Gott lädt uns alle ein
Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, lieber Pater Cilic, lieber Mate, liebe ehemals hier Engagierte als pastorale Mitarbeitende, Jugendleiterinnen und Ministrantinnen und Ministranten, liebe Schwestern und Brüder, es ist eine Freude, an diesem Jubiläumstag Ihnen allen in die Gesichter zu schauen und zu wissen: Jede unserer Versammlungen am Tisch des Herrn ist zugleich ein Fest des Lebens, des Glaubens und der Hoffnung.
Sie ist ein Anlass, Gott für seine Gaben zu danken, aber auch für die Perspektive, die er uns eröffnet: sein ewiges Reich. Wie Sie wissen, bedeutet „Eucharistie“ im Griechischen nichts anderes als „Danksagung“. Gerade heute haben wir allen Grund, von dieser Haltung der Dankbarkeit erfüllt zu sein, wenn wir auf die sechzig Jahre des Bestehens dieser Pfarrei zurückblicken. Wie viele bedeutende Ereignisse im persönlichen Leben der Gemeindemitglieder, aber auch darüber hinaus, haben hier stattgefunden: Taufen, Firmungen, Hochzeiten, der Ab-schied von geliebten Menschen, Veranstaltungen, Begegnungen, karitative Projekte und vielfältige Initiativen! Das Leben des Glaubens ist auch ein Leben geteilter Erinnerungen, die zu einem großen Teil in der Pfarrgemeinde, ja hier in diesem Kirchenraum entstehen und bewahrt werden.
Im Mittelpunkt des Lebens jeder Pfarrei und der Kirche als ganzer steht ein Mahl: die heilige Eucharistie. Nicht einfach irgendeine Zeremonie, sondern ein Mahl. Die Kirche hat dieser Lehre von Anfang an große Bedeutung beige-messen, denn der Herr selbst hat uns aufgetragen, das Brot und den Wein zu empfangen, die zu seinem Leib und seinem Blut werden. Zwei einfache Handlungen, die für unser Überleben jedoch so notwendig sind – Essen und Trinken –, fassen sein gesamtes Heilswerk zusammen. Wir haben Anteil an seinem Leib und seinem Blut, die uns zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben gegeben werden.
Ihre Pfarrei ist dem heiligen Papst Pius X. geweiht. Im Zentrum seines Denkens und seines Pontifikats stand die heilige Eucharistie. Er sprach von der „tätigen Teilnahme“ des Volkes an der Liturgie – einem Gedanken, den das Zweite Vatikanische Konzil später weiter entfalten sollte. Papst Pius X. schrieb 1903: „Da es nun Unser lebhaftester Wunsch ist, dass der wahrhaft christliche Geist in jeder Hinsicht aufblühe und bei allen Gläubigen erhalten bleibe, müssen Wir zuallererst für die Heiligkeit und Würde des Gotteshauses sorgen; denn dort versammeln sich ja die Gläubigen, um diesen Geist aus seiner ersten und unentbehrlichen Quelle zu schöpfen: aus der tätigen Teilnahme an den hoch-heiligen Mysterien und am öffentlichen feierlichen Gebet der Kirche.“[1]
Die Lesungen bieten uns viele Anknüpfungspunkte, um über die Bedeutung der Eucharistie für das christliche Leben nachzudenken, die der heilige Papst Pius X. durch zahlreiche Initiativen hervorzuheben suchte.
Grundlegend ist zunächst das Element des Vertrauens. Beim Propheten Jesaja ist jene Gewissheit spürbar, die der Gemeinschaft Kraft gibt. „Denn die Hand des Herrn ruht auf diesem Berg.“ (Jes 25,10) Es ist die Hand eines Herrn, der sein Volk schützt und rettet. Das Mahl mit den feinsten Speisen und Weinen, von dem der Prophet spricht, gründet auf dem Schutz und dem Heil, die der Herr schenkt. Wie könnte man feiern, wenn man dem Gastgeber nicht vertraut?
Das Vertrauen auf den Herrn lässt auch den Apostel Paulus schreiben: „Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. Alles vermag ich durch den, der mich stärkt“ (Phil 4,12–13). Er hofft fest darauf, dass der Herr seinen Gläubigen eine Zukunft in Herrlichkeit bereithält, ohne sich jedoch Illusionen über die Schwierigkeiten zu machen, die uns auf dem Weg erwarten. Die Eucharistie ist nicht mit einer oberflächlichen und gedanken-losen Fröhlichkeit verbunden. Sie setzt das Opfer des Herrn voraus. Wir feiern dieses Mysterium Tag für Tag, um daraus Kraft zu schöpfen, auch dann, wenn es in unserem eigenen Leben gerade dunkel geworden ist.
Wir glauben an einen Gott, der mit uns sein will und wünscht, dass wir mit ihm feiern. Er bleibt nicht unnahbar im Himmel, sondern wird Mensch, einer von uns, und sucht die Gemeinschaft mit uns. Er will nicht unsere Opfer, sondern opfert sich selbst für uns. Und er lädt uns ein, an seiner Freude teilzuhaben.
Bei dem Gleichnis, das wir aus dem Matthäusevangelium gehört haben, stolpere ich immer wieder über die seltsame Unwilligkeit der Menschen, sich über die Einladung des Herrn zu freuen. Von den Eingeladenen ist wohl jede und jeder in seiner eigenen Welt und in selbst gesteckten Prioritäten verhaftet. Sie äußern nicht einmal Lust, an dem reichen Hochzeitsmahl teilzunehmen, das für sie bereitsteht. Ja, mehr noch: Manche sind gegenüber den Über-bringern der Einladung sogar aggressiv! So sehr stört sie die Aussicht auf das Festmahl, dass sie sich hinreißen lassen, die unbewaffneten Freudenboten des Königs zu töten. Kaum fassbar, wie es so weit überhaupt kommen kann. Will niemand seinen gewohnten Rhythmus verlassen oder etwas Unbekanntes ausprobieren? Möchte man vielleicht selbst im Mittelpunkt der Aufmerk-samkeit stehen?
Papst Franziskus kommentierte diese Bibelstelle einmal so: „Wie oft hören wir nicht auf die Einladung Gottes, weil wir mit unseren eigenen Dingen beschäftigt sind! Wir kämpfen oft darum, unsere eigene freie Zeit zu haben, doch heute lädt uns Jesus ein, die Zeit zu finden, die befreit: Die Zeit, die wir Gott widmen, die das Herz erquickt und heilt, die den Frieden, das Vertrauen und die Freude in uns wachsen lässt, die uns vor dem Bösen, vor Einsamkeit und Sinnverlust bewahrt. Es lohnt sich, denn es ist gut, mit dem Herrn zusammen zu sein, ihm Raum zu geben. In der Messe, im Hören auf das Wort, im Gebet und auch in der Nächstenliebe, denn wenn man den Schwachen und Armen hilft, wenn man mit den Einsamen zusammen ist, wenn man denen zuhört, die um Aufmerksamkeit bitten, wenn man die Leidenden tröstet, ist man beim Herrn, der in den Bedürftigen gegenwärtig ist. Viele denken jedoch, dass diese Dinge »Zeitverschwendung« sind, und so schließen sie sich in ihrer privaten Welt ein. Das ist traurig. Und das erzeugt Traurigkeit. Wie viele traurige Herzen! Weil sie verschlossen sind.“[2]
Das Gleichnis betont sowohl die Gerechtigkeit als auch die Beharrlichkeit Gottes. Der König in der Erzählung trägt seinen Dienern auf, den Kreis der Eingeladenen noch weiter zu ziehen und sich sogar an jene zu wenden, die nie damit gerechnet hätten, eingeladen zu werden. Den Dienern gelingt es schließlich, was zunächst kaum zu erwarten war: Der Festsaal füllt sich mit Gästen! Gott sei Dank – auch wenn der Mensch noch zögert, eine Einladung anzunehmen, Gott bleibt dran. Wir alle sind seine gern gesehenen Gäste – auch die, die überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass sie gemeint sein könnten. Ich stelle mir vor, dass bei der Aktion „Kinder malen St. Pius“ bestimmt nicht wenige Bilder, genau diese Freude dazuzugehören, ausdrücken - wie es ja jetzt im Gottesdienst die Musikgruppe „Aufwind“ durch ihre schwungvollen Lieder ebenfalls zeigt!
Seit 60 Jahren tragen Sie alle in der Pfarrei St. Pius die Einladung Gottes und die Botschaft des Evangeliums weiter. Sie schließen niemanden aus, sondern erinnern beharrlich, auch in schwierigen Zeiten, an die Großzügigkeit Gottes, an die Schönheit und die Freude des Glaubens. Dir, Pater Mate, der Du nun schon fast 30 Jahre diese Pfarrei betreust, danke ich stellvertretend für alle, die sich in St. Pius engagiert haben und noch voll einsetzen: Durch das sakramentale und gemeindliche Leben, die Verkündigung, zahlreiche Arbeits-kreise, Gruppen, und Initiativen, ja einfach ihre Offenheit und Hilfsbereit-schaft legen sie Zeugnis für das Evangelium ab. Ein herzliches Vergelts Gott dafür!
In unsere Eucharistiefeier möchten wir nun bewusst auch all jene einschließen, die dieser Pfarrei in der Vergangenheit Hand, Herz und Gesicht gegeben haben und die bereits Gäste beim ewigen Hochzeitsmahl sein dürfen.
[1] Papst Pius X., Motu Proprio Tra le sollecitudini; Hans Bernhard Meyer [Hrsg.], Dokumente zur Kirchen-musik unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Sprachgebietes, Regensburg 1981, zitiert bei Albert Gerhards/Benedikt Kranemann, Einführung in die Liturgiewissenschaft, 2. Aufl., Darmstadt: WBG 2008, S. 102.
[2] Papst Franziskus, Angelus, Petersplatz, 15. Oktober 2023: https://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2023/documents/20231015-angelus.html