„Mit den Füßen am Boden und dem Herzen im Himmel“
„Mit den Füßen am Boden und dem Herzen im Himmel“ – dieses Lebensmotto des heiligen Don Bosco haben Sie, liebe Auszusendende, sich bewusst als Überschrift für die heutige Feier gewählt, bei der Sie öffentlich Ihre Bereitschaft bekunden, den Spuren Jesu zu folgen und sich in den pastoralen Dienst senden zu lassen. Gerade das Bewusstsein, von Gott berufen zu sein, war für Don Bosco eine Gewissheit, die ihn zeitlebens trug, wobei er sich besonders zu den verarmten Jugendlichen in seiner Heimatstadt Turin gesandt fühlte.
Ich meine, dass wir noch heute viel von diesem großen Heiligen und Ordens-gründer lernen können, gerade mit Blick auf eine zeitgemäße Pastoral. So will ich Ihnen für Ihren künftigen Dienst einige Gedanken mitgeben, die um die zweifache Ausrichtung dieses Lebensmottos kreisen: Bodenständigkeit, im Sinne einer großen Nähe und Liebe gegenüber den Menschen, zu denen wir gesandt sind (1), und zugleich eine lebendige Gottesbeziehung, aus der wir Kraft und Freude schöpfen (2).
1. Mit den Füßen am Boden…
„Zuerst kommt das Irdische, dann das Überirdische“ (1 Kor 15,46b), ruft uns Paulus in der heutigen Lesung zu. Auch wenn es an der Stelle primär um die Frage nach einem „Wie“ der Auferstehung geht, könnte man daraus die unumkehrbare Realität ableiten, dass wir als Menschen zunächst einmal auf dieser Erde leben. Wir werden geboren und wachsen in einem Umfeld auf, das uns prägt. In dieser Hinsicht kann man beim heiligen Don Bosco durchaus von einem schweren Start ins Leben sprechen. Sein Vater starb, als er erst zwei Jahre alt war. Die Mutter kümmerte sich sehr um ihn und seine Geschwister, doch die Familie war arm, und so musste er sehr früh mitarbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen; eine Tatsache, die seine spätere Wahrnehmung und Fürsorge gegenüber den mittellosen Jugendlichen auf der Straße sicherlich beeinflusste.
Ich werde nun nicht ausholen und alle Lebensstationen von Don Bosco aufzählen. Mir geht es vielmehr um ein paar grundlegende Eigenschaften, die dessen großartiges Werk der Barmherzigkeit im 19. Jahrhundert haben gelingen lassen, und die auch für uns heute noch bedeutsam sein können.
Wenn der Heilige davon spricht, mit den Füßen am Boden zu bleiben, dann kann man das als eine Art grundsätzlicher Bescheidenheit und Demut ver-stehen. In diesem Zusammenhang ist es ein geradezu klassischer Fehler der Heiligenverehrung, Frauen und Männer ohne ihre Schwächen darzustellen. Das Beispiel des heiligen Don Bosco lehrt uns, dass man nicht als Christ, und schon gar nicht als Heiliger geboren wird, sondern sich alle Tage des Lebens darum bemühen muss, immer mehr Christ zu werden und nach Heiligkeit zu streben.
Wie aber geht das? Ein wichtiger Punkt ist die Wahrnehmung. Giovanni Bosco war kein Mensch ohne Kanten. Er konnte impulsiv sein, suchte zeitweise gerne das Rampenlicht (z. B. Aufführung von Zaubertricks), und eckte durchaus auch bei Autoritäten wie seinem Ortsbischof an. Es bestand also die Gefahr, dass der heilige Same, der in ihn gelegt war, durch die Schwächen seiner Person verkümmerte. Das heutige Evangelium hat uns ja vor Augen geführt, wie schnell die Anrufung Gottes, die allen Menschen zuteilwird, in den Sorgen, dem Reichtum und den Genüssen des Lebens erstickt wird und keine Frucht hervorbringt (vgl. Lk 8,14).
Doch Don Bosco vergaß nie seine Herkunft, er las viel in der Bibel und betete täglich. Er wusste um seine Schwächen und bemühte sich nach Kräften, an sich zu arbeiten. Dabei war er alles andere als ein Ich-bezogener Mensch. Bereits kurz nach seiner Priesterweihe nahm er die wachsende Zahl an Armen wahr, welche die Industrialisierung hervorbrachte, darunter auch die unzähligen Jugendlichen, die in ihrer Not oft mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, u. a. wegen Diebstahls. Er sah sie, und verurteilte sie nicht, sondern erkannte seine Berufung darin, ihr Freund zu werden, der ihnen helfend zur Seite steht.
Für mich liegt darin eine entscheidende Qualität der Pastoral: Egal, an welchem Einsatzort und in welcher Funktion Sie zukünftig arbeiten, alles beginnt mit der Wahrnehmung. Gehen Sie mit den Füßen am Boden, indem sie mit offenen Augen und Ohren die Nöte Ihrer Mitmenschen wahrnehmen, und versuchen Sie, aus dem Glauben heraus und mit Ihren Möglichkeiten eine Stütze zu sein. Don Bosco hat den verwahrlosten Jugendlichen damals nicht nur ein Dach über dem Kopf und Essen geboten. Er war auch ihr geistlicher Vater, der ihnen Orientierung und Halt schenkte. Dabei zwang er ihnen den Glauben nicht auf, sondern lebte ihn in einer Weise vor, die so ansprechend war, dass ihm in kürzester Zeit Hunderte folgten.
Eine wichtige Eigenschaft war hierbei sicherlich auch sein sonniges Gemüt und seine Fröhlichkeit. Während andere den jungen Männern oft vorwarfen, dass sie zu laut und ungehobelt waren, animierte er sie sogar zum freudigen Singen und Pfeifen, solange es nicht ausartete. Das gelang meistens, denn die Heran-wachsenden liebten und respektierten ihren Ziehvater, da sie spüren konnten, wie sehr er sich um sie sorgte. Auch dieses bekannte Leitwort des heiligen Don Bosco können wir darum alle für die tägliche Arbeit mitnehmen: Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen! Das gilt besonders, wenn die Sorgen des Alltags uns beschweren. Denken Sie an die verdorrten Samenkörner aus dem Evangelium (Lk 8,6), und lassen Sie sich nicht die Freude nehmen, auch wenn Dinge einmal nicht so klappen oder es irgendwo Unstimmigkeiten gibt. Manchmal braucht es Geduld (vgl. Lk 8,15).
Die Basis für eine solche Einstellung ist jene lebendige Gottesbeziehung, die sich im zweiten Teil des eingangs zitierten Mottos dieser Feier ausdrückt:
2. Mit dem Herzen im Himmel
Der Schweizer Theologe Walter Nigg schrieb über Don Bosco: „Die Quelle seines Glaubens, seiner Liebe und seiner Freude lag in der ungemein starken Gottverbundenheit.“[1] Es war demnach kein Zufall, dass dem jungen Geistlichen aus Norditalien so viele pastorale Initiativen gelangen. Schon zu Lebzeiten konnten die Zeitgenossen spüren, dass dieser Mann das Wort Gottes nicht nur in sich aufgenommen hatte, sondern ganz daraus lebte (vgl. Lk 8,15). Vielleicht war es der frühe Schicksalsschlag, bei dem er als Kind seinen Vater verlor, dass er im Laufe seines Lebens eine besonders innige Beziehung zu seinem himmlischen Vater entwickelte und später selbst zur Vaterfigur für andere wurde. Deshalb empfehle ich Ihnen, so wie allen Auszusendenden der letzten Jahre, dass Sie sich jeden Tag ausreichend Zeit nehmen für die Pflege der Gottesbeziehung. Wir können als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Weinberg des Herrn nur Frucht bringen, wenn wir uns täglich im Gebet mit Gott verbinden, in unserem Innersten hören, was er uns zu sagen hat, und uns immer wieder seine große Liebe zu uns Menschen vor Augen führen. Es macht so vieles leichter und lässt uns hoffnungsvoll der Zukunft entgegengehen, wenn wir wissen, dass der allmächtige Gott stets an unserer Seite geht, komme, was wolle. Auch in dieser Hinsicht will uns das heutige Evangelium Mut machen, denn selbst wenn ein Teil der Samen auf felsigen Boden fällt oder sonst wie verkommt, bringen die Samen im guten Boden überreich Ernte und „hundertfach Frucht“ (Lk 8,8). Das bedeutet: Das Reich Gottes wächst unauf-hörlich, weil der Heilige Geist jeden Tag Frauen und Männer in seinen Dienst ruft, die das Wort hören und daran festhalten.
Darum möchte ich Ihnen am Ende von Herzen danken, dass auch Sie dem Anruf Gottes folgen, und vielleicht kann das Vorbild des heiligen Don Bosco Ihnen helfen, inmitten der Welt zu leben und zu wirken, ohne das Sakrale jemals aus dem Blick zu verlieren. Das wünsche ich Ihnen und uns allen: Bleiben wir mit den Füßen am Boden und dem Herzen im Himmel!
[1] Nigg, Walter: Don Bosco. Ein zeitloser Heiliger. München 1977, 135.