Mastodon
Predigt von Bischof Bertram zur bundesweiten Eröffnung des Caritas-Sonntags im Hohen Dom

„Mutmachsätze“ für unser Engagement

27.09.2026 10:30

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im sozial-caritativen Dienst, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, voller Freude und Dankbarkeit dürfen wir heute unseren Blick einmal bewusst auf die Menschen lenken, die kaum oder gar nicht in den Medien – und oft auch nicht bei den Social Media – auftauchen, die es aber, Gott sei Dank, zu Tausenden in unserem Land gibt: Menschen, die anpacken, wo eine Hand gebraucht wird; Menschen, die hinsehen, wo das Wahrgenommenwerden schon Menschenwürde stärkt; Menschen, die selbst den leisesten Hilferuf verstehen, weil sie sozial sensibel sind, und Menschen, die für eine Sache kämpfen und auf die Straße gehen, die Konzepte erstellen und Kampagnen leiten, die andere wachrütteln, ohne ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ein freundlicher Blick, eine einladende Geste, eine aufmerksame Nachfrage - wie gut tut uns das, wenn wir uns fremd, übersehen, allein, erschöpft und benachteiligt fühlen!

Gerade haben wir im Evangelium von einer Heilung gehört, die Jesus ohne die Mithilfe von vier namenlosen Männern nicht hätte vollbringen können. Denn ihrer beherzten Kreativität, zu der manchmal auch eine Portion Unverfroren-heit gehört, ist es zu verdanken, dass ihr gelähmter Freund ganz vorn, in der ersten Reihe unmittelbar vor Jesus landet. Wie geht das? Die vier Männer steigen Jesus aufs Dach!

Was muss das plötzlich für ein Lärm gewesen sein, über den Köpfen der dicht gedrängten Menschenmenge, die ja für sich genommen schon das kleine Häuschen zu sprengen drohte: Da wird das Dach abgedeckt, die Ziegel werden nach unten geworfen – denn zur fein säuberlichen Stapelung war ja keine Zeit! - und das Dach wird durchgeschlagen; dabei rieselte es sicher nicht nur Putz und Kalk auf die Zuhörerrunde um den Rabbi von Nazareth!

Und dann, wie vom Himmel geschickt: ein Mann auf der Tragbahre, der langsam und ruckweise herabschwebt… Im Barocktheater hat man so den Deus ex machina, den Gott, der dem Spiel eine glückliche Wendung gibt, auf die Bühne katapultiert; und auch heute noch gibt es Maschinen, die atem-beraubende Stunts ermöglichen. Doch hier in Kafarnaum übernimmt diese Rolle die Entschiedenheit und das perfekte Zusammenspiel der Freunde.

Doch man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Haben Sie es gemerkt? Der Gelähmte selbst muss gar nichts sagen - er kann sich ganz der Situation und dem liebevollen Blick Jesu, der ihn durch und durch erkennt, überlassen und hört das Unerhörte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ - oder das schlichte: „Du bist gut“ von eben. Wieder einmal wird uns allen klar: Jesus heilt von innen nach außen, denn nur so ist Heilung und Heil nachhaltig! Alles andere bleibt an der Oberfläche und dringt nicht zum Wesenskern des Menschen durch.

Was will uns, was kann Ihnen, die Sie Tag für Tag mit Leid und Not, mit scheinbar unüberwindlichen staatlichen und finanziellen, physischen und psychischen Hürden konfrontiert sind, diese Geschichte sagen?

Ich möchte es in vier kurze ‚Mutmachsätze‘ fassen:

1. Gib nicht zu früh auf.

2. Such Dir Verbündete.

3. Geh auch unkonventionelle Wege.

4. Lass Dich nicht beirren.

Dabei bin ich überzeugt: Sie alle, die Sie das Helfen zu Ihrem Beruf oder zu Ihrer sinnvollen, vielleicht auch liebsten Freizeitbeschäftigung gemacht haben, haben diese Haltungen bereits verinnerlicht und leben sie.

„Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen“ lautet das Motto der diesjährigen Aktionstage und als Christinnen und Christen, als Menschen, die in der Nachfolge Jesu stehen, die ihn als Vorbild erwählt haben, wollen wir ein bewusstes und spürbares gesellschaftliches Gegengewicht sein zu den weit-verbreitenden Tendenzen von Abwertung, Abgrenzung und Abschottung. Wer wie die vier Männer anpackt, um bestehende Strukturen zu verändern, sie durchlässiger und menschenfreundlich zu gestalten, macht sich nicht nur die Hände schmutzig, er eckt an und wird nicht selten verwundet. Doch dies ist der Preis des Füreinander-Daseins, der Pro-Existenz, wie sie uns Jesus Christus vorgelebt hat!

Ungeschönt und drastisch formuliert das der frühchristliche Hymnus, den Paulus in seinen Brief an die Gemeinde in Philippi aufgenommen hat: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,5-8). Wir setzen uns für den Menschen ein, der Hilfe braucht, wir sind „nah am Nächsten“ – nicht weil wir groß rauskommen wollen oder um ‚Likes‘ zu sammeln, sondern weil wir selbst davon erzählen können, wie uns geholfen wurde. Wir sind keine hilflosen Helfer, aber ganz eindeutig immer hilfsbedürftige Helferinnen und Helfer! Wir brauchen die gegenseitige Unterstützung unter Kolleginnen und Fachleuten, ja sogar die Ermunterung und das positive Feedback unserer Klientinnen und Klienten – das gilt für Caritas-Mitarbeitende wie für alle in der Seelsorge Tätigen gleichermaßen.

Die seit vielen Jahrzehnten zentrale Botschaft der Caritas: „Teilen verbindet“ macht aber schon lange nicht mehr an den Grenzen der Kirche, den Grenzen Deutschlands oder Europas Halt. Sie ist längst global geworden und bleibt doch dem Nahbereich, dem Lokalen, untrennbar verbunden. Denn nur wo – mit dem heiligen Vinzenz von Paul gesprochen - Liebe Tat wird, verändert sie die Welt.

Am Ende meines Wortes der Ermutigung soll deshalb die Bitte stehen: Lassen Sie sich, vor allem diejenigen unter Ihnen, die die Haltung der Generationen-solidarität in die tägliche Praxis umsetzen und kontinuierlich weiterdenken, inspirieren von der eben gehörten Großzügigkeit Abrams, der zu seinem Neffen Lot sagt: „Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links“ (Gen 13,9). Greifen wir beherzt aus und bringen wir die Botschaft der Hilfsbereitschaft und Unterstützung zu all jenen, die noch sehnsüchtig darauf warten – vielleicht sogar unmittelbar vor unserer eigenen Haustüre. Amen.

 

Lesungen: Gen 13,1-12; Phil 2,1-12; Mk 2,1-12 (in leichter Sprache)