Zwei Perspektiven: „Im Kreuz ist Heil“
Liebe Schwestern und Brüder! Wie sie vermutlich alle wissen, gehört Papst Leo XIV. dem Augustinerorden an, und er ruft die Gläubigen in seinen Ansprachen immer wieder dazu auf, sich mit dem heiligen Augustinus zu beschäftigen. Dieser schrieb einmal: „Wir Christen gehen nur deshalb in den Stürmen der Welt nicht unter, weil wir vom Kreuzesholz getragen werden.“ Der große Heilige und Kirchenlehrer ermutigt uns demnach, zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen auf das Kreuz Jesu Christi zu schauen, weil das allein das überragende Zeichen unseres Glaubens und unserer Hoffnung ist.
Dies sei besonders hier, in der Pfarrkirche zu Hochwang, noch einmal unterstrichen, in der das Heilige Kreuz verehrt wird und auf vielen Malereien im Kirchenraum zu sehen ist. So bin ich heute gerne zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen den 275. Weihetag dieser wunderschönen und denkmalgeschützten Kirche zu feiern, in der sich Menschen seit Jahrhunderten zum Gebet versammeln und Gottes Nähe suchen.
Erst vor drei Jahren gab es hier eine große Feier zum Abschluss der Sanierungsarbeiten mit Weihbischof Anton Losinger. Heute nun feiern wir dieses Jubiläum, an dem ich Sie alle einladen möchte, das Symbol des Kreuzes noch einmal genauer zu betrachten. An sich sind es ja nur zwei Balken - einer waagerecht, einer senkrecht. Im übertragenen Sinne könnte man darin aber auch zwei unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben erkennen: eine eher irdische, und eine himmlische. Zu beiden will ich Ihnen meine Gedanken anbieten.
1. Die irdische Perspektive
Schaut man auf die erste Lesung aus dem Alten Testament, wird vielleicht deutlich, was man unter einer (rein) „irdischen Perspektive“ verstehen kann. Da ist das Volk Israel, das erst kurz zuvor von Gott aus der Knechtschaft der Ägypter befreit wurde. Auf dem Weg durch die Wüste bekommt es Hunger, wird ungeduldig und schließlich wütend. Vorwürfe gegen Gott und den eben noch verehrten Anführer Mose werden laut (vgl. Num 21,5). Schnell ist alles vergessen, wofür man eben noch überschwänglich gedankt hat. Erst als immer mehr Frauen und Männer an Schlangenbissen sterben und dies als Strafe Gottes gedeutet wird, besinnen sich die Israeliten, erkennen ihre Undank-barkeit und bereuen ihre Sünden. Daraufhin erfahren sie erneut Rettung.
Was kann uns diese Geschichte sagen? Wir Menschen suchen schnell nach Schuldigen, wenn Dinge mal nicht so laufen, wie wir es uns vorgestellt oder gewünscht haben. Manche geben dann Gott die Schuld, andere den Lenkern des Volkes. Aus heutiger Sicht wären das die Verantwortungsträger in Politik, Wirtschaft, aber auch in der Kirche. Der Fokus liegt in jedem dieser Fälle auf einer allgemeinen Unzufriedenheit wegen nicht erfüllter Bedürfnisse. Das mag bisweilen verständlich sein, weil es menschlich oder eben irdisch ist, doch sollten wir nie vergessen, was uns alle drei heutigen Lesetexte mit auf den Weg geben wollen: Der himmlische Vater weiß ganz genau, was wir zum Leben brauchen (vgl. Mt 6,3). Er ruft uns jedoch dazu auf, zuallererst sein Reich und seine Gerechtigkeit zu suchen, dann wird alles andere dazugegeben (vgl. Mt 6,33).
Wir sollen also vor allem an Gott glauben und ihm vertrauen. Damit wir das auch in schweren Zeiten können, kam Gott selbst im Menschen Jesus Christus auf die Erde, und hat alles mit uns geteilt: Hunger, Kälte, Angst und Schmerz. Der Philipperhymnus der zweiten Lesung betont es: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,6-8)
Kann das nicht ein großer Trost für uns sein und gleichzeitig helfen, den Blick auf das Leben neu zu justieren, im Glauben daran, dass unser Gott ein mit-fühlender Gott ist?
Gerade in Deutschland sind momentan viele Menschen unzufrieden. Die Gründe dafür sind vielfältig und auch der Wunsch nach Verbesserungen ist oft verständlich und legitim. Aber es wäre aus christlicher Sicht der absolut falsche Weg, wie damals das Volk Israel nur noch alles schlecht zu sehen, immerzu wütend zu sein und nach Schuldigen zu suchen. Gehen wir stattdessen den Weg Jesu nach, indem wir dankbar sind für das, was wir haben, und zugleich in unserem Alltag schauen, wo wir einen Beitrag leisten können, damit sich Dinge verbessern und es möglichst allen Menschen gutgeht. Das ist keine theologische Schönfärberei, sondern eine ganz konkrete und christliche Antwort auf die Probleme unserer Zeit. Schauen Sie, was Jesus seinerzeit gemacht hat: Er war immer unterwegs mit den Menschen, hat sie in ihren jeweiligen Lebenskontexten gesehen und stand helfend zur Seite, wo dies gewünscht war. Er hat sich nicht aufgedrängt, war aber für jeden da, der ihn rief. Auch hat er nie zu gewaltsamen Umstürzen aufgerufen, sondern stattdessen die frohe Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen verkündet. DAS muss unser Vorbild sein in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft immer stärker bedroht ist von Scharfmachern, die Menschen gegeneinander aufhetzen. Helfen kann uns dabei jene himmlische Perspektive, auf die ich in meinem folgenden Gedanken noch etwas näher eingehen will.
2. Die himmlische Perspektive
Der zweite Balken des Kreuzes geht senkrecht, vom Boden Richtung Himmel. Wer dem Gekreuzigten in die Augen sehen möchte, muss also nach oben schauen, denn er wurde „über alle erhöht“ (Phil 2,9), wie es im Philipperhymnus heißt, und sein Name ist größer als alle anderen Namen. Darin liegt das Eigentümliche unseres christlichen Glaubens: Gerade weil Jesus sich so klein gemacht und als Sohn Gottes den Menschen gedient hat, wurde ihm von seinem Vater alle Macht verliehen im Himmel und auf der Erde. SEIN Beispiel lehrt uns, dass Demut, Güte und Nächstenliebe jene Tugenden sind, die den Menschen erhöhen, während Stolz, Eitelkeit oder Selbstsucht uns erniedrigen – vor Gott, aber auch vor uns selbst und den Mitmenschen. Das Heilige Kreuz, das uns in dieser Pfarrkirche an vielen Stellen begegnet, kann somit wie ein Spiegel für uns alle sein, in den wir blicken und uns fragen können: Diene ich, in der Art und Weise, wie ich lebe, wirklich Gott und den Menschen? Trage ich zu einem friedlichen und gerechten Miteinander bei? Sehe und helfe ich Menschen, denen es nicht gut geht? Oder gehe ich zwar ab und zu vielleicht in die Kirche, gebe Gott ansonsten aber keinen großen Raum in meinem Leben, weil ich in erster Linie auf die Erfüllung meiner persönlichen Wünsche und Bedürfnisse schaue, und möglichst viel für mich herausholen will?
Zwei Perspektiven, zwei Wege, aber nur einer davon bringt uns Heil.
Ich habe eingangs den heiligen Augustinus zitiert. Derselbe schrieb an einer anderen Stelle, dass NUR das Kreuz unsere „Leiter in den Himmel“ ist. Falls Sie dazu noch Fragen haben, darf ich Sie abschließend auf Nikodemus verweisen, von dem wir im heutigen Evangelium gehört haben. Mitten in der Nacht suchte dieser Jesus auf, weil auch er manches nicht verstanden hatte. In aller Ruhe erklärt ihm Jesus, dass er auf die Erde gekommen ist, um den Menschen die unermessliche Liebe Gottes nahezubringen. In IHM verbinden sich Himmel und Erde (vgl. Kreuz), und wir alle sind dazu berufen, seinem Vorbild zu folgen, indem wir Gott an die erste Stelle setzen und ebenso füreinander da sind.
Möge diese Kirche auch in Zukunft ein Ort sein, wo wir uns dies immer wieder klar machen, Gott für seine Menschenfreundlichkeit danken und mit großer Freude bekennen: „Jesus Christus ist der Herr – zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,11)
Schriftlesungen vom Fest Kreuzerhöhung: Num 21,4-9; Phil 2,6-11; Joh 3,13-17