„Gottvertrauen und Zuversicht“
Lieber Mitbruder im priesterlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder! Die Sommerferien liegen noch nicht lange zurück und vielleicht waren die ein oder anderen unter Ihnen mit dem Auto unterwegs. Ich hoffe, dass Sie folgende Erfahrungen nicht machen mussten: Klopfende, klappernde oder rasselnde Geräusche, blauer Rauch, Qualm, Leistungsabfall, aufleuchtende Warn-lampen… kurzum: Motorschaden.
Was effektreich und gar eindrucksvoll daherkommt, führt alsbald zum kompletten Stillstand. Ein Motorenschaden drohte auch dem gesamten Glockengeläut von Maria Immaculata - selbst wenn der weniger eindrucksstark abgelaufen wäre, von hier unten hätten wir über kurz oder lang wohl vor allem eines bemerkt: das Schweigen der Glocken. Wie gut, dass es nicht so weit kommen musste – schließlich feiern wir das 50jährige Weihejubiläum Ihrer Pfarrkirche Maria Immaculata sowie gesamtkirchlich das Jubiläumsjahr des hl. Franz von Assisi. Nächste Woche ist der 800. Todestag des Heiligen, der die Idee der Kirchenglocken, die die Gläubigen dreimal täglich zum Gebet einladen, einst von einer Reise aus Ägypten mit nach Europa brachte. Dank vieler großzügiger Spenden konnte der Ausfall ihres Geläuts verhindert werden. Als Gemeinschaftswerk hat Ihr Pfarrbrief dieses Unter-nehmen betitelt. Vergelt‘s Gott allen, die mitgewirkt haben, dass das Geläut umfassend saniert und sogar durch eine neue Glocke erweitert werden konnte. Anfang Juli wurde sie in Passau gegossen, manche von Ihnen waren ja dabei. Keine Ära des Stillstands, sondern eine neue Symphonie kann damit nun in Asbach-Bäumenheim eingeläutet werden.
So ausschlaggebend die einzelne Glocke für das Klangspiel sind, so bedeutungsvoll ist auch jede und jeder Einzelne von Ihnen für das Zusammenspiel in der Pfarreiengemeinschaft. Sie haben in diesem Herbst große Veränderungen in ihrem Pastoralteam zu bewältigen. Pfarrer Markus Lidel, der das Sanierungsprojekt wesentlich begleitet hat, wurde Subregens im Priesterseminar; weitergezogen zu neuen Stellen sind auch Anja Konrad-Müller und Emmanuel Gilonganzambi. Neu in ihrer Mitte ist Pfarrer Peter Gaddam, ihm sei heute auch von meiner Seite ein herzliches Willkommen gesagt. Pater Jith Joy Pallivathukkal ist geblieben und Sie, liebe Schwestern und Brüder sind hier, und Sie sind wesentlich für das, was wir Pfarrei bzw. Pfarreiengemeinschaft nennen! Ihr Ton, den Sie als getaufte Christen rein-geben, spielt eine Rolle. Mit jedem Einzelnen, der hier anpackt, verändert sich die Klangwelt; je mehr es sind, die sich einbringen, desto reicher ist ihr Gemeindeleben und umso kraftvoller erklingt die christliche Stimme in Asbach-Bäumenheim und darüber hinaus.
„Gottvertrauen und Zuversicht“, das steht auf der neuen Glocke, die ich heute nach der Predigt weihen werde. Gottvertrauen und Zuversicht wünsche ich Ihnen allen für das Zusammenleben und das gemeinsame Wirken in Ihrer Pfarrei. Denn nicht nur die Hauptamtlichen oder jene Ehrenamtlichen, die es halt schon immer gemacht haben, sollten wie Motoren das Leben der Pfarrei antreiben – nein, es sind wir alle, die gerufen sind mitzuwirken – auch jene, die sich bisher wenig eingebracht haben. Haben Sie Mut, auch Ihre Tonart dazuzulegen, sich auszuprobieren und einzubringen, und sei es nur punktuell. Jede und jeder einzelne von Ihnen geht einen Lebens- und Glaubensweg, der nicht delegierbar ist! Sie stehen in einem Geflecht von Beruf, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und Pfarrei, wie es kein anderer an Ihrer Stelle tut.
Wo Strukturen und Personal wegbrechen, da droht Überhitzung oder Leerlauf für die, die noch da sind. Begreifen wir uns nicht als Funktionäre, sondern als Teil des Freundeskreises Jesu Christi. Denn wer würde sich nicht gern mit Freunden treffen? Lassen wir unsere Beziehung zueinander und zu Jesus Christus Motor sein für unser Tun, damit Kirche vor Ort nicht zum Stillstand kommt. Wir brauchen diese beiden Beziehungsebenen: die zum Herrn und die untereinander. Am Kirchenbau sehen wir es: er steht auf breitem Fundament, sozusagen mit beiden Beinen auf der Erde; Ihre Kirche bietet Raum für die Beziehung zum Nächsten; wir brauchen Weggefährten, um im Glauben zu wachsen und im Leben zu bestehen. Gute Gemeinschaft erleben zu können, ist nicht selbstverständlich. Wir spüren eine große Zerrissenheit in Gesellschaft und Politik weltweit, da haben wir als Kirchen einen Auftrag, dass wir Plattformen des Miteinanders schaffen.
Gut sichtbar von außen ist der Turm, der die Glocken beherbergt und der in den Himmel ragt. Die Glocken erinnern uns daran, den Alltag zu unterbrechen, Sorgen hinter uns zu lassen und uns dem Himmel entgegenzustrecken. Ein Blick nach oben kann guttun, wenn man im Alltag nicht mehr ein- noch aussieht. Aber ebenso entscheidend ist der Blick nach innen: Die Texte von heute weisen allesamt darauf hin: Gott will in der Mitte seines Volkes wohnen. Was uns im Buch der Offenbarung als Ausblick auf die Ewigkeit geschildert wird, das dürfen wir in unseren Kirchen, auch durch unsere Liturgie, schon erleben. Gott wohnt mitten in unserem Dorf; unsere Kirchen sind nicht leer. Im Innern unserer Kirchen, im Tabernakel, in der Eucharistie ist Gott gegenwärtig.
Auf einen weiteren Ort seiner Gegenwart weisen uns die beiden anderen Texte hin, die für den heutigen Tag gewählt wurden. Auch unser Inneres ist nicht leer – sollte es sich manches Mal in Ihnen leer anfühlen, dann bitte ich Sie, diesen Punkt umso mehr zu beherzigen. Der Korintherbrief lässt keinen Zweifel daran, dass wir selbst ein Tempel Gottes sind. Wir tragen Gottes heilige Gegenwart in uns; wie eine Kirche so bergen auch wir Gott im Inneren. Hier liegt auch der Motor für unser Schaffen und Wirken! Die Schnelligkeit unserer Zeit, die ständige Verfügbarkeit über die sozialen Medien und die Fülle des Angebots im Außen machen es uns schwerer, diesen inneren Raum zu entdecken.
Zwei Frauen der Heiligen Schrift verkörpern uns die unterschiedlichen Lebensweisen: Jesus begegnet am Jakobsbrunnen einer Frau, die ihre Erfüllung im Außen sucht. Sie sucht das Leben, sucht die Liebe und läuft dabei buchstäblich heiß, weil sie von einer Beziehung zur nächsten taumelt und doch immer nur enttäuscht wird. „Eine Getriebene“ – so würden wir sagen. Jesus sieht das, sieht ihren Durst, und gibt sich ihr als derjenige zu erkennen, der diesen Durst stillen kann im Geist und in der Wahrheit. Er spricht Wahres aus, indem er die wunden Punkte ihres Lebens anspricht. Und wie erfrischendes Wasser ist sein Geist, der den Liebesdurst dieser Frau stillen kann.
Ganz anders die zweite Frau, von der ich kurz sprechen will: Maria, die hier als Immaculata verehrt wird. Wir stellen sie uns meist ruhig und friedvoll vor; das ist richtig, wenn wir bedenken, dass Sie sich allein vom Heiligen Geist hat antreiben lassen, nicht von der Meinung der Welt, nicht von Angst und Zweifeln. Sie war so erfüllt vom Heiligen Geist, dass sie Gott im wahrsten Sinne des Wortes verleiblicht hat - in der Menschwerdung Jesus Christi.
Liebe Schwestern und Brüder, in welcher Lebenssituation Sie selbst auch gerade stecken mögen – ausgerichtet auf Gott oder vom Getriebe dieser Welt vereinnahmt: eine Bitte, mit der wir nie falsch liegen können, ist die um den Heiligen Geist. Im Geist steht Gott uns zur Seite: tröstend, mahnend und beratend. Sein Geist belebt uns! Ein besseres Öl für unseren Motor können wir nicht bekommen: Mit ihm kommen wir vorwärts! Durch den Heiligen Geist nimmt Christus auch in unserm Leben immer mehr Gestalt an. Beten wir in dieser Eucharistiefeier darum, dass der Klang der Glocken uns erinnere, inmitten des Alltags täglich neu um seinen Heiligen Geist zu bitten.