Wer nur das Schlimmste annimmt, kommt nicht weiter
Donauwörth (pca). Die bundesweite Interkulturelle Woche stand heuer unter dem Motto „dafür!“ und sollte ein positives Signal für Vielfalt, Demokratie, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft setzen. Der Migrationsberatung des Caritasverbandes für die Diözese Augsburg e. V. in Donauwörth ist das nun auf besondere Weise gelungen. Gemeinsam mit Jonas Reinhard, dem Leiter der Stadtbibliothek Donauwörth, luden die Migrationsberaterinnen Anja Reiner und Fabienne Kroiss zur Autorenlesung mit Tara Paighambari ein. Sie stellte ihr Buch „Café der Freiheit“ vor und warb für einen Austausch auf Augenhöhe.
Paighambari war mit ihren Eltern als fünfjähriges Mädchen 1995 aus Teheran geflohen, wuchs in Berlin auf, studierte, eröffnete mit ihrem Mann ein Café in der Bundeshauptstadt, und beschäftigt sich nicht nur literarisch mit der Frage, wie Integration gelingen kann und muss. Ihr Fazit: „Wenn wir aber immer sofort nur das Schlimmste annehmen, kommen wir nicht weiter.“ Mit Hass, Vorurteilen und Abschiebungen würden keine Probleme gelöst, „wir wiederholen sie nur und verfestigen damit die Angst, arbeiten aber nicht an Lösungen.“
Anja Reiner von der Caritas war froh, Tara Paighambari für die Lesung gewonnen zu haben. Sie bewundert den Mut und die Zuversicht der Autorin, wie sehr sie sich als deutsche Staatsbürgerin und gebürtige Iranerin für einen Austausch auf Augenhöhe einsetzt. Reiner bedauert den erhöhten Druck aus der Politik und Gesellschaft gegen Geflüchtete. Paighambari ist für sie deshalb ein gutes Beispiel, wie gut Integration gelingen könne, wenn man Geflüchtete von Anfang an so unterstützen kann, dass sich auch Wege zu Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Integration eröffnen. So fordern es auch die „Augsburger Thesen für einen solidarischen Staat“. Die Caritas sieht in der Migration daher „eine Chance, kein Problem“ und setzt sich für eine „gute Migrationspolitik“ ein, die Wege zu Integration eröffnet.
Wie wichtig die ersten Schritte nach dem Ankommen in Deutschland sind, davon erzählte die Deutsch-Iranerin. Sie war als Kind von den Behörden in eine Grundschule nur für geflüchtete Kinder gesteckt worden. „Wie sollte ich aber dann Deutsch lernen, wenn ich nicht mit deutschen Kindern spielen kann?“, stellt sie die Frage in den Raum der Zuhörerinnen und Zuhörer. Die Sturheit ihrer Mutter ermöglichte ihr aber schließlich die Versetzung in eine Grundschule mit deutschen Kindern. Der Grundsatz ihrer Mutter dabei: „Ich komme aus einem Land, wo ich keine Rechte hatte, in ein Land, in dem ich Rechte habe.“
Integration gelinge dann, so die Überzeugung der Autorin, wenn beide Seiten bereit sind, die Hände zu reichen, und gleichzeitig beide nicht nur auf ihre eigenen Grenzen pochen. Man müsse sie auch manchmal verschieben, um das zu sehen, was die andere Seite einbringt und was sie eigentlich wolle. Die Buchautorin bricht in ihrem Buch auch die Lanze für deutsche Behörden, denen allzu gerne formale Sturheit vorgeworfen werde. „Sie sind auch nur Menschen. Fragen wir doch einfach nach und suchen das Gespräch.“ Einmal habe sie sich selbst über einen ablehnenden Bescheid aufgeregt. Doch dann rief sie bei der Behörde an. Die Antwort: „Sie haben uns Ihre IBAN-Nummer nicht mitgeteilt.“
Paighambari wünscht sich, dass die Menschen wieder mehr den Austausch miteinander suchen, zuhören und Interesse füreinander entwickeln statt nur Narrative wiederholen. Man verliere dadurch nur an Glaubwürdigkeit. Insbesondere während und nach der Corona-Pandemie seien die Menschen „in ihren Meinungen härter geworden“ und hätten sich „in Grüppchen aufgesplittert“, beobachtete die Autorin mit Sorge die Kunden ihres Cafés in Berlin. Umso mehr appelliert sie deshalb dafür, „wieder tiefer zu schauen und die vielen Faktoren, die unser Heute prägen, zu analysieren. Wir müssen uns kollektiv zusammentun, den Austausch suchen, damit sich nicht noch mehr Gräben auftun.“
Wie das gelingen kann und wie das in Donauwörth gelingt, zeigt das Ehrenamtsprojekt „Kreatives verbindet“ von Susu Heil. Die gebürtige Tunesierin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, setzt sich seit Jahren dafür ein, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete und Einheimische treffen und miteinander reden. „Wir wollen Brücken bauen. Dafür kommen wir zusammen, basteln, backen, kochen und nähen.“ Einmal alle sechs Wochen treffen sich inzwischen 30 bis 50 Frauen und Männer. „Die Toleranz zwischen unseren Welten ist total schön“, sagt Susu Heil. „Wir sind ja alle nur Menschen.“ Wie geschmackvoll sich der Austausch gestalten kann, das zeigte sich an diesem Abend beim reichhaltigen Buffet.
Auf den Seiten der Caritas finden Sie Angebote für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund.