wählen soll, auch wenn sie eng damit verknüpft sein kann. Diese Frage reicht bis in die tiefen Schichten meiner Persönlichkeit hinein und lässt mich überlegen, worin Ziel, Sinn und Glück meines Lebens liegen könnten. Drei Hilfestellungen möchte ich, angelehnt an die heutigen Texte, geben:
1. Wagen wir den Blick nach Innen
Sich selbst kennen lernen - nicht das, was wir im Spiegel sehen, nicht das, was unser Social-Media-Profil verspricht und noch weniger, was die Kommentare darunter über uns sagen. Gott spricht zu Samuel während der Nacht, in die Stille hinein. Und Stille ist etwas, was wir heute bewusst wählen und lernen müssen.
Reisen wir dafür in die Geschichte zurück. Wir schreiben das Jahr 1521. Der
30jährige Ignatius von Loyola wird durch eine Kriegsverletzung zur Stille gezwungen. Auf dem Krankenbett beginnt seine Reise ins Innere: das fort-wirkende Ergebnis ist der Jesuitenorden und die Abfassung von „Geistlichen Übungen“, Exerzitien, die bis heute für viele Menschen hilfreich sind, wenn es darum geht, gute Entscheidungen zu treffen.
Geistliche Erfahrungen, die dem Blick ins eigene Innere entspringen, sind uns auch von der hl. Theresa von Avila überliefert. Sie vergleicht die Seele mit einer „aus einem (…) Diamanten oder sehr klaren Kristall bestehende[n] Burg (…), in der es viele Gemächer gibt.“[1] Ihre gewaltige Schönheit und Fassungskraft seien mit nichts vergleichbar. Theresa führt die Würde der Seele darauf zurück, dass wir nach dem Bild Gottes geschaffen sind, und bedauert, dass so viele Menschen diesem Innenleben keine Aufmerksamkeit schenken.[2] Mit ihrer literarisch und psychologisch hochwertigen Beschreibung hat Teresa einen Leitfaden ge-schaffen, der auch für den Menschen des 21. Jahrhunderts Orientierung bietet.
Der Bau dieses Gotteshauses liegt zeitlich ein halbes Jahrhundert nach dem Oeuvre Theresas. Die barocke Innenausstattung geht auf das 18. Jahrhundert zurück. Wenn wir unsere Augen an der äußeren Pracht dieses Kirchenraumes entlangwandern lassen, kann es uns ein Sinnbild dafür sein, wie „staunenswert und wunderbar“ (Ps 139,14) jeder einzelne Mensch von Gott geschaffen ist. Vielleicht darf diese Kirche für Sie ein Ankerpunkt der Stille im Alltag sein: ein Ort, an dem das Lernen, die Diskussion und die Unterhaltung pausieren, ein geschützter Raum, in dem die Seele zur Ruhe findet.
2. Wir alle brauchen einen „Eli“
Samuel erkennt die Stimme Gottes nicht, er ist auf seinen weisen Ratgeber Eli angewiesen. Auch die beiden Jünger hätten ohne Johannes nicht gemerkt, dass es Jesus ist, der an ihnen vorübergeht. Zu unscheinbar, ja unaufdringlich war Gott als Mensch unterwegs. Der Blick ins eigene Innere ist unverzichtbar; wir brauchen aber auch die Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, die von außen auf unser Leben schauen.
Unser Glaube lehrt, dass jedem Menschen ein Schutzengel an die Seite gestellt ist. Menschen wie Eli und Johannes sind quasi „Engel“ aus Fleisch und Blut, die uns uneigennützig darauf aufmerksam machen, was für unser Leben bedeutsam und wichtig ist. Seelsorgende, Lehrende, Eltern, Kommilitoninnen und Kom-militonen, Geschwister, Freundinnen und Freunde, Heilige – es gibt viele Möglichkeiten, wer diese Rolle in Ihrem Leben einnehmen kann. Niemand ist automatisch der richtige oder der einzige Ratgeber. Wählen Sie mit Bedacht, welchen Stimmen Sie Vertrauen schenken.
3. Werden wir zum „Eli“ für andere
Wir brauchen nicht nur Rat und Unterstützung, wir alle sind bestellt, auch selbst für andere da zu sein. Wir tragen beides in uns: einmal sind wir weise wie Eli und dann wieder ratlos wie der junge Samuel. Drei Jahre gehen die Jünger bei Jesus in die Lehre, das entspricht einem Bachelorstudiengang. Ist das die Zeit, die es braucht, um zu einer Persönlichkeit zu werden, auf die andere sich stützen können? Samuel, der die Stimme Gottes nicht erkannte, wurde schon am nächsten Tag zu dessen Sprachrohr – er hatte eine Botschaft Gottes zu über-mitteln, ausgerechnet an Eli. Und Andreas genügte ein Tag mit Jesus, dann warb er selbst einen neuen Jünger an - und zwar keinen geringeren als Petrus (vgl. Joh 1,40-42)! Also warten Sie nicht darauf, bis Sie fertig sind mit dem Studium oder bis Sie all ihre Glaubenszweifel beseitigt haben. Wenn es um Fragen des Lebens und des Glaubens geht, bleiben wir ein Leben lang Lernende. Ein gutes Motto gibt uns Frere Roger Schutz, der Gründer der Communauté von Taizé, mit auf den Weg: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!“
Aber was macht denn nun eine gute Begleiterin, einen guten Begleiter aus? Im geistlichen Leben sind sie daran zu erkennen, dass sie andere nicht an sich binden wollen, sondern diese in Kontakt mit Gott bringen. Übertragen auf eine Freundschaft heißt das: sie braucht zwar Verbindlichkeit, muss aber auch die Luft der Freiheit atmen, sonst wird aus Beziehung schnell Abhängigkeit. Und wo Ehrgeiz herrscht, da empfiehlt es sich Teamwork zu lernen: Schauen Sie nach links und rechts und greifen Sie einander unter die Arme – natürlich nur, soweit es die Prüfungsordnung erlaubt!
Was sucht ihr? Mit dieser Frage haben wir begonnen. Der hl. Augustinus ant-wortet: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir!“ (Conf. 1,1) Mit „kommt und seht!“ (Joh 1,39) fordert Jesus die Jünger auf, bei ihm zu bleiben. „Kommt und seht!“ ist die Einladung an uns, Jesus nicht nur als eine historische Persön-lichkeit kennenzulernen, sondern als den menschgewordenen Gott. Er lebt und er ist derjenige, bei dem Suche und Sehnsucht unseres Lebens einmal ans Ziel kommen. Was uns auf diesem Weg hilft, ist:
- Der Blick nach innen, um die eigene Würde und Schönheit zu entdecken.
- Begleitung und Gemeinschaft, um mit Lebens- und Glaubensfragen nicht allein zu bleiben.
- Der Dienst am Nächsten: Anderen Gutes tun - nicht zuletzt denen, die uns nichts zurückgeben können.
Möge Gott Sie mit seinem reichen Segen begleiten - durch dieses Semester und in allen Suchbewegungen Ihres Lebens!
[1] Teresa von Ávila, Die Wohnungen der inneren Burg (1M 1,1), in: Teresa von Ávila, Werke und Briefe Gesamtausgabe. Band I: Werke, herausgegeben von Dobhan, Ulrich u. a., Freiburg u. a. 2015, S. 1685.
[2] Ebd. (1M 1,1 und 1M 1,2), S. 1685f.